Das Börsenparkett glänzt, der Riesling fließt, doch der politische Bass wummert beim traditionellen Jahresempfang der IHK lauter als gewohnt. Frankfurts wichtigstes Networking-Event sucht zwischen Wahlkampfmodus und Champagnerlaune die Leichtigkeit – und vergisst dabei fast, eine seiner engagiertesten Frauen gebührend zu verabschieden.
Inhalt
Die Luft in der Frankfurter Wertpapierbörse atmet an diesem Abend Geschichte, Geld und – unausweichlich – Wahlkampf. Wer beim Jahresempfang der IHK Frankfurt dabei ist, gehört zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Inventar der Stadt. 1.400 Gäste, spürbar weniger als im Vorjahr, füllen das Parkett. Ein Segen für die Raumluft und die Ellbogenfreiheit. Man steht entspannter, das Networking fließt organischer, die Dichte an Entscheidern bleibt jedoch hoch. Doch während an der Bar die Stimmung steigt, offenbart der offizielle Teil auf der Bühne Risse in der gewohnten Souveränität des Abends.
Der Schatten des März und eine neue Harmonie
Dass der 15. März seine Schatten vorauswirft, macht Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) sofort klar. Sein Grußwort gerät zur energischen Bewerbungsrede für die anstehende Kommunalwahl. Rhein spricht von Souveränität, Reformen und der „Stärke des Rechts“. Sein Selbstbewusstsein sitzt so perfekt wie der Anzug: „Früher schauten wir nach Bayern, jetzt schaut Bayern zu uns.“
Ein Satz, der im Saal verfängt, auch wenn die KI-gestützte Videoüberwachung und Fußfesseln für Gefährder nicht jedem als Inbegriff hessischer Gemütlichkeit erscheinen. Doch Rhein setzt nicht nur auf Härte, sondern auch auf Harmonie: Bemerkenswert ist sein demonstrativer Schulterschluss mit Stellvertreter und Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD). Mehrfach lobt der Landesvater die exzellente Zusammenarbeit. Diese in Hessen fast schon historische Einigkeit zwischen Union und Sozialdemokraten glänzt an diesem Abend fast so hell wie das Börsenparkett. Es ist ein Jahr der Entscheidungen, und diese Koalition demonstriert: Wir stehen zusammen.

Davos am Main
Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) wählt dagegen leisere Töne. Frisch aus Davos zurückgekehrt, skizziert er den Wandel des Zeitgeistes – von Greta Thunberg zu Donald Trump – und hält dem Saal den Spiegel vor. Mit einer Anekdote bringt er den Unterschied zwischen amerikanischem Optimismus und deutscher Nörgelei auf den Punkt: „Wenn die sich in den USA fünf Sachen vornehmen und drei hinbekommen, reden sie über die drei Erfolge. Bei uns reden wir die ganze Zeit über die zwei Sachen, die wir nicht geschafft haben.“
Um diesen Pessimismus zu kontern, untermauert er das Selbstbewusstsein der Stadt mit einer beeindruckenden Zahl: Jeder dritte Euro des gesamten Bundeslandes würde hier erwirtschaftet. Passend dazu feiert er das Terminal 3 und die Milliarden-Investitionen von Sanofi. Er erwähnt die 473.000 Pendler, die täglich in die Stadt strömen, um diesen Wohlstand zu erarbeiten. Dass diese Massen selten das Lastenrad wählen und die städtische Verkehrspolitik hier oft im Stau steht, bleibt diplomatisch unerwähnt. Josef kommt gut an. Er menschelt, er verbindet.

Verklausulierte Kritik und eine verpasste Chance
IHK-Präsident Ulrich Caspar wagt sich gleich zu Beginn seiner Ansprache auf philosophisches Terrain. Er nutzt Artikel 1 des Grundgesetzes – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – als Brücke zum Frankfurter Bahnhofsviertel. Seine These: Drogenkranke, deren Wille durch die Sucht gebrochen sei, müsse man auch gegen ihren Willen helfen, um ihre Würde zu wahren. Ein juristischer wie ethischer Drahtseilakt. Denn im Kern zielt Caspar auf die unhaltbaren Zustände für die dortigen Gewerbetreibenden ab. Doch verpackt in verfassungsrechtliche Philosophie wirkt der Ruf nach Ordnung und Standortqualität seltsam verklausuliert; die Botschaft verheddert sich im Saal.
Noch auffälliger ist jedoch eine Leerstelle: Die Verkehrspolitik. Das ganze Jahr über beklagt die IHK die schlechte Erreichbarkeit der City. Doch an diesem Abend, mit Oberbürgermeister Josef und dem Grünen-Verkehrsdezernenten Wolfgang Siefert direkt vor seiner Nase, bleibt der frontale Angriff aus. Statt Tacheles gibt es diplomatische Zurückhaltung. Klarer wird Caspar nur beim Blick in die Ferne: Beim Infrastruktur-Vergleich mit Dubai oder China fordert er jenes Tempo, das er für Frankfurt an diesem Abend nur leise anzumahnen wagt.

Auch beim Thema Bürokratie findet Caspar zur Klarheit zurück. Sein Plädoyer, den deutschen Vorschriften-Dschungel nicht mit der Pinzette, sondern mit dem Systemwechsel zu lichten, lässt aufhorchen. Zwar weist er, in Anspielung auf den argentinischen Präsidenten Javier Milei, die politische Kettensäge als „nicht zur europäischen Kultur passend“ zurück, fordert aber dennoch Radikales: Aus starren „Muss-Vorschriften“ sollen flexible „Kann-Bestimmungen“ werden. „Das würde aus 100.000 Bestimmungen vielleicht 20.000 machen, da würden wir wirklich vorankommen“, stellt er fest. Ein radikaler Ansatz, um Bauen wieder bezahlbar und Innovationen möglich zu machen. In diesem Moment spricht endlich der Anwalt der Wirtschaft, den man sich auch bei den anderen Themen gewünscht hätte.
Ein kühler Abschied
Menschlich hingegen kühlt die Temperatur auf der Bühne spürbar ab. Einen deutlich nüchterneren Rahmen als noch im Vorjahr erhält der Abschied von Patricia Borna. Knapp fünf Jahre lang war sie als Geschäftsführerin ein prägendes Gesicht der IHK. Wo beim Abschied von Hauptgeschäftsführer Matthias Gräßle damals großes Pathos herrschte, regiert nun Sachlichkeit; Blumen fehlen im Protokoll. Es ist einzig Oberbürgermeister Mike Josef, der in seinem Grußwort die Gelegenheit nutzt und authentisch warme Worte des Dankes an sie richtet.
Ein Debüt mit ChatGPT und offenen Fragen
Dann der Auftritt des Neuen: Clemens Christmann, der als Nachfolger von Gräßle nun als Hauptgeschäftsführer an der Spitze steht, tritt erstmals ans Pult. Er versucht sich an einem rhetorischen Experiment: Hätte man eine künstliche Intelligenz wie ChatGPT gebeten, die Reden von Rhein, Josef und Caspar zusammenzufassen, so Christmann, wäre nur ein Name herausgekommen: „Ludwig Erhard“. Er wollte damit sagen: Alle drei hätten im Kern die soziale Marktwirtschaft und den Optimismus beschworen. Ein Vergleich, der im Saal eher für irritiertes Schweigen als für Erheiterung sorgt. „Es ist noch nie jemand für eine Rede kritisiert worden, die er nicht gehalten hat“, kommentiert ein Gast später trocken das Debüt bei einem Glas Riesling.
Auffällig auch hier: Christmann verliert kein Wort des Dankes an die scheidende Geschäftsführerin Borna. Nicht einmal ihr Name fällt – ein Start, der menschlich Luft nach oben lässt. Doch auch abseits der Bühne sorgte der Neue für Gesprächsstoff: Politisch Interessierte tuschelten auf dem Parkett bereits vernehmbar über Christmanns Vergangenheit bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). Dort war er einst der Chef von FDP-Stadträtin Stephanie Wüst, bevor diese in den Römer wechselte. Eine Verbindung, die an Brisanz gewinnen könnte, da Wüst nach aktuellem Stand kaum auf eine zweite Amtszeit hoffen darf. Alte Seilschaften oder neue Allianzen? Man wird sehen. Die Spekulationen begleiteten allerdings schon heute so manches Glas Wein.
Klassentreffen statt Keynote
Was dem Abend fehlt, ist der Blick von außen. In den Vorjahren brachten Gastredner wie Opernintendant Bernd Loebe oder Fußballmanager Fredi Bobic frische Gedanken, die über Gewerbesteuer und Bauordnungen hinausgingen. Dieses Jahr: nur „Officials“. Die Politik redet über Politik, die Wirtschaft über Wirtschaft. Die intellektuelle Reibung, das inspirierende Moment, bleibt aus.
Doch das tut der Relevanz des Abends keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die IHK beweist erneut, dass sie die einzige Institution ist, die dieses hochkarätige „Klassentreffen der Entscheider“ in einer solchen Dichte und Qualität organisieren kann. Der Impuls kommt diesmal eben nicht von der Bühne, sondern aus dem Saal.
Networking schlägt Protokoll
Denn als das Buffet eröffnet wird, zeigt Frankfurt seine ganze Klasse. Man genießt das exklusive Ambiente zwischen den Kurstafeln, die Atmosphäre ist so professionell wie herzlich. Auch ohne Zigarrenlounge – ein Opfer des Rotstifts – fließt das Networking perfekt. Die Gespräche sind lebhaft, die Kontakte wertvoll. Frankfurt feiert sich selbst – und beweist: Die härteste Währung wird eben nicht am Rednerpult gehandelt, sondern bei der persönlichen Begegnung. Und deren Kurs steht hier stabil auf Allzeithoch.