TV-Moderatorin Bärbel Schäfer und Schauspieler Christian Berkel in der St. Katharinenkirche
TV-Moderatorin Bärbel Schäfer und Schauspieler Christian Berkel in der St. Katharinenkirche

Noch zwei Tage läuft die Frankfurter Buchmesse. Bisher DER Treffpunkt für Kreative, Tech-Spezialisten und Publishing-Experten aus aller Welt. Und jetzt? Alles anders. Top Magazin traf Schauspieler Christian Berkel und Schriftsteller Wladimir Kaminer. Im Interview erzählen sie, wie die Messe ohne Publikum und ohne Partys läuft. Von Laura Uebel Fotos: Bernd Kammerer, Enrico Sauda

Die Frankfurter Buchmesse „Special Edition 2020“ neigt sich ihrem Ende. Ihr Name ist Programm: Denn so speziell wie in diesen Zeiten haben wir das Event, das bislang immer für DIE Messe des internationalen Branchentreffens galt, noch nie erlebt. Die nahezu leere Festhalle verpasste dem ein oder anderen ein Gänsehautgefühl. Die Autoren live erleben konnte nur, wer einen der reduzierten Plätze bei kleineren Veranstaltungen, die noch bis Sonntag im Rahmen von „Bookfest City“ und „Open Books“ stattfinden, ergatterte. Verteilt über die ganze Innenstadt, mal mit kurzen, mal längeren Laufwegen. Während des einstündigen Talks gilt für das Publikum Maskenpflicht. Außerdem: keine Autogrammstunden, keine Empfänge, keine Partys.

Buchmesse Frankfurt: Schockierte Künstler und traurige Fans

Für die Künstler angesichts der steigenden Corona-Fallzahlen verständlich – und dennoch ein Schock. Nach seiner Lesung aus seinem neuen Buch „Ada“ in der St. Katharinenkirche sprach Schauspieler Christian Berkel, der schon George Clooney seine Stimme lieh, mit Top Magazin: „Es ist schon wahnsinnig traurig. Wenn man normalerwiese hier zur Buchmesse nach Frankfurt kommt, dann merkt man schon am Bahnhof, wie präsent diese Messe ist und wie sie diese Stadt quasi in Besitz nimmt. Das ist so schön, das mitzuerleben.“ An diesem Abend können immerhin bis zu 100 Zuhörer seiner sanften, fast schon betörenden Stimme lauschen.

„Als Schauspieler ohne Publikum ist man eigentlich nichts“ – Christian Berkel

Ein Fan läuft nach Berkels Lesung nach vorne, will sich seine Bücher signieren lassen. Berkel hebt entschuldigend die Hände, schüttelt den Kopf: „Geht leider nicht, tut mir sehr, sehr leid.“ Enttäuscht dreht der Fan um. Er vermisse sein Publikum und den Austausch mit anderen Autoren, Verlegern und Journalisten, so der Autor. „All das ist ein schmerzhafter Verlust. Als Schauspieler ohne Publikum ist man eigentlich nichts. Als Autor kann man immer noch sagen, dass die wesentliche Begegnung zwischen dem Leser und dem Text stattfindet und normalerweise gehört man ja selbst dann da gar nicht hin. Aber vielleicht ist gerade deswegen dieses Bedürfnis nach dem Live-Erlebnis da und das ist auch nicht durch die Übertragung ins Internet aufzuwiegen.“

Buchmesse-Tipp

Ada: Roman
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Ada: Roman
  • Berkel, Christian (Author)
  • 400 Pages - 12.10.2020 (Publication Date) - Ullstein Hardcover (Publisher)

Buchmesse Frankfurt: Kultur braucht Konzepte

Was Berkel schockiert: Dass die Kulturbranche in der Politik kaum Erwähnung findet. „Kultur trägt zu unserer Selbstwahrnehmung und Selbstdefinition entscheidend bei. Das ist etwas, was wir dringend brauchen, gerade auch in solchen Zeiten.“ Das Verbieten all dieser Dinge sei eine Sache, das notwendige Erstellen von Konzepten die andere. „Daran wird sich die Politik spätestens im Nachhinein messen lassen müssen, ob es ihr gelungen ist, Konzepte auf den Weg zu bringen. Denn die neuen Herausforderungen in der Schauspiel-Szene werden uns leider noch länger begleiten.“

Wladimir Kaminer im Ignatz Bubis-Gemeindezentrum
Wladimir Kaminer im Ignatz Bubis-Gemeindezentrum

Berkel verabschiedet sich. „Ich habe jetzt noch eine Veranstaltung, bin dann gegen neun Uhr schon auf meinem Hotelzimmer und das war‘s.“ Währenddessen bereitet sich der nächste Künstler, Wladimir Kaminer, auf seinen Auftritt vor. Der ist in 20 Minuten im Ignatz Bubis-Gemeindezentrum. Beeilung ist angesagt.

Buchmesse-Tipp

Rotkäppchen raucht auf dem Balkon: ... und andere Familiengeschichten
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  • Kaminer, Wladimir (Author)
  • 208 Pages - 10.08.2020 (Publication Date) - Goldmann Verlag (Publisher)

„Die Welt ist verrückt geworden“

„Gruß aus dem Risikogebiet Berlin ins Risikogebiet Frankfurt“, winkt der Schriftsteller zur Begrüßung seinem Publikum zu. Für ihn sei diese außergewöhnliche Situation im Grunde wie ein neues Buch – nur, dass diesmal alles Kopf stehe, verrät er uns im Interview: „Normalerweise spielen irgendwelche Menschen in meiner Geschichte verrückt, in einer vollkommen normalen Welt. Hier haben wir eine umgekehrte Situation: Die Welt ist verrückt geworden und normale Menschen wollen eigentlich ganz normal weiter leben wie früher – und das geht nicht.“

Diese besondere Situation sei aber auch eine einmalige Chance: „Um ein richtig gutes, dickes Buch zu schreiben.“

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