Das Auto hat ausgedient. Jedenfalls in Amsterdam. In der „Stadt der Fahrräder“ sind über 60 Prozent der Menschen täglich mit dem Fahrrad unterwegs. So weit verbreitet ist die Affinität zum Radsport in der Bundesrepublik zwar noch nicht, aber auch hierzulande steigen immer mehr Menschen aufs Fahrrad um, vor allem in den deutschen Großstädten. 18 Prozent aller Frankfurter schwingen sich derzeit jeden Tag auf den Sattel. Und mehr sollen es werden, denn die Stadt plant, die im Alltag häufig genutzten Routen weiter zu verbessern und auszubauen. In Art und Grad der sportlichen Betätigung unterscheiden sich Deutschlands Radfahrer stark voneinander: Manch einer fährt täglich seine zwei Kilometer zur Arbeit, ein anderer zwanzig am Wochenende zur gemütlichen Gasthof-Einkehr und der Dritte absolviert ein Trainingsprogramm von 200 Kilometern wöchentlich. Es gibt die Querfeldein-, die Radrenn- und die Downhill-Fahrer. Bei fast allen Gruppen hat das Fahrrad einen im Vergleich zu früher höheren Stellenwert: Vom reinen Mittel der Fortbewegung ist es zum Lifestyle-Accessoire avanciert. Kaum einer, der noch mit einem alten klapprigen Drahtesel durch die Lande fährt – wenn schon alt, dann muss es ein Retro-Holland-Rad sein, in zeitlos elegantem Design. Oder eben hip: Der letzte Schrei auf dem Asphalt sind „Fixed Gear Bikes“, kurz „Fixies“, genannt. Räder, die leicht und schnell sind; Räder, an denen bis auf den Stahlrahmen so ungefähr alles fehlt. Sie verfügen weder über Bremsen noch Gangschaltung. Sie haben kein Licht, keine Klingel und keine Schutzbleche. Ein solches Sportgerät verlangt nach einem entsprechend abenteuerlustigen Nutzer. Wer es sich leisten kann, gönnt sich ein maßgeschneidertes Exemplar beim Fahrrad-Designer. Das Fahrrad wird zum Luxus-Gegenstand – zum neuen Statussymbol. Und teilweise sogar zur Komfortzone: Die Erfindung des E-Bikes, eines Fahrrads mit Elektromotor, revolutionierte die Fahrradwelt. Sie belebte die Lust aufs Radeln vor allem bei älteren Menschen. Aber auch Businessleute mit einer beruflich bedingten Abneigung gegen Schweißflecken auf der Kleidung freuten sich über den leichteren Tritt in die Pedale.

Charakterbildung auf Rädern

Profi-Radsportler John Degenkolb auf der Terrasse des Oosten
Profi-Radsportler John Degenkolb auf der Terrasse des Oosten
Neben einem eindrucksvollen Equipment beeindruckt der Radsport mit seinem äußerst erfolgreichen Personal. Wie Rennradprofi John Degenkolb. Der Wahl-Frankfurter hat mit seinen Frühjahrs-Siegen in den Eintages-Sprint-Klassikern Paris-Roubaix und Mailand-Sanremo Sportgeschichte geschrieben. Denn er ist erst der dritte Fahrer überhaupt, der jemals diese Kombination innerhalb eines Jahres für sich entscheiden konnte. Und der erste Deutsche seit 119 Jahren, der bei Paris-Roubaix triumphierte. Wer könnte besser beurteilen als er, was den Reiz des Radfahrens ausmacht? „Es prägt auf jeden Fall die Persönlichkeit“, sagt er, als er sich bei strahlendem Sonnenschein mit uns im Restaurant „Oosten“ trifft, angereist natürlich mit dem Rennrad. „Man kommt viel rum, man kommt viel raus, man lernt die Welt kennen: die Natur, die Stadt, in der man lebt.“ Die Liebe zum Radsport wurde bei dem gebürtigen Geraer von seinem Vater gefördert, der selbst zeitlebens Rennen fuhr. „Ich war ungefähr 9 oder 10 Jahre alt, als mein Vater mich fragte, ob ich an einem Rennen in der Gegend teilnehmen möchte“, erinnert sich Degenkolb. „Klar, habe ich gesagt, mir ein Rennrad ausgeliehen und mitgemacht. Und auf Anhieb gewonnen! Da hatte ich natürlich Blut geleckt.“ Zu merken, dass er richtig gut war im Rennradfahren, dass er alle anderen überflügeln konnte, das gab für Degenkolb den Ausschlag dafür, den Radsport zu mehr werden zu lassen als einem Hobby von vielen. „Als Kind habe ich daneben zunächst noch Fußball gespielt“, erzählt er, „Aber als das Radrennfahren an Bedeutung gewann und zunehmend mehr Zeit in Anspruch nahm, musste ich mich entscheiden.“ Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Wenn ich mir meine Performance im ZDF-Sportstudio so vor Augen führe, bei der ich beim Schießen auf die Torwand kläglich gescheitert bin, dann habe ich auf jeden Fall die richtige Wahl getroffen. Und eine schönere Belohnung für die Anstrengungen eines harten Trainings als solche Siege wie bei Paris-Roubaix einzufahren, kann ich mir nicht vorstellen.“ Degenkolb hofft, dass er mit seiner Karriere Jugendliche inspirieren kann, es ihm gleichzutun: „Es muss nicht immer Fußball sein. Radfahren ist ein so toller, vielseitiger Sport: Man kann sich unterhalten, man lässt die Eindrücke der Umgebung auf sich wirken und man tut darüber hinaus unheimlich viel für sein Orientierungsvermögen. Viele Heranwachsende finden sich ohne Google Maps doch heute gar nicht mehr zurecht. Da schafft das Fahrrad Abhilfe. Regelmäßig ein paar Touren und man kennt seine Region aus dem Effeff.“ In und um Frankfurt trainiert Degenkolb auf immer wechselnden Strecken. „Über Bockenheim feldeinwärts nach Eschborn und von dort in den Taunus – das ist zum Beispiel eine schöne, verkehrsberuhigte Route.“ Gibt es neben den vielen Vorzügen des Radrennfahrens auch unangenehme Seiten? „Natürlich“, nickt Degenkolb. „Als Profi opferst du ja wahnsinnig viel. Freunde und Familie müssen zeitlich enorm zurückstecken. Und wenn man mal feiern gehen möchte, ist auch das häufig nicht möglich. Aber das Gefühl, auf einem Feld der Beste zu sein, etwas zu erreichen, von dem man lange geträumt hat, das ist es definitiv wert.“

Radeln nach Zahlen

Mountainbike-Profi Tim Böhme fährt aktuell im Team 'Bulls'.
Mountainbike-Profi Tim Böhme fährt aktuell im Team ‚Bulls‘.
Sportlicher Ehrgeiz ist es auch, der Tim Böhme und seine Kunden auf den Sattel treibt. Aus dem Wunsch, die eigene Leistung zu verbessern, wird im „Radlabor“ des Mountainbike-Profis eine echte Wissenschaft. Hier wird vermessen, gewogen, gerechnet – was jetzt ist und was einmal sein soll. „Zu uns kommen überwiegend Männer, der Jedermann-Sportler wie der Weekend-Warrior. Sie alle eint ein Ziel: Sie wollen auf dem Rad ihr volles Potenzial ausschöpfen: ihre Rennzeit oder Ausdauer verbessern. Oder eine Gewichtsabnahme vorantreiben“, erzählt Böhme. Und da helfe nur eines: kontinuierliches und optimiertes Training. „Radfahren ist nun mal ein Ausdauersport“, erklärt er, „der lebt von der Wiederholung. Unsere Leistungsdiagnostik erlaubt es, einen objektiven Blick auf das Trainingsverhalten zu werfen. Um es dann effektiver zu gestalten.“ Seine eigene sportliche Laufbahn lässt keinen Zweifel, dass der 33-Jährige weiß, wie man das Maximum an Leistungsfähigkeit aus sich herausholt: Tim Böhme ist amtierender Deutscher Marathon-Meister und Profi beim „Team Bulls“. Sein Trainingsprogramm verlangt freilich ein extrem hohes Maß an Kampfgeist und Organisationsgrad. „Pro Woche fahre ich etwa 20 Stunden“, sagt er, „und ich arbeite ja auch noch hier mit. Natürlich brauche ich da ein gutes Zeitmanagement.“ Beim Training häufig an seiner Seite: John Degenkolb. „Zusammen sind wir auf einem qualitativ sehr guten Niveau. Wir motivieren uns auch gegenseitig. Und unterhalten uns beim Fahren. Immer alleine trainieren fände ich nicht so angenehm. Das wäre auf Dauer ziemlich monoton. Das ist ja das Tolle am Radsport: Man kann ihn in Gesellschaft machen.“

Stefan Zelle macht mit Geschäftspartner Tim Böhme den Leistungscheck am Ergometer.
Stefan Zelle macht mit Geschäftspartner Tim Böhme den Leistungscheck am Ergometer.
Böhme widmet sich im Radlabor, zusammen mit Geschäftspartner Stefan Zelle, nicht nur seinesgleichen. Hier wird genauso oft Radsportlern geholfen, die nicht professionell fahren. „Bei Jedermännern ab 40 Jahren können wir sehr viel erreichen.“ Allerdings: „Drei bis vier Trainingseinheiten – also sechs bis zehn Stunden – sollten es pro Woche schon sein“, sagt Böhme. Die beiden Leiter des Radlabors haben verschiedene diagnostische Methoden entwickelt, um die optimalen Parameter für das Training jedes Kunden zu ermitteln. Eine davon: die Sitzplatzanalyse. Hier werden Mensch und Maschine auf einer computergesteuerten, erhöhten Plattform vermessen. Anschließend wird das Rad auf die Rollen eines Rolltrainers gespannt. Stefan Zelle führt es an Tim Böhmes Rad vor. „Die meisten nutzen den Rolltrainer für ihr Training zuhause, falls richtig mieses Wetter ist“, erklärt er. Bei ihnen dient das Gerät einer dynamischen Soll-Ist-Analyse. Stefan Zelle lässt Tim Böhme auf dem Rad Platz nehmen. „Jetzt analysiere ich den Kniewinkel, die Sitzposition, die Haltung des Oberkörpers, und vergleiche das mit den errechneten Idealwerten.“ Er hält einen Winkel an Tim Böhmes Kniekehle: „112, 113 Grad. Das ist jetzt schon ziemlich perfekt.“ Leistungstests am Ergometer sind eine weitere Möglichkeit, den aktuellen Fitnessgrad zu analysieren. „Wir finden hierbei heraus, wie der Stoffwechsel des Kunden arbeitet. Bei einer Laktatanalyse beispielsweise sehen wir, wie belastbar er derzeit ist. Darauf aufbauend, verfassen wir individuelle Trainingspläne, um die vorhandene Leistungsfähigkeit Stück für Stück zu steigern“, erläutert Zelle.

Im Radlabor von Tim Böhme werden Kunden und Räder vermessen.
Im Radlabor von Tim Böhme werden Kunden und Räder vermessen.
Wer will, bekommt im Radlabor eine dauerhafte Trainer-Betreuung, um professionell begleitet durch das Sportjahr zu gehen. „Das Frühjahr bringt uns immer einiges an Kundschaft“, freut sich Tim Böhme. „Wenn der Sommer vor der Tür steht und das Wetter besser wird, raffen sich viele Menschen auf, nach der Devise: Jetzt gilt’s, jetzt muss ich was machen!“ So viele, dass Tim Böhme und Stefan Zelle keine Laufkundschaft mehr annehmen. Die zahlreichen Trainierwilligen müssen Termine ausmachen. „Wir haben im Moment etwa drei bis fünf Kunden pro Tag“, berichtet Zelle, „die Nachfrage hat definitiv in den vergangenen Jahren zugenommen.“ Böhme indes plant, sich aus dem operativen Geschäft mehr zurückzuziehen, um sich noch mehr auf sein Training fokussieren zu können. Im September möchte er seinen Titel verteidigen. Viele andere, kleinere Wettkämpfe ziehen sich zudem durch das ganze Jahr. Ist es nicht hart, immer volle Leistung bringen zu müssen? „Doch“, Böhme nickt, „aber die Erfolge pushen einen immer weiter. Radprofi zu sein ist ein Privileg. Ich durfte mein Hobby zum Beruf machen. Ich lerne viele neue Menschen kennen, komme durch die ganze Welt. Mountainbike-Fahren ist Abenteuer, ist das Erleben der Natur. Und das füllt mich aus.“