Es klingt verlockend: Mit einem Minimum an Zeit und Aufwand soll beim EMS-Training das erreicht werden, was sonst nur über quälend viele Stunden Krafttraining möglich ist – ein straffer, schöner Körper. Mit einem Verbrauch von bis zu 600 Kilokalorien pro Trainingseinheit von nur 20 Minuten. Sportwissenschaftler erklären dieses unglaubliche Phänomen so: Bei konventionellem Training kann der Mensch nur etwa 70 Prozent der Muskelfasern willentlich anspannen, bei EMS hingegen erreicht man nahezu 100 Prozent. Dabei werden, im Gegensatz zum herkömmlichen Krafttraining, auch die tiefliegenden Muskelgruppen wie zum Beispiel die der Rückenmuskulatur aktiviert. Auf diese Weise, so die Theorie der EMS-Befürworter, baut man Kraft und Muskulatur auf und wird insgesamt leistungsfähiger.

Laut EMS-Befürwortern kann EMS schnell und effektiv zu einem durchtrainierten Körper verhelfen.
Laut EMS-Befürwortern kann EMS schnell und effektiv zu einem durchtrainierten Körper verhelfen.

Angenommen, das würde stimmen, wäre der Gang in die „Muckibude“ fortan eigentlich obsolet: Warum viel Zeit und Energie in etwas investieren, wenn es eine weit weniger mühsame Alternative gibt? Doch wie läuft eine solche Trainingsstunde eigentlich ab? Und was sagt die Medizin zu EMS?

Bei EMS müssen alle Muskelgruppen angespannt werden. Ein Trainer reguliert dabei die Stromzufuhr.
Bei EMS müssen alle Muskelgruppen angespannt werden. Ein Trainer reguliert dabei die Stromzufuhr.

Sportlich verkabelt – so läuft EMS ab
Jogginghose und Shirt können bei EMS getrost zuhause gelassen werden – die Trainingskleidung ist vorgegeben. Man schlüpft in schwarze enge Funktionswäsche, ähnlich einem Radler-Outfit. Danach wird eine Weste mit daran befestigten Kabeln angezogen und fest gezurrt. Um Oberarme und Oberschenkel schnallt der Trainer ebenfalls einen schmalen Gurt. Damit der Strom besser fließen kann, werden die in Weste und Gurten eingebauten Elektroden befeuchtet. In Strümpfen steht der Sportler anschließend auf einer weichen Matte vor einer Art Mischpult, an welches er mit seinen Kabeln angeschlossen wird. Über verschiedene Knöpfe reguliert dann der Trainer die Stromzufuhr für die einzelnen Muskelgruppen. Ein regelmäßig verabreichter, vier Sekunden dauernder Stromimpuls versetzt dabei alle Muskeln in Aktion. Währenddessen leuchten verschiedene Lämpchen am Mischpult auf. In der Phase des Stromflusses soll man den ganzen Körper anspannen. Nach vier Sekunden Entspannung beginnt das Ganze erneut. In diesem Rhythmus trainiert der Sportler 20 Minuten einige Übungen durch, immer unter den strengen Augen seines Trainers. Man merkt schnell, dass sich etwas tut. Ein Kribbeln durchfährt den ganzen Körper und man kämpft mehr und mehr gegen die Anspannung der eigenen Muskeln. Es sind einfache Bewegungsabläufe, die hier mit zunehmender Dauer des Trainings zu und gefordert hat. Das wird ihm auch ein paar Tage nach dem Training noch einmal bestätigt – mit einem beeindruckenden Muskelkater.

Strom – Gefahr oder Geheimtipp?

Das EMS Training kann alleine oder in der Gruppe stattfinden. Wichtig nur, dass ein erfahrener Trainer die Abläufe überwacht.
Das EMS Training kann alleine oder in der Gruppe stattfinden. Wichtig nur, dass ein erfahrener Trainer die Abläufe überwacht.

Finger weg von Strom, haben wir alle einmal von unseren Eltern gelernt. Strom ist gefährlich, bringt unser Herz aus dem Takt und schädigt vielleicht unsere Nerven. Kann denn dann so ein Sport mit Strom nicht auch schädlich sein? Von Seiten der Wissenschaft kommt hier ein klares Nein – im Gegenteil! Richtig angewendet, gilt EMS als eine neue, wirkungsvolle Methode, um schonend den Körper zu formen. An der Sporthochschule Köln (DSHS), der Uni Bayreuth und der Uni Nürnberg wurden Studien mit EMS durchgeführt, mit durchweg positiven Ergebnissen: Die Trainingsmethode sei absolut geeignet, um schnell und effektiv Muskeln aufzubauen. Zudem könne sie sogar Krankheiten vorbeugen, Verspannungen lösen, Rückenschmerzen lindern oder eine schlaffe Beckenbodenmuskulatur stärken. Günstige Effekte auf den Körper wurden auch 2010 in einer Studie festgestellt: Hier konnten Herzpatienten sowohl ihre Kraft als auch Ausdauer durch EMS-Training verbessern. Dies ist nur auf den ersten Blick überraschend, führt man sich vor Augen, dass das Prinzip des Belastens von Muskelgruppen mit Reizstrom aus der Reha kommt. Dort wird die Methode schon lange eingesetzt, etwa um nach Verletzungen Muskelschwund zu verhindern. Mitunter machen sich auch Spitzensportler den Strom zur Leistungssteigerung zunutze.

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Trotz dieser vielen Vorzüge von EMS gibt es auch Menschen, denen von der Ausübung des neuen Fitnesstrends abgeraten werden sollte. So dürfen Menschen mit einer akuten Erkrankung, Herzschrittmachern oder neurologischen Erkrankungen und auch Schwangere nicht unter Strom trainieren. Es gibt zudem einige wenige Fälle, in denen Teilnehmer erhebliche Probleme nach dem EMS-Training bekamen. Manche klagten über Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme und Krankheitsgefühle. Es wurden dann bei diesen Betroffenen im Blut erhöhte CK-Werte gemessen. Dieser CK-Wert ist ein Indikator für die Zerstörung von Muskelzellen. Denn bei massiver Überlastung der Muskulatur wie beispielsweise nach Leistungssport kann es zum Untergang von Muskelzellen kommen. Ab einem bestimmten Grenzwert bekommt die Niere dann Probleme, die Abbauprodukte der Muskeln auszuscheiden. Dies könnte im schlimmsten Fall dauerhafte Organschäden zur Folge haben. Allerdings steigen zum einen die CK-Werte nach dem Sport generell an, nur nicht ganz so signifikant, zum anderen sollte dieser Anstieg nach ein wenig Praxis, das heißt nach ein bis zwei Malen Training, auch deutlich geringer ausfallen. Um ganz sicher zu gehen, empfehlen Experten, das EMS-Training maximal zweimal pro Woche durchzuführen. Daneben ist vor allem bei EMS die Regeneration entscheidend, denn hohe CK-Werte haben auch mit Dehydrierung zu tun. Aus diesem Grund ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr bei EMS unerlässlich. Bei Fragen nach der Sicherheit des EMS-Trainings verweisen Experten darauf, dass sich die Methode in der Medizin, der Physiotherapie und im Spitzensport seit Jahren erfolgreich etabliert hat. Richtig genutzt und von erfahrenen, ausgebildeten Trainern angewendet, sei es eine ungefährliche und erfolgversprechende Trainingsmethode. Es ist daher unerlässlich, mit einem EMS-Trainer zu arbeiten, der mit der Methode gut vertraut ist und die Leistungsgrenzen des Teilnehmers rasch erkennt. Genauso wichtig ist aber auch, dass der Teilnehmer selbst auf seinen Körper hört und die Regulation der Strom- und Trainingsintensität nicht allein dem Trainer überlässt. Wie in jedem anderen Sport muss man auch hier seine eigenen Belastungsgrenzen erspüren und darf sich nicht überfordern.

Zukunft – Strom-Anzug nach Maß

EMS-Training auf dem Fahrrad - das könnt schon bald Realität werden! Einen entsprechenden Ganzkörperanzug hat ein Frankfurter Startup bereits entwickelt.
EMS-Training auf dem Fahrrad – das könnt schon bald Realität werden! Einen entsprechenden Ganzkörperanzug hat ein Frankfurter Startup bereits entwickelt.

EMS erobert seit Jahren unaufhaltsam den Fitnessbereich. Insbesondere in Großstädten, wo Berufstätige ihr Training schnell absolvieren möchten, wird diese Trainingsform immer beliebter. Neben zahlreichen Studios, die EMS-Training anbieten, gibt es inzwischen auch die Möglichkeit zu Hause, mit eigener Ausrüstung und Gerät zu trainieren. Es existieren auch schon Anzüge mit eingenähten Elektroden, so dass das lästige Anziehen von Gurten und Weste wegfällt. Diese Anzüge mit Elektroden werden schon jetzt hinsichtlich ihrer individuellen Passung stetig verbessert.

Die Zukunft wird vermutlich ein optimal auf den Sportler zugeschnittener Stromanzug sein, der von diesem selbst mit einem kabellosen Stromsystem über eine App gesteuert wird. Vielleicht sehen wir schon bald Jogger in solchen hautengen Stromanzügen an uns vorbeilaufen. Denn ein solcher ist bereits in Arbeit: Das Frankfurter Startup Wearable Life Science etwa plant, seinen Anzug noch Ende dieses Jahres auf den Markt zu bringen.