Es kann einem richtig dreckig gehen. Triathlon gilt als die Erkenntnis, wie viel man aus einem Körper herausholen kann. Wenn sich am 9. Juli beim Ironman Frankfurt die Weltelite trifft, ist der Darmstädter Patrick Lange mit am Start. Wir sprachen mit dem „Ironman Hawaii 2016“-Dritten über Schmerzen, Ekstase und wie man durch diese sportliche Hölle kommt.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: 3,86 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Marathon. Wer sich dieser Herausforderung stellt, ist ein harter Hund, und muss seit Monaten täglich im Training sein. Sportler kommen beim Ironman an ihre Grenzen – die wohl ultimative Belastung für Körper und Psyche.

Patrick Lange nach dritten Platz auf Hawaii
Patrick Lange nach dritten Platz auf Hawaii (Getty Images for Ironman)

Die Belohnung für die Schinderei ist riesengroß: „Dann läuft man ins Ziel, das Ende einer harten Vorbereitung, der man alles untergeordnet hat. Ein unbeschreibliches Gefühl, ein Gefühlscocktail, vergleichbar mit einer Ekstase. Einerseits will man heulen vor Glück, andererseits weinen vor Schmerzen.

Patrick Lange hat es zweimal so erlebt, in Texas und beim legendären Ironman auf Hawaii, wo er im Oktober 2016 mit einer Gesamtzeit von 8:11:14 Stunden Dritter wurde. Für die knallharte Leistung – auf der Marathonstrecke lieferte er die schnellste jemals auf Hawaii gelaufene Zeit (2:39:45 Stunden) – erhielt er eine traditionelle Holzschale, eine hohe Ehrung auf der Pazifikinsel. Schon in Texas konnte er sein Tempo durchlaufen, gewann den Wettkampf. Unterstützt hat den Dreißigjährigen sein Trainer, Faris Al Sultan, der Hawaii-Sieger von 2005.

Hawaii ist das Nonplusultra

Der Teufel steckt im Detail. Als Patrick Lange aus dem wohltemperierten Pazifikwasser sprintet, bereit, aufs Fahrrad zu springen – die Schuhe stecken wie bei allen 2.000 Teilnehmern bereits in den Klickpedalen – passiert es. „Der Klettverschluss am Radschuss hatte sich aus der Metalllasche gelöst. Daher musste ich während des Fahrens den Schuh anziehen, etwa 10 Kilometer dauerte es, bis ich drin war. Da kam schon der Gedanke, ich breche das hier ab, was natürlich kompletter Unsinn ist.“

Patrick Lange beim Training am Mainufer
Patrick Lange beim Training am Mainufer

Platz 24 nach dem Radfahren. Fünf Minuten Strafzeit wegen einer Unachtsamkeit beim Überholen am Straßenrand absitzen. Dann setzt er auf seine Stärke – in seinen Laufschuhen zieht er an den anderen vorbei. Und er weiß: „Was dem Körper den Stecker zieht, ist der Marathonlauf. Die letzten 10 Kilometer sind brutal. Die Muskulatur ist müde und man läuft technisch nicht mehr so ganz sauber.“

Schließlich wird er Dritter, ein Feuerwerk spielt sich in ihm ab. Als wir den Sportler am Frankfurter Museumsufer treffen, kommt er mit einem Wagen, den ein Sponsor zur Verfügung stellt. Siege ziehen Sponsoren an wie Motten das Licht. Privat ist diese teure Sportart kaum zu stemmen, allein das Fahrrad von Patrick Lange kostet rund 10.000 Euro.

Seine Arbeit als Physiotherapeut ruht, die Monate vor dem Ironman Frankfurt werden vom Training diktiert. Sein Fuß schmerzt, täglich ist er in Therapie. Später wird er sagen: „Ich will diesen Sport auf Topniveau noch zehn Jahre weitermachen. Der Australier Craig Alexander, dreimaliger Ironman-Hawaii Sieger, hatte mit 37 Jahren seine beste Zeit, und ist heute noch einer der Weltbesten über die Mitteldistanz.“

Kämpfen bis es richtig weh tut

Mythos Hawaii. Zehn Tage vor dem Wettkampf reiste Patrick Lange ins Paradies. Warm und feucht, Lava, eine nach Blumen duftende Luft, fast alle Klimazonen der Welt sind auf der Inselkette vereint. „Eine viel lockere Atmosphäre als an jedem anderen Flughafen der Welt“, schwärmt er. Schon 2013 schaute er sich auf Big Island den Ironman an, „was extrem gut war für mein eigenes Rennen.“

„Es dauert etwa zwei Wochen bis man wieder Treppen laufen kann. “

Ihn packte endgültig der Zauber dieses ältesten Triathlons über die Langdistanz, er spürte jene viel gerühmte „energetische Schwingung“, welche dieses Rennen umflort. „Hier geht es um mehr als um Größe und Protzigkeit, das kann man nur erleben, wenn man wirklich dort war.“ Und wer dabei war, spürt es noch lange in Knochen und Muskeln. „Es dauert etwa zwei Wochen bis man wieder ohne Schmerzen Treppen laufen kann.“ Erst dann fange man wieder allmählich mit Trainingsläufen an.

An gleich den nächsten Ironman sei aber nicht zu denken. „Ich kenne keinen Mann, der innerhalb kurzer Zeit zwei Ironman-Rennen bestreiten kann. Anders Sportlerinnen, sie können die extremen Belastungen besser wegstecken“, so Lange und nennt als Beispiel die Schweizerin Daniela Ryf, die innerhalb von Wochen jeweils den ersten Rang beim Ironman Rapperswil, der Challenge Roth und den Ironman Zürich holte.

Zwei Monate später errang sie den ersten Rang beim Ironman Hawaii. Unsere kleine Spitze, dass daher auch die Frauen die Kinder bekommen und nicht die Männer, quittiert Patrick Lange mit einem lachenden Nicken. Bis zu sechs Stunden Training. Jeden Tag. Keine Ausreden. Sich bloß kurz vor dem Rennen keinen Schnupfen holen. „In den Hochtrainingsphasen ist das Immunsystem geschwächt“, erklärt Patrick Lange und wirkt dabei fit wie der sprichwörtliche Turnschuh.

Wie gut, dass seine Freundin auch Triathlon trainiert, dem Extremsport aber nur aus Spaß nachgeht. In Darmstadt, wo er auf der Rosenhöhe wohnt, sieht man ihn schon mal im Park hinter der Mathildenhöhe laufen, das Rad steuert er in den Odenwald und das Schwimmen trainiert er in Nordbad. Seit 2015 tritt er für den Darmstädter Schwimm- und Wassersport-Club 1912 e.V. an. Nach seinem Sieg in Hawaii ging sein Bild durch die Presse, seitdem kommt es vor, dass er auf der Straße von Fans angesprochen wird.

Massenstart beim Ironmain Hawaii
Massenstart beim Ironmain Hawaii

Woher nur dieser eiserne Wille, diese ungeheure Lust am Wettkampf? Bei Patrick Lange liegen die Wurzeln in der Kindheit im Nordhessischen. „Mein Vater lief Marathon, das fand ich cool und wollte mittrainieren, war aber zu jung. Ich probierte Leichtathletik aus, überall war ich nur mittelmäßig. Nur auf der 3.000 Meter-Bahn brach ich auf Anhieb den Vereinsrekord. Auch beim Fußballspielen war klar, ich habe mehr Ausdauer als andere.“ Sein erster Dauerlauf mit zwölf Jahren gleicht rückblickend einem Initiationsritual: „Noch heute weiß ich, welche Schuhe ich trug und wo wir im Wald liefen, das hat sich eingebrannt. Als mein Vater unterwegs sah, dass ich den rechten Fuß leicht nach außen schwenke, gab er mir Techniktipps, die ich noch heute anwende.“ Schon bald folgten Pokale und Meistertitel, ein Naturtalent lief seinen Weg.

Ironman Frankfurt: Heiß auf den Sieg

Jetzt also der Ironman Frankfurt. Patrick Lange hofft, dass es heiß wird an diesem Tag, das sei ihm am liebsten. Ideal wären Temperaturen nahe 40 Grad Celsius, „wie beim Ironman im Jahr 2015“. Er selbst sieht sich als „Hitzetyp“ und habe gute Taktiken, sich beim Rennen „runterzukühlen.“ Der Rolling-Start zum Schwimmen erfolgt am Ufer des Langener Waldsees, nach dem Schwimmen kommt ein kurzer Landgang zu den Fahrrädern, dann geht es durch Downtown Frankfurt in die Wetterau. Durch eine Baustellensituation beträgt die Streckenlänge diesmal ausnahmsweise 177 Kilometer. Gelaufen wird schließlich entlang des Mains, vor der Frankfurter Skyline.

Beim Finish am Römerberg will Patrick Lange unbedingt dabei sein, nur so kann er wieder im Oktober beim Ironman Hawaii antreten. Schafft er den Zieleinlauf nicht, muss er vor Hawaii noch einen anderen Ironman bestehen, und das wäre brutal anstrengend so kurz hintereinander. Und Magic Hawaii will er sich wie den Sieg in der Mainstadt nicht durch die Lappen gehen lassen: „Das Rennen macht viel mit einem, es entstehen unglaubliche Gefühle, die man nicht erwartet. Danach kann man süchtig werden.“

Zum ersten Mal am Start

Noch einer fiebert dem Ironman Frankfurt entgegen. „Ich heiße Sven Härter, das kommt gleich nach hart“, witzelt der 23-Jährige aus Riedstadt. Es wird sein erster Lauf in dieser Kategorie sein und ihn ganz fordern. Wir treffen den Studenten der Geowissenschaft im „Frankfurter Laufshop“, wo er regelmäßig arbeitet. An die 17 Stunden Training in der Woche sind es so kurz vor dem Wettkampf, im Frankfurter Textorbad zieht er schnelle Bahnen.

„Man muss leidensfähig, aber auch ehrgeizig sein und Spaß am Triathlon haben“, so der 60-Kilo-Mann und spricht die Startgebühr für den Ironman an, die man nicht ohne klares Ziel investiere. „Viel essen“, antwortet er auf unsere Frage nach der Ernährung, der Körper brauche Kraft: „Vor allem Nudeln.“ Sein Chef im „Laufshop“, Jost Wiebelhaus, sieht die Ambitionen mit Wohlwollen. Der ehemalige Banker machte sich vor 16 Jahren mit dem Laden, der alles für Triathleten und Marathonläufer bereithält, selbstständig.

180 Kilometer Radfahren...
180 Kilometer Radfahren…

Fast täglich radelt Wiebelhaus zur Arbeit, das sind hin und zurück gut 40 Kilometer, bei Wind und Wetter. „Einen Marathon macht man nur ein- bis zweimal im Jahr, um dem Körper die nötige Erholung zu geben“, weiß er aus eigener Erfahrung. 2016 gewann sein Laden-Männerteam den J.P. Morgan-Firmenlauf in Frankfurt, als Belohnung startet man zum 40. Jubiläum der Challenge am 13. Juni 2017 mit 13 anderen Gewinner-Teams zum ersten Weltfinale. Sein Fazit zum Ironman und zum Extremlaufen überhaupt: „Ausdauer allein reicht nicht, man muss Talent haben.“


Die besten Zuschauer-Spots beim Frankfurter Ironman am 9. Juli

Schwimmen

Früh am Morgen startet der Ironman am Langener Waldsee. Hier können die Zuschauer den Athleten dabei zusehen, wie sie die Gerade im See sowie nach der ersten Wechselzone die kurze Passage an Land bewältigen.

Radfahren

Frankfurt
Ab dem Langener Waldsee geht es für die Sportler per Rad weiter. Im Bereich der Marktstraße, Historisches Museum, kann man die Athleten bei der Bezwingung von „The Beast“, dem Anstieg von der Vilbeler Landstraße nach Bergen-Enkheim, anfeuern. Auch die Steigungsstrecke „The Hell“ im historischen Ortskern von Maintal-Hochstadt bietet einen interessanten Punkt für Zuschauer. Außerdem werden am Mainkai Höhe Eiserner Steg Tribünen aufgestellt, von denen aus die Radler bei zwei Runden beobachtet werden können.

Friedberg
Zahlreiche Ironman-Fans versammeln sich zudem jährlich an der „Burg-Meile“ in Friedberg. Hier radeln die Sportler um die mittelalterliche Burg und entlang der Kaiserstraße.

Bad Vilbel
Am Rande der Frankfurter Straße kann man in Bad Vilbel die Athleten dabei beobachten, wie sie in gemäßigterem Tempo den „Heartbreak Hill“ bezwingen.

Laufen

Frankfurt
Von den Tribünen am Mainkai Höhe Eiserner Steg sowie auf beiden Seiten des Holbeinstegs lassen sich die Läufer am besten beobachten, ein guter Platz ist auch der Wendepunkt der Laufstrecke am Ruderhaus.

Zieleinlauf am Römerberg
Der emotionale Höhepunkt des Ironman Frankfurt ist der Zieleinlauf auf dem Römerberg. Ab 14.30 Uhr werden hier Sportler erwartet; bis 22 Uhr steigt eine Riesenparty mitten im Herzen Frankfurts.


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