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Rechtsanwälte in Frankfurt – Ein Beruf im Wandel

Gemessen an der Einwohnerzahl, betätigen sich in keiner anderen Großstadt in Deutschland so viele Rechtsanwälte wie in Frankfurt. Der Beruf hat hier eine lange Tradition. Und eine Zukunft. Aber er verändert sich. Von Thomas Zorn

Als Zentrum mächtiger Kapitalströme zieht Mainhattan die wichtigen Player an. Für die hundert größten Wirtschaftskanzleien der Bundesrepublik vermeldete der Fachverlag Juve im zurückliegenden Geschäftsjahr 2022/23 einen Rekordumsatz von 8,9 Milliarden Euro . Die Topbüros sind alle in der hessischen Metropole vertreten. Ein besseres Umfeld für Wirtschafts- und Finanzrechtler lässt sich kaum denken.

In den Türmen der City werden die juristischen Operationen ausgetüftelt, die Börsen international in Schwung versetzen können. Den höchsten Umsatz deutschlandweit verzeichnete die Sozietät Freshfields Bruckhaus Deringer mit 480 Millionen Euro.

Weltweit beschäftigt die Kanzlei 5.300 Mitarbeiter in mehr als zwei dutzend Städten. Der Hauptsitz liegt zwar in London. Das Frankfurter Büro mit knapp 600 Mitarbeitern ist aber immerhin das zweitgrößte im globalen Verbund der Company.

Noch residiert man im 115 Meter hohen Parktower an der Bockenheimer Anlage gegenüber der Alten Oper. Im nächsten Jahr wird die Großkanzlei in den 233 Meter hohen Tower 1 im neuen Innenstadt-Quartier „Four“ wechseln. Mittiger geht’s nicht. Die Hauptwache ist nur ein paar Schritte entfernt.

Rechtsanwälte in den Türmen Frankfurts

14.500 Quadratmeter stehen dann auf zehn Etagen für Freshfields bereit. Das global höchst erfolgreiche Unternehmen in Sachen Rechtsberatung sieht in dem Umzug „ein Bekenntnis“ zur Stadt Frankfurt. Sie werde für die wirtschaftsrechtliche Beratung „weiter an Bedeutung gewinnen“, heißt es. Die künftig noch zentralere Lage biete „ein hochattraktives Umfeld“ für das Team.

Die smarten Rechtsfabriken lieben die Wolkenkratzer. Aus der Höhe wirkt alles luftig und unbeschwert. Das unterstützt die Kreativität, um die Mandate erfolgreich führen zu können. Doch allein mit Leichtigkeit ist es nicht getan.

Als erster Mieter im Four hat sich die Rechtsanwaltsgesellschaft Baker McKenzie eingerichtet. Ebenfalls ein multinationaler Branchenführer mit Headquarter in Chicago. Seit über 60 Jahren ist die Kanzlei in Frankfurt tätig. Seit vergangenem November arbeitet man nun im 100 Meter hohen Tower 4, „Aqua“ genannt. Die 320 Mitarbeiter verteilen sich auf 8.400 Quadratmeter vom 16. bis zum 23. Stockwerk.

Anwälte in Großkanzleien residieren auf bis zu zehn Etagen in den unterschiedlichsten Bürotürmen in Frankfurt
Anwälte in Großkanzleien residieren auf bis zu zehn Etagen in den unterschiedlichsten Bürotürmen in Frankfurt

Die smarten Rechtsfabriken lieben die Wolkenkratzer. Aus der Höhe wirkt alles luftig und unbeschwert. Das unterstützt die Kreativität, um die Mandate erfolgreich führen zu können. Doch allein mit Leichtigkeit ist es nicht getan.

Die Anforderungen in den Großkanzleien sind immens. Die Unternehmen brauchen eine extrem zeitintensive und kompetente rechtliche Begleitung bei Übernahmen, Insolvenzfällen, Prozessen, Börseneinführungen oder Kapitalerhöhungen. Höfliche Umgangsformen sollen gewahrt bleiben, auch wenn es brennt. Vielfach gelingt das. Genommen werden nur die Besten der Besten. Anfänger müssen exzellente Studienabschlüsse vorweisen. Und nach Möglichkeit Charisma mitbringen.

Anwalt sein heißt ackern bis in die Nacht

Für die Associates bleibt nicht schrecklich viel Zeit für Privates. Eine 60-Stunden-Woche gilt keineswegs als krasse Ausnahme. Auch wenn man die Nächte im Büro verbringt, werden nur wenige von ihnen zu Teilhabern. Die Partner schauen sich die Performance jedes einzelnen Kandidaten genau an.

Nach einigen Jahren wird das Urteil über die Bewerber gefällt. Eine klotzige Barriere. Wer die Hürde überspringt, hat es geschafft und landet in einem exklusiven Kreis. Diejenigen, die sich auszeichnen, bemerkenswerte Umsätze machen und die nötige Seniorität besitzen, können in einer Spitzenkanzlei durchaus mehr als eine Million Euro pro anno verdienen.

Unter den Cracks sind auch Anwältinnen. Früher waren sie in Großkanzleien eine bestaunte Rarität. Das hat sich geändert. Doch nach wie vor sind sie in der Hierarchie stark unterrepräsentiert. Geschlechterparität wird selbst bei der Ernennung neuer Miteigentümer deutlich verfehlt. Das führt zuweilen zu Verdruss, zumal die Außendarstellung oft eine ganz andere ist.

Partner und Associates in den Kanzleien

Wie die Gender-Sensibilität wird mittlerweile auch die Work-Life-Balance in den renommierten Frankfurter Wirtschaftskanzleien gern beschworen. In der Praxis lässt sich das Ganze offenbar nur schwer realisieren. Nicht nur die ehrgeizigen Einsteiger, auch die Partner haben mit dem Gleichgewicht aus Arbeit und Leben so ihre Probleme.

Wer maßgeblich eine milliardenschwere Unternehmensfusion begleitet oder einen aufsehenerregenden Schadensersatzprozess führt, kann sich eine 35-Stunden-Woche oder ein heiliges freies Wochenende nicht leisten. Die Partner akzeptieren das als selbstverständlichen Bestandteil ihres Jobs. Sie genießen den ihnen entgegengebrachten Respekt und ihre Handlungsfreiheit. Die zahllosen intellektuellen Herausforderungen wirken außerdem wie Adrenalin. Das vertreibt zuverlässig aufkommende Müdigkeit.

Ein Associate muss sich trotzdem nicht grämen, wenn er wegen der großen Beanspruchung freiwillig eine Großkanzlei verlässt. Oder aussortiert wird. Auch die Aussteiger sind ganz oft Könner ihres Fachs. Meist finden sie schnell einen sehr guten Job in kleineren Büros. Expertise und Stresshärte werden überall geschätzt.

„Die demografische Entwicklung macht sich bereits negativ bemerkbar. Selbst bei uns zeichnet sich schon ein Fachkräftemangel ab.“ – Dr. Michael Griem, Präsident Rechtsanwaltskammer Frankfurt

Zwar sind die Gehälter in Kanzleiboutiquen oder Spin-offs auf dem höchsten Level niedriger als bei den Dickschiffen der Branche. Dafür stehen die Chancen, Partner zu werden, sehr viel besser. Der Raum für ein Leben neben dem Job sei größer, erzählen Anwälte, die einen solchen Schritt unternommen haben. Gleichwohl wird auch hier Spezialisierung verlangt, wenn man Karriere machen möchte. Die Rechtsfelder werden immer komplizierter.

Mehr als 20.000 Anwälte in der Kammer Frankfurt

Die Frankfurter Anwaltskammer besitzt inzwischen mehr als 20.000 Mitglieder, wie Präsident Dr. Michael Griem, 64, mitteilt. „Wir wachsen aber nur noch mit ein oder zwei Prozent“, berichtet der Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht und Partner einer Frankfurter Kanzlei. Die demografische Entwicklung mache sich bereits negativ bemerkbar. „Selbst bei uns zeichnet sich schon ein Fachkräftemangel ab“, so Griem.

Anwalt Dr. Michael Griem ist Präsident der Rechtsanwaltskammer Frankfurt
Anwalt Dr. Michael Griem ist Präsident der Rechtsanwaltskammer Frankfurt

Immerhin steigt die Mitgliederzahl noch. Anderswo, vor allem im deutschen Osten, geht sie runter. Man ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts für den Oberlandesgerichtsbezirk sowie für die Landgerichtsbezirke Frankfurt, Darmstadt, Gießen, Hanau, Limburg und Wiesbaden zuständig. Die Zulassung der Rechtsanwälte zählt zu den Hauptaufgaben einer Anwaltskammer.

Dass nicht auf jeden Anwalt nach dem zweiten Staatsexamen eine goldene Zukunft wartet, hat sich herumgesprochen. Wer seine beiden Examina mit schwachen Noten abschließt, hält nicht die besten Karten in der Hand. Selbst eine wenig ambitiöse Anwaltspraxis prüft die Zeugnisse und Abschlüsse sorgfältig. Da fällt dann mal die ein oder andere Begabung, die im Studium gebummelt hat, durch das Raster.

Früher sei es lockerer gewesen, berichten Veteranen. Die Zeit, als Advokaten regelmäßig einen fixen Nachmittag der Arbeitswoche fürs Golfen im Taunus oder ein Match im Tennisclub freihielten, sei vorbei. Doch wer kommunikativ sei, geschickt auftrete und ein dichtes Netzwerk unterhalte, könne auch als Allgemeinanwalt und Einzelkämpfer reüssieren, meint Kammerpräsident Griem. „Generell geht es uns nach wie vor nicht schlecht.“

Rechtsanwalt-Beruf im Wandel durch Digitalisierung

Ob das weiter so bleibt? Künstliche Intelligenz hat in die Kanzleien Einzug gehalten. Automatisierte Dokumentenprüfung und -erstellung, Vertragsmanagement-Software, computergesteuerte Compliance-Prüfung und intelligente Rechtsberatung durch Chatbots werden eine ganze Menge von dem überflüssig machen, womit sich heute noch Anwälte und Rechtsanwaltsfachangestellte beschäftigen.

Parallel wandelt sich der rechtliche Rahmen rapide. Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung sind nicht nur gesellschaftliche Megatrends. Sie beeinflussen zunehmend das juristische Regelwerk. Eine Flut neuer Gesetze und Verordnungen zu Umweltschutz, Gleichstellung, Korruptionsbekämpfung, Arbeitnehmerrechten, Lieferketten oder Datenschutz macht es erforderlich, sich laufend weiterzubilden.

Frankfurt spürt die fortschreitende Globalisierung stärker als andere Städte. Immer mehr Streitigkeiten und Transaktionen werden über Ländergrenzen hinweg ausgetragen.

Frankfurt spürt die fortschreitende Globalisierung stärker als andere Städte. Immer mehr Streitigkeiten und Transaktionen werden über Ländergrenzen hinweg ausgetragen. Man ist gezwungen, sich in andere Rechtstraditionen und -systeme hineinzudenken. Die Kooperation mit internationalen Teams wird zur Normalität. Davon lassen sich jedoch nicht viele abschrecken. Nach wie vor gibt es Hunderttausende, die in Deutschland Jura studieren, um Anwalt zu werden. Auch wenn die ausscheidenden Babyboomer gerade eine Lücke reißen.

Facettenreiche Vielfalt für Anwälte

Der Beruf ist facettenreich, gerade im dynamischen Rhein-Main-Gebiet. Die Wirtschaftsanwälte decken nur einen kleineren – wenn auch äußerst umsatzstarken – Teil des Spektrums ab. Die Jungen wollen heute möglichst früh Fachanwalt werden. Noch immer stürzen sich besonders viele auf das Arbeits- sowie auf das Steuerrecht.

Und natürlich auch auf das Familienrecht. Wer zahlt, wer sorgt, wer besucht, das beschäftigt die Anwälte aus dieser Sparte. Liegt eine Ehe in Trümmern, dann ziehen sie zu Felde. Als Schlichter und Befrieder, wenn es geht. Aber oft auch als harte, konsequente Kämpfer an der Front. Wenn Anwälte das Wohl der Kinder im Auge behalten und einen Rosenkrieg im richtigen Moment deeskalieren können, macht sich das am Ende oft bezahlt. Juristen eilt zwar der Ruf voraus, bei Bedarf erstaunlich flexibel zu sein. Doch die meisten Anwälte kennen Grenzen und Werte.

Die Diversifizierung schreitet voran. Arbeitsrechtler verfechten die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Mietrechtler die von Mietern oder Vermietern. Verkehrsrechtler kümmern sich um Verkehrssünder. Umweltrechtler beraten private Organisationen und staatliche Stellen. Es gibt unendlich viele weitere Varianten anwaltlicher Tätigkeit mit unterschiedlicher Gewichtung.

Applaus von allen Seiten dürfen die häufig wortgewandten Interpreteure des Rechts nicht erwarten. In der Politik machen viele Anwälte trotzdem oder gerade deswegen Karriere. Man ist daran gewöhnt, dass Auseinandersetzungen oft nicht gütlich enden. Wendigkeit und zusammenhängendes Denken sind in der öffentlichen Arena und den Parlamenten von großem Vorteil.

Was Emotionen betrifft, sind Strafprozesse besonders heikel. Da kocht schnell eine Menge hoch. Der bekannte Frankfurter Verteidiger Ulrich Endres stand Angeklagten in mehr als 150 Tötungsdelikten bei. Oft wurde er dafür angefeindet. Am stärksten vielleicht, als er den Mörder des Bankiersohns Jakob von Metzler vor Gericht vertreten hat. „Ich habe keinen Vertrag mit Kindermördern. Ich habe eine Funktion“, hat er einmal dazu gesagt. Er verstehe sich als Garant eines fairen Prozesses. Als Rechtsanwalt sei er Teil des Rechtssystems. „Das ist fehlbar, aber gut.“


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