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Frauen in der Finanzbranche: Wie junge Talente in Frankfurt an die Spitze kommen

Je mehr Karrieresprossen Frauen in der Finanzwirtschaft emporklettern, desto einsamer wird es um sie. So war es lange, doch der Anteil weiblicher Führungskräfte steigt. Und Frauen fördern weitere Frauen. Sie sorgen dank ihrer Netzwerke dafür, dass junge engagierte Talente nachfolgen, machen aber auch deutlich, dass Netzwerke nicht alles sind.

Frauen in der Finanzbranche: Karrierestart in Frankfurt

Kim-Sophie Renker sitzt in ihrer Patagonia-Weste über der weißen Bluse im Foyer der Frankfurt School of Finance & Management. Bequem soll die Kleidung sein und doch braucht die Studentin nur die Weste auszuziehen und ist jederzeit dafür gerüstet, mit Vertretern einer Bank oder Finanzinstitution zu sprechen. Renker ist im sechsten Semester und macht demnächst ihren Bachelor in Business Administration. Sie ist eines der jungen Talente, das in Frankfurt Karriere machen möchte.

Die Leipzigerin hat sich die private Hochschule am Main bewusst ausgesucht als ersten Schritt dazu. „Frankfurt ist die Finanzhauptstadt, hier hat man die besten Chancen“, sagt sie. Um sich ihr Studium zu finanzieren, gründete sie ein eigenes Unternehmen. Mit ihrer 24hours Agency vermittelt sie Influencer für Werbeverträge an Unternehmen und verhandelt dafür auch mit Banken und NGOs. „Zu Beginn meines Studiums hatte ich nur Rücklagen für ein Semester und ein paar Monate“, erzählt sie. Heute hat die 23-Jährige bereits sechs Mitarbeiterinnen und ein Büro im Tower 185 mit Blick auf die Frankfurter Skyline.

Eigeninitiative und Hochschul-Netzwerke als Erfolgsfaktor

Doch sie verlässt sich nicht ausschließlich auf das Renommee der Hochschule und ihre Firma. Kim-Sophie Renker ist auch eine große Netzwerkerin. Schon im ersten Semester trat sie an der Frankfurt School der Initiative „FS Entrepreneurship“ bei und stellte sie gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Felix Brosius kurzerhand auf neue Beine. Sie entwickelten sie vom Start-up-Netzwerk zu einer Initiative, die die unterschiedlichsten Gesprächspartner zum Thema Unternehmertum einlädt – ob das Vertreter von Goldman Sachs, ein Vorstand von J.P. Morgan oder sogar Ex-Finanzminister Christian Lindner sind. „Wir wurden schnell eine der Top-Initiativen an der Hochschule“, erzählt sie und verrät, dass sie die Banken und auch den ehemaligen Minister einfach angeschrieben habe. „Man braucht nur eine gute Story.“

„Viele der Studierenden hier sind gleich, sie tragen weißes Hemd und Patagonia-Weste, haben drei Praktika gemacht. Aber was unterscheidet sie von ihren Konkurrenten?“

Kim-Sophie Renker

Etwas Besonderes leisten, herausstechen, das sind Eigenschaften, die für sie Voraussetzungen für den Erfolg sind. „Viele der Studierenden hier sind gleich, sie tragen weißes Hemd und Patagonia-Weste, haben drei Praktika gemacht. Aber was unterscheidet sie von ihren Konkurrenten?“ Kim-Sophie Renker will sich unterscheiden. Sie denkt groß. Bei den Karrieretagen an der Hochschule, die sie mit ihrem Kommilitonen organisierte, präsentierten sich Unternehmen wie BlackRock und die UN. Sie verkauften im ersten Jahr rund 600 Tickets an die Studierenden, veranstalteten Workshops und sogar ein Dinner. „Viele meiner Kommilitonen haben dadurch Praktikumsstellen angeboten bekommen“, stellt sie fest und hat schon neue Pläne: In diesem Jahr soll das Event noch besser und relevanter werden. Auch ein exklusives Zukunftsforum in Baden-Baden, wo sie Leader und junge Leute zusammenbringen möchte, ist bereits geplant.

Weibliche Führungskräfte fördern junge Talente aktiv

Dr. Ingrid Hengster, die Deutschlandchefin der Barclays Bank, war ebenfalls schon zu Gast bei Renkers Veranstaltungen. Sie ist eine der weiblichen Führungspersönlichkeiten in Frankfurt, die heute jüngere Frauen unterstützen. Netzwerke seien neben der persönlichen Weiterentwicklung ein weiterer wichtiger Baustein für die Karriere, stellt sie fest. „Die Kontakte, die mir am meisten geholfen haben, habe ich meist in gemeinsamen Projekten geknüpft – ob im beruflichen Umfeld oder im gesellschaftlichen Engagement. Durch erfolgreiche praktische Zusammenarbeit sind besonders vertrauensvolle Beziehungen entstanden, die bis heute andauern.“

Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba, vor der Frankfurter Skyline in der Abenddämmerung.
Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba (Landesbank Hessen-Thüringen), gibt ihre Erfahrung gerne an Jüngere weiter.

Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba (Landesbank Hessen-Thüringen), gibt ebenfalls gerne ihre Ideen weiter, um Jüngere zu inspirieren. Die meisten Banken bieten Mentoringprogramme und Netzwerke an, mal speziell für Frauen, mal für alle Geschlechter. Traud ist derzeit Mentorin einer jungen Angestellten der Helaba, die sie seit eineinhalb Jahren betreut. „Ich finde es toll zu sehen, wie engagiert sie ist und wie sie sich entwickelt.“

In der Landesbank gibt es neben individueller Förderung gleich mehrere Mentoring-Programme, darunter eines, für das sich konzernweit viele Top-Führungskräfte als Mentoren zur Verfügung stellen, um Mitarbeitende der höheren Ebenen zu unterstützen. „Die Frauenquote dabei liegt bei mindestens 50 Prozent“, bestätigt Füsun Yildiz vom Helaba-Talentmanagement. Das landesbankinterne Mentoring-Programm stehe dagegen allen offen. „Ich empfehle es vor allem Frauen, die ja manchmal eher jemanden brauchen, der ihnen Mut macht.“

Mentoring für Frauen: Ehrliches Feedback als Treiber

Auch Sükriya Aclan, Leiterin des Wealth Management der UBS in Deutschland, macht sich für junge aufstrebende Frauen stark. Sara Bauer ist eine von ihnen. Sie ist bereits einige Schritte weiter als Kim-Sophie Renker. Die Frankfurterin hat in den USA ihren Bachelor – und bei der UBS Deutschland berufsbegleitend an der Frankfurt School of Finance & Management ihren Masterabschluss gemacht. Seit fünf Jahren arbeitet sie fest für die Bank, aktuell als Kundenberaterin im Wealth Management.

Sara Bauer und ihre Mentorin Sükriya Aclan von der UBS Deutschland stehen gemeinsam vor den Hochhäusern der Frankfurter Skyline.
Erfolgreiches Mentoring: Kundenberaterin Sara Bauer (links) mit ihrer Mentorin Sükriya Aclan, Leiterin Wealth Management der UBS in Deutschland.

Dass sie ausgerechnet dort landete, hat sie auch Sükriya Aclan zu verdanken. Sie lernte diese schon 2019 kennen, da war Bauer noch Praktikantin im Business-Management-Team, Sükriya Aclan wenige Monate zuvor als neue Leiterin der Region Mitte zur UBS gekommen. Bauer suchte aktiv das Gespräch – ein Engagement, das Aclan positiv auffiel. Kurz darauf übernahm Bauer ein Sonderprojekt für sie, zusätzlich zum Praktikum.

Als Sara Bauer später am Mentoring-Programm der Bank teilnehmen wollte, wandte sie sich wieder an Sükriya Aclan. „Seitdem ist sie meine Mentorin und ein großes Vorbild. Sie fordert und fördert zugleich, gibt ehrliches und direktes Feedback und spricht auch unbequeme Wahrheiten aus. Gerade diese Mischung aus Unterstützung und klaren Erwartungen hat mich persönlich und beruflich stark weitergebracht“, stellt sie fest.

Vorbilder im Bankenwesen: Fördern durch aktives Vorleben

Sükriya Aclan fördert gezielt junge Talente, insbesondere Frauen, und legt großen Wert auf ehrliches Feedback: „Gerade Frauen neigen dazu, sich zu unterschätzen. Ich spreche offen an, wenn sie zu zurückhaltend auftreten, und unterstütze sie, wenn sie Engagement zeigen.“ Derzeit ist sie im Unternehmen Mentorin für sechs junge Mitarbeiter, die sie durch regelmäßigen Austausch auf ihrem individuellen Karriereweg unterstützt. Vier von ihnen sind Frauen. Die UBS fördere global Frauen in Führungsrollen, stellt die Bankerin fest, gleichzeitig bestehe noch weiteres Entwicklungspotenzial.

„Gerade Frauen neigen dazu, sich zu unterschätzen. Ich spreche offen an, wenn sie zu zurückhaltend auftreten, und unterstütze sie, wenn sie Engagement zeigen.“

Sükriya Aclan, UBS

Aclan, die ihre Karriere bei der Dresdner Bank in Norddeutschland begann und als Bankfachwirtin, Betriebswirtin und Inhaberin der CFEP-Zertifizierung der Frankfurt School of Finance mehr als 30 Jahre Berufserfahrung mitbringt, möchte insbesondere jungen Frauen als Vorbild dienen und sie ermutigen, ihren Karriereweg selbstbewusst zu gestalten und ihre Ziele nie aus den Augen zu verlieren. Als wertvolle Unterstützung dazu sieht sie Netzwerke, etwa durch interne Kontakte, Hochschulen oder Wirtschaftsclubs. „Sie helfen, die eigene Position zu stärken und sich weiterzuentwickeln.“

Karriere in der Finanzwirtschaft: Strategisches Netzwerken

Viele der aufstrebenden jungen Frauen haben längst erkannt, dass das Netzwerken in der Branche wichtig ist. Sara Bauer schätzte zum Beispiel die Programme der Frankfurt School of Finance & Management für den Berufseinstieg. „Durch den Aufbau des Studiums hat man früh intensiven Kontakt zu verschiedenen Finanzinstituten und lernt viele Ansprechpartner kennen – was bei der späteren Berufsauswahl sehr hilfreich war“, sagt sie.

Die Helaba-Chefvolkswirtin Dr. Gertrud R. Traud ergänzt, dass auch Menschen aus dem eigenen Umfeld im Unternehmen, die mitdenken oder Gelegenheiten sehen, ein wichtiges Netzwerk seien. Sie hätte ihre aktuelle Stelle nicht, wenn nicht eine Kollegin ihr damals gesagt hätte: Du musst dich bewerben. Darüber hinaus gebe es bei der Helaba ein sehr aktives internes Frauennetzwerk.

Katharina Taczek, Direktorin im Private Banking der Liechtensteinischen Landesbank AG in Frankfurt, berichtet davon, dass sie auf dem Weg in die Direktionsrolle stets aktiv Netzwerke genutzt habe, nicht nur interne, sondern vor allem externe. „Sie haben dazu geführt, dass ich potenzielle Kunden kennengelernt habe und dadurch im Job sichtbar mehr Leistung bringen konnte.“

Spezielle Frauennetzwerke wie „Women in Finance“, „Frauen mit Format“, die „Fintech Ladies“ oder für internationale Führungskräfte „100 Women in Finance“ kamen vor rund 10 Jahren auf. Manche existieren bis heute, andere sind, auch durch den Corona-Einschnitt, nicht mehr aktiv. Das dürfte ebenfalls ein Hinweis darauf sein, dass mehr Frauen in Führungspositionen aufgestiegen sind und eine breitere Förderung junger weiblicher Talente auch innerhalb der Unternehmen stattfindet. Dr. Ingrid Hengster sieht noch einen anderen Grund, warum heute Frauennetzwerke nicht mehr so gefragt sind: „Die Vernetzungsmöglichkeiten sind inzwischen viel ausdifferenzierter. Wenn ich heute ein Netzwerk aufbauen würde, würde ich gezielt nach meinen persönlichen Interessen gehen. Es würde von der Politik über Kapital und Investment bis zum Bankmanagement reichen.“

Manchmal müsse man dem Zufall eine Chance geben, plädiert auch Dr. Gertrud R. Traud für breit gefächerte Netzwerke. „Man lernt unerwartete Perspektiven kennen. Gute Ideen entstehen manchmal durch ein zufälliges Gespräch.“ Und Daniela Mehner, Leiterin der Frankfurter Niederlassung der Quirin Privatbank, die die nächste Generation ebenfalls gerne unterstützt, rät ebenfalls zu vielfältigen Kontakten: „Man sollte nicht alleine auf Frauennetzwerke setzen. Wir brauchen die Männer, die Mischung macht es.“

Branchenübergreifende Kontakte: Über den Tellerrand schauen

Zudem gebe es heute nicht mehr das eine Netzwerk, sagt Ingrid Hengster. „Die klassischen Banknetzwerke reichen oft nicht mehr aus, weil die Karrieren bunter werden. Heute bin ich vielleicht Bankmanager, morgen Investor und übermorgen in einem Unternehmen tätig. Ich muss mich daher breiter aufstellen als es in der Vergangenheit der Fall war.“ Katharina Taczek berichtet von ihrem Netzwerk zur Europäischen Zentralbank. „Viele der dortigen Mitarbeitenden kamen neu nach Frankfurt, sprachen kein Deutsch und brauchten Beratung auf Englisch.“ Sie habe sie fachlich und kulturell unterstützen können – ob bei Bankthemen oder beim Ankommen in Deutschland. „Dieses ‚Über-den-Tellerrand-Schauen‘ hat meine Kundenbeziehungen gestärkt und letztlich meine Karriere beschleunigt.“

Wer Netzwerke aber als reine Abkürzung auf dem Karriereweg versteht und nur danach fragt, mit wem er Kaffee trinken muss, um weiterzukommen, dürfte bei den aktuellen Frauen in Führung nicht gerne gesehen sein. Denn zwei Dinge sind für sie noch viel wichtiger als Netzwerken: Durchhaltevermögen und Eigeninitiative seien die zentrale Voraussetzung für nachhaltigen beruflichen Erfolg, sagt Sükriya Aclan. Gerade in großen Unternehmen, in denen personelle Veränderungen häufiger vorkommen, sei es entscheidend, sich auf die eigene Leistungsbereitschaft zu verlassen und kontinuierlich mehr zu geben, als erwartet wird. „Langfristig zählt, dass man sich auf sich selbst verlassen kann und bereit ist, die Extrameile zu gehen – das ist nachhaltiger als jedes Netzwerk.“

Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen als Karriere-Fundament

Sie habe damals auch nicht die klassischen Netzwerke gehabt, berichtet Daniela Mehner von der Quirin Privatbank. „Heute gibt es sie für die Young Professionals und man sollte sie nutzen. Aber man sollte auch seinen Hut immer in den Ring werfen, wenn man etwas erreichen möchte, egal auf welcher Ebene.“

Daniela Mehner, Leiterin der Quirin Privatbank in Frankfurt, im Porträt.
Rät zu vielfältigen Kontakten: Daniela Mehner, Leiterin der Frankfurter Niederlassung der Quirin Privatbank.

Kim-Sophie Renker hat bereits das nötige Selbstbewusstsein. „Ich will die Zeit bis ich 35 Jahre alt bin nutzen und mir ein komplettes Berufsleben aufbauen, damit ich dann alle Möglichkeiten habe“, sagt sie. Wohin sie ihr Weg genau führen wird, ob es die eigene Firma bleibt oder doch eine Anstellung in der Finanzbranche wird, da ist sie noch unentschlossen. „Ich will mich nicht selber limitieren.“

„Man sollte seinen Hut immer in den Ring werfen, wenn man etwas erreichen möchte, egal auf welcher Ebene.“

Daniela Mehner, Quirin Privatbank

Sara Bauer setzt sich zunächst kurzfristige Ziele. Sie plant erst einmal, ihr Kundenbuch weiter auszubauen und sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln. Sie hat mit zwei Kollegen mittlerweile ein eigenes Netzwerk für junge Frauen und Männer aus der Bankbranche, aus dem Private Equity, mit Anwälten und Steuerberatern gegründet. Gleichzeitig ist sie froh, nach wie vor Sükriya Aclan als Mentorin an ihrer Seite zu wissen. „Sie motiviert mich, selbst eines Tages ein Vorbild für andere Frauen zu sein und zu zeigen, dass man mit Engagement, Leidenschaft und hoher Einsatzbereitschaft sehr viel erreichen kann.“

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