Heinrich Riethmüller, Vorstand des Börsenvereins, Staatsministerin Monika Grütters, Autorin Eva Menasse, Preisträgerin Margaret Atwood, OB Peter Feldmann
Heinrich Riethmüller, Vorstand des Börsenvereins, Staatsministerin Monika Grütters, Autorin Eva Menasse, Preisträgerin Margaret Atwood, OB Peter Feldmann

Die kanadische Schriftstellerin, Essayistin und Dichterin Margaret Atwood ist heute mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 1.000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt. Die Laudatio hielt die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse.

In den Mittelpunkt ihrer Dankesrede stellte Margaret Atwood die Kraft des Geschichtenerzählens und die Aufgabe der Schriftstellerinnen und Schriftsteller in schwierigen Zeiten. „Geschichten haben es in sich. Sie können das Denken und Fühlen der Menschen verändern – zum Besseren oder zum Schlechteren“, sagte Atwood. Warum und mit welchem Zweck der Mensch Kunst, und damit auch das Erzählen von Geschichten betreibe, darauf gebe es keine eindeutige Antwort. „Was macht man damit? Lernen, lehren, uns ausdrücken, die Realität beschreiben, uns unterhalten, die Wahrheit darstellen, feiern oder gar anklagen und verfluchten?“, fragte Atwood. Klar sei: Der Mensch habe seit je her Kunst geschaffen.

„In was für einer Welt wollen sie leben?“

OB Peter Feldmann, Preisträgerin Margaret Atwood und Heinrich Riethmüller, Vorstand des Börsenvereins (Foto Werner Gabriel)
OB Peter Feldmann, Preisträgerin Margaret Atwood und Heinrich Riethmüller, Vorstand des Börsenvereins (Foto Werner Gabriel)

Wir lebten aktuell, so Margaret Atwood in einem „seltsamen historischen Augenblick“. In „Zeiten von Bedrohung und Wut“. Sie veranschaulichte die Lage mit dem, was sie als Schriftstellerin am besten kann, mit einer Fabel: einer Geschichte vom Wolf, der für die vermeintlich perfekte Welt die Zivilgesellschaft abschafft und das friedliche Zusammenleben opfert, und von Kaninchen, die vor Verwirrung und Angst erstarren. Angesichts des gespannten gesellschaftlichen Klimas, sozialer Ungerechtigkeit und der zunehmenden Bedrohung von Umwelt und Natur müssten sich, so Atwood, die Bürger jedes Landes dieselbe Frage stellen: „In was für einer Welt wollen sie leben?“

Margaret Atwoods Werk, so die Laudatorin Eva Menasse, zeige besonders gut, „wie Literatur sein muss, um auch eine politische Wirkung zu entfalten. Es zeigt, wie politische und gesellschaftliche Analyse Eingang finden, ohne die Literatur zu verbiegen oder zu beschweren.“ Ihre Erzählungen seien „realistisch, wahrhaftig, und immer ein wenig beispielhaft. Vor allem zeigen sie die anderen Möglichkeiten auf. Möglichkeiten liegen ja überall und in allem. Indem wir leben, treffen wir ständig Entscheidungen, die Möglichkeiten vernichten, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Nur im Schreiben kann man sie wieder lebendig machen, die Varianten ans Licht holen, lachen und weinen darüber, was alles möglich gewesen wäre“, sagte Menasse.

Meisterin der Dystopie

Atwood gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart und erfolgreichste Autorin Kanadas. Mehr als 40 Werke, darunter Romane, Essays, Lyrik und Kurzgeschichten, hat sie bereits veröffentlicht. Häufig zeichnet sie die menschliche Gesellschaft in düsteren Farben und gilt daher als „Meisterin der Dystopie“.

Einer ihrer berühmtesten Bestseller ist „Der Report der Magd“ von 1984. Atwood beschreibt hier eine totalitäre Gesellschaft, in der Frauen als Gebärmaschinen benutzt und unterdrückt werden. Der Roman erfährt aktuell eine Renaissance als Internet-TV-Serie („The Handmaid’s Tale“), die im September mit fünf Emmys, dem wichtigsten Fernsehpreis in den USA, ausgezeichnet wurde.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist bereits die dritte Auszeichnung für Margaret Atwood in diesem Jahr. Auch der Franz-Kafka-Preis aus Tschechien und der „Prize by the National Book Critics Circle for lifetime achievement“ der USA gingen an die kanadische Schriftstellerin.

Dem Frieden verschrieben

Die feierliche Vergabe des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche steht traditionell am Ende jeder Frankfurter Buchmesse. Seit 1950 wird er einmal im Jahr an eine Persönlichkeit verliehen, „die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat“, heißt es im Statut.

Preisträger waren neben Amos Oz und Albert Schweitzer unter anderem Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, David Grossman, Liao Yiwu, Navid Kermani und im vergangenen Jahr Carolin Emcke. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.