„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Schon die Gebrüder Grimm ließen die böse Königin im Märchen „Schneewittchen“ die Frage aller Fragen stellen, die schließlich zum handlungstreibenden Motiv dramatischer Entwicklungen wird. Menschliche Schönheit ist seit jeher ein Faszinosum.

Doch woran machen wir sie fest und weshalb zieht sie uns so sehr in ihren Bann? Wir haben uns auf eine Reise durch das Reich der Schönheit begeben und zwischen Medizin, Mathematik und Philosophie nach den Chiffren der Venus-Formel gesucht.

Schönheit ist verfassungsfeindlich

Wer schön ist, hat Vorteile bei der Partnersuche, bekommt die besseren Jobs, ein höheres Gehalt und wird von seinen Mitmenschen für intelligenter, sympathischer und fleißiger gehalten.

Schon Kleinkinder lassen sich auf der Suche nach Spielkameraden vom schönen Äußeren beeinflussen, hübsche Schülerinnen und Schüler werden bei gleicher Leistung nachsichtiger bewertet und auch vor Gericht erhalten attraktive Angeklagte das mildere Strafmaß. So weit, so ungerecht. Doch wie kommt es, dass uns die Schönheit derart manipulieren und sogar unseren Verstand außer Kraft setzen kann?

Faszinosum Schönheit

Sie regiert, seit es Leben auf der Erde gibt. Als zeitloser Inbegriff menschlicher Schönheit dürfte wohl die berühmte ägyptische Pharaonengattin Nofretete gelten, die schon vor über 3000 Jahren im Alten Ägypten mit ihren vollen Lippen, hohen Wangenknochen und ebenmäßigen Gesichtszügen betörte.

Was einst Nofretete oder Michelangelos David waren, sind heute Julia Roberts oder Brad Pitt.

Auch Venus, die römische Göttin des Liebreizes, die Sandro Botticelli malerisch als „bellezza ideale“ in Szene setzte, ziert bis heute als optisch vollkommene Repräsentantin zahlreiche Bildbände, Ausstellungsplakate oder Abhandlungen, die sich mit menschlicher Schönheit auseinandersetzen.

Sie haben es, das vollkommene Gesamtpaket, das nicht nur die Menschen um sie herum faszinierte, sondern sogar die Wissenschaft von ihrer Makellosigkeit überzeugen konnte. Die Tatsache, dass wir sie auch im 21. Jahrhundert noch immer als Ideale begreifen, spricht dafür, dass es einen Jahrtausende überdauernden Konsens darüber gibt, was schön ist.

Was einst Nofretete, Kleopatra oder Michelangelos „David“ waren, sind heute eben Julia Roberts oder Brad Pitt. Das Bestreben, ihre Attraktivität an messbaren Indikatoren festzumachen, hat indes keineswegs an Reiz verloren. Allen Untersuchungen voran steht noch immer die Frage, ob sich ihre Schönheit vielleicht in Zahlen, Maßeinheiten und Proportionsverhältnissen ausdrücken lässt.

Ordnung ist die halbe Schönheit

1:1,618. Glaubt man dem griechischen Mathematiker Euklid, so drückt diese mathematische Proportionen, auch als „Goldener Schnitt“ bekannt, Schönheit ganz nüchtern in Zahlen aus. Ob geöffnete Rosenblüten, das Taj Mahal, das Antlitz der Mona Lisa oder der berühmte vitruvianische Mensch von Leonardo Da Vinci, der als eines der am häufigsten vervielfältigten Bildmotive der Welt gilt – ihnen liegt zugrunde, dass sie uns gefallen, weil sie auf eine harmonische Art und Weise strukturiert sind.

Der 'Vitruvianische Mensch' von da Vinci zählt zu den am häufigsten vervielfältigten Motiven der Welt.
Der ‚Vitruvianische Mensch‘ von da Vinci zählt zu den am häufigsten vervielfältigten Motiven der Welt.

Ist Ordnung also das alles entscheidende Kriterium? Ein wissenschaftliches Experiment, das im Magazin „Vision Research“ vorgestellt wurde, lässt vermuten, dass sie zumindest ein ausschlaggebender Faktor ist. So wurden Testpersonen einer Studie gebeten, ausgewählte Gesichter am Computer entsprechend ihrer Empfindung von Attraktivität zu verändern.

Ihre Korrekturen deckten sich nicht nur dahingehend, dass nahezu alle Probanden die Augen der Person vergrößerten, die Lippen auffüllten und die Stirnpartie anhoben, sondern auch hinsichtlich der Tatsache, dass die finalen Proportionen allesamt dem goldenen Schnitt entsprachen, bei dem zwei Größen im Verhältnis 1,618 zu 1 stehen.

Zu einem anderen, durchaus verblüffenden Schluss kam ein Forscherteam der schottischen St. Andrews University. „Durchschnitt gewinnt“, lautete die Erkenntnis des mathematischen Verfahrens, das aus hunderten Porträtfotos je ein männliches und ein weibliches „Durchschnittsgesicht“ erstellte und das auf die teilnehmenden Betrachter zunehmend attraktiver wirkte, je mehr Einzelporträts übereinandergelegt wurden.

Nicht also das besonders vollkommene oder extravagante Gesicht überzeugte, sondern gerade das normale, gewöhnliche Erscheinungsbild. Biologen erklärten sich diese Wahrnehmung als evolutionär bedingten, psychologischen Mechanismus, um Fortpflanzungspartner mit hochwertigen Genen zu identifizieren, indem Extreme innerhalb einer Population ausgeschlossen werden. Ergo: Menschen, die dem Durchschnitt entsprechen, seien seltener Träger von außergewöhnlichen genetischen Mutationen, die den Genpool einer Gruppe gefährden könnten, so die Theorie.

Der menschliche Makel

Steckt hinter dem schönen Zauber also tatsächlich nur einfache Berechnung? „Schönheit verfügt zwar über eine Komponente, die man in Tabellen und Formeln ausdrücken kann. Aber diese Zahlen verraten noch lange nicht, ob uns ein Mensch wirklich gefällt“, betont Dr. Dr. med. Mostafa Ghahremani, der in der Heidelberger Privatklinik „Proaesthetic“ als plastischer Chirurg tätig ist.

Dr. Dr. med. Mostafa Ghahremani von Proaesthetic
Dr. Dr. med. Mostafa Ghahremani von Proaesthetic

„Eine Person kann mathematisch gesehen die Anforderungen an Schönheit vollständig erfüllen, aber dennoch blass, leblos und entsprechend unschön wirken, wenn zu dem Körper ein unzufriedener Mensch gehört. Eine nach berechneten Maßstäben weniger attraktivere Person, die mit sich selbst im Reinen ist, kann aber dennoch anziehend und somit schön sein “, befindet der Mediziner. Der Trend, dem perfekten Körper durch medizinische Eingriffe ein Stück näher zu kommen, sei aber nach wie vor ungebrochen.

Die Anzahl der Eingriffe, die 2015 in Deutschland vorgenommen wurden, erhöhte sich laut der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie im Vergleich zum Vorjahr um über 10 Prozent, stieg von 39.723 auf 43.287 Schönheitsoperationen an. „Unangefochten an der Spitze steht noch immer die Brustvergrößerung, ihr folgen Bruststraffungen und -verkleinerungen, sowie Lidstraffungen oder Nasenkorrekturen. Aber auch Behandlungen mit Botox oder Hyaluronsäure sind immer häufiger gefragt“, erklärt Ghahremani.

„Zum Beruf gehört auch, darauf hinzuweisen, dass die plastischen Chirurgie Grenzen hat.“ – Dr. Dr. med. Mostafa Ghahremani

„Etwa ein Drittel der Patienten kommen mit sehr konkreten Vorstellungen zu mir und bringen Fotos von Models oder Prominenten mit, deren jeweilige Körperpartien sie sich selbst wünschen. Zu meinem Beruf gehört es in diesen Fällen auch, dass ich die Patienten auf unrealistische Erwartungen hinweise und ihnen erkläre, dass es selbst in der plastischen Chirurgie Grenzen gibt.“

Wie also definiert der Chirurg, der seit fast 30 Jahren im Dienste der ästhetischen Medizin steht, menschliche Schönheit? „Je länger ich in diesem Beruf
arbeite, desto entspannter wird mein Verständnis zu ihr. Schönheit hat verschiedene Formen, Facetten und Gesichter und selbst wenn ein Körper tabellarischen Kalkulationen entsprechen mag, so kann dieser Aspekt immer nur ein subjektiver Teil der Gesamtbetrachtung sein.“

Ein Versprechen vom Glück

„Wer sich Botox spritzen lässt, dem geht es nicht nur um eine faltenlose Stirn. Sondern auch um existenzielle Selbstvergewisserung“, meint die Philosophin Dr. Rebekka Reinhard. „Schönheit ist viel mehr, als die Abwesenheit von körperlichen Mängeln. Für mich ist sie die Einheit des Schönen, Guten und Wahren; die ‚kalogathia‘, wie die Griechen es nannten. Dass ich es mit einem schönen Menschen zu tun habe, merke ich daran, dass er mich begeistert, inspiriert, aufweckt. Mir gute Laune macht“, hält die Bestsellerautorin, die mit dem Buch „Schön!“ eine philosophische Gebrauchsanweisung des Phänomens erarbeitete, fest.

Die Philosophin Dr. Rebekka Reinhard (Foto Tanja Kernweiss)
Die Philosophin Dr. Rebekka Reinhard (Foto Tanja Kernweiss)

Viel wesentlicher, als die Frage, wann wir jemanden als schön erachten, sei aber, warum wir es überhaupt für erstrebenswert halten, unserer Umwelt gegenüber optisch makellos in Erscheinung zu treten.

„Schönheit ist nie unser letztes Ziel. Wer schön sein will, will gesehen und geliebt werden, strebt unter Umständen auch nach besserer Bezahlung im Job. ,Schönheit ist nur ein Versprechen von Glück‘, schrieb Stendhal. Hinter dem Wunsch nach Attraktivität steht die Hoffnung auf ein schönes Leben“, so ihre Einschätzung.

Glaubt man ihr, so streben wir also nicht der Attraktivität selbst wegen nach dem perfekten Aussehen, sondern vielmehr aufgrund der vermeintlichen Konsequenzen, die der optisch vollkommene Zustand verspricht.

Bin ich schön?

„Bin ich schön?“ Ob wir die Frage nun mathematisch, philosophisch oder evolutionär zu ergründen versuchen – feststeht, dass wir ihr unterworfen sind. Sei es im Zuge gesellschaftlicher Erwartungen oder weil wir uns soziale Vorteile versprechen, wenn wir die Anforderungen an eine schöne Hülle erfüllen.

Denn wer kann schon von sich behaupten, noch nie in den Spiegel geschaut und sich die 
jene wesentliche Frage gestellt zu haben? Die mathematische Herangehensweise kann dabei durchaus Aufschluss geben, warum wir einen Menschen als schön empfinden.

Universelle Gültigkeit können aber auch wissenschaftliche Belege wie der Goldene Schnitt oder die „Durchschnittstheorie“ nicht beanspruchen, die Schönheit bleibt, wie es schon Immanuel Kant formulierte, eine „private, subjektive Empfindung des Gefallens oder der Abneigung“, die mit objektiven Indikatoren nur in Teilen zu ergründen ist. Vielleicht, um eine abschließende Definition zu wagen, haben wir es dort mit echter Schönheit zu tun, wo sich außen zeigt, was innen ist – und der Mensch trotzdem attraktiv bleibt.


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