Viele Facetten

Rudolf Scharping ist seit 2005 Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer.
Rudolf Scharping ist seit 2005 Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer.
Als Verteidigungsminister bereiste Rudolf Scharping die Erde in Staatskarossen, seiner Begeisterung für die Fortbewegung mit dem Fahrrad tat dies nie einen Abbruch. Einst ein Repräsentant Deutschlands in der Welt, vertritt er seit 2005 erneut einen Teil des deutschen Volkes: die deutschen Fahrradfahrer. Wir besuchen den Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer in seinem Büro in der Schweizer Straße, wo er seit seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik als Geschäftsführer einer Beratungsgesellschaft arbeitet. Rudolf Scharping entdeckte früh seine Begeisterung für das Rennrad-Fahren: „Als ich 11 oder 12 Jahre alt war, habe ich mir mal das Rennrad eines Jungen aus der Nachbarschaft ausgeliehen. Da war mein Interesse geweckt.“ Doch da der ehemalige Bundeskanzlerkandidat auch im Fußball und der Leichtathletik aktiv war und „Räder nun mal teuer waren“, widmete er sich diesem Hobby erst mit 18 Jahren wieder. Und das durchaus ambitioniert: Es blieb nicht bei privaten Ausflügen. Rudolf Scharping nahm – auch während seiner Politkarriere – immer wieder an Jedermann-Rennen teil. Heute, mit 67 Jahren, zieht Rudolf Scharping entspannte Touren im Familien- oder Freundeskreis den Wettkämpfen vor. Anfang der 1990er Jahre hat er den „autofreien Sonntag im Mittelrheintal“ ins Leben gerufen, um Radfahrern und Inline-Skatern alljährlich am letzten Sonntag im Juni freie Fahrt auf den Durchgangsstraßen im romantischen Oberen Mittelrheintal zu ermöglichen. Auch er selbst ist auf der Radroute zwischen Bingen und Koblenz beziehungsweise Rüdesheim und Lahnstein besonders gerne unterwegs: „Am Bingener Mäuseturm bis hin zum Loreley-Felsen, das ist schon sehr schön. Sich dabei gut unterhalten und sich dann bei der Ankunft irgendwo gemütlich auf ein Glas Wein hinzusetzen – besser kann man es in seiner Freizeit nicht haben!“ Auch Deutschlands Nachbarländer erkundet Rudolf Scharping gerne auf zwei Rädern. So stellte er 1998 in einem Buch sechs Radtouren quer durch die schönsten Landschaften Frankreichs vor – immer den Spuren der Tour der France folgend, die er ein Jahr zuvor als Journalist begleitet hatte. Der Politiker kennt allerdings auch die Risiken des Radsports: 1996 stürzte er schwer, verbrachte mehrere Tage auf der Intensivstation. „Daraus habe ich gelernt: Ohne Helm zu fahren, ist zu riskant“, sagt Rudolf Scharping. Seine Liebe zum Radsport hat diese Erkenntnis nicht gemindert. „Es gibt so viele Motive, aus denen die Menschen Fahrrad fahren können: weil es gesund ist, weil es praktisch ist, weil es Spaß macht. Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Nach 15 Minuten auf dem Rennrad ist der Kopf frei!“

Das Fahrrad als Feind

Radeln bis zur Erschöpfung - Alex Urseanu am Ende einer langen Tour. Foto: privat
Radeln bis zur Erschöpfung – Alex Urseanu am Ende einer langen Tour. Foto: privat
So uneingeschränkt begeistert klingt Unternehmer Alex Urseanu nicht, als er uns im „Roomers“ von seiner Alpenüberquerung auf dem Mountainbike erzählt. Mit vier Freunden, drei davon routinierte Sportler, ist er im vergangenen Sommer zu einer siebentägigen Tour vom Tegern- zum Gardasee aufgebrochen. „Die Idee entstand ganz spontan“, erzählt er. „Wir waren ein Jahr zuvor in ähnlicher Konstellation in Tansania gewesen und wollten nun wieder etwas zusammen machen. Da tauchte dann dieser Gedanke auf und es klang nach einer tollen Herausforderung.“ Wie groß die war, das wurde Alex Urseanu erst während des Trips bewusst. „Wir haben in den Tagen mehr als 500 Kilometer und 15.000 Höhenmeter zurückgelegt. Das ist täglich mehrmals den Feldberg rauf und runter.“ So fühlte es sich auch an. Und der Hobbyradsportler geriet körperlich und psychisch an seine Grenzen: „Du schwitzt, du bist fertig, du willst aufhören, endlich raus aus diesen verdammten Klamotten. Das Fahrrad und der Berg sind deine Feinde“, erinnert er sich. „Es ist ein harter Kampf, den du führst: gegen die Natur, gegen dich, gegen deinen inneren Schweinehund und diese bohrende Frage im Hinterkopf: Warum tust du dir das bloß an?“ Die Antwort darauf bekam Urseanu jeden Tag – nach der Tour: „Dann fühlte es sich plötzlich grandios an. Dieser Triumph, eine solche Anstrengung gemeistert zu haben – da überströmt dich ein unheimliches Glücksgefühl. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich an den letzten Tag der Tour denke. Du weißt schon beim Aufstehen, dich trennen nur noch wenige Kilometer vom Ziel. Und dann, Stunden später, ist es soweit: Auf einmal siehst du den See vor dir und weißt, jetzt hast du es geschafft. Jetzt bist du endlich da. Alles fällt von dir ab. Ein fantastischer, erhabener Moment.“ Ob er eine solche Grenzerfahrung wiederholen würde? Alex Urseanu schüttelt spontan den Kopf: „Bestimmt nicht!“ Dann hält er inne, überlegt kurz: „Ach, doch, eigentlich schon – nur vielleicht ein bisschen entspannter.“

Der Weg ist das Ziel

So unterschiedlich die jeweiligen Geschichten von John Degenkolb, Tim Böhme, Rudolf Scharping und Alex Urseanu über ihre Beziehung zum Radsport sich zunächst anhören, eines ist ihnen allen gemeinsam: Es sind Geschichten darüber, wie das Fahrrad für Bewegung in ihrem Leben sorgte. Wie es die Karriere beflügelte, wie es einen wissenschaftlichen Ehrgeiz zu Tage förderte, wie es die Schaffenskraft belebte, wie es die Persönlichkeit stählte. Das Fahrrad bringt Menschen nicht nur von Ort zu Ort – es bringt sie weiter. „Mir ist es eingefallen, während ich Fahrrad fuhr“, soll Einstein über den Ursprung seines größten wissenschaftlichen Vermächtnisses – der Relativitätstheorie – gesagt haben. Ein Beispiel dafür, dass die Fahrradtour eines Menschen im besten Falle für das Fortkommen der ganzen Menschheit sorgt. Worauf warten Sie?

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