67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland sind zu dick.
67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland sind zu dick.

Rund zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland sind übergewichtig. Wie kommt das und was lässt sich gegen die lästigen Kilos tun? Wir erklären, welche Ursachen hinter überflüssigen Pfunden stecken können, welche gesundheitlichen Risiken sie bergen und was langfristig bei der Gewichtsreduktion hilft. Von Johanna Müdicken

Die Deutschen sind zu dick

Im Fernsehen stolzieren die Nachwuchs-Topmodels von Heidi Klum über den Laufsteg, auf Instagram präsentieren sich durchtrainierte Muskelpakete im Fitness-Studio. Man könnte meinen, das gegenwärtige Schönheitsideal, das uns in sozialen Medien und TV vorgelebt wird, greife auch im Alltag um sich. Die Realität sieht allerdings ganz anders aus.

Deutschland hat ein schwerwiegendes Problem. Die jüngste Studie des Robert Koch Instituts liefert den Beweis: 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland sind zu dick. Und auch das Gewicht deutscher Kinder stagniert seit Jahren auf hohem Niveau. Jedes siebte von ihnen leidet bereits in jungen Jahren an Übergewicht.

Von Übergewicht spricht man dann, wenn sich im Körper mehr Fettgewebe ansammelt, als das Normalmaß vorsieht. Es bildet die Vorstufe zur Adipositas, auch Fettsucht oder Fettleibigkeit genannt. Adipositas liegt vor, wenn der Body- Mass-Index über 30 liegt. Fast ein Viertel der erwachsenen Deutschen ist inzwischen adipös.

67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland sind zu dick.

Solche Zahlen sollten alarmieren. Doch obwohl Frauen- wie Männermagazine in regelmäßigen Abständen über die neuesten, schnellsten Diäten und die besten Workouts für den Bikini-Body berichten – über den ästhetischen Aspekt geht es selten hinaus. Dabei sollten gerade auch die medizinischen Risiken, die extremes Übergewicht bergen kann, im Fokus stehen.

Gefährliche Pfunde

Diäten machen dick
Diäten machen dick

Es beginnt mit Kurzatmigkeit beim Treppensteigen, verstärktem Schwitzen sowie Gelenkschmerzen. Wer über einen längeren Zeitraum unter Übergewicht leidet, der bereitet oftmals den Weg für zahlreiche Beschwerden und Folgeerkrankungen. Eine der typischsten Erkrankungen bei hohem Übergewicht ist Diabetes mellitus Typ 2, eine chronische Stoffwechselkrankheit, die zu einem dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegel führt.

Langfristig schädigt dies Nerven und Blutgefäße. Ein erhöhtes Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt ist die Folge. Einst vielen nur als sogenannte Altersdiabetes bekannt, betrifft die Erkrankung heute längst auch jüngere Menschen. Denn eine fettleibige Person hat ein drei Mal höheres Risiko, an Diabetes zu erkranken, als eine normalgewichtige.

Auch Gallenprobleme, koronare Herzkrankheiten, Bluthochdruck oder eine sekundäre Fettstoffwechselstörung gehen mit Übergewicht oftmals Hand in Hand. Selbst einige Krebsarten werden in enge Verbindung mit Übergewicht gebracht. Nicht zu unterschätzen sind überdies psychosoziale Beschwerden wie Ausgrenzung und Depression. Wer sich traurig und alleine fühlt, tendiert eher zu Frust-Essen und Binge-Eating – ein Teufelskreis.

Doch nicht nur wie viel eine Person auf die Waage bringt ist in Hinblick auf mögliche Risiken zu beachten, betont Dr. Klaus Winckler, der in Frankfurt eine Schwerpunktpraxis für Ernährungsmedizin leitet. Von hoher Relevanz ist vor allem, wo sich das Fett befindet: „Es gibt durchaus auch normalgewichtige Menschen mit einer Fettleber und ungünstigen Fettverteilungen“, erklärt er.

Befindet sich das Fett im Bauch unter der Muskelschicht, wie es etwa beim typischen Bierbauch der Fall ist, ist dies gefährlich. Denn dann, erklärt er, ist es besonders stoffwechselaktiv und kann der Auslöser für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen sein. Wie aber ist es zu erklären, dass – nicht nur in Deutschland – immer mehr Menschen an hohem Übergewicht leiden?

Übergewicht – Der Weg der Kilos

Zum einen, legt Dr. Winckler dar, können bestimmte Medikamente wie Blutdrucksenker oder Antidepressiva zu einer starken Gewichtszunahme führen. Zum anderen spielt seiner Meinung nach auch die Raucherentwöhnung in vielen Fällen eine Rolle. Rauchen steigert den Kalorienumsatz und wirkt sich auf den Stoffwechsel aus, zudem ist der Griff zum Nachtisch anstatt zur gewohnten Zigarette vorprogrammiert.

Dr. Klaus Winckler
Dr. Klaus Winckler

Auch die Genetik hat ihm zufolge Auswirkungen darauf, ob wir zunehmen oder nicht: „Man spricht von einer 50 bis 70-prozentigen genetischen Disposition“, so Dr. Winckler. „Kinder von stark übergewichtigen Eltern haben ein höheres Risiko, selbst adipös zu werden.“ Er betont, dass dabei auch die Lebenswelt, in der ein Kind aufwächst, eine große Rolle spielt. Finden zu dieser Zeit bereits wenig körperliche Aktivität und keine Essensrituale statt, fällt eine spätere Änderung dieses Verhaltens umso schwerer.

„Diäten machen dick.“ Dr. Klaus Winckler

Wer hingegen denkt, er müsse schon in jungen Jahren Diät halten, tut sich damit auch keinen Gefallen, im Gegenteil: „Viele Diäten sind schädlich für den Stoffwechsel, denn der Körper passt sich immer an“, erklärt Dr. Winckler. „Nehmen wir an, eine Frau hat 20 Jahre lang Diäten gemacht. Dann hat sich ihr Kalorienverbrauch so stark reduziert, dass sie rund 1.000 Kalorien weniger am Tag verbrennt. Man kann sagen, Diäten machen dick.“

Buch-Tipp (Neuerscheinung)

MixGenuss: WIR WERDEN SCHLANK!: Abnehmen mit dem Thermomix nach Punktesystem
  • Corinna Wild
  • Publisher: C. T. Wild Verlag
  • Edition no. 1 (13.02.2019)

Der wohl wichtigste Grund für Übergewicht: „Unser Lebensstil entspricht in vielen Fällen schlicht nicht unserem Kalorienverbrauch“, stellt Dr. Winckler klar. „Und Lebensmittel mit einer hohen Kalorien- und Energiedichte werden sehr aggressiv beworben.“ Eine Studie der NCD Risk Factor Collaboration fand heraus, dass in den Industrieländern, wo ein Überangebot an Nahrungsmitteln herrscht und Schreibtischjobs die Normalität bedeuten, besonders viele Menschen an zu hohem Gewicht leiden.

Und wen wundert es? Während unsere Vorfahren über Jahrtausende hinweg noch immense Strecken und Strapazen auf sich nehmen mussten, um genügend Nahrung zu jagen oder zu sammeln, schlendern wir heute durch den Supermarkt oder bestellen uns das Essen direkt nach Hause. Dazu kommt dann auch noch, dass das, was auf dem Teller landet, nicht unbedingt die gesündeste Wahl ist.

Gewohnheiten: Muster erkennen und ändern

In Frankreich, Belgien und Norwegen hat man dem Zunehmen in der Bevölkerung längst eine Zuckersteuer entgegengesetzt, Großbritannien und Irland zogen im Frühjahr 2018 nach. Es scheint klar zu sein: Das richtige Essen macht den Unterschied. Dr. David L. Katz ist Ernährungswissenschaftler sowie Gründungsdirektor des Yale-Griffin Prevention Research Center der Universität Yale und auch er hält von Extremen wie Crash- oder Mono-Diäten überhaupt nichts.

Buch-Tipp (Bestseller)

Abnehmen mit Brot und Kuchen: Die Wölkchenbäckerei
  • Güldane Altekrüger
  • Publisher: DplusA Verlag
  • Edition no. 9 (12.11.2018)

„Natürlich schaffen Sie es, abzunehmen, wenn Sie eine Zeit lang nichts als Speck zu sich nehmen, doch damit werden Sie langfristig sicherlich nicht Ihre Essgewohnheiten oder Ihre Gesundheit verbessern. Höchstwahrscheinlich wird Ihnen auf lange Sicht der Speck zum Hals raushängen“, betont der Präventivmediziner in seinem Buch „Gut essen – Schluss mit dem Ernährungswahn“.

Dr. David L. Katz
Dr. David L. Katz

Um erfolgreich auf gesunde Nahrung umzustellen empfiehlt er, anfangs ein Ernährungstagebuch zu schreiben. So könne man Klarheit über die eigenen Ernährungsmuster gewinnen, und es ließen sich emotionale Faktoren aufdecken, die zu übermäßigem Essen führen. Es solle versucht werden, sich Angewohnheiten wie das typische Snacken vor dem Fernseher abzugewöhnen. Einen knurrenden Magen hält er aber für den falschen Ansatz.

„Es kann nicht nur darum gehen, abzunehmen; wichtig muss vor allem sein, gesund zu werden und es zu bleiben.“ Er empfiehlt, sich für die Arbeit beispielsweise nährstoffreiche Snacks in eine Frischhaltebox einzupacken. „Frisches Obst, Nüsse, Trockenfrüchte, Vollkornreiswaffeln, bestrichen mit Mandelmus, Magermilchjoghurt mit Beeren, Zuckerschoten, Hummus – damit Sie der Versuchung von Snackautomaten, Bonbongläsern der Kollegen und nahegelegenen Fast-Food-Restaurants oder Kiosken leichter widerstehen.“

Bei extremem Übergewicht oder wenn schwere Begleiterkrankungen auftreten, hilft in manchen Fällen dennoch nur noch der chirurgische Eingriff. Magenband, Schlauchmagen und Magenbypass, die allesamt das Fassungsvermögen des Magens verkleinern, gehören zu den gängigen Verfahren in der Adipositas-Chirurgie.

„Es kann nicht nur darum gehen, abzunehmen. wichtig muss vor allem sein, gesund zu werden und es zu bleiben.“ Dr. David L. Katz

Sind diese Maßnahmen im Idealfall nicht nötig, führt der Weg zum Normalgewicht wohl tatsächlich nur über eine dauerhafte Ernährungsumstellung und ausreichend Bewegung. Der Gewichtsverlust geht dann zwar langsamer und man verliert keine fünf Kilo pro Woche – dafür bleibt der Jojo-Effekt aus und das Gewicht kann langfristig gesenkt werden.

Sich mit dem eigenen Körper auseinandersetzen und bewusster essen lautet die erfolgsversprechende Formel zum Normalgewicht. Wer das alleine nicht schafft, dem kann eine Ernährungsberatung oder eine Psychotherapie weiterhelfen. Und für all jene, die bereits mit Normalgewicht gesegnet sind: In einem Interview mit dem Zeit- Magazin wurde Dr. Katz die Frage gestellt, was er jemandem raten würde, der zwei bis drei Kilo abnehmen wolle, obwohl er kein Übergewicht habe. Seine simple Antwort: „Tun Sie’s nicht.“


Wie definiert sich Übergewicht?

Wenn der Gehalt des Körperfetts ein bestimmtes Normalmaß übersteigt, spricht man von Übergewicht. Ab einem bestimmten Grad ist die Rede von Fettsucht (Adipositas) oder Fettleibigkeit. Es existieren verschiedene Ansätze, um die Gewichtsklassifikation zu berechnen.

Body Mass Index (BMI)

Die wohl bekannteste Berechnungsgrundlage ist der so genannte Body Mass Index (BMI). Dabei wird das Gewicht in Relation zur Körpergröße gesetzt.
Bei einem Body Mass Index unter 18,5 spricht man von Untergewicht, Normalgewicht hat man bei einem BMI von 18,5 bis 25. Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht. Präadipositas hat einen Wert von 25 bis 30. Ein BMI über 30 wird als Adipositas bezeichnet.

Ponderal Index

Der Ponderal Index stellt eine Weiterentwicklung des BMI dar und liefert bei extrem kleinen oder großen Menschen zuverlässigere Werte.

Taille-Größe-Verhältnis

Das Idealgewicht ist immer auch von Alter, Körperbau, Muskelmasse und dem Gesundheitszustand abhängig. Vor allem Kraftsportler überschreiten das Idealgewicht nach Berechnung, ohne dabei zu dick zu sein. Aus diesem Grund wird das Taille-Größe-Verhältnis oftmals als bessere Alternative zur Berechnung von Übergewicht gesehen.

Taille-Hüft-Verhältnis

Das Taille-Hüft-Verhältnis ist ein Indexwert für die Fettverteilung im Körper und gibt Aufschluss darüber, wie gesund das Körperfett am Körper verteilt ist. Je größer der Wert ist, desto mehr Fett sitzt am Bauch, was für ein erhöhtes Risiko von Diabetes Typ 2 oder Bluthochdruck sprechen kann.

A Body Shape Index

Die aktuellste Alternative zum Body Mass Index, die diesen in die Berechnung mit einbezieht und zudem den Taillenumfang berücksichtigt.

Buch-Tipps zum Abnehmen

Das Bikini-Bootcamp: Das Intensivprogramm zum Abnehmen – mindestens eine Kleidergröße weniger in 21 Tagen
Silke Kayadelen, Heiner Romberg - Publisher: Riva - Broschiert: 224 pages
22,00 EUR
MixGenuss: WIR WERDEN SCHLANK!: Abnehmen mit dem Thermomix nach Punktesystem
Corinna Wild - Publisher: C. T. Wild Verlag - Edition no. 1 (13.02.2019) - Taschenbuch: 108 pages
16,90 EUR
Darm mit Charme: Alles über ein unterschätztes Organ
Giulia Enders - audio media verlag - Audible Hörbuch
9,26 EUR

 


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