HomeBusiness & FinanceHort der Stabilität: Warum der Schweizer Franken ein sicherer Hafen bleibt

Hort der Stabilität: Warum der Schweizer Franken ein sicherer Hafen bleibt

Wenn es an den Kapitalmärkten ruppig zugeht, dann sind sogenannte sichere Häfen gefragt. Das sind Vermögenswerte, die in schwierigen Zeiten stabiler sind als andere Geldanlagen. Einer dieser sicheren Häfen war und ist der Schweizer Franken. Eine hohe Nachfrage macht ihn immer teurer. Sein Höhenflug macht aber nur Teilen der eidgenössischen Wirtschaft zu schaffen. Und das hat Gründe.

Der Schweizer Franken, der US-Dollar, der japanische Yen, langlaufende Staatsanleihen der USA und vor allem Gold – das sind die wichtigsten sicheren Häfen weltweit, die Vermögenswerte, in die Investoren flüchten, wenn Märkte stark schwanken oder massiv fallen.

Doch hier haben sich die Reihen in den vergangenen Monaten gelichtet: Nicht alles, was bisher als vergleichsweise sicher galt, ist es noch. Und so starten wir – um die Entwicklungen des Franken in der Schweiz verstehen zu können – erst einmal am anderen Ende der Welt: in Japan.

Globale Märkte: Schwankungen bei Yen und US-Dollar

Dort schwankt der Yen zeitweise stärker als der Bitcoin. Dabei sollte er doch eigentlich als sicherer Hafen ruhiger laufen als die Kryptowährung, die nun wirklich nicht als sicheres Investment gelten kann. Die Ausschläge der japanischen Währung lagen zuletzt an den Plänen der japanischen Regierung, Steuern zu senken und die Staatsausgaben zu erhöhen. Investoren hatten Sorge, wie Japan das finanzieren will.

Jetzt kommt es darauf an, wie es nach den Wahlen in Japan weitergeht. Denn das hat Einfluss auf die Kapitalmärkte: Japan als einer der wichtigsten Kreditgeber der Welt, als größter Gläubiger der USA mit US-Staatsanleihen für 1,2 Billionen US-Dollar , ist ein wichtiger Seismograph an den Kapitalmärkten.

Und hier schließt sich die Sorge um die nächsten sicheren Häfen an: den US-Dollar und US-Staatsanleihen. Was, wenn japanische Investoren künftig weniger in den USA investieren, weil mit steigenden Renditen zu Hause in Japan die heimischen Anleihen attraktiver werden? Was, wenn Investoren also die hohen US-Schulden nicht mehr im gewohnten Maße finanzieren? Hierin liegt eine der Erklärungen für die Schwäche des US-Dollars und den Renditeanstieg von US-Anleihen: Das Vertrauen in die USA sinkt.

US-Schulden und Gold als riskantes Spekulationsobjekt

Und Vertrauen ist die wichtigste Währung an den Kapitalmärkten. Die USA sehen sich genau damit konfrontiert. Ihre hohe Verschuldung wird immer teurer, wenn die Zinsen steigen.

Zugleich korrespondiert die hohe Verschuldung der USA nicht mit der Zollpolitik, die die US-Regierung gegenüber vielen Volkswirtschaften und damit vielen Gläubigern (Japan, EU, China) an den Tag legt. Zölle sind kein probates Mittel für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Investoren haben darauf nicht nur am Devisenmarkt mit Dollar-Verkäufen reagiert, sondern auch mit Anleihenverkäufen ihrer Sorge Ausdruck verliehen. Nutznießer war und ist der Schweizer Franken.

Bleibt Gold. Phasenweise, vor allem seit Ende des vergangenen Jahres, noch stärker aber seit Ende Januar, sind die Kursausschläge bei Gold überdurchschnittlich. Das ehrwürdige Edelmetall, seit Jahrhunderten gehandelt, verkommt zu einem Spekulationsobjekt fast wie heute einige Kryptowährungen oder einst holländische Tulpenzwiebeln. Damit ist ein wichtiger Sicherer-Hafen-Faktor derzeit ausgeknockt: geringe Schwankungen bzw. hohe Stabilität.

Schweizer Franken: Ein globaler Hort der Stabilität

Eine antike, goldene Statue, die den Schweizer Franken symbolisiert, thront über Kisten mit schwächelnden Leitwährungen wie US-Dollar, Euro und Yen.
Historische Stärke: Im langfristigen internationalen Vergleich behauptet sich der Schweizer Franken dominant gegenüber anderen G-10-Währungen wie dem Yen oder dem US-Dollar. (Bild: KI-generiert)

Bleibt der Schweizer Franken: Die Schweiz ist politisch, wirtschaftlich und finanziell stabil, das sind drei große Pluspunkte für den Franken bei Investoren. Und so ließ die Reaktion auf die schwache bzw. schwankende Entwicklung „der anderen“ Häfen nicht lange auf sich warten: fast fünf Prozent Kursplus des Schweizer Franken zum US-Dollar in einem Monat, fast 15 Prozent in einem Jahr. Bei Deviseninvestments sind das Welten. Üblicherweise geht es da vielleicht drei bis fünf Prozent auf oder ab auf Sicht eines Jahres. Der Franken ist nun so teuer wie nie.

Nun kann man sagen, da geht viel auf die Inflation zurück, vor allem im Vergleich zu den USA. Die Inflation in den USA liegt bei 2,4 Prozent, die Schweiz hat kaum Inflation: 0,1 Prozent. Nach dem Lehrbuch der Volkswirtschaft sinkt dort, wo die Inflation hoch ist (in dem Fall in den USA), der Wert der dortigen Währung. Umgekehrt steigt bei niedriger Inflation die Währung dieses Landes (Schweiz). Genau das sehen wir in der Schweiz – eine Aufwertung der Währung. Anders gesagt: Dort, wo das Geld viel wert ist, fließt also mehr Geld hin.

Halten wir fest: Der sogenannte Debasement-Trade, der Investoren aus Angst vor Zöllen, Konflikten und Handelskriegen seit dem vergangenen Jahr mehr in Sachwerte und sichere Häfen fliehen lässt, findet sich nirgendwo augenfälliger als zwischen Alpen und Genfer See: Die Schweiz und ihre Währung gelten nach wie vor als Hort der Stabilität.

Gefahr der Deflation und Rolle der Nationalbank

Selbst das Risiko, dass die Schweizer Nationalbank gegen die Aufwertung des Franken vorgeht und in den Markt eingreift, hält Investoren nicht zurück, weiter Franken zu kaufen. Sehen Investoren nicht die Gefahr, dass die Notenbank der Steigerung einen Riegel vorschiebt? Das hat die Schweizer Nationalbank (SNB) ja auch in der Vergangenheit schon gerne getan und am Devisenmarkt interveniert, wie man das in der Fachsprache sagt. Kurz: Sie hat Franken verkauft.

Tatsächlich ist die Schweiz seit dem vergangenen Jahr bereits auf einer Beobachtungsliste der USA für Währungsmanipulationen. Seitdem hält sich die SNB mit Interventionen zurück. Aber das Risiko ist nach wie vor da. Was soll die Schweizer Nationalbank im Zweifelsfall auch tun? Erlauben wir uns einen genaueren Blick und machen einen Abstecher in die Welt der Notenbank:

Die schaut wie folgt auf die Lage: Die Inflation in der Schweiz ist sehr niedrig. Die Zinsen sind bei null. Da gibt es keinen Spielraum. Negativzinsen werden die Währungshüter nicht in Kauf nehmen. Bevor eine Notenbank aber das Risiko einer Deflation – also immer weiter fallender Preise – eingeht, ergreift sie Gegenmaßnahmen:

Das wären Franken-Verkäufe am Devisenmarkt, auch auf die Gefahr hin, dass die US-Regierung „not amused“ ist und wieder Maßnahmen, Zölle oder Sonstiges androht. Die Märkte und Investoren haben ja inzwischen auch gelernt: „Trump always chickens out“. Trump kommt mit Maximalforderungen und rudert dann zurück. Dennoch oder gerade deshalb sind also Eingriffe am Devisenmarkt, sogenannte Interventionen, seitens der Notenbank der Schweiz nicht ausgeschlossen. Noch ist es aber nicht so weit. Was die Notenbank auch im Blick hat:

Wirtschaftliche Resilienz trotz starker Währung

Für die exportabhängige Schweizer Wirtschaft ist der teure Franken nur teilweise eine Hürde und hinterlässt vergleichsweise wenig Spuren: Die Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent. Das ist weniger als der langjährige Durchschnitt von 1,8 Prozent, aber immer noch besser als der EU-Durchschnitt von 1,5 Prozent (wohl wissend, dass die Schweiz kein EU-Mitglied ist).

Dennoch erreichten die Exporte im vergangenen Jahr einen neuen Rekordstand. Selbst in die USA sind die Exporte – trotz der verhängten Zölle – gestiegen. Chemie, Pharma und Schmuck waren die Rekordmacher.

Die Schweizer Exportwirtschaft zeigt sich unbeeindruckt

Aber warum greift das Narrativ von teurer Währung und sinkenden, weil teuren Exporten in der Schweiz nicht oder nur zum Teil? Ja, laut Lehrbuch macht der Anstieg der Währung Exporte teurer. Das gilt im Grundsatz natürlich auch für die Schweiz. Für manche Branchen ist das eine weitere Herausforderung in einem ohnehin angespannten geopolitischen und weltwirtschaftlichen Klima, wo auch noch Zölle zur Last geworden sind.

Nach einer Umfrage der UBS im Februar leidet bestenfalls die Hälfte der exportorientierten Unternehmen unter einem starken Franken. Ähnlich wie in Deutschland sind das zum Beispiel Maschinen- und Anlagenhersteller. Aber anders als in Deutschland überwiegen in der Schweiz wirtschaftliche Positivfaktoren, die eine gewisse Resilienz mit sich bringen. Man könnte auch sagen: die eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die Unbillen der Welt erzeugen.

Innovationskraft als globaler Wettbewerbsvorteil

Für die Mehrheit der befragten Unternehmen hat der Währungsanstieg laut UBS überhaupt keine oder sogar positive Auswirkungen. Und das hat gute Gründe: Einerseits sind Rohstoffe und Vorprodukte aus dem Ausland günstiger zu haben. Andererseits sind viele Schweizer Unternehmen und Branchen recht resilient: die Schmuckindustrie zum Beispiel. Oder auch Uhren (wobei hier das letzte Jahr ein wenig schwächer war). Gerade im High-End-Bereich spielen konjunkturelle und finanzpolitische Einflüsse eine geringere Rolle. Solche Ausnahmepositionierungen machen eine Menge aus und viele Negativeinflüsse wett.

Was man auch bedenken muss: Die Schweiz verkauft keine Billigwaren wie China, sondern Hightech und sehr komplexe Waren wie Medizin, Medizintechnik, Uhren, Spezialchemie. Das Ergebnis: Die Schweiz ist in den Top 3 des Economic Complexity Index der Harvard-Universität – hinter Japan und vor Südkorea. Zum Vergleich: Deutschland rangiert auf Platz 6, China auf Platz 10, die USA abgeschlagen auf Platz 20.

Außerdem zwingt der recht kleine Binnenmarkt viele Unternehmen dazu, zu exportieren. Entsprechend haben sie gelernt, wettbewerbsfähig zu sein, um international mithalten zu können. 99 Prozent der Schweizer Unternehmen sind klein oder mittelgroß – aber viele sind Weltmarktführer. 2025 wurde die Schweiz zum 15. Mal innovativstes Land der Welt und führt den WIPO Global Innovation Index an.

Pharma-Exporte und die Zukunftsperspektive des Franken

Ein Sonderfall mag derzeit die Pharmaindustrie sein. Sie ist der wichtigste Exportsektor der Eidgenossen, steht für rund 40 Prozent aller Exporte der Schweiz. Und die Hälfte der Pharma-Exporte geht allein in die USA. Diese Pharma-Exporte in die USA haben im vergangenen Jahr noch zugelegt. Das können Vorzieheffekte gewesen sein – denn es drohten ja und drohen immer wieder Zölle der USA auf Pharma-Importe. 200 Prozent hat US-Präsident Donald Trump in den Raum gestellt.

Ob die kommen, sei jetzt mal dahingestellt. Wir wissen ja: „Trump always chickens out.“ Zumindest für den Moment sind die angedrohten Zölle gestoppt. Damit das so bleibt, haben große Unternehmen wie Novartis und Roche eigene „Deals“ mit der US-Regierung geschlossen: Sie senken ihre Preise in den USA, verlagern Produktionen dorthin. Sie umgehen damit das Franken-Risiko, erhöhen aber zugleich ihre Abhängigkeit vom US-Markt.

Aber wie geht es weiter? Analysten und Ökonomen erwarten, dass der Franken in diesem Jahr weiter steigt, wenn auch moderat. Zwar hat die Schweiz mit den USA ein Zollabkommen geschlossen (15 statt der geforderten 39 Prozen auf Exporte in die USA aus der Schweiz), aber die unsteten Zollentwicklungen und vor allem die fragile geopolitische Lage könnten Investoren weiter dazu animieren, in den Franken zu investieren. „Safety first“ ist bei vielen nach wie vor die Devise.

Während die Position von Yen und US-Dollar als sichere Häfen durch politische Turbulenzen geschwächt wurde, gilt der Franken aber unter den G-10-Währungen auf lange Sicht als der beste Wertspeicher: Im langfristigen internationalen Vergleich schneidet er am besten ab.

Kleiner Trost für deutsche Anleger: Der Schweizer Aktienmarkt ist war Mitte Februar auf Rekordhoch – doch Schweizer Aktien laufen insgesamt nicht so stark wie etwa der DAX, seit Jahren nicht.

Fazit: Der Schweizer Franken behauptet sich als vergleichsweise sicherer Hafen in der Welt. Die wirtschaftliche, finanzielle und politische Stabilität der Schweiz verhilft ihm zu dieser Ausnahmeposition. Es sei aber nicht vergessen: Die Franken-Stärke ist auch eine eklatante Schwäche der „anderen“.

Finanzjournalistin Antje Erhard steht neben der Bullen-Skulptur vor der Frankfurter Börse.
Antje Erhard ist Finanzjournalistin und TV-Moderatorin, die seit rund 20 Jahren täglich von der Börse berichtet und komplexe Wirtschaftsthemen verständlich erklärt.

Häufig gestellte Fragen zum Schweizer Franken als sicherer Hafen

Was macht den Schweizer Franken zu einem sicheren Hafen?

Die politische, wirtschaftliche und finanzielle Stabilität der Schweiz macht den Franken in Krisenzeiten besonders attraktiv für Investoren. Hinzu kommen eine historisch niedrige Inflationsrate von nahezu null Prozent und eine hochspezialisierte Wirtschaft, die dem Land enorme Resilienz gegenüber globalen Schwankungen verleiht.

Warum verliert der US-Dollar aktuell an Vertrauen?

Die stetig wachsende Staatsverschuldung der USA und die damit verbundenen Zinsrisiken lassen das Vertrauen internationaler Investoren sinken. Zudem verunsichert eine unstete und teils aggressive Zollpolitik gegenüber wichtigen Gläubigern wie Japan, China und der EU die globalen Kapitalmärkte nachhaltig.

Wie wirkt sich der starke Franken auf die Schweizer Wirtschaft aus?

Laut klassischer Wirtschaftslehre verteuert eine starke Währung die Exporte. Die Schweizer Industrie ist jedoch extrem resilient, da sie auf Hightech, Pharma und Luxusgüter spezialisiert ist und nicht im Billigsektor konkurriert.

Gleichzeitig profitieren die Unternehmen immens: Durch den starken Franken kaufen sie Rohstoffe und Vorprodukte im Ausland deutlich günstiger ein.

Greift die Schweizer Nationalbank (SNB) bei einem zu starken Franken ein?

Ja, die SNB hat in der Vergangenheit wiederholt am Devisenmarkt interveniert und Franken verkauft, um einer Deflation entgegenzuwirken. Derzeit hält sich die Notenbank jedoch zurück, da die USA die Schweiz auf eine Beobachtungsliste für Währungsmanipulationen gesetzt haben.

Gilt Gold noch als verlässlicher sicherer Hafen?

Der klassische Status von Gold als sicherer Hafen ist aktuell ins Wanken geraten. Massive und überdurchschnittliche Kursausschläge führen dazu, dass das Edelmetall von Investoren derzeit oft eher als riskantes Spekulationsobjekt denn als klassischer Stabilitätsanker gehandelt wird.

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