Was macht uns glücklich? Die Beziehungen zu unserer Familie und unseren Freunden? Materieller Wohlstand? Ein Tag in der Natur? Seit Jahrhunderten befindet sich die Menschheit auf der Suche nach dem Glück. Wir stellen einige Wege zum Glücklichsein vor und erklären, was Hygge ist und was Gene, Kakao und Finnen in Unterwäsche damit zu tun haben.

„Jeder hat das Recht, nach dem Glück zu streben“, so besagt es ein Grundrecht, das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung festgehalten ist. Psychologen, Philosophen wie Forscher versuchen seit jeher eine Antwort auf die Frage zu finden. Was macht uns denn eigentlich glücklich?

Glück – und damit soll an dieser Stelle das subjektive Wohlbefinden und nicht das Zufallsglück gemeint sein – lässt sich schwer beschreiben und noch schwieriger scheint es, eine allgemeingültige Anleitung zum Glücklichsein zu definieren.

„Wenn man glücklich ist, sollte man nicht noch glücklicher sein wollen.“ – Theodor Fontane

Versucht haben es bereits weit vor unserer Zeit zahlreiche Dichter und Denker. So sah etwa der chinesische Philosoph Konfuzius gesellschaftliches Engagement und einen hohen Bildungsgrad als Schlüssel zum Glück an, während in der Antike Stoiker wie Epiktet oder Seneca die Gleichgültigkeit gegenüber Lebensumständen und Ereignissen wie Reichtum, Macht oder gar dem Tod als Weg zum Glück predigten.

Aristoteles hingegen nannte Tugendhaftigkeit und Epikur Enthaltsamkeit als Glücksgarant, während Schriftsteller Theodor Fontane den schlichten Rat gab. „Wenn man glücklich ist, sollte man nicht noch glücklicher sein wollen.“

Alles Glückssache?

Und so schreitet es seit jeher unaufhaltsam voran, das Streben nach dem Glück. Ob in der Religion, im Sport oder in Selbstfindungskursen – überall könnte es zu finden sein, und wir sind munter auf der Suche. Denn vielleicht gibt es es ja doch irgendwo, das Glücksrezept.

Die Formel zum Glück will zumindest der US-amerikanische Psychologe Martin Seligman entdeckt haben. Vereinfacht lautet diese: G=V+L+W. Glück ist demnach die Summe aus Vererbung plus Lebensumstände plus der Wille, durch eigenes Zutun sein Wohlbefinden zu verbessern.

Somit wäre ein Teil unseres Glücks von unseren Genen determiniert – und wie unsere Chancen auf das Glück stehen, würde zur Glückssache. Zu der Auffassung, dass es für die Fähigkeit, glücklich zu sein, tatsächlich eine genetische Disposition geben könnte, kamen auch die Wissenschaftler um Aysu Okbay von der Universität Rotterdam.

Sie führten im Rahmen des Social Science Genetic Association Consortiums eine umfassende und internationale Metastudie mit Daten von fast 300.000 Menschen durch. Was sie fanden, waren Genabschnitte, die Depressionen und Neurotizismus, aber auch das subjektive Wohlbefinden beeinflussen.

Money can’t buy you happiness

Während die Studie zwar belegt, dass biologische Komponenten einen Teil zum Glück beitragen können, sind die bisher entdeckten Effekte minimal. Denn auch äußere Faktoren wie Lebensumstände und materieller Wohlstand können unser Glücksempfinden beeinflussen.

„Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen, als in der Straßenbahn“, befand so schon Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Forscher der Harvard University sowie der University of British Columbia haben allerdings kürzlich nachweisen können: Geld macht eigentlich nur dann glücklich, wenn man sich damit ein Stück mehr Freizeit erkaufen kann.

Obwohl laut Glücksatlas der Deutschen Post, einer Studie zur Lebenszufriedenheit in Deutschland, die Deutschen im Schnitt so glücklich sind wie schon lange nicht mehr, belegt Deutschland im internationalen Ranking des „World Happiness Report“, der einmal im Jahr von der UNO herausgegeben wird, nur Platz 16. Auf den vorderen Rängen finden sich fast ausschließlich skandinavische Nationen.

Während die Dänen mehrere Jahre lang in Folge den ersten Platz für sich behaupten konnten, wurden sie in diesem Jahr abgelöst von den Norwegern. Dicht hinter ihnen: Finnen, Schweden und Isländer. Die Bewohner des hohen Nordens scheinen also etwas anders, vielleicht sogar besser zu machen, als der Rest der Welt. Was aber ist das?

Es werde Hygge

Glaubt man den Dänen, dann lautet der Weg zum Glück schlicht und einfach: Hygge. Der Wohlfühltrend, der gegenwärtig auch den Rest der Welt erobert, zelebriert die Gemütlichkeit. Hygge, das ist eine duftende Zimtschnecke in der einen und eine heiße Tasse Kakao in der anderen Hand, das ist Regen, der von draußen an die Fensterscheibe prasselt, während man drinnen eingekuschelt auf dem Sofa sitzt.

„Im Grunde geht es um eine Mischung aus Bequemlichkeit, Wärme oder Innigkeit.“ – Oona Horx-Strathern

Hygge kann ein Abend mit guten Freunden, ein Tag am See oder ein Picknick im Schatten sein. Den Dänen ist Hyggeligkeit übrigens sogar so wichtig, dass sie den Begriff erst kürzlich in ihren offiziellen Kulturkanon gewählt haben.

Oona Horx-Strathern
Oona Horx-Strathern

Der aktuelle Hygge-Trend erinnert stark an das Phänomen des „Cocooning“, das in den 1990er Jahren um sich griff und bei dem man sich vornehmlich in die eigenen vier Wände zurückzog und seine Privatsphäre genoss.

Laut Trendforscherin Oona Horx-Strathern vom Frankfurter Zukunftsinstitut sei dieser im Gegensatz zum Cocooning jedoch weniger individualistisch, sondern konzentriere sich viel eher auf Kommunikationsbedürfnisse und die Sehnsucht nach Komfort, Gehaltenwerden, Gebundensein und Geborgenheit.

„Im Grunde geht es dabei um eine Mischung aus Bequemlichkeit, Wärme oder Innigkeit“, erklärt sie. „Es kann ein Lebensstil, Ort oder ein Gefühl, aber auch eine Einstellung sein. Man kann ein Telefonat haben, das hyggelig ist – oder ein Mensch kann als hyggelig beschrieben werden.“ Ein Hygge-Grundsatz lautet: Arbeite an den Verbindungen zu Menschen, nicht an den Verbindungstechnologien.

Aus dem „Hygge-ABC“

In einer Welt, in der die Bevölkerung ein wachsendes Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit verspürt, scheint der Rückzug ins Private und Wohlbekannte verständlich. Hier kommt das heimelig anmutende Hygge-Prinzip gerade zum rechten Zeitpunkt.

„Hygge stellt ein Anti-Modell zur flüchtigen urbanen Lebensweise dar.“ – Oona Horx-Strathern

Während einige Kritiker Hygge als flüchtigen Trend bezeichnen und beanstanden, es sei allenfalls dem Verkauf von Duftkerzen (die Dänen haben übrigens den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Kerzen in Europa) und Wolldecken dienlich, prognostiziert Oona Horx-Strathern. „Hygge, in einer Form oder der anderen, wird bleiben. Es stellt ein Anti-Modell zur flüchtigen urbanen Lebensweise dar und signalisiert ein starkes soziales Element, eine gesellschaftliche Bewegung für Konnektivität.“

Den Schlüssel dazu, dass die Dänen den Hygge-Stil auch tatsächlich ausleben können, sieht sie in der konsequenten Art und Weise, wie diese mit ihrer Work-Life-Balance umgehen: „Selten arbeiten Dänen länger als bis 16 Uhr. 78 Prozent von ihnen treffen sich mindestens einmal in der Woche in einer  Gruppe mit Freunden, Familie oder Kollegen. Nur 60 Prozent der Europäer tun das im Durchschnitt.“

Liegt das Geheimnis des Glücks also im gemütlichen Beisammensein und dem intensiven Pflegen sozialer Beziehungen? Es scheint nachvollziehbar.

Trotzdem könnte es sich – zumindest in den Interiorgeschäften und Buchhandlungen – bald schon wieder ausgehyggelt haben. Denn aus Schweden kommt schon der nächste Glücks- und Lifestyletrend auf uns zu und der lautet: Lagom.

Auf die Balance kommt es hier an. Wer beispielsweise eine stressige Arbeitswoche hat, der plant bewusst einen entspannten Abend unter Freunden ein. Das Prinzip: Das perfekte Mittelmaß macht glücklich.

Der Weg ist das Ziel

Ob Hygge, Lagom oder Kalsarikännit (das ist das finnische Pendant und bedeutet so viel wie „In Unterwäsche zuhause sitzen, sich einen Drink genehmigen und das Haus so schnell nicht mehr verlassen“). Besondere Lebensstile, die zum Glück führen sollen, gibt es einige.

Auch Professor Karlheinz Ruckriegel von der technischen Hochschule Nürnberg fasziniert die Frage, was Menschen wirklich glücklich macht. Einen zentralen Faktor für nachhaltiges Glück sieht der Glücksforscher im Sinn, den man dem eigenen Leben gibt.

Experte für Hygge und Glück - Prof. Karlheinz Ruckriegel
Prof. Karlheinz Ruckriegel

„Studien zeigen, dass Sinnquellen insbesondere darin liegen, dass Menschen etwas schaffen, das dem ‚Großen Ganzen‘ zugutekommt, wie etwa das eigene Können weiterzugeben oder sich politisch oder ehrenamtlich zu engagieren“, erklärt er.

„Aber auch Spiritualität und Religiosität, das Streben nach Harmonie und persönlicher Weiterentwicklung sind als wesentliche Sinnquellen zu nennen.“ Besonders wichtig: Nicht nur das Erreichen des Ziels sollte uns glücklich machen. Sondern auch der Weg, der uns dorthin führt.

„Das Streben nach Glück macht nicht süchtig – aber es lohnt sich.“ – Prof. Karlheinz Ruckriegel

Ruckriegel ist überzeugt: „Nachhaltiges Glück erfordert, dass wir den Weg genießen, der uns zu lohnenswerten oder sinnvollen Zielen führt.“

Das rechnet sich sogar gleich mehrfach: „Wer etwas dafür tut, glücklicher zu werden, fühlt sich nicht nur subjektiv besser, sondern hat mehr Energie, ist kreativer und festigt seine Beziehungen. Er arbeitet produktiver und erhöht sogar seine Lebenserwartung.“

Auch auf gesundheitlicher Ebene geht es glücklichen Menschen deutlich besser. So schütten sie geringere Mengen des Stresshormons Cortisol aus und erkranken seltener an Diabetes, Bluthochdruck und Herzinfarkten. „Es zahlt sich also aus, etwas für sein Glück zu tun“, betont Ruckriegel. „Das Streben nach Glück macht nicht süchtig – aber es lohnt sich.“

„Dankbarkeit hilft uns, positive Erfahrungen zu genießen.“ – Prof. Karlheinz Ruckriegel

Glück ist jetzt

Um etwas für das persönliche Glück zu tun, sei es ihm zufolge besonders wichtig, sich positive Ereignisse deutlich bewusst zu machen. Denn wie Ruckriegel erklärt, verfügen Menschen per se über einen sogenannten „negativity bias“, nehmen negative Gefühle also in der Regel stärker wahr als positive.

„Ein Ansatz, das zu ändern, ist es, Dankbarkeit zu üben“, so der Glücksforscher. „Dankbarkeit hilft uns, positive Erfahrungen zu genießen, fördert das moralische Verhalten, verhindert Neid und den Vergleich mit anderen. Dankbarkeit hilft, der hedonistischen Anpassung ein Schnippchen zu schlagen.“

Die hedonistische Anpassung bezeichnet das Phänomen, dass das Empfinden von Glück nur kurzzeitig erlebbar ist. Erhalten wir beispielsweise eine Gehaltserhöhung, freuen wir uns darüber. Nach kurzer Zeit verflüchtigt sich das Glücksgefühl allerdings wieder und wir sind wieder genauso glücklich – oder eben unglücklich – wie zuvor. Denn steigt unser Wohlbefinden, steigen auch unsere Ansprüche. Ein Kreislauf, dem kaum zu entrinnen ist.

Sind wir denn überhaupt dafür gemacht, für immer glücklich zu sein? Es scheint uns allemal schwer zu fallen. Denn nicht selten fällt uns erst irgendwann auf: Damals war ich eigentlich ziemlich glücklich. Und das sind dann meist die Momente, in denen wir weniger Glück verspüren. Um es mit den Worten der französischen Schriftstellerin Franoise Sagan auszudrücken: „Man weiß selten, was Glück ist, aber man weiß meistens, was Glück war.“

Wer nicht sucht, der findet

Möglicherweise übersehen wir also oftmals das kleine Glück, während wir auf der Jagd nach dem ganz großen sind. Glück lässt sich nur schwer festhalten und jeden einzelnen Tag ihres Lebens glücklich sind sehr wahrscheinlich auch die Menschen nicht, die ihr Leben als rundum glücklich bezeichnen würden.

Eine universelle Anleitung zum Glücklichsein kann es wohl nicht geben. Vielleicht hilft es aber auch schon, was auch immer uns jetzt gerade freut und guttut, bewusster wahrzunehmen und zu genießen. Sei es das gute Gefühl, einer anderen Person zu helfen, die Freude über ein neues Auto oder ein hyggeliger Abend samt Duftkerzen und Wollsocken auf dem Sofa.

Ein kleines ABC der wichtigsten Hygge-Faktoren

Atmosphäre
Gedämpftes Licht, bevorzugt Kerzenlicht

Dankbarkeit
Sei den Dingen gegenüber achtsam!

Frieden
Lass das Drama ruhen, lass die Politik draußen.

Genuss
Die vier K – Kaffee, Kuchen, Kekse, Kakao

Gleichheit
Das Wir kommt vor dem Ich.

Harmonie
Halte dein Ego aus der Gleichung raus!

Komfort
Entspann Dich, entschleunige, lass dich fallen.

Präsenz
Schalte das Handy aus, sei im Hier und Jetzt.

Schutz
Dein „Clan“ gibt dir Schutz und Sicherheit.

Zusammensein
Arbeite an Verbindungen zu Menschen, nicht an Verbindungstechnologien.


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