Henrik Gockel vor dem Prime Time Fitness Westend
Henrik Gockel vor dem Prime Time Fitness Westend

Nicht nur wirtschaftliche Existenzen standen während des Lockdowns auf dem Spiel, auch die allgemeine Fitness litt unter der Corona-Bremse. Viele Studiobesucher verzichteten aufgrund der verordneten Beschränkungen auf ihr Training. Dies könnte auf Dauer Auswirkungen auf die Gesundheit haben, wie Henrik Gockel, seit 12 Jahren Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheit und seit über 30 Jahren in der Fitnessbranche tätig, dem Top Magazin im Interview erklärt. Der Gründer und Geschäftsführer von Prime Time Fitness mit zehn Studios in Hessen, Hamburg und München ist der Meinung: Fitnessstudios sind mehr als eine Freizeiteinrichtung, sie sind systemrelevant.

Herr Gockel, nach sieben Wochen Stillstand konnten Sie als einer der ersten Ihre Fitnessstudios in Frankfurt wieder in Betrieb nehmen. Wieso erfolgten die Lockerungen in Hessen so viel schneller als in anderen Bundesländern?
Zusammen mit Oliver Schwebel, dem Chef der Wirtschaftsförderung, habe ich ein Konzept entwickelt und eine „Elefantenrunde“ mit den Chefs der anderen Fitnessstudios sowie dem Hessischen Innenministerium organisiert. In einer Webkonferenz haben unsere konkreten Pläne und Ansichten überzeugt, insbesondere der Fakt, dass wir für rund 200.000 Frankfurter verantwortlich sind, die bei uns ihr Training absolvieren. Das sind über 25 Prozent der circa 750.000 Einwohner. Das „Go“ für die Wiedereröffnung am 15. Mai gab es dann von Ministerpräsident Volker Bouffier acht Tage zuvor, an einem Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Das war schon ein tolles Gefühl.

Henrik Gockel vor dem Prime Time Fitness Westend
Henrik Gockel vor dem Prime Time Fitness Westend

Wie lief dann der Tag der Wiedereröffnung ab?
Am Tag der Eröffnung war ich im Studio Westend vor Ort. Punkt sechs Uhr standen da bereits fünf Leute vor der Tür, das hat mich sehr gefreut. Ich wollte eigentlich nur so zwei, drei Stunden bleiben und ein paar Leute begrüßen, aber plötzlich war es Abend. Die Leute waren einfach total glücklich, haben sich gefreut und gesagt „Hey, es geht wieder los“ oder „Ja, endlich wieder in meinem zweiten Zuhause“. Ein Mitglied ist an diesem Tag sogar zweimal erschienen: morgens zum Krafttraining und abends zum Kardiotraining.

Insgesamt sechs Studios betreiben Sie in Frankfurt. Bemerken Sie aufgrund der kurzfristigen Schließung einen veränderten Fitnesszustand ihrer Mitglieder?
Bei Prime Time Fitness wird jedem Mitglied eine Körperanalyse angeboten, die sogenannte InBody-Messung. Dabei wird die Menge an Muskelmasse und Fettgewebe untersucht. Wir gehen davon aus, dass man einen signifikanten Vorher-Nachher-Effekt in dieser Zeit sehen wird: Kraft- und Muskelmasse ist verloren gegangen, Fettgewebe wurde dazu gewonnen. Interessant wird auch sein, im Nachhinein zu sehen, was langfristig für die größeren gesundheitlichen Auswirkungen verantwortlich ist: Das Virus oder die Schließung der Fitnessstudios. Letzteres halte ich für sehr wahrscheinlich, letztlich kann man – Stand jetzt – nur mutmaßen.

Eine gewagte These. Warum ist Sport so wichtig für die Gesundheit?
Der Stoffwechsel im Körper muss angeregt werden, sodass die „Maschine“ läuft und alle Bereiche des Körpers versorgt werden – und das geschieht durch zwei bis drei Mal die Woche Training. Aber Training ist nicht zu verwechseln mit Bewegung. Viele denken ja, ich geh spazieren und arbeite im Garten, das reicht auch. Ja, Bewegung ist gut für Kopf und Geist und verlangsamt den Abbauprozess von Muskeln, aber Training heißt Reize setzen, die eine körperliche und mentale Entwicklung hervorrufen und unsere Leistungsfähigkeit steigern. Unser Körper ist vergleichbar mit einem Automotor, den man jahrelang stehen lässt. Wenn du ihn nicht in Aktion bringst, dann geht er kaputt.

High-Tech-Kraftraining mit dem Milon-Zirkel im Prime Time Fitness Bornheim
High-Tech-Kraftraining mit dem Milon-Zirkel im Prime Time Fitness Bornheim

20 Jahre lang haben Sie immer wieder die Märkte analysiert und schließlich Prime Time Fitness entwickelt. Was ist Ihr Erfolgskonzept?
Training für den „Urban Performer“: Menschen, die genug Geld haben, aber zu wenig Zeit und die für den gesundheitlichen Ausgleich ein Personal Training absolvieren wollen. Wir haben von 6 bis 24 Uhr geöffnet, unsere Studios sind mitten in der City, die Geräte stehen alle auf einer Etage, alles ist kompakt auf 500 bis 800 Quadratmeter gehalten. Das Training soll wie der tägliche Einkauf ganz unspektakulär absolviert werden. Außer vielleicht im Maintower – beim Training auf 200 Metern Höhe bekommt der ein oder andere schon mal einen Rausch.

In Corona-Zeiten haben sich immer wieder bestimmte Berufe als systemrelevant hervorgetan. Welche Bedeutung sprechen Sie Fitnessstudios zu?
HG: Das ist eine Streitfrage: Sind beispielsweise Baumärkte systemrelevanter als Fitnessstudios? Prinzipiell sind sie es nicht, aber wenn die Leute „eingesperrt“ werden, dann müssen sie auch irgendwie beschäftigt werden. Grundsätzlich halte ich Training und Fitness für systemrelevant. Der Teil der Bevölkerung, der regelmäßig bei uns Sport macht, ist in einem 100 Prozent besseren Zustand als der Rest und auch seltener krank. Und ich kenne niemanden, der nicht nach dem Training besserer Laune ist als vorher. Das liegt auch am Ortswechsel, der wirkt positiv auf die Menschen. Aber es ging ja beim Lockdown darum, wo und wie kann man Kontakte vermeiden, deswegen konnte ich die sofortige Schließung Mitte März nachvollziehen – nur die Priorisierung der Maßnahmen erschloss sich mir nicht.

Wie geht’s nun weiter?
Im Moment tasten wir uns an unser normales Geschäft ran, mittlerweile haben wir ungefähr die Hälfte an Besuchern, die wir sonst zu Spitzenzeiten haben. Unsere Mitglieder sind überwiegend positiv gestimmt, 90 Prozent standen uns trotz Schließung loyal zur Seite. Das wissen wir von Prime Time Fitness sehr zu schätzen. Was unsere Arbeit angeht, hatte Corona zumindest einen positiven Effekt: Unser Trainerteam hat die Zeit genutzt und für diejenigen Home-Workouts entwickelt, die gerne Sport machen würden, aber zu wenig Zeit für einen Studio-
besuch haben. Das sind ganz einfache Übungen, die man auch im Sitzen machen kann und die wir Mitgliedern jetzt per Trainingsplan zur Verfügung stellen.

Was muss ich als Prime Time Fitness Mitglied bei einem Studiobesuch beachten?
In unserer App und auf der Homepage haben wir eine Auslastungsanzeige, so wissen unsere Mitglieder, wann es im Fitnessstudio voll ist und wann nicht. Was die ganzen Auflagen angeht, die in den Studios neu dazugekommen sind, wie Handtuchunterlagen, Hygienespender – haben wir alles vorher schon befolgt. Mein Mitgesellschafter hat, nachdem die Auflagen veröffentlicht wurden, angerufen und gefragt: „Henrik hast du die geschrieben? Das ist ja genau auf unser Konzept abgestimmt!“ Habe ich natürlich nicht, aber bei uns durfte man noch nie im Tanktop trainieren, bei uns gab es auch noch nie eine Getränkebar, eine Loungeecke oder ein Bistro und wir hatten schon immer Einzelkabinen zum Duschen. Gerade frisch renoviert. Das Credo von Prime Time Fitness ist: Wir wollen den Frankfurtern dabei helfen, gesund zu bleiben. Ich bin sehr froh, dass es weiter geht und die Einschränkungen, die wir hier haben, akzeptabel und vernünftig sind und dass die Mitglieder sich auch wirklich super dran halten.

Das Interview führte Laura Uebel.

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