Cortison gegen Asthma und Allergien, Psychopharmaka gegen Depressionen, Antibiotika gegen bakterielle Infekte. Die Methoden der westlichen Schulmedizin sind sicher im ersten Moment effektiv, doch sind sie wirklich immer die einzige Alternative? Viel wichtiger noch: Können sie nachhaltig für eine bessere Gesundheit und mehr Wohlbefinden sorgen?

Dieser Frage lässt sich das Prinzip der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gegenüberstellen, die auf der jahrtausendealten Lehre von der Ganzheitlichkeit des menschlichen Körpers basiert. Von Natalie Rosini

Hier ist alles traditionell (bis auf die Registrierkasse): chinesische Apotheke in Singapur.
Hier ist alles traditionell (bis auf die Registrierkasse): chinesische Apotheke in Singapur.

Die Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin, wie wir sie heute kennen, wurden gemäß den traditionellen Schriften Chinas vor mehr als 2.000 Jahren gelegt. Allerdings gibt es historische Quellen, die ihre Wurzeln sogar bis 6.000 Jahre zurückverfolgen lassen. Im Grunde basiert die jahrtausendealte Lehre auf den traditionellen Ordnungsprinzipien der chinesischen Weltsicht: die Unterteilung in Yin und Yang…

Ohne Licht kein Schatten

Diese Unterteilung gründet auf der Tatsache, dass unsere Welt einem dualistischen System entspricht: Tag und Nacht, Ebbe und Flut, hell und dunkel und – auf den Menschen bezogen – glücklich und unglücklich, krank und gesund. „Diese Polaritäten bedingen sich gegenseitig“, erklärt Zen Meister Thich Thien Son, Abt der Pagode Phat Hue. Zu dem buddhistischen Kloster in Frankfurt gehört auch ein Gesundheitszentrum, in dem er uns empfängt, um uns einen Einblick in die Heilmethoden der TCM zu verschaffen. „Das eine Prinzip kann ohne das andere nicht existieren – ohne Licht kann es bekanntlich keinen Schatten geben, ohne Trauer zu kennen, kann man nicht wissen, was Freude ist.“

Zen Meister Thich Thien Son
Zen Meister Thich Thien Son

Das Yin-Yang-System ist Grundlage für das ganze Sein, das Tao, welches auf Gegensätzen, die klar zu unterscheiden sind, sich aber doch ergänzen, beruht. Yin und Yang stehen jeweils für ein anderes Geschlecht: Yin ist die weibliche Seite, Yang die männliche. „Yin ist seiner Natur nach passiv oder empfangend. Es kühlt, seine Bewegungsrichtung ist absteigend oder nach unten treibend. Es wird mit dem Mond und der Dunkelheit assoziiert. Yang hingegen ist aktiv und wärmend. Es steigt hoch, baut auf, treibt an. Es wird mit der Sonne und Helligkeit in Verbindung gebracht.“

In der chinesischen Medizin werden auch die Organe des menschlichen Körpers nach Yin und Yang unterteilt: Yin: Nährstoffe oder Energie speichernde Organe wie z.B. die Milz, Yang: Hohlorgane, die eine Verbindung nach außen herstellen können wie z.B. der Magen. Jedes Yin-Organ hat einen Yang-Partner. „Zu viel oder zu wenig Aktivität des einen Organs wirkt sich entsprechend auf die Funktionen des Partners aus.“ Zusammenfassend heißt das: Erkrankungen entstehen, wenn ein Ungleichgewicht des dynamischen Zusammenspiels zwischen Yin und Yang herrscht.

Das Qi muss fließen

Neben dem Yin-Yang-Prinzip basiert die TCM zudem auf der Annahme, dass der gesamte Körper von Energie-Leitbahnen, den sogenannten Meridianen, durchzogen ist. Diese sind nicht zu verwechseln mit Blutbahnen oder Nerven. Durch sie hindurch fließt das Qi, die Lebenskraft, die Energie und Nährstoffe zu den verschiedenen Organen transportiert.

Wenn man in der chinesischen Medizin von der Lunge oder der Leber spricht, ist damit nicht nur das Organ gemeint, sondern der damit zusammenhängende Meridian. Ist der Fluss des Qi gestört, blockiert oder läuft in die falsche Richtung, hat das Erkrankungen zur Folge. Zen Meister Thich Thien Son gibt uns ein Beispiel: „Qi-Blockaden äußern sich beispielsweise in Schmerzempfindungen wie Kopfweh oder Migräne. Ihnen kann man mit der Akupunktur beikommen. Bei vielen chronischen Erkrankungen ist jedoch die Kombination von Akupunktur und Kräuterbehandlung notwendig.“

Was neben Akupunktur und Heilkräutern noch in der TCM zum Einsatz gegen die verschiedensten akuten wie auch chronischen Erkrankungen zum Einsatz kommt und welche Rolle auch äußere Einflüsse spielen, erklärt uns der Abt im Folgenden.

Die fünf Säulen

Lehrtafel aus der traditionell buddhistischen Medizinschule im Kloster Wat Pho (Bangkok)
Lehrtafel aus der traditionell buddhistischen Medizinschule im Kloster Wat Pho (Bangkok)

Ganzheitlich wie die Betrachtung des Menschen in der TCM sind auch die Heilmethoden: Der Heiler muss fünf Disziplinen, die fünf Säulen, beherrschen und jeweils die richtigen Methoden zur Heilung einzeln oder in Kombination zum Einsatz bringen. Den meisten bekannt und mittlerweile auch weitestgehend anerkannt ist die Akupunktur. „Neben der Akupunktur gibt es noch die Moxibustion, die Arzneimitteltherapie, manuelle Therapien in Form von Massageanwendungen, Ernährung nach den fünf Elementen sowie Bewegungs- und Entspannungstherapien.“

Akupunktur

Bei der Akupunktur handelt es sich um eine Regulationstherapie: Über Nadelstiche werden bestimmte Punkte des Körpers stimuliert. Je nach Akupunkturpunkt und Stichtechnik kann der Energiefluss angeregt oder beruhigt werden.

Moxibustion

Bei der Moxibustion werden die Akupunkturpunkte mit brennenden „Moxa- Zigarren“ oder „Moxa-Boxen” erwärmt und dadurch aktiviert. „Es ist mittlerweile erwiesen und auch von der WHO bestätigt, dass sich Erkrankungen wie beispielsweise Allergien, Atemwegserkrankungen, Hautkrankheiten wie Neurodermitis oder auch Erkrankungen im Magen-Darmbereich sowie neurologische Erkrankungen wie Kopfschmerzen, Migräne, Hexenschuss und Lähmungen nach Schlaganfall erfolgreich behandeln lassen.

Und auch bei psychischen Erkrankungen wie Schlafstörungen, Essstörungen, Suchtkrankheiten und Depression, Herz-Kreislauferkrankungen sowie urologischen Krankheiten und Erkrankungen im Hals-Nasen-Ohrenbereich, beispielweise Tinnitus, erzielen wir im Gesundheitszentrum gute Erfolge.“

Dabei ist der Abt keineswegs ein Verfechter der TCM um jeden Preis. Er sieht in der Kombination von Schulmedizin, modernen Methoden und der traditionellen chinesischen Lehre ein großes Potential: „Patienten, die an Asthma leiden, kann man nicht von heute auf morgen mittels sanften TCM-Techniken wie Akupunktur und Kräutermedizin heilen. In einem solchen Fall sehen wir ein allmähliches Absetzen des Cortison- Sprays vor. TCM braucht Zeit.“

Die Lehre zum Selbstheilen

Traditionelle chinesische Arzneimittel bestehen hauptsächlich aus Kräutern und Pflanzenteilen, aber auch aus mineralischen und tierischen Stoffen. Vom Aussterben bedrohte Tiere werden von geprüften Herstellern allerdings schon lange nicht mehr verwendet.
Traditionelle chinesische Arzneimittel bestehen hauptsächlich aus Kräutern und Pflanzenteilen, aber auch aus mineralischen und tierischen Stoffen. Vom Aussterben bedrohte Tiere werden von geprüften Herstellern allerdings schon lange nicht mehr verwendet.

„Im Grunde konzentriert sich die TCM mehr auf Prävention als auf Heilung,“ erklärt der Zen Meister. „Deshalb gehören neben therapeutischen Maßnahmen wie Akupunktur oder Arzneimitteltherapie auch Entspannungsmaßnahmen wie Massagen sowie Bewegungs- und Ernährungslehre zum Heilungsspektrum.

Und auch die Lehren des Feng-Shui dürfen an dieser Stelle nicht vergessen werden, schließlich stehen wir stets unter dem Einfluss der Energien, die uns umgeben. Unser Ziel ist es, den Menschen beizubringen, auf ihren Körper zu hören und selbst gegen schädliche Einflüsse vorzugehen. Wir bringen ihnen bei, welchen Schlafrhythmus ihr Körper braucht, welche Ernährung die richtige ist, um Yin und Yang in Einklang zu bringen und das Qi richtig fließen zu lassen, und welche Form der Bewegung zu ihrem Typ passt. Im Grunde ist es ganz einfach. Zen- Schüler lernen sogar, selbst Diagnosen zu treffen, indem sie geschult werden, beispielweise den Zustand der Haut oder den Belag der Zunge nach TCM-Lehre richtig zu deuten.“

In der TCM sehen wir eine Krankheit wie einen Fremden, der in unser Haus kommt

Im Grunde ganz einfach? „Ja und nein“, gibt der Abt abschließend mit einem Lächeln zu. „In der heutigen Zeit kann man sich Einflüssen wie Stress, falscher Ernährung oder Bewegungsmangel oftmals nicht entziehen und viele glauben, ein bewusster Lebensstil sei zeitaufwändig und kompliziert. Eine schnelle Pille oder ein Antibiotikum, um schnell wieder fit zu sein, scheint vielen einfacher. Als Gegenargument bringe ich immer gerne folgenden Vergleich: In der TCM sehen wir eine Krankheit wie einen Fremden, der in unser Haus kommt. Wir finden heraus, ob er uns schaden will und bitten ihn zu gehen. Die westliche Schulmedizin schießt sofort auf den Fremden, ohne ihn zu identifizieren. Wenn er dann das nächste Mal kommt, ist er vorgewarnt und bewaffnet.“