Es war ein Abend der verpassten Chancen. Wer beim IHK-Schlagabtausch fliegende Fetzen oder scharfe Konturen auf der Bühne erwartet hatte, rieb sich verwundert die Augen. Statt Streit um die Zukunft gab es kollektives Nicken. Die drängendste Frage des Abends blieb unbeantwortet: Will hier überhaupt jemand diese Stadt wirklich führen?
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Wahlen werden in der Mitte gewonnen, sagt eine alte Politik-Weisheit. Aber müssen sie deshalb dort auch einschlafen? Im Ludwig-Erhard-Saal der IHK Frankfurt trafen sich die Spitzen der Römer-Parteien zur großen Bestandsaufnahme vor dem Urnengang. Doch der Saal war nur spärlich gefüllt. Trotz kulinarischer Köder verloren sich kaum 80 Bürger und Unternehmer im Raum.
IHK-Präsident Ulrich Caspar brachte es auf den Punkt: „Die Profis kennen den Termin, aber die Mehrheit der Bevölkerung weiß es noch nicht.“ Dass einen Monat vor der Wahl viele Frankfurter nicht wissen, dass am 15. März gewählt wird, sagt mehr über den Zustand der Stadtpolitik aus als jedes Wahlplakat. Die Wähler ahnten wohl, was sie erwartet: kein Feuerwerk der Ideen, sondern der verbale politische Autopilot. Das Fernbleiben der Bevölkerung spiegelte die Blutleere auf dem Podium wider.
Dabei war das Setting ideal: Sicherheit, Verkehr, Wohnungsnot, Wirtschaftskraft. Die Moderatoren Patricia Borna und Dr. Alexander Theiss legten den Finger zielsicher in die Wunden der Stadtpolitik. Doch die Gäste auf dem Podium reagierten mit therapeutischer Ruhe. Sie schienen sich darauf geeinigt zu haben, den politischen Wettbewerb an diesem Abend auszusetzen.
Die große Koalition der Nettigkeit
Was dem Abend fehlte, war der Biss – und das ist erstaunlich. Schließlich zerbrach die Viererkoalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt erst im Sommer 2025 am Streit um das Crack-Suchthilfezentrum im Bahnhofsviertel. Und Frankfurt steht vor großen Herausforderungen: Die Innenstadt kämpft um Frequenz, das Bahnhofsviertel bleibt eine offene Wunde, die Verkehrspolitik produziert mehr Stau als Lösungen. Aber statt harter Debatten erlebte das Publikum wattierten Konsens. Digitalisierung? Wichtig. Sauberkeit? Unbedingt. Wohnraum? Aber sicher.

Stephanie Wüst (FDP), die das Bündnis verlassen hatte, aber Wirtschaftsdezernentin blieb, saß beinahe demonstrativ friedlich zwischen ihren Ex-Partnern Dr. Katharina Knacker (Grüne) und Kolja Müller (SPD). Man verwaltete den Status quo, statt Visionen zu entwerfen. Lediglich beim Scheidungsgrund, dem Crack-Zentrum in der Niddastraße, flackerten kurz unterschiedliche Haltungen auf: Wüst und die FDP lehnen es weiter ab, Rot-Grün hält daran fest. Doch selbst dieser Konflikt wurde eher technokratisch abgeheftet als leidenschaftlich ausgefochten.
Besonders beim Thema Digitalisierung wurde die Situation fast grotesk. Seit 2021 leistet sich Frankfurt ein eigenes Digitaldezernat unter Eileen O’Sullivan (Volt). Das Ergebnis? Zumindest auf der Bühne fand sich niemand, der die Bilanz ernsthaft verteidigen wollte. Dass die zuständige Partei fehlte, weil ihre Fraktion nach dem IHK-Schlüssel zu klein für die große Bühne ist, wirkte wie eine unfreiwillige Pointe: Die Digitalisierung scheitert in Frankfurt nicht nur an der Umsetzung, sondern schon an der Sitzordnung.
Auch beim Standortfaktor Rechenzentren blieben die Aussagen im Nebel. Zwar bekannten sich alle zur Bedeutung des De-Cix und der digitalen Infrastruktur, doch sobald es konkret wurde, regierten die Bedenken. Die Grünen mahnten Akzeptanz an, die FDP verwies auf die Region, weil Flächen in Frankfurt knapp seien und die SPD verteidigte das restriktive Rechenzentren-Konzept. Das bittere Fazit: Alle wollen die digitale Dividende kassieren, aber niemand traut sich, die nötige Infrastruktur offensiv durchzusetzen. Eine Strategie, um Frankfurts gigantischen Standortvorteil auszubauen, statt den Vorsprung leichtfertig zu verspielen? Fehlanzeige.
Immerhin zeigte Kolja Müller (SPD) späte Einsicht. Dass man die Digitalisierung nun ernst nehme, sei „spät genug“, gab er zu. Dass es in Zukunft anders laufen soll, obwohl seine Partei seit 2021 mitregiert und seit 2012 den Oberbürgermeister stellt, muss man ihm an diesem Abend wohl einfach glauben. Konkrete Ideen dazu blieben allseits Mangelware. Die Strategie: Wer kurz vor der Wahl keine Fehler zugibt, bietet keine Angriffsfläche. Wer aber keine Fehler zugibt, zeigt auch keinen Willen zur Veränderung.
Herausforderer im Standgas
Und die Opposition? Sie lieferte die eigentliche Enttäuschung. Dr. Nils Kössler, der für die CDU das Ruder im Römer übernehmen will, blieb blass. Wer Angriffe erwartete, sah meist nur Nicken. Ein einziges Mal widersprach er Katharina Knacker (Grüne) bei der Frage, wie sich das Stauaufkommen in der Stadt entwickelt habe.

Kössler scheint sich voll auf den bundespolitischen Aufwind der Union zu verlassen, statt die lokalen Verfehlungen konsequent anzuprangern. Er wirkt dabei weniger wie ein Kämpfer, der ein Amt erobern will, sondern wie jemand, der darauf wartet, es zu erben.
Wo waren die zündenden Konzepte, die die Frankfurter Wähler begeistern? Wo war der Angriffsmodus für den Endspurt? Wo die klare Kante gegen das Chaos der gescheiterten Koalition? Kössler wirkte fachlich sicher, doch der unbedingte Wille zur Macht, das Feuer, das nötig ist, um auf den letzten Metern eine Regierung abzulösen, war nicht zu spüren.
Bezeichnend sein Schlusswort: Er habe auf dem Podium „eine Reihe von Übereinstimmungen bemerkt“, was ihn ermutige, dass man nach der Wahl mehr Fortschritte machen werde. Warum Harmonie mit den Verursachern des Stillstands zu Fortschritt führen soll, bleibt sein Geheimnis. Kösslers Kalkül scheint zu sein: Wer niemanden vergrätzt, kann am Ende mit jedem regieren. Dass er damit den Wählerwillen nach Veränderung opfert, scheint er billigend in Kauf zu nehmen.
Punkt für die Außenseiter
In das Vakuum der Leidenschaft stieß ausgerechnet Mathias Pfeiffer von den Bürgern für Frankfurt (BFF). Man muss seine oft populistischen Zwischentöne nicht mögen, aber handwerklich führte er vor, was den Etablierten fehlte: Angriffslust. Pfeiffer nutzte die Bühne, wirkte präsent und sprach Klartext – auch bei den Rechenzentren. Während die Etablierten sich in „ganzheitlichen Ansätzen“ und „Prüfaufträgen“ verhedderten, lehnte er das städtische Konzept ab, das Rechenzentren auf wenige Standorte konzentriert, und forderte sie stattdessen dort, wo ihre Abwärme Wohnungen heizen kann. Ob man seine Positionen teilt oder nicht: Er war der Einzige, der verstand, dass eine Podiumsdiskussion so kurz vor der Wahl kein Stuhlkreis ist, sondern eine Arena.

Frankfurt braucht Kante
Die IHK bot die Bühne, die Themen lagen auf dem Silbertablett. Dass die Akteure sie nur mit spitzen Fingern anfassten, ist angesichts der politischen Großwetterlage fahrlässig. Während die Ränder erstarken und die AfD in den hessenweiten Umfragen auf 20 Prozent klettert und dieser Schatten auch auf den Römer fällt, übten sich die etablierten Kräfte im fatalen Schulterschluss der Harmlosigkeit, statt diesen Weckruf als Ansporn für bessere Lösungen zu verstehen.
Immerhin Ulrich Caspar wurde zum Abschied konkret. Der IHK-Präsident mahnte an, was die Wirtschaft wirklich brauche: weniger vage Versprechen und handfesten Bürokratieabbau. Er forderte dazu auf, städtische Satzungen rigoros auf den Prüfstand zu stellen, um Freiraum für schnellere Investitionen zu schaffen – damit am Ende wieder mehr Mittel für die Gemeinschaft da sind. Ein klarer Auftrag. Doch ob dieser Ruf im Römer gehört wird?
Frankfurt ist keine Stadt für leise Töne und den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir sind eine Metropole im Wettbewerb – um Talente, Investoren, Lebensqualität. Dieser Abend hat gezeigt: Der Wahlkampf 2026 droht im Sande zu verlaufen. Die Parteien fahren im Standgas, dabei müssten die Motoren heulen. Für die letzten vier Wochen wünschen wir uns weniger Lagerfeuerromantik und mehr echten Streit um die besten Ideen. Harmonie verwaltet den Stillstand. Reibung erzeugt Energie. Und genau die braucht Frankfurt jetzt.
