Direkt studieren nach dem Abi? Für viele Jugendliche und deren Eltern scheint dies der erstrebenswerte Lebensplan zu sein. Dass eine Ausbildung aber auch die bessere Wahl sein kann, zeigt die Bilderbuchkarriere von Thomas M. Reimann. Als Vorstandsmitglied im BDB – Bund Deutscher Baumeister Architekten und Ingenieure Hessen Frankfurt e. V. unterstützt er das Pilotprojekt der „Initiative Zukunft Fachkraft“ auf der Bad Vilbeler Baustelle. Er will den Nachwuchs davon überzeugen, dass eine Ausbildung in der Bauwirtschaft eine hervorragende Alternative zum Studium ist. Wir sprachen mit dem Bau-Experten über sein ehrenamtliches Engagement.
Inhalt
Seit 1985 lebt und liebt der CEO der ALEA Hoch- und Industriebau AG Thomas M. Reimann seine Leidenschaft: die Bauwirtschaft. Er ist Vorstandsmitglied im BDB, Vorsitzender des Bau- und Immobilienausschusses sowie Mitglied im Präsidium in der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände e. V. (VhU) und hat die Veranstaltungsreihe „Immotalk“ ins Leben gerufen, um sich mit Entscheidungsträgern und Experten aus ganz Deutschland über die aktuellen Städte-entwicklungen auszutauschen – unglaublich, dass er eigentlich eine ganz andere Laufbahn ergreifen wollte.
„Ursprünglich wollte ich mal Pfarrer werden und habe ein Semester evangelische Theologie studiert. Dass ich dann meine Berufung für die Bauwirtschaft gefunden habe, war mehr oder minder ein Zufall.“ Reimann fühlte sich wohl und entschied sich für eine Ausbildung zum Diplom-Betriebswirt. „Der entscheidende Moment waren die reizvollen, vielfachen Aufgaben, die einem in der Bauwirtschaft begegnen. Ständig Neues, ständig Anderes, ständig sich Veränderndes.“
Ausbildung am Bau lohnt sich!
Eine Ausbildung in der Bauwirtschaft, so Reimann, sei eine perfekte Weichenstellung für die Zukunft. Noch nie waren die Chancen und Perspektiven in der Branche so gut wie heute: „Wir haben eine nachhaltige, hohe Auslastung. Wir bieten also einen sicheren Job, mal mindestens für die nächsten 20, 25 Jahre.“ Ganz zu schweigen von der Ausbildungsvergütung und den sehr guten Verdienstmöglichkeiten. „Wer verdient im zarten Alter von 30 Jahren schon ein Bruttogehalt von 4.300, 4.400 Euro und fährt einen Firmenwagen? Der Polier! Und der Polier hat nicht studiert. Und das sind doch fantastische Perspektiven.“
Firmeneigene Fitnessstudios gibt es in der Bauwirtschaft noch nicht, dafür aber andere Goodies: Zum Beispiel die Zusatzrente, die einzig und alleine der Arbeitgeber zahlt. „Wer im Bau arbeitet und bei der SOKA-BAU angemeldet ist, kann von günstigen Mietangeboten wie aktuell etwa in Offenbach am Main oder Wiesbaden profitieren. Kaltmieten von deutlich unter 10 Euro pro Quadratmeter sind ein Argument.“ Hinzu kommen die hervorragenden Aussichten auf dem Arbeitsmarkt, denn es ist ziemlich sicher, dass in den Metropolregionen Deutschlands die Nachfrage nach Neubauten hoch bleiben wird. „Frankfurt ist da das beste Beispiel.“ Und schließlich suchen die Unternehmen ja händeringend nach Ausbildungsnachwuchs.
Es geht auch ohne Studium
Medien berichten seit Jahren vom Fachkräftemangel in der Bauwirtschaft. Immer mehr junge Menschen studieren, immer weniger machen eine Ausbildung. „Die meisten Abiturienten gehen den Weg an die Uni und beginnen dort ein Bauingenieurstudium.“ Doch auch hier findet nicht jeder seine Bestimmung. Jeder zweite bricht das Studium wieder ab. Hauptgrund, so Reimann, die Mathematik: „Der Abiturient hat sich selbst überschätzt und überfordert. Und da sage ich Ihnen, wäre es viel besser gewesen, wenn man nicht direkt ins Studium läuft, sondern hingeht und erstmal einer Ausbildung in der Bauwirtschaft nachgeht.“
Pilotprojekt Bad Vilbel
Damit Bewerberinnen, Bewerber und Ausbildungsplätze leichter zusammenfinden, unterstützt die ALEA AG die ehrenamtliche „Initiative Zukunft Fachkraft“ des BDB. Zusammen mit weiteren Projektunterstützern wie der VhU, der Industrie- und Handelskammer (IHK), dem Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen e. V. und der IG Bau haben sie Praxistage für Schulklassen auf der Baustelle in Bad Vilbel eingeführt: ein Pilotprojekt in und für ganz Hessen. Ziel ist es, all das zu vermitteln, was es rund um das Thema Bauwirtschaft zu wissen gibt. Langweilig? Keineswegs! Statt Theorie zu pauken, können sich die Schüler hier praktisch austoben: Sie dürfen selbst aktiv werden, müssen unter fachkundiger Anleitung „Hand anlegen“. Damit gewinnen sie eine konkrete Vorstellung von der Arbeit und ihren Bedingungen, sodass sie sich bewusst für ein Praktikum oder eine Ausbildung entscheiden können.
Andreas Ostermann als 1. Vorsitzender des BDB Architekten und Ingenieure Hessen Frankfurt e. V., Thomas Reimann als Initiator und Macher der Initiative und Erich Schleßmann als Koordinator für die Schulen investieren gerne Zeit und Engagement in diese besondere Art, Nachwuchskräfte konkret zu informieren. Ihr Pilotprojekt erfährt inzwischen eine bemerkenswerte Resonanz: Zwei Schüler der Kennedy-Schule werden demnächst ihr Praktikum bei der Frankfurter Baufirma beginnen. Im Januar begleitete außerdem das ZDF den Besuch von 25 Schülern der Kennedy-Schule bei der Bad Vilbeler Baustelle für einen Bericht im Mittagsmagazin. „Es gibt eine breite Unterstützung“, so Thomas Reimann. „Das motiviert ungemein, weiterzumachen.“
Vielfalt für jedes Talent
Die Initiative Zukunft Fachkraft will ganz bewusst alle Geschlechter ansprechen. „Bauen hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren radikal geändert. Unsere Filme auf YouTube zeigen, wie auch junge Frauen ganze Wände mauern, weil es hydraulische Hebewerkzeuge gibt, die es früher nicht gab.“ Mit Pickel im Graben stehen, wie die meisten Leute denken, ist vorbei. Heute helfen Maschinen und Apps. „Das wissen viele nicht, aber man sitzt heute nicht mehr nur in einem Bagger, der eine Schaufel hoch und runterlässt. Man sitzt auch oft vor einem iPad und managt die GPS-gesteuerte Planung in der Baugrube.“
Auf Instagram berichten Schüler und Fachkräfte: über die Praxistage, über die Ausbildungschancen, über den Spaß an der Sache. Die Leidenschaft für den Bau teilen auch Reimanns Mitarbeiter. „Mein Lieferant sagte mal: ‚Wenn ich mit meinen Kindern durch Frankfurt fahre, kann ich denen zeigen, wie viele dieser Häuser, die hier gebaut wurden, mit Baustoffen gebaut wurden, die wir geliefert haben.‘ Und so sagt das auch ein Polier von mir: ‚Wenn ich heute mit meiner Tochter durch Hessen fahre, kann ich ihr zeigen, wo überall ich selbst Häuser, Industrieanlagen und Gewerbehallen hingestellt habe.‘“
Träume leben
Dass Ausbildung und Uni auch parallel funktionieren, beweist auch Reimanns Sohn. Er hat sein BWL-Studium abgebrochen, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. „Zu meiner Frau und mir sagte er: ‚Ich weiß gar nicht, warum ich mich für Betriebswirtschaft entschieden habe. Mir ist nicht klar, was ich später damit mal anfangen soll. Der Praxisbezug fehlt mir.‘ Dann machte er eine Ausbildung zum Maurer und hat Ingenieurswesen berufsbegleitend studiert. Und heute sagt er voller Überzeugung: ‚Es war eine absolut richtige Entscheidung. Da habe ich was, was ich fassen kann, das verstehe ich, da entsteht was.‘
