Die jahrhundertealte Kampf- und Bewegungskunst Taiji Chuan hat weit über Chinas Grenzen hinaus an Bedeutung gewonnen. Sie bringe die Lebensenergie zum Fließen, stärke die Persönlichkeit und entspanne den Geist, so heißt es. Zeit, sich auf die innere Reise zu begeben… Text: Nadia Saadi Fotos: Michael Hohmann (Top Magazin Frankfurt)

Ralf Bauer beherrscht die jahrhundertealte Kampf- und Bewegungskunst Taiji Chuan
Ralf Bauer beherrscht die jahrhundertealte Kampf- und Bewegungskunst Taiji Chuan (© Top Magazin Frankfurt)

Montagnachmittag – hektisch schiebe ich Papierberge von links nach rechts, um darunter endlich meinen Schlüssel zu entdecken. Wie so oft renne ich die Treppen hinunter und stürze aus dem Haus. Auf der Fahrt nach Preungesheim schießen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Wann überweist der Kunde endlich? Was macht mein Sohn wohl in diesem Moment? Was bedeutet Taiji? Und hätte es die Macht, die nervtötende Dauerschleife in meinem Kopf mal abzustellen? Wie hängt körperliche Kraft mit innerer Stärke zusammen? Das Handy klingelt und fällt mir fast aus der Tasche, als ich es hervor krame, während ich den Hof betrete. Ein paar Stufen später sitze ich Meister Frieder Anders in seinem Institut gegenüber. Grüner Tee und endlich Ruhe. „Tai bedeutet das Allerhöchste, Ji die Verbindung von Himmel und Erde und Quan den Ablauf von vorgegebenen Bewegungen“, sagt Anders. „Die Verbindung von Himmel und Erde ist aber nicht im religiösen Sinne gemeint, sondern sehr pragmatisch. Wer Taiji praktiziert, muss auch nichts glauben oder wissen – nur spüren.“

Kein Wille zwingt den Körper zur Leistung

Im Zentrum des Übens stehen klar umschriebene Abläufe meist fließender Bewegungen. Sie tragen häufig Namen, die diese bildlich darstellen, etwa „einfache Peitsche“ oder „Affe“ – soweit meine Vorkenntnisse. „Geschmeidig wie ein Kind, gesund wie ein Holzfäller, gelassen wie ein Weiser“, so beschrieb der Legende nach Meister Zhang Sanfeng im 12. Jahrhundert das Idealbild eines Taiji-Praktizierenden. „Unsereiner denkt, man müsse sich anstrengen und ins Fitness-Studio gehen, aber es gibt eben eine andere Art von Kraft. Beim Taiji befindet man sich entweder still an einem Platz oder bewegt sich im Kreis. Kein Wille zwingt den Körper zu einer Leistung. Das kann sehr befreiend wirken auf diejenigen, die dem Zwang, ihren Körper trimmen zu müssen, entfliehen wollen“, erklärt Anders. Ich gehe leicht in die Hocke, atme tief ein und forme meine Arme zu einem Ball. Meine Füße stehen parallel zueinander. Anders drückt gegen meinen Arm, aber ich bleibe – im wahrsten Sinne des Wortes – standhaft. Die Rotation im Kopf beruhigt sich. Ich fühle mich stark. „Das Denken kreist oft nur um sich selbst. Es schafft keine Einheit zwischen Körper und Geist“, so Anders. Das stimmt, denke ich und hoffe, dass die unaufhörliche Geschwätzigkeit der Gedanken für eine Weile verstummt. Es tut gut, sich auf die Bewegungen zu konzentrieren. „Taiji ist eine bestimmte Kraft, die den eigenen Stand so verwurzelt, dass man nicht umgestoßen werden kann. Entscheidend ist dabei die Haltung der Wirbelsäule. Durch leichtes Einsinken der Beine und eine Absenkung des Beckens kann sie ständig aufrecht getragen werden. Die eigene Kraft durch die Verwurzelung leitet den Angriff des Gegners ab, der Schlag geht ins Leere. Dieses Prinzip lässt sich natürlich auf viele Situationen im Leben übertragen. Einige meiner Schüler kommen vor wichtigen Gesprächen zu mir, um sich zu stärken“, sagt Anders, der auch gezielt Kurse für Führungspersönlichkeiten gibt. „Durch innere Stärke lassen sich viele Konfrontationen von vornherein vermeiden, im Beruf ebenso wie im Privatleben.“ Vor meinem geistigen Auge erscheinen Erinnerungen an wortreiche Gefechte und harte Auseinandersetzungen. Hätten sie sich durch die Übertragung von Taiji- Prinzipien auf die jeweilige Situation umgehen lassen? Die Rhetorik unterrichtet in der Tat Ähnliches: Wer die Provokationen des Angreifers ins Leere laufen lässt, hat oft gewonnen.

Schmerz wird zu Energie

Ralf Bauer beim Taiji Chuan

Ralf Bauer beim Taiji Chuan

Ralf Bauer beim Taiji Chuan

Frieder Anders ist kein Unbekannter auf seinem Gebiet. 1980 eröffnete er die erste Taiji-Schule Deutschlands. Insgesamt fünf Bücher, zwei DVDs sowie zahlreiche Aufsätze über Taiji Chuan und Qigong stammen von ihm. 2002 wurde er als erster Europäer von Großmeister Chu King-Hung zum Taiji-Meister des authentischen Yang-Stils ernannt. Im Gegensatz zum öffentlichen Taiji, das seit den 50er Jahren als Schattenboxen bekannt ist, wurde dieser Stil ursprünglich als geheime Kampfkunst, etwa innerhalb der Yang-Familie, praktiziert und blieb einer militärischen Elite vorbehalten. In der Blütezeit des Taiji, im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, galt es als berühmteste Kampfkunst Chinas, weil seine Meister einen Angreifer abprallen lassen konnten, ohne ihn zu verletzen. Die Techniken, die zu diesen Fähigkeiten führten, wurden innerhalb der Familie streng geheim gehalten. Die jeweiligen Meister gaben ihr Wissen ausschließlich an ihre Söhne sowie wenige auserwählte Schüler weiter. Anders, der im Yang-Stil ausgebildet wurde, entwickelte im Laufe der Jahre das Gelernte weiter, indem er die Lehre von den Atemtypen, im Fachjargon Terlusollogie, mit der Bewegungs- und Kampfkunst verknüpfte. „Jeder Mensch ist entweder ein Einatmer oder ein Ausatmer – der eine bezieht seine Kraft, indem er tief ein-, der andere, indem er ausatmet“, erklärt Anders. „Ich passe die Taiji-Übungen entsprechend an – je nach Atemtyp.“ Ich bin offenbar ein Einatmer. Eine wichtige Erkenntnis? In jedem Fall tut es gut, den Brustkorb mit Luft zu füllen. Ich stehe mit leicht gebeugten Knien auf dem Boden, die Füße parallel gestellt. Langsam breite ich die Arme aus, wie die Schwingen eines Wasservogels. „Peng mit links“ heißt die Bewegung, die zu einer Reihe von Grundtechniken gehört. Anders korrigiert die Haltung mit angenehm ruhiger und tiefer Stimme. Ich versuche, meine eingefallene Hühnerbrust aufzurichten und gleichzeitig die Arme wie einen Ball zu formen. „Wichtig ist, durch die Bewegungen Himmel und Erde zu verbinden. Das hat nichts mit religiösen Vorstellungen zu tun. Ein Baum, der wächst, denkt ja auch nicht darüber nach, ob er Himmel und Erde verbindet, aber er tut es“, sagt Anders. Schon nach wenigen Minuten beginnen meine Schultern zu schmerzen. „Das, was jetzt Schmerz ist, wird durch kontinuierliches Üben später zur Energie.“ Die Vorstellung gefällt mir. „Der Blick geht über den Horizont, die Brust weitet sich“, erklärt der Meister. „Sie machen jetzt einen viel selbstbewussteren Eindruck“. Ich fühle mich auf neue Weise gestärkt und nehme mir fest vor, mich künftig vor wichtigen Terminen auf diese körperliche Art aufzurichten. „Wichtig ist, es, regelmäßig zu üben – zehn Minuten am Tag hat jeder.“

Ein großes Potential von Glück

Taiji im Mandarin Oriental New York mit Blick auf den Central Park
Taiji im Mandarin Oriental New York mit Blick auf den Central Park
Taiji ist weltweit stark im Kommen. Immer mehr Menschen entdecken die Faszination, die von den vorgegebenen Abläufen in Zeitlupe ausgeht, viele üben im Freien. Nicht nur in Chinas Stadtparks sieht man Gruppen von Menschen, die die langsamen und fließenden Bewegungen ausführen. In der Tat wird Taiji eine wahre Wunderwirkung auf die Gesundheit zugesprochen. Es festige die Knochen, stimuliere die Muskulatur, helfe gegen Migräne, Nervosität, Depressionen, Spannungskopfschmerzen, Rückenschmerzen sowie Verdauungsprobleme. Zudem scheint Taiji ein wahrer Jungbrunnen zu sein. „100-jährige Meister sind keine Seltenheit“, sagt Anders. Mittlerweile übernehmen viele Krankenkassen die Kosten für die Kurse. „Die Idee der Vorbeugung ist in China sehr verbreitet. Der Arzt wurde früher nur bezahlt, wenn der Patient gesund blieb“, erklärt Anders. „Durch Taiji lernen wir, uns natürlicher zu bewegen und verschleißfreier durchs Leben zu gehen. Dabei geht es darum, das, was wir mal konnten, neu zu erlernen. Kleine Kinder sind von Natur aus perfekte Taiji-Meister.“ Wer Taiji praktiziert, sucht aber meist mehr als Übungen, die ihn jung und fit halten. Das Chi, die Lebensenergie, soll ungehindert fließen können. Ohne die geistigen Prinzipien, die hinter den ritualgleichen Bewegungen stehen, wären sie wohl bloße Gymnastik. Häufig in sich versunken wie ein Kind beim Spiel, kann der Übende auch seelisch neue Kraft tanken. „Taiji ist eine Form von Heiterkeit“, fasst Frieder Anders zusammen. „Wenn man gelernt hat, bei sich zu bleiben und den Körper zu beleben, enthält das ein großes Potential von Glück.“

 

„Uns fehlt die Demut gegenüber dem Leben“

Der Schauspieler Ralf Bauer über Taiji als Lebenselixier, Aggressionshemmer und Anti-Depressivum

Schauspieler Ralf Bauer
Schauspieler Ralf Bauer

Du praktizierst seit über 10 Jahren Taiji – wie hat sich das auf dein Leben ausgewirkt?
Es ist immer sehr schwer zu sagen, was Taiji bewirkt, weil es ein schleichender Prozess ist. Im Nachhinein würde ich sagen, dass es mich ausgeglichener, konzentrierter und fitter gemacht hat. Wenn ich regelmäßig Taiji praktiziere, werde ich morgens auch ohne Wecker wach und fühle mich energiegeladen.

Es heißt, Taiji aktiviere unsere Lebensenergie, das Chi – wie lässt sich das verstehen?
Wenn wir eine tolle Nachricht bekommen, sind wir gut drauf, fühlen uns stark und voller Energie. Dieser Effekt kann auch durch ein regelmäßiges Training erreicht werden. Taiji hat vermutlich eine Wirkung auf das zentrale Nervensystem, das konnte die Wissenschaft bisher nur noch nicht so greifen. Einige bemerken einen Energieschub, andere werden ruhiger. In jedem Fall aktiviert das regelmäßige Üben der Bewegungsabläufe den Fluss der Lebensenergie. Die Lehre sagt, dort wo die Kanäle verstopft sind, entstehen Krankheiten. Wir schätzen unsere Gesundheit ja häufig erst, wenn wir krank geworden sind. Was uns oft fehlt, ist die Demut gegenüber dem Leben. Allein schon, dass wir ein Dach über dem Kopf haben und drei Mal am Tag etwas essen können, sollte uns dankbar machen. Taiji lehrt uns, auf uns zu achten und gleichzeitig demütig zu sein. Die Botschaft wird aber nicht nur vom Kopf übernommen, sondern auch vom Körper.

Beim Taiji geht es ja darum, die Angriffe des Gegners zu neutralisieren. Stehen die Übungen auch für einen friedlicheren Umgang miteinander?
Taiji war ursprünglich ein Kampfsport, aber im Grunde geht es darum, die Größe zu erreichen, der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Wie schon Bruce Lee sagte: „Der beste Kampf ist der, bevor es zum Kampf kommt, schon in der nächsten Bar zu hocken“. Bei Taiji ist die Konzentration nach Innen gelagert. Die Übungen haben fast etwas Meditatives, viele werden dadurch ruhiger und ausgeglichener. Taiji schärft auch unser Bewusstsein für den anderen. Gerade in heutigen Zeiten, in denen jeder die Ellenbogen einsetzt, sollten wir uns fragen: Wie wollen wir eigentlich miteinander umgehen?

Jetzt beginnt für viele die melancholische Jahreszeit. Inwieweit kann Taiji die Stimmung verbessern und sogar Depressionen vorbeugen?
Gedanken können sich zu einer quälenden Endlosschleife entwickeln. Viele Leute machen sich Sorgen, schon bevor es einen Anlass gibt. Die Beschäftigung mit dem Körper kann uns vom Kopf und den Alltagssorgen wegbringen, das ist bei vielen Sportarten der Fall. Beim Taiji werden durch die Bewegungsabläufe und die Konzentration auf den Atem depressive Verstimmungen abgeschwächt oder aufgelöst. Bei mir verlangsamen sich durch die Übungen die Gedanken und ich komme zur Ruhe. Mittlerweile habe ich eine äußere Mauer aufgebaut, an der vieles einfach abprallt.