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Eine sinnliche und anregende Wirkung wird dem Duft von Oud nachgesagt. Die Essenz des Harzes des Adlerholzbaumes, die in guter Qualität teurer als Gold ist, wird im Orient schon seit über 2000 Jahren als Inhaltsstoff von Parfums eingesetzt. Seit Anfang des Jahrtausends entwickelt sich Oud auch bei uns immer mehr zum Trend.
Von Barbara Altherr

Oud gilt als eines der stärksten Aphrodisiaka der Welt. Der Duft wird als komplex, tief, holzig und fast animalisch beschrieben und er ist mit keinem anderen, der in der Natur gefunden werden kann, vergleichbar. Der so dunkel und sinnlich klingende Name Oud (ausgesprochen „Uud”) war bis vor wenigen Jahren nur wenigen im Westen ein Begriff.

Das Holz des Adlerholzbaumes

Düfte von Europas Parfumeuren enthielten Moschus, Vanille oder Sandelholz, aber kein Oud. Dabei kennt und schätzt man den intensiven Duftstoff im Orient schon seit Anbeginn unserer Zeitrechnung. Auf den orientalischen Märkten verräuchert man das verharzte Holz in kleinen Splittern. Manchmal sieht man dort Menschen über die Räuchergefäße gebeugt stehen, um ihre Körper und die Kleidung in den dunkel-geheimnisvoll duftenden Rauch zu hüllen.

Vielleicht ist nicht nur der Duft ein guter Grund dafür: Schon im Hohelied Salomons wurde die aphrodisische Wirkung von Oud beschrieben. Es ist ein wirklich erlesener Duftstoff, der an Kostbarkeit und Magie die anderen typisch orientalischen Parfumstoffe wie Myrrhe und Weihrauch weit in den Schatten stellt.

Im Islam gilt er als olfaktorisches Zeichen für die göttliche Manifestation, die Körper und Geist reinigt und mit der Seele verbindet. Buddha wird die Aussage zugeschrieben, Oud sei der „Duft von Nirwana“.

 

Teurer als Gold

Aus Oud gewinnt man das wertvollste Parfumöl der Welt. Um zu verstehen, was es so teuer macht, genügt ein Einblick in die Herstellung. Es wird aus dem Harz des Adlerholzbaumes extrahiert, der vor allem in den Regenwäldern Südostasiens wächst. Wenn der Baum in seinem Kernholz verletzt wird, verschließt er diese Wunden mit Harz, um sich vor Parasiten zu schützen. In seltenen Fällen wird das Harz dann von einem speziellen Schimmelpilz befallen.

„Der Prozess, durch den Oud entsteht, ist so kompliziert und komplex, dass er bislang nicht synthetisch rekonstruiert werden kann.“ – Dr. Ina Knobloch

Je weiter der Pilzbefall fortgeschritten ist, desto duftender und hochwertiger ist das Adlerholz. Die höchste Qualität stammt von abgestorbenen Bäumen, bei denen sich der Fermentationsprozess über mehrere Jahrhunderte hinweg vollzogen hat. Durch die Seltenheit des Befalles und den nur geringen zu gewinnenden Mengen liegt der Preis von einem Kilo Adlerholz guter Qualität derzeit bei rund 50.000 Euro und ist damit teurer als Gold.

Und ein Kilo des ätherischen Öls, kann weit über eine Million Euro kosten. Das wertvollste bekannte Stück Adlerholz besitzt heute die japanische Kaiserfamilie. Es wiegt elf Kilo, trägt den Namen „Ranjatai“ und ist Teil des Nationalschatzes.

Dr. Ina Knobloch

Eine künstliche Herstellung von Oud ist nicht möglich. Die Frankfurter Biologin Ina Knobloch, die sich seit Jahren auch als Autorin und Filmemacherin intensiv mit Pflanzenkunde und Parfums beschäftigt, erklärt: „Das Besondere an Oud ist der Fermentierungsprozess des verletzten Adlerholzes, der bis heute noch nicht vollständig wissenschaftlich geklärt ist. Man weiß nicht, welche Pilze daran beteiligt sind. Ich habe über die Wundheilung von Pflanzen promoviert und finde es absolut faszinierend, wie pflanzliche Zellen sich wieder reembryonalisieren und ihre ursprüngliche Funktion ändern können.

Wird dieser Prozess durch Bakterien oder Pilzbefall gestört, arbeiten die pflanzlichen Zellen noch mehr auf Hochtouren und produzieren diverse Abwehrstoffe. Der Prozess, durch den Oud entsteht, ist so kompliziert und komplex, dass er bislang nicht synthetisch rekonstruiert werden kann.“

Duft-Charakteristika

Hochwertiges Adlerholzöl hat sowohl eine holzig-animalische, würzig-bittere als auch eine balsamisch-süße Geruchskomponente. Es riecht warm, sexy und immer wieder anders. Allerdings ist der Duft von Oud für manchen gewöhnungsbedürftig und er gefällt nicht immer auf Anhieb. Doch wenn man ihm Zeit gibt, entfaltet er sich in unterschiedlichen Ausrichtungen und entwickelt dann seine komplexe Duftaura. Er lässt sich gut mit anderen Essenzen kombinieren und bildet eine mysteriöse, wundervolle Synergie mit anderen Düften.

Zudem verleiht Oud einem Parfum eine außergewöhnlich lange Haftung – auf der Haut circa zwei Tage und auf der Kleidung über eine Woche. Eines der ersten in Europa entwickelten Parfums mit Adlerholz- Extrakten war der 2002 lancierte Herrenduft M7 von Yves Saint Laurent, das unter der Regie von Tom Ford entstand. Die Kampagne mit Aufnahmen eines nackten Mannes war spektakulär. Mittlerweile kreieren viele exklusive Parfümeure Düfte mit Adlerholz-Komponenten.

Parfums mit Oud

Amelie Montale
Amelie Montale

Der Pariser Parfumeur Pierre Montale wurde während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Saudi-Arabien inspiriert und ist seitdem auf Oud-Düfte spezialisiert. Seine Tochter Amelie, die in der Firma mitarbeitet, erklärt den Erfolg: „Ich glaube, das Wichtigste ist die sehr hohe Konzentration unserer Parfums, die weit über die üblichen Eau de Parfums hinausgeht. Mein Vater hat schon immer auf die Verwendung der hochwertigsten Essenzen geachtet und macht hier keine Kompromisse. Konzentration, Qualität und die große Auswahl unterschiedlicher Duftrichtungen sind uns wichtig.“

Pur kommt Oud nicht zum Einsatz, denn es ist zu intensiv und vor allem zu teuer. Die Preise der meisten Parfums mit Adlerholz-Essenzen befinden sich im dreistelligen Bereich. „Oud ist ein wertvoller Duft, der Entfaltung braucht“, meint Dennis Albrecht von der Frankfurter Parfumerie Albrecht, die die größte Auswahl an Oud-Düften in Deutschland hat. Rund 100 verschiedene sind im Sortiment.

Dennis Albrecht
Dennis Albrecht

„Die eher sanften werden gern von ‚Anfängern‘ genommen, starke und intensive eher von langjährigen Kennern.“ Wie viele hochwertige Parfums sind die meisten „unisex“, also zugleich für Frauen und Männer gedacht. Dennis Albrecht ist ein Fachmann, der auch viel im Orient unterwegs war und die Entwicklung abschätzen kann: „Oud ist definitiv ein Trend. Es passt zu selbstbewussten und leidenschaftlichen Menschen, die sich zeigen wollen. Der Höhepunkt der ‚Oud-Welle‘ ist in Europa sicher noch nicht erreicht.“

Subtile Wirkungen

Sufis und Schamanen nutzen Oud seit Jahrtausenden für Rituale, unter anderem, um das sogenannte Dritte Auge zu öffnen. Sie sind der Meinung, dass es für mentale Klarheit sorgt, das Nervensystem beruhigt und negative Energie ausleitet. Außerdem wirke es psycho- aktiv und helfe auf spirituellen Reisen, erhöhe die Achtsamkeit bis hin zur Erleuchtung und bringe tiefen Frieden.

Im Westen waren die subtilen Wirkungen von Oud bisher nur wenigen erfahrenen Aroma-Therapeuten und Heilkundigen bekannt. Die Essenz von Adlerholz ist aus ihrer Sicht stimmungsaufhellend und kann sanft aus seelischen Tieflagen ziehen. Sie stimuliert die Gehirnleistungen, vermittelt Selbstvertrauen, Mut und Zuversicht und führt zu mehr Selbsterkenntnis.

Auch sagt man ihr nach, die Inspiration zu fördern, die Kreativität anzuregen und die Phantasie zu beflügeln. Vielleicht ja auch die Phantasien von „Tausend und einer Nacht“ und einer Anziehungskraft, der niemand widerstehen kann…


Dennis Albrechts Top Ten

Dennis Albrechts Top Ten
1. Oud Immortel (Byredo) 6. Incense Oud (Kilian)
2. Oud Palao (Diptyque) 7. Purple Accent (Sospiro)
3. Oud Saphir (Atelier Cologne) 8. Irish Oud (Memo)
4. Millesime (Creed) 9. Black Afgano (Nasomatto)
5. Nejma 1 (Nejma Collection) 10. The Night (Dominique Ropion)

 


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