US-Aktien haben das Geschehen an den Börsen und die Performance in den Anlegerdepots in den letzten Jahren dominiert. Ironischerweise könnte Trumps Fokus auf „Make America Great Again“ dort einen gegenteiligen Effekt haben. „Denn während die US-Zollpolitik in den USA zu einer Abkühlung der Wirtschaft führen dürfte, nimmt Europa wieder Fahrt auf“, sagt Stephan Kemper, Chief Investment Strategist bei BNP Paribas Wealth Management, und setzt verstärkt auf Aktien aus dem Euroraum.
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Es muss nur das Gerücht gehen, dass Donald Trump Einfuhrzölle auf Goldbarren erheben will, und schon werden die internationalen Finanzmärkte nervös. Die Kunden des Wealth Management von BNP Paribas, einem der führenden Anbieter von Bank- und Finanzdienstleistungen in Europa, haben bei solchen Vorkommnissen Experten an ihrer Seite. Stephan Kemper hat mit seinem Team Ereignisse wie diese immer im Blick, ordnet sie ein und gibt Handlungsempfehlungen. „Wir haben nicht geglaubt, dass Trump das tatsächlich umsetzt, und so hatte die Ankündigung auch keinen Einfluss auf unsere Strategie“, sagt Kemper.
Er ist Chief Investment Strategist im Wealth Management bei BNP Paribas, also ihr Stratege für das Deutschlandgeschäft. Zugleich legt er als Mitglied des internationalen Strategiekommitees die globale Aktienmarktstrategie für die Bank mit fest, die zu einem der größten Wealth Manager im Euroraum zählt. Doch Kemper sorgt eben auch dafür, dass Kundinnen und Kunden von BNP Paribas stets aktuelle Einschätzungen zum Aktienmarkt sowie Vorschläge erhalten, wie sie ihre Vermögenswerte aufteilen können. „Ich verantworte auch die Asset-Allocation für unser Beratungsgeschäft“, betont er. Diese Doppelrolle gebe es nicht bei allen Banken. „Sie hat aber für den Kunden Vorteile, da ich einerseits die Strategie entwickle und sie andererseits praktisch in Produkte umsetzen kann.“
Die Anlagestrategie: Zwischen globaler Analyse und lokaler Umsetzung

Um seine Kapitalmarktstrategie festzulegen, blickt Stephan Kemper auf die kommenden sechs bis zwölf Monate. Es geht ihm darum, die großen Trends zu antizipieren. „Wir wollen, dass unsere Strategie gut für den Kunden umsetzbar ist.“ Kurzfristige Aufs- und Abs des Kapitalmarktes, etwa im Falle einer neuen Trump-Volte, ordnet er ein, passt seine Berechnungen aber nur an, wenn er langfristige Auswirkungen sieht. „Nervosität hat langfristig keinen Einfluss“, weiß der 43-Jährige aus Erfahrung. Der Bochumer Westfale ist seit 2010 bei BNP Paribas tätig, zunächst im Handelsraum, dann im Wealth Management. „Ich bin Anlagestratege, kein Volkswirt, der nur auf die entsprechenden Modelle schaut.“
Die Anlagestrategie von BNP Paribas entwickelt er aufgrund von unterschiedlichsten Quellen. Der Blick aufs Handy, um die aktuellen Bewegungen am Aktienmarkt zu verfolgen, gehört ebenso dazu wie die Lektüre der großen internationalen Wirtschaftsmedien. Essenziell ist der Austausch mit den hauseigenen internationalen Analysten. BNP Paribas ist für Privatkunden, Unternehmen und institutionelle Kunden in 64 Ländern tätig, mit den Heimatmärkten Belgien, Frankreich, Italien und Luxemburg, führenden Plattformen und Geschäftsbereichen in Europa, einer starken Präsenz in Amerika sowie einem schnell wachsenden Geschäft im asiatisch-pazifischen Raum. „Wir haben beispielsweise Kollegen in London, New York und Hongkong, die dort das Kapitalmarkt-Research machen. Mit ihnen bin ich regelmäßig in Kontakt.“

Ziel ist es, „ein möglichst klares Bild in der Glaskugel zu bekommen, um die Erfolgschancen am Kapitalmarkt zu maximieren“. Für ihre Arbeit sind die Analysten von BNP Paribas gerade ausgezeichnet worden. Das internationale Wirtschaftsmagazin „Euromoney Western Europe“ hat der Bank für 2025 gleich mehrere Private Banking Awards für „Best for Investment Research“, aber auch „Best Private Bank“ und „Best for Fund Selection“ verliehen.
Warum europäische Aktien eine Wiederentdeckung erleben
Seit Ende des ersten Quartals 2025 blickt Stephan Kemper wieder sehr viel positiver auf europäische Aktien, die seiner Ansicht nach eine Wiederentdeckung erleben. „Sie waren lange unterbewertet, weil alle auf US-Aktien gesetzt haben“, erläutert er. Er sei schon länger vorsichtig gegenüber dem US-Markt gewesen, aufgrund der starken Konzentration, bei der nur wenige Titel den Markt treiben würden. Hinzu kommt für ihn ein weiteres Indiz: Mittlerweile würden US-Aktien zwar weiter gehalten, frisches Geld werde aber eher in Europa investiert.
Der MDAX als Profiteur des europäischen Aufschwungs
Die BNP Paribas-Strategen setzen dabei vor allem auf den deutschen Aktienindex MDAX, der ihrer Ansicht nach am stärksten von dieser Entwicklung profitieren sollte. „Mehr als die Hälfte der Umsätze der darin enthaltenen Unternehmen werden in Europa generiert, mehr als ein Drittel in Deutschland, daher ist er auch von US-Zöllen nicht so stark betroffen.“ Gut ein Fünftel an Wert hat er seit Jahresanfang bereits zugelegt. Das sei natürlich keine Garantie für die künftige Wertentwicklung. Für das starke Gewinnwachstum der vergangenen Monate sei er aber immer noch verhältnismäßig gut bewertet, ergänzt Kemper.
Wachstumsimpulse durch staatliche und private Investitionen
Die Ankündigung der Bundesregierung, ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Investitionen in Infrastruktur und die Erreichung der Klimaneutralität bis 2045 aufzulegen, war der Auslöser für den Stimmungsumschwung. Der Begriff „Zeitenwende“ sei durchaus gerechtfertigt, sagt Kemper. „Die Investitionen werden das Wirtschaftswachstum in Deutschland und Europa unserer Ansicht nach deutlich antreiben, in Kombination mit den gestiegenen Verteidigungsausgaben und dem neuen Fünf-Prozent-Ziel der Nato.“ Er rechne in Deutschland mit rund 1,5 Prozent mehr Wachstum als ursprünglich erwartet.
Auch andere europäische Länder würden als Auftragnehmer für Projekte davon profitieren, sodass dort das Wachstum um 0,8 Prozent höher liegen werde, prognostiziert der Stratege. Bestätigt sieht er sich durch die „Made for Germany“-Initiative von rund 60 deutschen Unternehmen, die ihrerseits mehr als 600 Milliarden Euro an Investitionen bis 2028 angekündigt haben. „Auch wenn das nicht alles neue Investitionen sind, ist das ein ernstzunehmender Betrag. Es bewegt sich etwas.“
„In Europa bewegt sich etwas. Von den deutschen Investitionen in die Infrastruktur werden auch andere Länder profitieren und das Wirtschaftswachstum in der Eurozone deutlich antreiben.“ – Stephan Kemper, BNP Paribas Wealth Management
Europäische Bankaktien und geopolitische Faktoren im Fokus
In den europäischen Bankaktien sieht Stephan Kemper derzeit ebenfalls Potenzial und mögliche Ausschüttungsrenditen im zweistelligen Prozentbereich. Auch sie seien lange unterschätzt worden. Seit einiger Zeit steigt ihr Wert kontinuierlich. Durch die Zinswende verzeichneten sie einen deutlichen Ertragsanstieg, nennt er einen Grund dafür und führt weiter aus: „Dadurch, dass wir konjunkturell aus der Zitterpartie heraus sind, ist auch die Gefahr von Kreditausfällen tendenziell rückläufig und die Banken haben deutlich mehr Luft für Dividenden und Aktienrückkäufe.“
„Die Politik wird immer wichtiger für die Entwicklung der Finanzmärkte. Um eine Anlagestrategie zu entwickeln, muss man immer stärker geostrategisch denken.“ – Stephan Kemper, BNP Paribas Wealth Management
Natürlich hat Kemper auch den Zoll-Deal mit Donald Trump in seiner Strategie berücksichtigt. „Wir sehen ihn eher positiv. Wenn man sich die Details anschaut, haben die Amerikaner keine ihrer Maximalforderungen durchgesetzt. Die hohe Summe, für die wir Energie kaufen wollen, halte ich dabei für unrealistisch, da die Amerikaner so viel gar nicht liefern können.“ Ein entscheidender Punkt sei aber, dass Sicherheit für die hiesige Wirtschaft geschaffen worden ist. „Das positive Momentum für Europa hängt ohnehin nicht vom US-Geschäft ab.“
Nicht erst seit Donald Trump erneut Präsident wurde, schaut sich Stephan Kemper die politischen Entwicklungen weltweit genau an. „Die Politik spielt eine immer wichtigere Rolle für die Börsen. Trump ist das beste Beispiel, aber nicht er allein“, stellt der Stratege über seine Arbeit fest, die sich in den vergangenen Jahren gewandelt habe. „Heute muss man sehr viel mehr Geostratege sein. Es ist wichtig, die handelnden Personen zu verstehen.“ Von diesem Gespür profitieren am Ende auch die Kunden.
