In Zeiten von E-Mail und iPhone ist es selten geworden, dass wir uns die Zeit nehmen, einen Brief zu schreiben. Auch die meisten Produkte, die wir tagtäglich nutzen, werden schnell produziert und ebenso schnell wieder ausgemustert. Wir gebrauchen sie, weil sie praktisch sind, oder um uns zu schmücken. Eine Seele haben sie für uns nicht.
Inhalt
Formvollendet und harmonisch
Als „klassisch“ im allgemeinen sprachlichen Sinne wird, so erklärt es das Lexikon, etwas bezeichnet, das typische Merkmale in einer als allgemeingültig akzeptierten Reinform in sich vereint und mithin als formvollendet und harmonisch gilt. Ursprünglich wurde das Wort für die Bürger erster Klasse im alten Rom genutzt. Später bezeichnete es hervorragende Schriftsteller. Wir kennen kulturgeschichtlich Klassiker heute auch in der Musik, der Malerei, in der Filmkunst und eben in der modernen Produktwelt. Angefangen bei den Design-Klassikern, mit denen wir uns gerne umgeben. Sie zeigen die Essenz ihrer Zeit und sind dennoch zeitlos schön, sodass wir uns ein Leben lang an ihnen erfreuen können. Etwa Möbel wie der berühmte freischwingende Thonet S43, der Barcelona Chair von Mies van der Rohe oder eben der Lounge Chair von Charles und Ray Eames aus dem Jahr 1956, der heute wieder viele Wohnzimmer ziert. Außen Palisanderholz, innen feines Leder, in eine geschwungene und doch pure Form gebracht, verband er den Luxus klassischer Clubsessel mit damals modernsten Fertigungsmethoden. Entworfen haben soll ihn Charles Eames für seinen guten Freund, den amerikanischen Filmproduzenten Billy Wilder.
Langer Entwicklungsprozess
Emotionaler Mehrwert
Letzteres gilt besonders für die Klassiker des Automobilbaus. Bis heute haben der Käfer, der Mini, der Porsche 911 oder auch die Göttin, La Déesse, wie die Franzosen ihren Citroën DS nennen, eine große Fangemeinde. Bei „der Göttin“ signalisiert bereits der Name die emotionale Bindung des Fahrers an seinen Wagen. Den Elfer-Fans gilt der Porsche 911 in seiner glatten, gestreckten Form und strengen, technisch kühlen Linienführung schlichtweg als Kunstwerk. Er wurde im gleichen Jahr wie Mies van der Rohes Entwurf für die Neue Nationalgalerie in Berlin vorgestellt. Bei beiden Kreationen trat die Form hinter dem Inhalt zurück. Bei dem einen sollte die Kunst in dem mit viel Glas gestalteten Gebäude erlebbar werden, bei dem anderen das Tempo und die Landschaft, von der kein plüschiges Wohnzimmer-Interieur im Innenraum ablenken durfte. Seit 51 Jahren wird der Klassiker von Porsche gebaut und von den Fans geliebt. Ursprünglich sollte er 901er heißen, was aber die Firma Peugeot, die das Namensrecht an der Zahl hatte, unterbinden ließ. Zahlreiche Bücher mit solchen Geschichten sind über den Wagen erschienen, zahllose Designpreise hat er ebenfalls erhalten. Die Form hat sich dabei im Laufe der Jahre nur behutsam verändert. Denn ein Klassiker stellt die Designer eines Unternehmens immer vor eine besonders schwierige Aufgabe. Im Falle des Porsche sollen sie für den Autokonzern neue, moderne Versionen entwerfen und die Marke in die Zukunft entwickeln, für die Elfer-Fans aber um Gottes Willen nichts verändern. Um nicht in diese „Retro-Falle“ zu geraten, definieren die Designer übergeordnete Merkmale, wie der Designchef des Unternehmens, Michael Mauer, kürzlich in einem Interview mit der Architectural Digest verriet. Für den Porsche seien das die modellierte Haube, die starke Schulter und die Verjüngung nach hinten. „Solche Dinge müssen für die anderen Segmente angepasst werden, aber bis zu einem gewissen Grad erhalten bleiben. Dann bleibt das, was rauskommt, immer ein Porsche.“
Die Monroe, die Kelly, die Birkin
Dass sich in beiden Fällen um die Entstehung eine Geschichte rankt, ist kein Zufall, sondern half den ledernen Kunstwerken der Firma Hermès zusätzlich, aus den vielen edlen Taschenmodellen herauszustechen, die Saison für Saison auf den Markt kommen. Über den Wolken zwischen Paris und London sollen sich Anfang der 1980er Jahre Jane Birkin und der damalige Hermès-Chef Jean-Louis Dumas zufällig getroffen haben. Dabei soll ihm die Sängerin, deren Strohtasche auf dem Flug gerissen war, erzählt haben, dass sie seit Jahren erfolglos nach einem Taschenmodell suche, das den Korb für den schnellen Einkauf genauso ersetzen könne wie einen Weekender. Dumas hörte aufmerksam zu. Schließlich griff er zur Papierserviette und skizzierte jene Tasche, die sein Unternehmen 1984 als „Birkin Bag“ lancierte.
Die Schauspielerin Grace Kelly war nicht in die Entstehung des Vorgängermodells, der Kelly Bag, involviert. Die Tasche kam bereits in den 30er Jahren als „Petit Sac Haut à Courroies“ auf den Markt. Am Tag ihrer Verlobung mit Rainer Fürst von Monaco Anfang 1956 wurde Kelly aber mit einer Hermès-Tasche fotografiert und in vielen Magazinen abgebildet. Im Herbst des selben Jahres bereiste die inzwischen schwangere Fürstin die USA. Damals entstand der Mythos, sie habe ein schwarzes Exemplar der Tasche aus Krokodilleder benutzt, um ihre Schwangerschaft zu verdecken. Diese wurde zunehmend mit Grace Kelly assoziiert. Hermès reagierte darauf und benannte das Modell in Kelly Bag um.
Natürlich spielt auch die klassische Form der Taschen eine Rolle dabei, dass sie bei Frauen bis heute Sehnsüchte wecken, ebenso wie die leisen Insignien des Luxus in Form des unauffällig aufgestempelten Firmennamens und die Liebe zur traditionellen Handwerkskunst. Weil in der Werkstatt in einem Pariser Vorort das Leder akribisch geprüft und jede „Birkin“ von Anfang bis Ende von einer Person in Handarbeit hergestellt wird, wie Hermès betont, muss man auf einige Varianten der Tasche mehrere Monate, manchmal gar Jahre warten. Das steigert die Begehrlichkeit natürlich weiter und macht sie exklusiver, sodass eine Tasche, je nach Größe und Leder, durchaus mehr als 100.000 Euro kosten kann.
Das Hübsche vergeht
Entscheidend für den Klassiker sei die Reduktion auf das Wesentliche des Produktes, etwa das Wesentliche einer Uhr oder eines Tisches, sagen Marketingexperten. „Er hat dadurch einen hohen Wiedererkennungswert und spricht den Geschmack vieler ganz unterschiedlicher Menschen an“, betont Anja Döbritz-Berti, Inhaberin des Frankfurter Kunst- und Auktionshauses Wilhelm M. Döbritz. Zum Beispiel sei die „Calatrava“ von Patek Philippe, die 1932 erstmals präsentiert wurde, eine der gesuchtesten Armbanduhren überhaupt. „Sie ist sehr flach und ganz schlicht gestaltet.“ Namensgeber des Modells war ein Ritterorden, der im Jahr 1158 von Abt Raimondo in dem spanischen Städtchen Calatrava gegründet wurde. In 18-Karat-Gold könne ein solches Stück schon mal 10.000 Euro kosten. Der Neuwert sei in etwa vergleichbar. Auch der Lounge Chair von Eames ist neu für 5.000 bis 6.000 Euro zu haben. Alte Modelle, die gut erhalten sind, kosteten sogar 8.000 bis 10.000 Euro, stellt Döbritz fest. „Das liegt daran, dass sie heute nicht mehr so hochwertig hergestellt werden.“
Übersättigter Markt
Bei vielen Design-Klassikern zählen immer noch die verwendeten Materialien. Die meisten Menschen sind stark von ihren Erfahrungen geprägt, stellen Designer fest. Deshalb sind sie nicht so leicht von radikalen Neuerungen zu überzeugen. Dass Neuheiten wie der aus Plastik gefertigte Panton-Chair aus den 70er Jahren zum Klassiker wurde, ist eher eine seltene Ausnahme. Lieber entscheiden sich die Menschen für ein Produkt, das gut in der Hand liegt, über das man hinwegstreicheln, das man beim Benutzen riechen und umarmen kann, und das dabei ein Gefühl von Qualität suggeriert, wie man sie vielleicht aus der Kindheit in Erinnerung hat. Fragt man Anja Döbritz, welches Produkt heute das Potential zum Klassiker hat, fällt ihr spontan der Bigfoot-Tisch von Philipp Mainzer und Florian Asche ein. Der gerade Tisch aus massivem Echtholz mit den dicken viereckigen Beinen war 1994 eine Neuheit. Schnell wollten ihn alle haben und er ist bis heute beliebt. Natürliche und edle Materialien wie Leder und Holz bleiben offenbar bei den Klassikern weiterhin gefragt. Das sind gute Aussichten für die Birkin Bag und den Eames Chair, auch für die kommenden Jahrzehnte.








