Wer durch die Läden der Pariser Galeries Lafayette flaniert, die endlosen Gänge des Bergdorf Goodman in New York entlangschlendert oder den Duft des süßen Lebens im KaDeWe atmet, kann es spüren: das pure Glück. Luxuriöse Warenhäuser sind ein Faszinosum mit magischer Anziehungskraft. Wir stellen die schönsten aller Shopping-Kathedralen vor und begeben uns auf eine historische Reise durch die goldenen Zeiten des Kaufrausches.
Von Annika John

Raschelndes Seidenpapier. Der Geruch von Leder. Herzklopfen. Oder: das Carrie-Gefühl, wenn sich der weiße Schuhkarton mit der schwarzen, leicht erhabenen Schrift langsam öffnet und ein Paar sündhaft teure Manolo Blahnik-Stilettos zum Vorschein kommt.

„Ich mag mein Geld genau da, wo ich es sehen kann. In meinem Kleiderschrank“, kommentierte die blonde Stilikone aus der Serie „Sex and the City“ einmal ihren Hang zu teuren Designerstücken, die sie am liebsten im New Yorker Shopping-Tempel Bergdorf Goodman erstand. Seit fast 90 Jahren gehört das noble Kaufhaus auf der 5th Avenue zu den besten Adressen der Stadt, wenn es um puren Luxus geht.

Das Bergdorf Goodman an der 5th Avenue in New York
Das Bergdorf Goodman an der 5th Avenue in New York

Die stille Sehnsucht

Nicht nur Carrie ließ sich von den pompösen Auslagen und prächtigen Fassaden immer wieder dazu hinreißen, die Kreditkarte glühen zu lassen. Die Geschichte vom unstillbaren Verlangen, von Übermaß und weiblicher Begierde nach den schönen Dingen, beginnt bereits viel früher.

„Wem die Frauen gehören, dem gehört die Welt.“ – Aristide Boucicaut

„Wem die Frauen gehören, dem gehört die Welt“, soll der französische Kaufmann Aristide Boucicaut, Begründer des weltweit ersten Kaufhauses „Bon Marché“, einmal gesagt haben. Wie er das am besten anstellte, wusste der Unternehmer genau. Er erfüllte ihre stille Sehnsucht nach Konsum, ganz unkompliziert, zwanglos und mit einem überwältigenden Warenangebot.

Doch von vorne. 1829 zieht es den jungen Boucicaut, Sohn eines Hutmachers, aus der Normandie nach Paris, wo er seinen Lohn zunächst als Angestellter in einem kleinen Laden für Schnitt- und Kurzwaren verdient. Einkaufen. Das bedeutet zu dieser Zeit, verschiedene Fachgeschäfte zu besuchen, um Preise zu feilschen und von der Beratung der Verkäufer abhängig zu sein.

Als Boucicaut 1848 zum Teilhaber eines kleinen Pariser Modegeschäfts, dem „Au Bon Marché“ wird, hat er eine zündende Idee. Um den Umsatz durch höhere Nachfrage zu steigern, senkt er die Preise, beschleunigt den Lagerumschlag und sorgt so nicht nur dafür, dass er mit der Strategie dem Namen des Geschäfts – „Bon Marché“, also „preiswert“ – gerecht wird, sondern auch die Margen bedeutend steigert.

Revolution des Konsums

Es dauert nicht lange, und der Jahresumsatz des Warenhauses steigt von 450.000 auf beträchtliche 7.000.000 Franc an. Paul Videau, der Teilhaber Boucicauts, bekommt es mit der Angst zu tun. Ihm sind die ehrgeizigen Ziele seines Partners nicht geheuer. Kurzum verkauft er ihm seine Anteile und zieht sich aus dem Geschäft zurück.

Nun ist der Weg frei für Boucicauts kühne Vision. Den Bau eines „grand magasin“, eines monumentalen Kaufhauses. Dort sollen nicht mehr nur Textilien angeboten werden, sondern auch Haushaltswaren, Schreibutensilien, Möbel und Kosmetikprodukte.

Das Kaufhaus 'Le Bon Marché' im Jahre 1892
Das Kaufhaus ‚Le Bon Marché‘ im Jahre 1892

Der französische Geschäftsmann befindet, auch die Architektur müsse einem Wagnis wie diesem gerecht werden. Er beauftragt den bis dahin unbekannten Ingenieur Gustave Eiffel, der später durch den Bau des gleichnamigen Turms Weltruhm erlangen wird, mit dem Bau eines revolutionären Einkaufstempels.

Freitragende Treppen, opulente Bögen und Podeste, majestätische Glasdächer, kurzum eine elegante und zugleich schwerelose Architektur zeichnet die neue Kathedrale des Kaufrauschs aus. Hinter der klassizistischen Fassade verbirgt sich eine neuartige Eisenkonstruktion, mit der in bislang unerreichte Höhen und Breiten gebaut werden kann.

Doch nicht nur die Architektur ist ein Novum. Aristide Boucicaut revolutioniert mit dem Bon Marché, das inmitten des Intellektuellenviertels Saint-Germain-des-Près liegt, die bisherigen Grundregeln des Handels. Der Eintritt ist frei, die Möglichkeiten grenzenlos.

Es gibt keinen Kaufzwang, die Waren können nach Lust und Laune angefasst und anprobiert werden, das Credo „Der Kunde ist König“ wird im Bon Marché konsequent gelebt. Nicht zuletzt bedingt durch die neue Serviceleistung „Satisfait ou remboursé“ – zufrieden oder Geld zurück – strömt ganz Paris herbei, um sich an dem schier unendlichen Warenangebot zu ergötzen.

Der Handel mit Begierden

Insbesondere auf das weibliche Geschlecht hat die Metamorphose des Kaufpalasts eine magische Wirkung. Konsumieren wird fortan zum neuen Zeitvertreib, das Bon Marché zum beliebten Treffpunkt für die stilbewusste Bourgeoisie. Davon zeigt sich Émile Zola, französischer Schriftsteller und Journalist, tief beeindruckt.

Octave Mourets Verkaufsstrategie - die Sinne der Damen mit galanten Aufmerksamkeiten benebeln
Octave Mourets Verkaufsstrategie – die Sinne der Damen mit galanten Aufmerksamkeiten benebeln

Den Roman „Das Paradies der Damen“, erschienen 1833, widmet er dem Bon Marché, seinen Besucherinnen, aber auch Aristide Boucicaut, der ihm als Vorbild für die Figur des Protagonisten Octave Mouret dient. Über den findigen Kaufmann und seine Verkaufsstrategie schreibt Zola: „Mouret hatte nur eine einzige Leidenschaft: sich die Frau zu unterwerfen.

Er wollte, dass sie in seinem Hause Herrscherin sei, er hatte ihr diesen Tempel erbaut, um sie dort in seiner Gewalt zu haben. Seine ganze Taktik bestand darin, sie mit galanten Aufmerksamkeiten zu benebeln, einen schimpflichen Handel mit ihren Begierden zu treiben, die Verwirrung ihrer Sinne auszunutzen.“

Siegeszug der Konsum-Tempel

Von Paris aus tritt das Warenhaus seinen Siegeszug an. 1874 eröffnet das Kaufhaus Printemps, wenig später die Galeries Lafayette, es folgen das Harrods, Bloomingdale’s und Macy’s. Ob in Europa oder Amerika, London oder New York. Das Bon Marché hatte den bisherigen 
Einzelhandel revolutioniert und eine Ära des Massenkonsums eingeleitet.

„Wat Lage ist, bestimme icke.“ – Adolf Jandorf

In Deutschland sind es schließlich die jüdischen Kaufleute Georg Wertheim und Leonhard Tietz, die in der Hansestadt Stralsund die ersten Kaufhäuser nach dem Vorbild des Bon Marché errichten. Doch erst das Berliner Kaufhaus Leipziger Straße, das 1897 mit einem großen Festakt eröffnet wurde, steht dem französischen Vorbild in nichts mehr nach. 3.300 Angestellte beschäftigt Wertheim in dem Einkaufstempel, der bis 1912 zu Europas größtem Warenhaus ausgebaut wird.

Das KaDeWe an der Tauentzienstraße bei Nacht
Das KaDeWe an der Tauentzienstraße bei Nacht

Doch das Kaufhaus des Westens, 1907 von Johann Emil Schaudt für Adolf Jandorf erbaut, kann den Wertheim-Bau noch übertrumpfen. Obwohl Jandorf von seiner Konkurrenz
verspottet wird, da das KaDeWe abseits der frequentierten Stadtmitte liegt, geht sein Konzept auf. Fünf Etagen, lichtdurchflutete Höfe, glamouröse Hallen, eine opulente Feinschmeckerabteilung, Schmuck, Pelze, Parfüm und Textilien. „Wat Lage ist, bestimme icke“, soll der Berliner Kaufmann später süffisant gesagt haben.

„Burn, Warehouse, burn“

Es folgen turbulente Zeiten. Das Ende der Weimarer Republik und der anschließende Bombenkrieg setzen den deutschen Prachtbauten und der Kaufkraft ihrer Kunden stark zu. Erst mit dem Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre wird die Nachfrage erneut angekurbelt, was in den 60ern bei kapitalismuskritischen Revoluzzern wie Andreas Baader und seiner Entourage großen Widerstand entfacht.

Zwei Frankfurter Kaufhäuser werden von den Linksterroristen in Brand gesetzt, „Burn, Warehouse, burn“, so die Parole der Berliner Kommune I. Auch in den folgenden Jahren haben die Luxustempel keinen leichten Stand. Günstige Modeketten machen das Kaufhaus in den 80er-Jahren gerade für die junge Zielgruppe zunehmend unattraktiver.

Ungebrochener Enthusiasmus

Heute wird ersichtlich, dass der Enthusiasmus für luxuriöse Einkaufstempel nach wie vor ungebrochen ist. Das KaDeWe gehört wie in den Goldenen Zwanziger Jahren zu den nobelsten Shopping-Adressen der Hauptstadt. Das Bon Marché steht noch immer für den exklusiven Geschmack à la française. Und auch in Asien sprießen derzeit unzählige opulente Kaufhauspaläste aus dem Boden.

Trotz wirtschaftlicher Krisen und starker Konkurrenz: Das Kaufhaus ist bis heute ein symbolträchtiger Ort geblieben, das die menschliche Sehnsucht nach dem Schönen, Glamourösen und Einzigartigen erfüllt. Schon Carrie wusste: Glückshormone und volle Einkaufstüten sind ein Traumpaar für die Ewigkeit.


Galeries Lafayette, Paris

Eine gläserne Jugendstil-Kuppel wölbt sich in 43 Metern Höhe über die prächtigen Galerien des 1912 erbauten Einkaufspalastes. Dreißig Millionen Besucher im Jahr und über 100.000 am Tag soll das Kaufhaus am Pariser Boulevard Haussmann zählen.

Die Galeries Lafayette in Paris bei Nacht
Die Galeries Lafayette in Paris bei Nacht

Im Erdgeschoss erstreckt sich eine weitläufige Parfüm- und Kosmetikabteilung. In den verschiedenen Abteilungen – den Rayons – finden sich von Haute Couture bis Pret-à-Porter die neusten Modekollektionen, aber auch kleine Kunstausstellungen oder eine Bordeauthèque, in der über 1.500 Bordeaux-Weine verkostet werden können.

KaDeWe, Berlin

Das Kaufhaus des Westens, 1907 von Adolf Jandorf in Berlin Schöneberg gegründet, hat eine bewegte Vergangenheit. Unzählige Male wurde der Einkaufstempel umgebaut, sieben Mal wechselte sein Mutter-Konzern. Nach dem Zweiten Weltkrieg brannte das Kaufhaus schließlich komplett aus.

Das KaDeWe (Kaufhaus des Westens) in Berlin
Das KaDeWe (Kaufhaus des Westens) in Berlin

Heute verfügt das restaurierte KaDeWe über 60.000 m2 Verkaufsfläche auf sieben Etagen, darunter ein Luxusboulevard, ein Kreativmarkt und mehrere Mode-, Schmuck- und Kosmetikabteilungen. Berühmt ist das Kaufhaus auch wegen seiner Delikatessen-Etage. Mit 34.000 Produkten, 7.000 Quadratmetern und 500 Angestellten ist sie die größte Feinkostabteilung Europas.

Harrods, London

Das Harrods in London
Das Harrods in London

Das Harrods London gehört zu den exklusivsten Kaufhäusern der Welt. 1834 gegründet, ist der siebenstöckige, im Jugendstil gehaltene Prachtbau mit 300 Abteilungen auf 90.000 Quadratmetern Verkaufsfläche auch heute noch ein begehrtes Einkaufsparadies.

5.000 Mitarbeiter kümmern sich um die rund 300.000 Kunden, die an Spitzentagen zwischen Mode, Schmuck, Designermöbeln, Feinkostauslagen oder Spielwaren durch den Shopping-Tempel flanieren. Besonders schön präsentiert sich das Kaufhaus nach Anbruch der Dunkelheit. 12.000 Lampen beleuchten die prächtige Fassade, bis zu 300 Birnen müssen täglich ausgewechselt werden.

GUM, Moskau

Mitten im Zentrum der russischen Hauptstadt, am Roten Platz, thront das Kaufhaus GUM. Nicht nur architektonisch beeindruckt der 1893 errichtete Prachtbau. Auch die über 200 Nobelboutiquen, von Schmuck über Mode bis hin zu Parfum, umgarnen die Sinne seiner Besucher.

Das GUM in Moskau
Das GUM in Moskau

Rund 30.000 Kunden strömen täglich durch die drei Arkaden, die durch zahlreiche Quergänge miteinander verbunden sind und von einer weitläufigen Glaskonstruktion überspannt werden. Die typisch russische, neoklassizistische Architektur macht den prunkvollen Einkaufstempel auch für weniger zahlungskräftige Besucher zu einem Hotspot.

Central Embassy, Bangkok

Die Central Embassy in Bangkok
Die Central Embassy in Bangkok

Seit 2014 ist die thailändische Hauptstadt Bangkok um ein Kaufhaus der Superlative reicher. Die futuristische Central Embassy Shopping Mall erstreckt sich auf atemberaubenden 144.000 Quadratmeter in den Himmel; eine Rekordinvestitionssumme von 18 Billionen Baht (über 900 Millionen Euro) wurde für den Wolkenkratzer ausgegeben.

Die Mall fügt sich in das Portfolio der „Central Group“, zu der auch das KaDeWe, das Alsterhaus in Hamburg und das Münchener Oberpollinger gehören. Sie beherbergt nicht nur Luxus-Shops, sondern auch Performance-Bühnen, Ausstellungen, Restaurants, ein Kino und ein Fünfsternehotel. Sanuk (Spaß) und Sabai (Komfort) stehen hier im Fokus.

Lane Crawford, Hongkong

Das Lane Crawford verfügt über das größte Sortiment an Designermode in ganz China. 1850 von den Schotten Thomas Ash Lane und Ninian Crawford gegründet, avancierte das Kaufhaus im Laufe der Zeit zur ersten Adresse für exklusive Kleidung, Accessoires, Designer-Küchengeräte, Geschirr und Spielwaren.

Das Lane Crawford in Hongkong
Das Lane Crawford in Hongkong

Insbesondere gute betuchte Angehörige britischer Soldaten und deren Familien konnten sich zur Kolonialzeit den kostspieligen Einkaufsbummel leisten. Auch heute gilt das Lane Crawford in China noch als Vorreiter. 2011 lancierte das Kaufhaus parallel zum stationären Handel einen Onlineshop und war damit landesweit das erste Warenhaus, das sich auf ein solches Wagnis einließ. Ein heißer Tipp übrigens für Fans asiatischer Marken, die in Europa nur schwer erhältlich sind.

Bergdorf Goodman, New York City

Hier, auf der noblen Fifth Avenue in New York, überzog Carrie aus der Serie „Sex and the City“ ihre Kreditkarten am liebsten. Im Stammsitz des Kaufhauses wird seit 1990 auf neun Stockwerken nur noch Damenbekleidung verkauft, die 80 Prozent des gesamten Umsatzes ausmacht.

Das Bergdorf Goodman an der Fifth Avenue
Das Bergdorf Goodman an der Fifth Avenue

Ob in den Shop-in-Shops von Chanel, Zac Posen und Alexander Mc Queen oder im Shoe Salon, der u.a. Christian Louboutin, Manolo Blahnik oder Jimmy Choo führt – das Kaufhaus ist ein grenzenloses Mekka für Fashionistas.

Wer es besonders exklusiv mag, kann sich im vierten Stock einen Personal-Shopper buchen oder nach dem Kaufrausch in die Sessel von Schönheitsguru John Barrett sinken. 500 Dollar kostet eine Behandlung beim Chef persönlich.


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