Der Regen prasselt, der Sturm pfeift – die Erkältung lauert hinter der nächsten Kurve? Damit wir gesund und happy durch Herbst und Winter kommen, muss die körpereigene Gesundheitspolizei gut gerüstet sein. Erfahren Sie hier, wie Sie Ihre Abwehrkräfte stärken. Von Katharina Hempel

Kribbeln – irgendwo hinter den Augen fängt es an. Es krabbelt weiter, kitzelt Hals und Nase, ist kaum noch auszuhalten. Hatschi! „Gesundheit“, wünschen wir dem Nieser und – ehrlich gesagt – auch uns selbst. Jetzt krank werden? Auf keinen Fall. Wer plant sonst die Halloweenparty oder stürzt sich in die ersten Shopping-Schlachten vor den Feiertagen? Um gesund durch die graue Jahreszeit zu kommen, darf die körpereigene Defense nicht schwächeln. Gerade im Herbst und im Winter sind wir besonders anfällig für Erkältungen oder gar die Grippe. Damit unsere Abwehr- kräfte keinen Muskelkater bekommen, haben wir viele Möglichkeiten, sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen – von Hühnersuppe bis Grippeimpfung.

Körpereigene Türsteher

Doch zunächst: Was ist überhaupt das Immunsystem, wie funktioniert es? Permanent versuchen Bakterien oder Viren, sogenannte Mikroorganismen, in den Körper einzudringen. Das Immunsystem ist der bodyinterne Türsteher: Seine Abwehrkräfte verweigern fremden Substanzen den Zutritt, schmeißen sie zur Not wieder raus. Und wenn es gar nicht anders geht, zerstören sie diese. An normalen Tagen bewältigen sie ihre Arbeit einwandfrei. Der Mensch bleibt gesund. In Herbst und Winter stürmen teilweise so viele Rüpelgäste die Tanzfläche der Krankheitserreger, dass es der Security nicht gelingt, wieder alle vor die Türe zu setzen. Einer von über 100 Erkältungsviren nistet sich ein. Der Mensch wird krank. Dass wir gerade in der Zeit fallender Blätter, Regentropfen oder Schneeflöckchen besonders anfällig für Erkältungen und Co. sind, hat mit der Luft zu tun. Draußen ist es kalt und feucht, drinnen glüht die Heizung. Dort ist es so warm, dass nasse Jacken und Stiefel schnell wieder trocken sind. Was gut ist für die Kleidung, ist schlecht für Nase und Hals: Schleimhäute und Atemwege trocknen aus. Sie verlieren ihren Schutzfilm, können sich nicht mehr so gut verteidigen gegen die Viren und Bakterien, die sie permanent angreifen. Kein Tropfen auf den heißen Stein: Eine Schüssel Wasser auf dem Ofen oder der Heizung. Die verdampfende Flüssigkeit erhöht die Luftfeuchtigkeit, die Atemwege entspannen sich wieder. Psssst! Die Schnupfenviren abblitzen lassen kann auch, wer sein Näschen regelmäßig von innen befeuchtet. Dr. med. Christoph Stephan, Infektiologe an der Frankfurter Uniklinik, empfiehlt: „Meersalz-Spray ist eine sehr gute und milde Möglichkeit, seine Schleimhäute vor dem Austrocknen zu schützen oder ihren Feuchtigkeitsfilm zu verbessern.“ Das erschwert es den bösen Eindringlingen, sich festzusetzen. Der Virenattacke eine salzige Abreibung verpassen – die vielbeschäftigten Body-Türsteher wird’s freuen!

Die Suppentopf-Defensive

Ob Dr. Stephen Rennard, Lungenspezialist an der Universität Nebraska, auf der Suche nach Abkühlung von der heimischen Heizungsluft seinen Kopf in den Kühlschrank steckte und sich über den Suppenhuhnvorrat seiner Frau wunderte, ist nicht bekannt. Bekannt ist: Er untersuchte das Hausmittel gegen Husten und Schnupfen auf seine medizinische Wirksamkeit. Und er entdeckte Verblüffendes. Im Vorwort seiner Studie verrät der US-Amerikaner, seit wann die Suppe mindestens in den Töpfen der Gesundheitsfans brodeln muss: „Der ägyptische Arzt und Philosoph Moshe ben Maimon (Maimonides) empfahl in seinem Aufsatz aus dem 12. Jahrhundert Hühnersuppe bei Erkrankung der Atemwege, dabei bezog er sich auf angebliche Quellen der alten Griechen.“
Im Labor der Universität Nebraska fand Dr. Stephen Rennard heraus, dass der Sud nach Familienrezept den weißen Blutkörperchen den Weg in die Nase versperrt: „Wir konnten zeigen, dass Omas Hühnersuppe eine leichte, aber deutlich messbare Fähigkeit hat, den Transport dieser Zellen zu reduzieren“, verkündete er nicht ohne Stolz. Hühnersuppe lässt also die Schleimhäute abschwellen und lindert somit Erkältungs-Symptome. Welche der Zutaten genau dafür verantwortlich ist, konnte der Forscher nicht ausmachen. Das schwimmt noch immer als ungeklärtes Geheimnis im Suppentopf. Wer versuchen will, es zu lösen, bleibt wenigstens gesund. Und dem Vegetarier die Hoffnung, dass der Abwehrbooster nicht ausgerechnet im Hühnchen steckt.

Hilfe aus dem Rotlichtmilieu

Wärme ist nicht gleich Wärme: Heizungsluft macht den körpereigenen Türstehern das Leben schwer. Doch im heißen Rotlicht tummeln sie sich gerne – rein aus beruflichen Gründen, versteht sich. Zehn Minuten täglich unter dem wohlig-warmen Lichtstrahl verbessern die Durchblutung und verleihen – nicht nur – den Selbstheilungskräften neue Energie. Lampe an, Gedanken aus: Bei geschlossenen Augen macht der Kopf kurz Urlaub. Egal ob vor dem Fenster die Bäume sich im Sturm biegen oder Regentropfen die Scheibe runterkriechen, im Herzen herrscht Sommer: Das rote Licht verwandelt sich zum Sonnenuntergang in einem fernen Urlaubsparadies, aus dem Rauschen des Windes werden Wellen, die ans Ufer spülen… Entspannen, durchatmen, genießen. Einleuchtend. Oder? Zurück in die Realität. Ein Schluck aus dem To-Go-Becher, kurzer Blick aufs Handy, der Regenschirm kämpft mit dem Wind. Menschlicher Gegenverkehr. Statt durch die Meeresbrandung zu planschen, platschen unsere Füße jetzt höchstens in die nächste Pfütze – und werden den restlichen Tag nicht mehr richtig warm. Bis wir ihnen am Abend ein Bad gönnen. „Kalte Füße führen reflektorisch zu einer schlechten Durchblutung im Hals-, Nasen-, und Ohr-Bereich. Ein ansteigendes Fußbad kann Abhilfe schaffen“, empfiehlt der Deutsche Naturheilbund. Dafür stellen Frostbeulen ihre Füße zunächst in körperwarmes Wasser, nach und nach gießen sie heißes Wasser dazu. Durch die Wärme fließt das Blut besser vom Körperinneren zur Haut. Die wird schön rosig und der Kreislauf wieder angeregt. Da fängt die Gesundheits-Security glatt an zu tanzen vor Glück.

Balsam für die Seele

Glücksmomente im Alltag, darauf setzt Anette Elsinger: „Ständige Sorgen und Ängste schwächen das Immunsystem“, sagt sie. Die gebürtige Frankfurterin ist eine von 15 Präventologen im Rhein-Main-Gebiet. Wer ihren Rat sucht, den unterstützt sie, die Gesundheit zu erhalten und Krankheiten vorzubeugen. Um gerade in der Grippesaison Body and Soul nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, empfiehlt sie, achtsam mit sich umzugehen und auf die innere Stimme zu hören: „Eine Auszeit nehmen, auch wenn’s nur ein kurzer Blick aus dem Fenster ist. Innehalten, dem Lieblingslied im Radio lauschen. Das sind Glücksmomente. Denen müssen wir uns bewusst widmen.“ Dann ist auch die innere Defense stark. Beugt sich der Körper der Macht der Gedanken? Präventologin Anette Elsinger beantwortet die Frage mit einem einfachen Test: „Stellen Sie sich vor, sie beißen in ein Stück Zitrone – der Mund wird schon leicht wässrig, das Gesicht verzieht sich. Das zeigt: Jeder Gedanke ist mit einem Gefühl gekoppelt. Schöne Gedanken mit schönen Gefühlen, negative Gedanken mit negativen Gefühlen.“ Wer also den inneren Glaubenssatz hat, dreimal im Jahr krank zu werden – der wird es wahrscheinlich auch.

Move!

Stress abbauen und glücklich bleiben: Bewegung macht’s möglich. „Zwischen 8.000 und 10.000 Schritten am Tag sollte der Mensch laufen“, sagt Gesundheitscoach Elsinger. Doch mit dem Schrittzähler in der Hand muss sich keiner plagen. Auf die Summe kommt auch, wer sich das Leben unbequemer macht: das Auto nicht direkt vor dem Ziel parkt, sondern 100 Meter weiter weg, statt dem Aufzug die Treppen nimmt. Oder dem Kollegen nebenan persönlich antwortet, statt wieder eine E-Mail zu schreiben. „Am besten helfen die Sachen, die sich in den Alltag integrieren lassen. So muss ich nicht extra Zeit dafür einplanen und neuen Stress verursachen. Man bewegt sich einfach nebenher.“ Ein weiterer Gesundheitstrick ist regelmäßiges Händewaschen mit Seife. „Das wird häufig unterschätzt“, gibt die Präventologin zu bedenken. „Die meisten Viren und Bakterien kleben ja an Griffen und Türklinken.“ Also lieber immer Handschuhe tragen? Anette Elsinger schüttelt den Kopf. „Da wären wir wieder bei den inneren Ängsten. Außerdem: Wenn ich meinen Körper gar keinen Gefahren aussetze, kann er auch nicht lernen und keine Verteidigungsstrategien entwickeln.“

Stich, Pieks und Sieg

Wer nicht alleine darauf vertraut, dass Bewegung, Hühnersuppe und Entspannung die Body-Balance während der grau-kalten Jahreszeit in Einklang halten, kann seine Abwehrpolizei mit einem Pieks aufrüsten (siehe Interview). So hat sie Zeit, ihre Verteidigungsstrategien zu proben. Und die körpereigenen Türsteher erhalten schon mal eine Kostprobe, mit welchen Rüpelgästen sie es diesen Winter zu tun bekommen. Dann klappt’s auch mit dem Rausschmiss.

„Der beste Impfmonat ist November”

Christoph Stephan, Infektiologe und Oberarzt für Innere Medizin am HIV-Center der Frankfurter Uniklinik
Christoph Stephan, Infektiologe und Oberarzt für Innere Medizin am HIV-Center der Frankfurter Uniklinik
Christoph Stephan, Infektiologe und Oberarzt für Innere Medizin am HIV-Center der Frankfurter Uniklinik, über 100-prozentige Sicherheit und warum Fieber manchmal ein gutes Zeichen ist.

Die Grippesaison steht vor der Tür. sollte man sich da nicht am besten noch heute impfen lassen?
Der Impfstoff ist sogar schon seit August erhältlich, aber ich würde noch einen Moment warten. Die richtige Grippezeit ist erst in Februar und März. Der beste Monat sich impfen zu lassen, ist November. Dann hat der Wirkstoff noch drei Wochen Zeit, sich im Körper auszubreiten und wirkt auch noch zum Höhepunkt der Influenza-Welle.

Wie wirkt der Impfstoff?
Die Grippe-Impfung wird jedes Jahr anhand der Virenstämme, die im Vorjahr aktiv waren, neu zusammengestellt. Der Shot besteht aus einem Influenza-B- und zwei Influenza-A-Stämmen. Diese decken 90 Prozent der Grippeviren ab, die im Umlauf sind.

Wer sollte sich auf jeden Fall gegen die Grippe impfen lassen?
Ich würde die Impfung meinen Patienten immer empfehlen. Aber vor allem sollten Menschen ab 60 oder mit einem geschwächten Immunsystem darüber nachdenken, sich auf diese Weise vor der Grippe zu schützen. Das gilt auch für Schwangere oder Herzinfarktpatienten.

Und danach komme ich 100-prozentig healthy und happy durch Herbst und Winter?
100 Prozent Sicherheit gibt es praktisch nie in der Medizin. Aber wer den Stich riskiert: Die Impfung bietet einen Schutz von zwei Dritteln. Und wer trotzdem krank wird, den schützt sie auf jeden Fall vor einem schweren Verlauf.

Welche Risiken birgt der Pieks?
Die Grippeimpfung ist im Allgemeinen gut verträglich, weil sie in den Oberarm gespritzt wird. Eine Impfreaktion, wie vorübergehende Schmerzen oder Fieber, sind übrigens ein gutes Zeichen. Das bedeutet, dass die Impfung im Körper angekommen ist.

TOP 5 Gesundheitsbooster

1. Heißer Allrounder: Hühnchen plus Suppengemüse. Forscher haben herausgefunden, dass Hühnersuppe Entzündungen hemmt und den Kreislauf stabilisiert. Mit einem Stück Chilischote verschärft sich ihre Wirkung. Kein Wunder, dass die Amerikaner ihr „Jewish Peniciline” als Allzweckwaffe einsetzen.

2. Winterblues, nein danke! Spaziergänge an der frischen Luft pusten nicht nur den Kopf frei, täglich 30 Minuten Bewegung regen auch die Lunge, den Kreislauf und die Durchblutung an. Umso besser, wenn dabei die Sonne durch die Wolken blinzelt. Ihr Licht setzt im Körper Vitamin D frei und aktiviert die Abwehrzellen.

3. Beruhigt Hals und Seele: Frische Minzblätter, Limettenstückchen, eine Ingwerscheibe und einen Löffel Honig mit kochendem Wasser übergießen. Der würzig-frische cocktail aus ätherischen Ölen, Vitaminen und Mineralstoffen heizt an kalten Tagen ein – auch den Abwehrkräften.

4. Heißkalt relaxen: Stress schüttet die Hormone Cortisol und Adrenalin aus, die auf Dauer das Immunsystem belasten. Eine Runde Yoga hilft beim Entspannen und macht happy. Und mit regelmäßigen saunabesuchen stärkt man den Stoffwechsel und schlägt somit der Grippewelle ein Schnippchen mit Wellness-Effekt. Ganz Abgebrühte schließlich härten sich mit morgendlichen Wechselduschen ab.

5. Wochenmarkt statt Apotheke: Heimische Wintergemüse sind wahre Vitaminbomben. Ob Wirsing, Lauch, Weiß- und Grünkohl, Karotten, Brokkoli oder Sellerie, sie wachsen praktisch vor der Haustüre, sorgen für Farbe auf dem Speiseplan und machen fit.