Jungen Menschen seine Erfahrungen weitergeben – das gehört zur Philosophie von Thomas M. Reimann. Der Unternehmer, der seit 35 Jahren die Alea Hoch- und Industriebau AG mit Sitz in Frankfurt und einer Niederlassung in Bad Vilbel führt, lehrt seit diesem Semester auch an der Frankfurt University of Applied Sciences.
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Thomas Reimann ist ein besonnener Mensch. Vernunft zeigen, klug handeln, das sind Vokabeln, die er im Gespräch immer wieder nutzt. Nicht nur, wenn es um die Corona-Krise geht, aber auch. Die Baubranche, in der der Vorstandsvorsitzende der ALEA Hoch- und Industriebau AG tätig ist und für die er in zahlreichen Verbänden Leitungsfunktionen besetzt, hat es nicht so schwer getroffen, „weil man ihr die Chance gegeben hat, weiterzuarbeiten“, wie er sagt. Natürlich unter den gegebenen Sicherheitsvorkehrungen.
Von seinen eigenen Mitarbeitern forderte Reimann von Anfang an umsichtiges Handeln, Arbeiten in Kleingruppen und stetiges Abstandhalten. „Bei 150 Beschäftigten haben wir nicht einen einzigen Coronafall, auch nicht bei den Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten“, stellt er fest. Weil seine Mitarbeiter alle in der Region leben würden, habe er auch keine Schwierigkeiten mit Einreiseverboten gehabt, erläutert er weiter, und habe daher viel Grund zur Zuversicht. Die sei in Krisenzeiten enorm wichtig, betont er. „Wir haben uns mit Worten zu sehr nach unten gezogen, dabei haben wir in der Vergangenheit doch immer Lösungen für unsere Probleme gefunden.“ Seine Aufgabe als Unternehmer sieht er deshalb darin, den Menschen Mut zu machen und Perspektiven aufzuzeigen.
Diese positive Haltung, sein Wissen und seine Erfahrung aus 35 Berufsjahren in der Branche möchte der 58-Jährige auch gerne an Jüngere weitergeben. Wissensvermittlung ist ein Teil seiner Lebensphilosophie, wie er sagt. Er selbst ist in seinem Leben ebenfalls früh gefördert worden. Nachdem er seinen Wunsch, Pfarrer zu werden, aufgegeben hatte, weil er in den 1980er-Jahren die Ansichten der evangelischen Kirche zum Thema Aids nicht teilte und daher sein Theologie-Studium an der Mainzer Universität nicht fortsetzen konnte, begann er, bei einem Frankfurter Gebäudereiniger zu arbeiten. „Nach eineinhalb Jahren bot man mir die Geschäftsführer-Position für Wiesbaden an.“ Da war er gerade mal 21 Jahre alt und trug die Führungsverantwortung für 150 Menschen.
Zusätzlich dazu nahm er ein duales Studium an der dortigen Betriebswirtschafts-Akademie auf. Nach seinem Abschluss kam zwei Jahre später ein weiteres Angebot, diesmal von der Familie Schmidt aus der Hoch- und Industriebau-Firma K. L. Schmidt, der heutigen ALEA. Sie machte ihn vor ziemlich genau 35 Jahren zu einem der jüngsten Generalbevollmächtigten der Baubranche. Und in der blieb er. Das Unternehmen, das in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiert, führt er mittlerweile als Aktiengesellschaft weiter. Mit ihm erstellt er Rohbauten vor allem für den privaten Wohnungs- und Wirtschaftsbau im Rhein-Main-Gebiet, wie etwa bei der Firma Hassia für das neue Verwaltungsgebäude von Bionade.
Etwas bewegen
Von Anfang an kümmerte sich Thomas Reimann zugleich ehrenamtlich um den Nachwuchs. Seit 1985 war er Prüfer bei der Industrie- und Handelskammer, seit 1995 Vorsitzender gleich mehrerer Prüfungsausschüsse. Ein Ehrenamt, das in der Familie lag. Schon sein Schwiegervater war IHK-Prüfer. Rund 20 Jahre lang testete Reimann Bilanzbuchhalter, Bürokaufleute, Betriebswirte oder Controller an der IHK Frankfurt. 2010 gab er diese Aufgabe auf. „Die Prüferzeit war unendlich schön. Ich habe viel gelernt von den jungen Menschen. Aber der Tag hat nur 24 Stunden“, begründet er diese Entscheidung.
Bei dem, was Reimann trotzdem noch ehrenamtlich macht, ist das kaum zu glauben. Er ist Mitglied des Präsidiums der VhU Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände und Vorsitzender des Bau- und Immobilienausschusses sowie bis heute in der Vollversammlung der IHK Frankfurt dabei, dazu Stadtverordneter in Bad Vilbel, Vorsitzender der dortigen FDP, im Vorstand des Verbandes baugewerblicher Unternehmer Hessen, der Bauakademie Hessen-Thüringen und dem Landesinnungsverband des Bauhandwerks Hessen sowie Mitglied in weiteren Gremien. „Wenn ich mich heute ehrenamtlich engagiere, dann in verantwortlicher Position, damit ich etwas bewegen kann“, sagt er und hat dabei auch die jungen Menschen wieder im Blick.
Perspektiven für den Nachwuchs
Als Vorstandsmitglied des Bundes Deutscher Baumeister Architekten und Ingenieure Hessen Frankfurt (BDB) hat er aktuell das Pilotprojekt „Initiative Zukunft Fachkraft“ ins Leben gerufen, bei dem es darum geht, dem Nachwuchs mithilfe von Praxistagen Chancen und Perspektiven in der Bauwirtschaft aufzuzeigen. Auch das liegt ihm schon lange am Herzen. Bereits in den 2000er-Jahren gründete er auf Initiative der Hessischen Landesregierung im russischen St. Petersburg die erste Baufachschule und bildete nach und nach 30 Absolventen neun Monate lang in der eigenen Niederlassung in Bad Vilbel weiter. „Einer von ihnen wurde später Bauleiter bei der Nord-Stream-Pipeline“, erzählt er stolz.
Da ist es nicht verwunderlich, dass er auch zum 150. Geburtstag seiner Firma dem Nachwuchs ein Geschenk machen möchte: Zu den bereits bestehenden drei Ausbildungsplätzen im Betrieb hat er 15 weitere geschaffen, die er in diesem Sommer besetzen möchte. „Leider hat uns die Corona-Krise dabei schwer getroffen. Bislang ist nur ein Vertrag unterschrieben“, stellt er fest. Die anderen Bewerber würden aus Unsicherheit über ihren Schulabschluss lieber erstmal abwarten. „Aber was 2020 nicht besetzt wird, steht auch im nächsten Jahr zur Verfügung“, bleibt er optimistisch.
Große Fußstapfen
Er bildet zudem noch an anderer Stelle aus: Seit diesem Sommersemester ist Thomas Reimann Lehrbeauftragter an der Frankfurt University of Applied Sciences im Fachbereich für Architektur, Ingenieurwesen und Geomatik. Er lehrt in den Fächern BWL und Unternehmensführung. Ein Professor der Fachhochschule hatte ihn angesprochen, ob er bereit dazu wäre. „Ich mache das mit Leidenschaft“, sagt Reimann. Weil er während der Corona-Pandemie seinen 34 Studenten nicht persönlich gegenüberstehen kann, stellt er für seine Vorlesung einen Folienvortrag online, bespricht eine entsprechende Tonspur dazu und schneidet fünf bis zehn kurze Videosequenzen dazwischen. „Das ist relativ aufwendig, aber ich möchte die Studenten umfassend versorgen.“
Die modernen Medien nutzt Reimann gerne, um seine Anliegen öffentlich zu machen. Nachdem er den „Immotalk am Golfplatz“, einen Branchentreff für die Bau- und Immobilienwirtschaft, etabliert hatte, ergänzte er ihn vor einem Jahr durch das Format „Immo-Talk TV“, mit dem er mal im Institut für Stadtbaukunst reinschaut, mal Interviews etwa mit dem Fraport-Vorstand Dr. Pierre Dominique Prümm führt oder aktuelle Informationen zu Corona für die Branche erläutert. „Es sollte viermal im Jahr erscheinen, aber das Interesse ist so groß, dass ich es jetzt öfter machen werde.“ Die Videos stehen auf YouTube, auf seiner Internetseite und werden mittlerweile auch von seinen Verbänden geteilt. Die dritte Folge habe weit mehr als 1.000 Zugriffe verzeichnet, sagt er stolz.
Ihm ist aber auch bewusst, dass sein vielfältiges Engagement nicht möglich wäre ohne die Unterstützung seiner Frau. „Sie hat unsere beiden Söhne erzogen, ich hatte damals zu wenig Zeit.“ Nun freut er sich auf die Zeit, wenn sein eigener Nachwuchs ihn entlasten wird. Sein jüngerer Sohn entschied sich vor einigen Jahren aus eigenem Antrieb, ins Unternehmen einzusteigen. Und zwar von der Pike auf. Er machte zunächst eine Maurerlehre. Jetzt absolviert der 28-Jährige ein duales Studium. „Das hat ihm bei den Mitarbeitern Anerkennung gebracht“, freut sich der Vater, dem klar ist, dass er durchaus große Fußstapfen hinterlässt. Ans Aufhören denkt der 58-Jährige aber ohnehin nicht. „Ich kann mir gut vorstellen, in der Branche bis 75 aktiv zu sein, es macht mir immer noch großen Spaß.“
