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Geld gut verdienen

„Nice to have“ war einmal. Ethische Themen zu bedenken ist für die Finanzwirtschaft zur Verpflichtung geworden. Die Europäische Union hat einen entsprechenden Beschluss gefasst. Nun müssen Banken und Fonds seit dem 10. März offenlegen, ob ihre Strategien, Prozesse und Produkte nachhaltig sind. Die richtungsweisenden ESG-Kriterien („Environmental“, „Social“ und „Governance“) dürften den Umbau der Wirtschaft schneller beschleunigen als viele erwartet hatten. Der Trend scheint kaum mehr aufzuhalten. Viele Anleger ziehen mit. Sie möchten mit ihren Entscheidungen gutes Geld verdienen. Und gleichzeitig verhindern, dass die Welt aus den Fugen gerät.

Die Ankündigung verursachte ein Beben. „Künftig werden wir Nachhaltigkeit zu einem wesentlichen Bestandteil unserer Portfoliokonstruktion und unseres Risikomanagements machen“, verkündete Larry Fink, Gründer und Vorstandschef des weltgrößten Vermögensverwalters Black Rock, im vorigen Jahr. Die Botschaft, die er an die CEOs richtete, markiert eine Zeitenwende. Dass es nie mehr so wie früher wird, begriffen plötzlich selbst Manager, die bis dahin ausschließlich maximalen Gewinnchancen hinterherjagten.

Klimaneutralität ist keine Mode

In Frankfurt und Rhein-Main sind führende Finanzleute schon länger überzeugt, dass Investoren und Unternehmer auch eine Verantwortung gegenüber der Zukunft haben. Dafür stehen Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, Commerzbank-Vorstand Arno Walter und Kristina Jeromin vom Green and Sustainable Finance Cluster Germany. Sie stimmen darin überein, dass Green Banking keine Mode abbildet, sondern die Gesellschaft grundlegend verändern wird.

Christian Sewing, CEO Deutsche Bank
Christian Sewing, CEO Deutsche Bank

„Aus tiefster Überzeugung wollen wir den globalen Wandel zu einer nachhaltigen, klimaneutralen und sozialen Wirtschaft mitgestalten“, sagt Sewing. Die Deutsche Bank wollte zunächst das Volumen der ESG-Finanzierungen und das Vermögen in entsprechenden Anlagen bis Ende 2025 auf mehr als 200 Milliarden Euro steigern. Jetzt soll die Benchmark sogar schon bis 2023 erreicht werden. „Wir müssen schnellstmöglich von Ambition zu Wirkung kommen“, so Vorstandsvorsitzender Sewing.

In diesem Frühjahr wurde der Ostwestfale mit dem besten Quartalsergebnis seit sieben Jahren belohnt. Die nachhaltigen Engagements des größten deutschen Finanzinstituts wurden dabei – wie versprochen – massiv hochgefahren. Doch einige Nichtregierungsorganisationen fordern mehr. Sie bemängeln, dass die Deutsche Bank weiter Geschäfte mit fossilen Kunden mache und nicht entschieden genug den Trennungsstrich gezogen habe.

Das Tempo des Wandels im Finanzsektor ist gleichwohl verblüffend. Fonds, die sich nachhaltig nennen, schießen wie Pilze aus dem Boden. Darunter dürften auch welche sein, die man lieber nicht ins Körbchen werfen sollte. Kristina Jeromin weist daraufhin, dass es immer noch einen „Dschungel“ unterschiedlicher Ratings gebe. „Wir brauchen klare Standards“, fordert die Hessin, die von 2016 bis 2020 das Nachhaltigkeitsmanagement der Deutschen Börse leitete.

UN unterstützt den Wandel

Die Bekämpfung der Klimakrise und die Realisierung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen seien „Jahrhundertaufgaben“ und duldeten keinen Aufschub. „Nur eine Ökonomie, die die natürlichen Grenzen unseres Planeten achtet sowie einheitliche und hohe Sozialstandards garantiert, ist überlebensfähig“, meint sie. Das Finanzsystem sei ein zentraler Hebel, um die Transformation der Wirtschaft „mit der notwendigen Geschwindigkeit zukunftsfähig zu gestalten“.

Kristina Jeromin Co-Geschäftsführerin Green and Sustainable Finance Cluster Germany
Kristina Jeromin Co-Geschäftsführerin Green and Sustainable Finance Cluster Germany

In der Rheingaugemeinde Hohenstein aufgewachsen, studierte Jeromin Philosophie und Politikwissenschaft. Geschäftsführerin des Green and Sustainable Finance Cluster Germany ist sie seit 2018. Die Initiative von Deutscher Börse und dem Hessischen Wirtschaftsministerium will mit unterschiedlichen Partnern Wandlungsprozesse beschleunigen. Die 38-Jährige Jeromin ist eine gefragte Gesprächspartnerin. Bei der Bundestagswahl kandidiert sie für die hessischen Grünen auf dem aussichtsreichen Listenplatz elf.

Finanzwirtschaft nutzt ihre Hebel

Mit Arno Walter, Commerzbank-Vorstand für Wealth Management & Unternehmerkunden, diskutierte Jeromin kürzlich über „Green Banking als Hype oder Hoffnung?“. Am Ende lagen sie nicht sehr weit auseinander. Beide befürworten eine Strategie, die eine verringerte Umweltbelastung, sozialen Ausgleich und transparente Unternehmensführung als handlungsleitende Faktoren konsequent miteinbezieht.

Auch Walter setzt große Erwartungen in die Neuordnung der Finanzströme. „Nachhaltigkeit ist inzwischen in der Gesellschaft angekommen“, konstatiert der Frankfurter. „Wenn sich bei vielen Unternehmen etwas verändert, haben wir alle etwas davon.“ Natürlich sei eine Umstellung auch schwierig und schmerzhaft. Doch zwei Drittel der Unternehmerkunden stuften schon heute Nachhaltigkeit als Top-Priorität ein. Unter Privatkunden sei es jeder zweite.

Wer die Herausforderung nicht annimmt, verliert laut Jeromin langfristig an Wettbewerbsfähigkeit. Arbeitsplätze und gesellschaftlicher Zusammenhalt würden gefährdet. Letztlich stehe das Überleben künftiger Generationen auf dem Spiel.

Die EU greift ein

Doch der Teufel steckt im Detail. Selbst für Konzerne wird es eine riesige Aufgabe, die neuen Vorgaben aus Brüssel zu erfüllen. Die EU-Taxonomie-Verordnung legt fest, dass auch Unternehmen außerhalb der Finanzindustrie erläutern und dokumentieren müssen, in welchem Ausmaß ihre Tätigkeit nachhaltig ist. Droht da ein Bürokratiemonster? Oder ist das Ganze sinnvoll, um eine Optimierung der Wertschöpfungsprozesse einschätzen und kontrollieren zu können?

„Lenkung von Kapital in nachhaltige Geschäftsfelder“ ist jedenfalls für Kristina Jeromin angesichts der Erderwärmung und des demografischen Wandels unausweichlich. Die Prozesse sollten wissenschaftlich begleitet werden. Im engen Austausch könnten Finanz- und Realwirtschaft nach Lösungen suchen. „Die Rezepte liegen nicht einfach in einer Schublade“, sagt sie. „Wir werden immer wieder nachjustieren müssen.“ Arno Walter macht deutlich, wie wichtig Geduld bei diesem fundamentalen Umbau ist. „Wir haben eine Reise angetreten und sind noch lange nicht am Ziel.“

Arno Walter Commerzbank Bereichsvorstand Wealth Management und Unternehmerkunden
Arno Walter Commerzbank Bereichsvorstand Wealth Management und Unternehmerkunden

Die Europäische Union tastet sich langsam voran. Noch streiten die Nationalstaaten beispielsweise darüber, ob Atomenergie klimaneutral oder klimaschädlich sei und wie schnell ein Ausstieg aus der Kohle gelingen könne. Je näher man an ein Problem herantritt, desto komplizierter wird es. Wie ist zum Beispiel das Abholzen von Waldflächen durch die holzverarbeitende Industrie zu beurteilen? Was ist gerechtfertigt im Rahmen von Wiederaufforstung? Wo beginnt der Raubbau?

Fonds stellen sich neu auf

Fondsmanager müssen eigene Entscheidungen treffen. Viele gehen recht großzügig mit dem Label Nachhaltigkeit um. Andere operieren engmaschig mit Ausschlusskriterien und präsentieren ihre Abwägungen offen dem großen Publikum. Dazu gehört Christoph Klein. Das Top Magazin sprach mit dem Gründer und Managing Partner von ESG Portfolio Management. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Frankfurt.

Der freundliche 49-Jährige Geschäftsmann gilt als besonders ambitioniert. Er will mit seinem Mischfonds „SDG Evolution Flexibel“ und dem Anleihefond „Mayence“ Maßstäbe setzen. „Wir haben eigene Modelle entwickelt, um transparente Beschlüsse in Sachen Nachhaltigkeit zu fassen“, erläutert er.

Der gebürtige Marburger, früher für den Vermögensverwalter DWS als Managing Director tätig, arbeitet mit ausgefeilten Methoden zum Aufzeigen von Wirkungszusammenhängen. Die Aufgabe fasziniert ihn. „Ich war immer schon researchlastig.“ 2018 machte er sich mit ESG Portfolio Management selbstständig. „In einem kleinen Unternehmen kann man leichter und schneller etwas Besonderes kreieren“, sagt er. Mittlerweile bekommt der Ökonom für seinen Ansatz weltweit Applaus. Sogar die Weltbank wurde auf ihn aufmerksam.

Druck über Prinzipien

Richtschnur sind für Christoph Klein und andere die „Principles for Responsable Investing“ (PRI). 2020 wurde ESG Portfolio Management in die PRI Leaders’ Group aufgenommen. Diese Auszeichnung erhielten weltweit nur 36 von mehr als 3000 PRI-Unterzeichnern.

Christoph Klein Gründer & Managing Partner ESG Portfolio Management
Christoph Klein Gründer & Managing Partner ESG Portfolio Management

PRI hat eine Partnerschaft mit UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, geschlossen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon unterstützt die Formation. Die finanzielle Relevanz der ESG-Kriterien auf die Finanzmärkte werde nun deutlich, meint der Koreaner. Die Investoren erhielten durch PRI ein Rahmenwerk zur Entwicklung eines solideren und nachhaltigeren Finanzsystems.

Das ESG Portfolio Management, das unter anderem 2020 den Deutschen Exzellenzpreis erhielt, profitiert von seinen internationalen Kontakten. 2021 folgten die ESG Investing Awards in den Kategorien Multi Asset und Fixed Income. Den von Klein betriebenen Fonds wurde außerdem wiederholt das FNG Siegel mit drei Sternen verliehen – die Höchstbewertung vom Forum Nachhaltige Geldanlagen.

Firmen, die kontroverse Waffen produzieren, Kohle fördern, Fracking betreiben, Atomstrom erzeugen, Uran abbauen oder Klontechnologie entwickeln, werden von ESG Portfolio Management generell nicht für einen Kauf in Betracht gezogen. Auch Anleihen von Staaten, in denen es Menschenrechtsverletzungen, Todesstrafe und Korruption gebe, würden nicht gezeichnet, erklärt Klein. Hohe Rüstungsbudgets und Verstöße gegen den Atomwaffensperrvertrag oder fundamentale Demokratieprinzipien führten ebenfalls dazu, dass man den Daumen senke.

Schwierige Bewertungen

„Wir wollen diejenigen unterstützen, die mit ihren Ideen und ihrer Professionalität dazu beitragen, dass Gesellschaft und Natur wieder in ein besseres Gleichgewicht geraten.“
Die Frankfurter Fondsgesellschaft investiert in Wertpapiere, deren Emittenten für eine nachhaltige Wirtschaft eintreten. Doch niemand ist perfekt. Es gibt also reichlich Bewertungsspielraum und Gesprächsstoff.

ESG Portfolio Management sucht den direkten Dialog. „Durch unser Netzwerk haben wir viele Milliarden Dollar im Rücken, wenn wir uns zusammenschließen“, führt Klein aus. „Da können wir schon ein bisschen mehr als nur Nadelstiche setzen.“ Bei Firmen mit Potenzial rege man Verbesserungen an, ob nun bei der CO2-Bilanz oder beim Betriebsklima. „Wenn man uns zuhört und deutlich macht, dass die Weichenstellungen in absehbarer Zeit erfolgen sollen, überdenken wir schon mal geplante negative Voten.“

„Wir wollen diejenigen unterstützen, die mit ihren Ideen und ihrer Professionalität dazu beitragen, dass Gesellschaft und Natur wieder in ein besseres Gleichgewicht geraten.“ – Christoph Klein
Gründer & Managing Partner ESG Portfolio Management

Kellogg’s, das weltweit größte Unternehmen für Getreideprodukte aus Michigan/USA, konnte die kleine Investment-Truppe aus Frankfurt zur Beschleunigung eines besseren Wegs inspirieren. „Wir haben sie aufgefordert, effektivere Verpackungsstrategien zur Plastikreduktion zu entwickeln“, berichtet Klein. „Nach Ausbleiben einer Antwort erhöhten wir über die PRI-Partner den Druck, blieben aber federführend.“

Die Großen zur Einsicht bringen

Dann sei es mit dem Head of Sustainability von Kellogg’s zu einem konstruktiven Conference Call gekommen. Es entwickelte sich ein intensiver argumentativer Schlagabtausch, bei dem der Manager aus den USA neugierig auf die Anstöße aus Europa wurde. „Was ist denn technisch möglich?“, soll er gefragt haben. Seitdem suchen die Amerikaner nach alternativen Lösungen, um Plastik so weit es geht zu ersetzen. „Sie scheinen auf einem guten Kurs zu sein“, glaubt Klein. „Wir haben deshalb unsere Beteiligung fortgeführt.“

Beispiele für die Einflussnahme veröffentlicht ESG Portfolio Management im regelmäßigen „Engagement Bericht“. So hat das Team um Klein die zur Tiefkühlbranche gehörende Frosta AG dringlich gebeten, sich um ein ESG-Rating zu bemühen. „Da die Unternehmensführung dies ablehnte, investierten wir trotz ihrer nachhaltigen Produkte nicht“, heißt es bedauernd.

Manche Abstimmungen befinden sich noch in der Schwebe. So wünscht man sich vom US-Konzern IBM, dass er sich stärker für Personalplanung und Mitarbeiterschulungen engagiert. Die Antwort des mächtigen Konzerns steht noch aus.

Niemand ist perfekt

Vor Liebesentzug durch die Klein-Fonds sind auch Unternehmen mit einem exzellenten Ruf in der Öko-Szene nicht gefeit. Beinahe hätte sich das ESG Portfolio Management von den Anteilen des Offshore-Windenergiebetreibers Orsted aus Dänemark getrennt, obwohl die Kommunikation im Vorfeld gut gelaufen war. Der gewünschte vollständige Kohleausstieg dauert aufgrund fester Verträge etwas länger als erhofft. „Uns leuchtete die Erklärung ein“, berichtet Klein. „Deshalb haben wir unsere Anleihen sogar aufgestockt.“ Eine gewisse Flexibilität sei grundsätzlich nötig. Entscheidend ist, dass sich die Unternehmen anstrengen, die ESG-Qualität und die Wirkung auf die Ziele zu verbessern.“

Die frankfurter Skyline
Die frankfurter Skyline

Alles habe aber Grenzen. Wer auf No-go-Unternehmen setze, werde irgendwann bösen Schiffbruch erleiden, prognostiziert Christoph Klein ohne Häme. Er träumt davon, dass der Handelsplatz Frankfurt die Nummer eins für nachhaltige Geldanlagen werden könnte. Längst lasse sich damit gut verdienen, nicht nur im moralischen Sinn, hebt er lächelnd hervor. „Gerne pflanzen wir für jeden neuen Kunden einen Baum.“

Nachhaltigkeit bringt Renditen

Zwar liegt dem Diplom-Kaufmann das Schicksal der Menschheit am Herzen. Und als Fußballfan hält Klein sogar seinem schwächelnden Lieblingsverein Werder Bremen die Treue. Doch weltfremd ist er nicht. Natürlich strebe er attraktive marktunabhängige Renditen an. Der Mischfonds verzichte auf einschränkende Benchmarks. Einige Marktrisiken würden teilweise mit Put Optionen abgesichert.

Im vergangenen Jahr ging die Rechnung auf „SDG Evolution Flexibel“ brachte einen Ertrag von 5,37 Prozent. Und „Mayence“ mit seiner konservativen Ausrichtung – europäische Anleihen mit guter Bonität – lag immerhin noch bei plus 1,65 Prozent. „Das ist doch was“, findet Christoph Klein. Das Beste aber sei, „dass wir mit unseren finanziellen Aktivitäten helfen, Dinge zum Besseren zu bewegen.“


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