Was könnte die Finanzmärkte in wirtschaftlicher und geopolitischer Hinsicht in den kommenden Monaten bestimmen? Und wie sollten sich Vermögende darauf einstellen? Darüber haben wir mit Ökonomin Tina Jessop und ihrem Kollegen Thomas Franz, Niederlassungsleiter der LGT in Frankfurt am Main, gesprochen.
Inhalt
Wirtschaftsausblick: Zwischen robusten Gewinnen und staatlichen Impulsen
Frau Jessop, ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende. Trotz wirtschaftlicher und geopolitischer Herausforderungen sind die Börsen gestiegen – wie passt das zusammen?
TJ: In den USA steuert der S&P 500 Index auf das dritte Jahr mit zweistelligen Gewinnen zu, während der Stoxx Europe 600 und DAX solide Zuwächse von über 10 Prozent verzeichnen. In den USA waren vor allem überraschend robuste Unternehmensgewinne aufgrund von Investitionen in KI und des schwachen US-Dollars zentrale Performancetreiber. Hinzu kamen Impulse durch angekündigte Deregulierung und Industrieinvestitionen. Europäische Aktien profitierten von einer stabilen Binnenkonjunktur, fiskalischen Impulsen und einer Kapitalrotationsbewegung aus den USA nach Europa.

Europa setzt vielerorts auf staatliche Milliardeninvestitionen. Braucht es das und ist dies für Anlegerinnen und Anleger eher Chance oder Risiko?
TJ: Europa sieht sich mit zahlreichen strukturellen Herausforderungen konfrontiert, und das wirtschaftliche Trend- und Produktivitätswachstum hinken den USA hinterher. Investitionsimpulse sind daher ein notwendiger, strategischer Wachstumsbeschleuniger. Nachhaltiges Wachstum erfordert aber auch die Mobilisierung privater Investitionen. Rüstungs-, Infrastruktur-, Versorger- und Maschinenbautitel profitierten dieses Jahr spürbar von angekündigten Maßnahmen. Viel ist bereits in den aktuellen Gewinnerwartungen reflektiert. Dies birgt das Risiko, dass Unternehmensgewinne niedriger und später als erhofft eintreten.
US-Präsident Donald Trump setzt mit seiner „Big Beautiful Bill“ mittlerweile auf großzügige Staatsausgaben. Kann das nicht irgendwann die Attraktivität der USA für Anlegerinnen und Anleger schmälern?
TJ: US-Investitionen sollten im aktuellen Umfeld unter Berücksichtigung der Wechselkursdynamik betrachtet werden. Da die Aussichten für das US-Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne robust bleiben und sich Produktivitätsgewinne durch den Einsatz von KI in den USA schneller materialisieren sollten, sind die Renditeerwartungen weiterhin attraktiv. Wie sich der US-Dollar gegen den Euro bewegen wird, ist hingegen fraglich. Das US-Haushaltsdefizit liegt aktuell bei rund 6% des BIP. Mit der Big Beautiful Bill ist eine fiskalische Konsolidierung kaum realistisch. Die Staatsverschuldung dürfte also weiter steigen. Der US-Dollar dürfte weiterhin unter Druck bleiben, wenn auch nicht so stark wie im ersten Halbjahr 2025.
„Da die Aussichten für das US-Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne robust bleiben und sich Produktivitätsgewinne durch den Einsatz von KI in den USA schneller materialisieren sollten, sind die Renditeerwartungen weiterhin attraktiv.“ – Tina Jessop, LGT Senior Economist Europe
Anlagestrategien: KI, Gold und die Rolle klassischer Stabilitätsanker
Wie sieht es demgegenüber mit den klassischen Stabilitätsankern wie Gold oder Anleihen aus?
TJ: Gold konnte seinen Status als sicherer Hafen im Jahr 2025 bestätigen. Angesichts anhaltender Inflationssorgen, Zweifel an der wirtschaftlichen und institutionellen Stabilität in den USA, steigender Staatsverschuldung sowie geopolitischer Spannungen stieg die Nachfrage nach Gold seitens privater und institutioneller Anleger, insbesondere der Zentralbanken. Diese Entwicklung ist ungebrochen, was mittelfristig weiteres Gewinnpotenzial bietet.
Die Faktoren, die Gold begünstigten, führten 2025 zu einer höheren Risikoprämie für US- als auch selektiv für europäische Staatsanleihen, wodurch ihre Stabilitätsfunktion etwas gelitten hat. Nichtsdestotrotz bleiben Anleihen zumindest vorerst ein wichtiger Bestandteil eines diversifizierten Portfolios, da sie weiterhin Schutz in Phasen politischer Beständigkeit und moderater Inflation bieten sollten.
KI scheint eines der wenigen Themen zu sein, das die Fantasie von Anlegerinnen und Anlegern beflügelt. Hat das Substanz oder sollte man auch auf andere Themen schauen?
TJ: Die KI-Transformation wird auf die eine oder andere Art kommen, was den starken Anlegerfokus untermauert. Neben laufenden Investitionen in Infrastruktur und KI-Entwicklung entstehen zunehmend konkrete Anwendungsfelder wie autonomes Fahren oder humanoide Roboter. Andere spannende Anlagethemen beinhalten Nachhaltigkeit, demografischer Wandel, Infrastruktur, Reshoring und Gesundheit, ebenso wie Ernährung und Wasserknappheit. All das bietet langfristiges Potenzial, da gesellschaftliche Herausforderungen adressiert werden, die wichtige Wachstumsimpulse liefern.
LGT in Frankfurt: Stabilität und Expertise für Vermögende
Als Niederlassungsleiter und Berater kennen Sie die Interessen und Bedürfnisse von Vermögenden. Sind trotz aller Chancen nicht auch weiterhin Unsicherheiten über die derzeitige Lage in ihren Gesprächen zu spüren?
TF: Das spüren wir sehr deutlich, insbesondere hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung, Sorgen über die wachsende Staatsverschuldung oder politischer Diskussionen. Viele sind besorgt und fragen sich, ob ihr Vermögen noch richtig angelegt ist. Da ist unsere Expertise als internationale Privatbank in Familienbesitz besonders gefragt und unser Heimatstandort Liechtenstein ein Vorteil.
Was können Sie der Unsicherheit entgegensetzen?
TF: Die LGT steht für Stabilität – nicht zuletzt, weil sie seit über 90 Jahren im Besitz der Fürstenfamilie von Liechtenstein ist. Wenn wir davon sprechen, dass unser Handeln langfristig orientiert ist und wir Risiken äußerst kalkuliert eingehen, sind das keine leeren Worte. Unsere Stärke ist die Vermögensanlage und wir sind so auch ohne risikobehaftete Geschäftsbereiche wie das Investment Banking erfolgreich.
Für Stabilität sorgen auch unsere Größe und internationale Ausrichtung: Bei uns arbeiten rund 6.000 Mitarbeitende an über 30 Standorten in Europa, Asien, Amerika, Australien und dem Mittleren Osten. Unsere Kundinnen und Kunden können deshalb wählen, wo sie ihr Vermögen buchen wollen, wobei Liechtenstein sehr gefragt ist. Die breite geografische Präsenz sorgt aber auch für Stabilität: Wenn die Wirtschaft in einer Region etwas schwächelt, können das die anderen ausgleichen.
Trotz der Internationalität spielt aber auch die Heimat der LGT – das Fürstentum Liechtenstein – eine große Rolle?
TF: Liechtenstein bietet attraktive Voraussetzungen für die Verwahrung und Verwaltung von Vermögen. Auch hier geht es um den Wettbewerbsvorteil Stabilität: Das Fürstentum hat einen ausgeglichenen Staatshaushalt, die Politik ist traditionell wirtschaftsfreundlich und die offizielle Währung ist der Schweizer Franken. Dank der Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ist das Land jedoch eng mit Europa verbunden. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass internationale Rating-Agenturen das Land mit Höchstnoten bewerten.

Trotzdem ist die LGT in Deutschland eher ein unbeschriebenes Blatt?
TF: Die LGT ist schon lange in Deutschland aktiv, aber seit Ende 2022 sind wir wieder mit Berater-Teams und Niederlassungen vor Ort: in Hamburg, Düsseldorf, Köln, hier in Frankfurt natürlich – und demnächst in München. Damit haben wir uns in Deutschland jüngst sehr dynamisch entwickelt und setzen auch alles dran, dass das so weiter geht.
„Viele unserer Dienstleistungen kennen Vermögende eher von größeren Banken. Eine besondere Stärke haben wir zum Beispiel bei Privatmarktanlagen und insbesondere bei Private Equity Investments.“ – Thomas Franz, Niederlassungsleiter Frankfurt LGT Bank AG
Wie wollen Sie hier in Frankfurt punkten? Mitbewerber gibt es hier ja besonders viele?
TF: Konkurrenz belebt das Geschäft! Und wir bieten ein umfassendes Service-Portfolio und viele unserer Dienstleistungen kennen Vermögende eher von größeren Banken. Eine besondere Stärke haben wir zum Beispiel bei Privatmarktanlagen und insbesondere bei Private Equity Investments. Diese Anlageklasse war bisher vor allem sehr Vermögenden vorbehalten, was an der hohen Illiquidität lag. Unser vielfältiges Angebot adressiert das und spricht dadurch einen breiteren Kreis von Anlegerinnen und Anlegern an.
Unsere Eigentümerfamilie ist zudem seit vielen Jahren stark in Privatmärkte investiert. Dies spiegelt sich in der Fürstlichen Strategie wider, nach der unsere Kundinnen und Kunden exklusiv mit der Fürstenfamilie investieren können. Weiters fragen viele vermögende Familien wie auch Unternehmerinnen und Unternehmer Beratungsdienstleistungen in der grenzüberschreitenden Vermögensplanung und in Spezialbereichen wie Family Governance und Philanthropie nach.
Als Family Office des Fürstenhauses verfügen wir hier über eine besondere Expertise und unsere Kundinnen und Kunden können bei Bedarf auf diese Spezialistinnen und Spezialisten zurückgreifen. Mit all diesen Kompetenzen bieten wir auch hier in Frankfurt eine attraktive Alternative und den entscheidenden Unterschied für unsere Kunden.
