Balsam für die Haut (Foto Caroline Hernandez)
Balsam für die Haut (Foto Caroline Hernandez)

Schönheit ist wie ein Öl, das sich um unsere Seele schmiegt. Doch kommt Schönheit wirklich nur von innen? Oder können kleine Wundermittelchen in Form von Creme, Gel oder Lotion nachhelfen? Naturkosmetik soll den Traum, der das Leben beherrscht, nun Wirklichkeit werden lassen. Eine Pflege mit gutem Gewissen, die Wirkung zeigt. Von Chantal Buschung

Das Streben nach natürlicher Schönheit ist wie das Streben nach Glück. Sie spielt im Leben vieler Menschen eine zentrale Rolle – egal ob Mann oder Frau. Der Wunsch, schön zu sein, ist allgegenwärtig. Deshalb investiert die Menschheit viel Zeit, Energie und vor allem Geld, um das Gefühl von Schönheit zu erzeugen. Ein Gefühl, das wie Balsam auf unsere Seele wirkt.

Doch was macht eine Person eigentlich schön? Ist es faltenfreie, reine Haut, ein Hauch von Jugendlichkeit oder doch ganz klassisch die Ausstrahlung? Die Gesellschaft legt das Maß fest, und vor allem Frauen schwören auf Make-up und Kosmetik, um ihre Wertvorstellung von Schönheit zu erreichen. Die Industrie weiß das zu nutzen. Abertausend Produkte suggerieren einmalige Wirkungskraft. Die Inhaltsstoffe dieser Wundermittel spielten lange Zeit eine untergeordnete Rolle, wichtiger war, sie zeigten den gewünschten Effekt.

Go clean

Nun wird der Konsum bewusster. Wir wollen nicht nur Balsam für unsere Seele, sondern auch Balsam für unsere Haut. Aus diesem Grund steigt die Nachfrage nach Naturkosmetik stetig. Sie gilt als rein, frei von chemischen Zusätzen und gibt so das Gefühl der vollkommenen Gesundheit. Ein Bewusstsein, das in Sachen Ernährung längst alltäglich ist. Nun entwickelt sich auch der Kosmetikkonsum anscheinend weiter: Er wird pflanzlicher, nachhaltiger, ökologischer. Dabei ist die Geschichte der Kosmetik beinahe so alt wie die der Menschheit selbst.

Schon tausende Jahre vor der Geburt Christi versuchten sich Menschen mit Erzeugnissen, die ihnen ihre natürliche Umgebung bot, zu verschönern oder zu bemalen. Erst durch das gesteigerte Konsumverhalten der Moderne bedurfte es chemischer Zusätze, um Produkte haltbarer zu machen. Nun könnte man also vielmehr von einer Rückbesinnung auf alte Werte wie Natürlichkeit und Reinheit sprechen, als von einer Weiterentwicklung.

Doch was ist denn überhaupt gut für unsere Haut, unseren Körper, unsere Gesundheit? Paraffine sind es schon einmal nicht. In der Kosmetik werden sie als Konsistenzgeber verwendet, sind wasserabweisend und führen zu einer Glanzbildung auf der Haut und schützen sie somit vor Feuchtigkeitsverlust. Klingt erst einmal wenig bedenklich, doch die Kohlenwasserstoffe, die aus Erdöl gewonnen werden, sind umweltschädlich, außerdem zugleich giftig und krebserregend.

Zudem genießen Tenside, wie beispielsweise Sodium-Lauryl-Sulfat oder PEG-Derivate, einen extrem schlechten Ruf und sind oftmals Auslöser für Allergien. Die waschaktiven Substanzen erhöhen in Shampoos oder auch Badezusätzen die Löslichkeit von Fett- und Schmutzpartikeln, die auf dem Körper haften. Das Problem: Sie waschen auch die natürliche Schutzschicht der Haut weg und machen diese anfälliger für Schadstoffe. Vorsicht ist auch bei Kosmetika mit Hormonen geboten: In Sonnenmilch, Gesichtscreme oder auch Lippenbalsam sind häufig Benzophenone als synthetischer UV-Filter zu finden.

APP-gecheckt

Natürliche Öle, wie Avocadoöl, Kokosöl, Jojobaöl oder sogar handelsübliches Olivenöl sind dagegen wahre Schätze für die Gesichtspflege. Sie schützen die Haut vor der Austrocknung, indem sie sich wie eine wasserabweisende Schicht über sie legen. Zudem enthalten diese natürlichen Öle Begleitstoffe mit positiver Wirkung. Dazu gehören die Vitamin A und E. Vitamin A, in der Kosmetikindustrie auch bekannt als Retinol, gilt dabei als echter Power-Wirkstoff und glättet das Hautbild. Vitamin E ist das Zellschutzvitamin, besitzt antioxidative Wirkung und vermindert freie Radikale auf der Haut. Zusätzlich enthalten sie auch Pflanzenstoffe wie Phytosterine, die großzügig in Sheabutter zu finden sind. Diese stärken die Hautbarriere.

Natürliche Öle, wie Avocadoöl, Kokosöl, a oder sogar handelsübliches Olivenöl, sind wahre Schätze für die Gesichtspflege.
Natürliche Öle, wie Avocadoöl, Kokosöl, a oder sogar handelsübliches Olivenöl, sind wahre Schätze für die Gesichtspflege.

Ein weiterer Feuchtigkeitsstoff ist die uns allen bekannte Hyaluronsäure, die vom Körper auch selbst produziert wird. Mit zunehmendem Alter nimmt diese Produktion allerdings ab, sodass sie in Cremes dabei unterstützend wirken kann, kollagene und elastine Fasern aufzupolstern. Bei regelmäßiger Anwendung kann der Alterungsprozess der Haut so etwas verlangsamt werden.

Dieses Wissen allein reicht allerdings nicht aus. Insbesondere beim Kauf ist ein kritischer Blick auf die Liste der Substanzen der Kosmetik unumgänglich. Da diese Listen oftmals lang und kompliziert sind, hat es sich die App „CodeCheck“ zur Aufgabe gemacht, Abhilfe zu schaffen. Mithilfe eines Produktscanners zeigt sie in Sekundenschnelle, was hinter den Substanzen steckt, und gibt dem Verbraucher zugleich eine Einschätzung der Wirkstoffe. So ordnet „CodeCheck“ alle Zutaten in ein Farbsystem ein: Grün heißt unbedenklich, Hellgrün leicht bedenklich, Orange bedeutet bedenklich und Rot schließlich sehr bedenklich.

Über 31 Millionen Produkte hat die App derweil gelistet. „Wir wollen bewusste Menschen bei souveränen Kaufentscheidungen unterstützen. Produzenten und Herstellern wollen wir auf der anderen Seite dabei helfen, ökologischere und gesündere Produkte zu produzieren. Eben solche Produkte, die heute immer stärker nachgefragt werden”, verrät Gründer Roman Bleichenbacher. Mit CodeCheck scheint das Start-up eine Servicelücke zu schließen. Nun sind es nicht mehr nur die Jugendlichen, die mit dem Smartphone durch die Läden laufen, sondern Frauen jeden Alters.

Bio, logisch!

Scannt man die Produkte von Dr. Hauschka ein, so erstrahlt die App in sattem Grün. Beim Kosmetikhersteller werden die Rohstoffe akribisch ausgewählt. Die verwendeten Kräuter wachsen in biologisch-dynamischer Qualität im eigenen Heilpflanzengarten oder auf einem Demeter-Hof. „Oft werden sie schon im Morgengrauen geerntet, damit ihre volle natürliche Kraft erhalten bleibt“, so Inka Bihler-Schwarz. „Was wir nicht mit eigener Hand anbauen, stammt teils aus Wildsammlungen auf der Schwäbischen Alb, teils aus ökologischen Anbauprojekten auf der ganzen Welt“, ergänzt sie.

Naturwaren-Hersteller Prof. Dr. Peter Theiss
Naturwaren-Hersteller Prof. Dr. Peter Theiss

Auch der Naturwaren-Hersteller Dr. Theiss beruft sich auf die der Natur innewohnenden Kräfte. „Ich war schon immer sehr enthusiastisch für alles, was mit Heilkräutern und Natur zu tun hatte“, sagt Inhaber Prof. Dr. Peter Theiss. Angefangen hat alles in einem kleinen Labor, in dem er Ringelblumen-Salbe und Nachtkerzen-Hautbalsam entwickelte. Anschließend entstand das Label Medipharma, das noch heute verkaufsstärkste Produkt: eine Intensivcreme-Linie basierend auf Olivenöl. „Wir haben uns damals überlegt, wie wir einen echten Erfolg im Kosmetikbereich für Apotheken schaffen können“, erläutert Theiss.

Auch die Frankfurter Firma Tautropfen kreiert reine und natürliche Pflegeprodukte. Dafür gewinnt sie ihre Rohstoffe aus dem marokkanischen Atlasgebirge in Nordafrika, aus einer iranischen Provinz in 2.500 Metern Höhe, einem nordatlantischen Biosphärenreservat und der Toskana. Die Produkte tragen sogar das Siegel des BDIH-Labels.

Auch auf solche Details zu achten sei wichtig, betont die Frankfurter Dermatologin Dr. Daniela Greiner-Krüger, die Naturkosmetik allerdings grundsätzlich etwas kritisch gegenübersteht: „Kunden werden mit bekannten und trendigen Inhaltsstoffen wie Kamille, Açaí oder Aloe Vera in die Irre geführt. Was viele gar nicht wissen: dass ein Großteil der Hersteller auf dem Markt zu L’Oréal gehören und daher aus einem großen Kochtopf kommen.“ Sie hat Recht, denn schicke und stylische Logos können die Verbraucher täuschen und zu unachtsamen Käufen verleiten.

Dr. med. Daniela Greiner
Dr. med. Daniela Greiner

 

Weniger ist mehr

Greiner-Krüger betont aber auch, dass Produkte nicht zwangsläufig besser seien, allein weil sie natürliche Rohstoffe enthalten oder in einer gehobenen Preisklasse liegen. Ganz im Gegenteil: Kosmetika müssen, ob auf natürlicher oder konventioneller Basis, individuell auf den Hauttyp abgestimmt werden. Auch Naturprodukte können Allergien auslösen. Das Geheimnis für schöne Haut ist also Minimalismus. In jeglicher Hinsicht sei laut Greiner-Krüger aber auf eine Sache zu achten: Der Verzicht auf Emulgatoren. „Sie entbinden die Haut von ihrer natürlichen Fettschicht“, erklärt sie, gerade der Schicht, die für den Glow, für das weiche, seidige Gefühl verantwortlich ist. Es ist diese Schicht, die uns frisch und vital aussehen lässt und dafür sorgt, dass es scheint, als würden Haut und Make-up ineinander verschmelzen. À propos Make-up: Nur bei Cremes und Waschlotionen auf den ökologischen Fußabdruck zu achten, wäre wenig effektiv.

Welche Auswirkungen hat der Verzicht auf Chemie auf die Haltbarkeit von Mascara, Lippenstift und Co.? Auch hier werben immer mehr Hersteller mit natürlichen Inhaltsstoffen. Können diese überhaupt mit haushaltsüblichen Produkten mithalten? „Schwierig“, sind sich Experten einig. Die Farbauswahl ist auf Naturtöne begrenzt. Zu lange im Regen stehen sollte man mit natürlichen Make-up ebenfalls nicht, denn es fehlen eben diese synthetischen Stoffe, wie beispielsweise Silikone, die für den „Waterproof- und Long-lasting-Effekt“ verantwortlich sind.

Nach einer durchzechten Partynacht könnte es folglich durchaus sein, dass man ohne Make-up den Heimweg antritt. Dennoch genießen natürliche Tuschen von Dr. Hauschka, Logocos sowie Sante einen einmaligen Ruf und erfreuen sich großer Beliebtheit. Der Hersteller Sante schwört auf Bio-Mandelöle bei der Herstellung der Mascara und fügt zusätzlich noch Bio-Gurkenextrakt hinzu, was den Wimpern nicht nur Volumen und einen herrlich, frischen Duft schenkt, sondern zugleich eine pflegende Wirkung verspricht.

Alles nur Marketing?

Deutlich wird: Naturkosmetik kann durchaus vielfältig und auch wirksam sein. Sie pflegt und schützt die Haut auf sanfte und vor allem nachhaltige Art und Weise. Gerade für Menschen mit sensibler Haut eignen sich Produkte mit natürlichen Rohstoffen. Verallgemeinern lässt sich das jedoch nicht, denn auch bei Naturprodukten ist Vorsicht geboten: Sie können gleichwohl wie konventionelle Kosmetikprodukte Allergien auslösen. Nicht für jeden ist Naturkosmetik das Balsam für die Haut, was es für die Seele zu sein scheint. Am Ende entscheidet jeder selbst wie viel Natürlichkeit, Verträglichkeit und vor allem auch Luxus im Badezimmerschrank und auf der eigenen Haut landet.

Für die Frankfurter Dermatologin Dr. Daniela Greiner-Krüger steht erst einmal fest: „Solange es keine klare, rechtliche Definition gibt, ist Naturkosmetik für mich ein reines Marketingprodukt.“ Der Markt scheint also vorerst noch ein wenig in der Findungsphase festzuhängen. Eine Alternative ist es definitiv, insbesondere was die soziale Verantwortung betrifft. Natürliche Schönheit scheint also tatsächlich nicht nur von innen, sondern auch von außen beeinflussbar zu sein. Fest steht: Kosmetik sollte ein Kompliment an unseren Körper sein.

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