Dirk Steffens hat die Welt gesehen. Für unterschiedliche TV-Sender unternahm er Reisen in mehr als 120 Länder und berichtete von dort über Naturschutz, Nachhaltigkeit oder Artensterben. Trotz vieler schlechter Nachrichten blickt er positiv in die Zukunft und sagt: Demokratie braucht Optimisten!
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Als Dirk Steffens vor rund 30 Jahren anfing zu reisen, konnte er als Wissenschaftsjournalist den Fernsehzuschauern noch hauptsächlich von der Schönheit der Natur berichten. Heute ist er immer häufiger Krisenberichterstatter. Das könnte einen Menschen in die Verzweiflung treiben. Doch Steffens ist „hoffnungslos optimistisch“. So lautet auch der Titel seines neuen Buches, mit dem er gerade offenbar einen Nerv getroffen hat, denn es steht seit Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Der Zuspruch sei überraschend groß, erzählt der Autor. „Das zeigt mir, dass es ein verbreitetes Bedürfnis gibt, mit der Schwarzmalerei und dem Schlechtreden Schluss zu machen.“
Vom Krisenreporter zum optimistischen Bestseller-Autor

Die Idee zum Buch entstand natürlich auf Reisen. „Ich kam gerade aus Zentralafrika zurück in meine Heimat Deutschland, eines der reichsten Länder auf dem Planeten, und alle redeten hier so, als werde die Welt gleich untergehen“, erzählt Steffens. Dem wollte er etwas entgegensetzen.
Schließlich hat er auf seinen zahllosen Reisen für Dokumentationen wie „Terra X“ oder „Faszination Erde“ viele Wissenschaftler getroffen, die sich mit Aspekten des Naturschutzes, Artensterbens oder Klimawandels auseinandersetzen. Er unterstützt zudem die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt und erhält auch dort Informationen über aktuelle Forschungen aus erster Hand.
Die Wissenschaft warnt, aber sie bietet auch Möglichkeiten. „Wir haben mehr Lösungen als Probleme“, sagt Dirk Steffens und schreibt in seinem Buch: Wohin er in den vergangenen Jahren auch gereist sei, überall suchen Menschen nach Lösungen. „Es gibt nicht die eine simple Antwort. Und die meisten Ideen werden scheitern, keine Frage. Aber da acht Milliarden Menschen jeden Tag unvorstellbar viele Ideen haben, bleiben immer noch genug übrig, die funktionieren. Die Summe dieser Lösungsansätze, das ist das, was die Welt retten kann.“
Warum Demokratie ein starkes Fortschrittsversprechen braucht
Doch sein Optimismus beschränkt sich nicht auf die Klimakrise. Vielmehr geht es ihm darum, die schlechte Stimmung insgesamt zu hinterfragen. „Unser Land ist immer noch sehr frei, das Gesundheits- und das Bildungssystem sind kostenlos. Wir leben an einem der besten Orte der Welt. Wie kann es sein, dass es uns so gut geht, wir uns dabei aber so schlecht fühlen?“
„Bei uns funktioniert das Fortschrittsversprechen nicht mehr so gut, das nährt den Pessimismus. Und da sind wir an einem sehr kritischen Punkt, denn Demokratie ist ein Fortschrittsversprechen.“
Eine der Antworten, die er bei seinen Recherchen gefunden hat, lautet, dass es Studien zufolge nicht so sehr darauf ankommt, wie es uns heute geht, sondern auf die Aussicht, dass es uns morgen besser gehen kann oder dass wir morgen reicher sind als heute. „In Schwellenländern wie Brasilien oder China sind die Menschen deshalb optimistischer als in reichen Ländern wie Deutschland, der Schweiz und Dänemark.“
Bei uns funktioniere das Fortschrittsversprechen nicht mehr so gut und das nähre den Pessimismus. „Sie gehen nicht zu einer Wahl, wenn Sie davon überzeugt sind, dass es sinnlos ist, weil sowieso alles schlechter wird. Sie engagieren sich dann auch nicht in der Zivilgesellschaft, im Dorffußballclub oder beim freiwilligen Müllsammeln.“ Die Menschen würden das Vertrauen in die Demokratie verlieren, und dadurch werde der Zustrom zu populistischen Stimmen größer. Die Demokratie brauche einfach den Optimismus, dass die Gesellschaft in der Lage sei, die Probleme zu lösen und die Zukunft zu gestalten.
Intellektueller Pessimismus liefert keine echten Lösungsansätze

Er selbst sei schon immer Optimist gewesen, sagt er. „Das ist zum Teil Veranlagung.“ Auf seinen Reisen durch die Welt aber hat er viel Elend und Zerstörung gesehen und war selbst eines Tages an dem Punkt, sich zu fragen: Geht die Welt vor die Hunde? „Mir wurde schnell klar, dass es zum Optimismus keine vernünftige Alternative gibt. Wir haben nun mal keinen zweiten Planeten. Es ist die Untätigkeit, die in den Abgrund führt und nicht das Ausprobieren neuer Wege.“
Wir alle müssten uns ernsthaft fragen, ob wir durch Passivität und Schlechtreden dazu beitragen möchten, dass die Zukunft nicht gelingt, fordert Steffens und stellt fest: „Pessimismus endet nach der Analyse der Probleme und gefällt sich in dieser Rolle. Er bietet keine Lösungen an. Intellektuell ist der Pessimist nur B-Ware.“
Er appelliert daher an unsere Vorstellungskraft: „Denn was folgt daraus, wenn wir wirklich überzeugt davon sind, dass das, was wir tun, keinen Sinn mehr hat? Das bedeutet, dass die Welt untergeht.“
Optimismus beinhaltet seiner Ansicht nach immer auch einen Aufruf dazu, selber Verantwortung zu übernehmen. „Man kann auch mal dem grantigen Nachbarn zuwinken oder das Stück Müll auf dem Gehweg aufheben. Man kann überall mitgestalten. Man muss aus dem Gefühl der Machtlosigkeit und Frustration herauskommen.“
Er selber hat es sich beispielsweise zusammen mit seiner Frau zur Aufgabe gemacht, jeden Tag ein Stückchen Müll aufzuheben. „Natürlich wirkt das bei der Menge an Müll ein bisschen sinnlos, aber immer nur zu sagen, ich kann ja nichts ausrichten, ist auch eine sehr bequeme Ausrede dafür, nichts tun zu müssen.“
Die Macht der Narrative für unsere Zukunft
In seinem Buch bietet Steffens auch Lösungsansätze, die über den Einzelnen hinausreichen. Denn eine Erkenntnis der Wissenschaft zur Menschheitsgeschichte laute: „Menschen folgen nicht Fakten, sondern Geschichten.
Das war schon immer so. Das können schöne sein, wie die von Jesus, Buddha oder Gandhi oder schreckliche Geschichten, wie die von Hitler oder Stalin. Es gibt immer erst die Erzählung, und dann verändert sich die Welt.“ Derzeit sei es so, dass die leicht zu verdauenden Geschichten von Populisten kämen, welche einfache Scheinlösungen bieten.
„Unser Narrativ muss sein: Wenn wir alles das, was wir können und wissen, anwenden, dann wird alles gut!“
Doch Wissenschaft und Politik würden derzeit eher komplizierte, sperrige Narrative verbreiten, denen man kaum noch zuhört. „Was wir brauchen, sind die richtigen Geschichtenerzähler, also Politiker, die in der Lage sind, die großen, komplexen Fragen unserer Zeit runterzubrechen und das alles mit einer Prise Populismus zu würzen.“ Steffens nennt Beispiele aus der Geschichte, wie John F. Kennedy oder Winston Churchill. Dieser habe in seiner „Blut, Tränen und Schweiß“-Rede im Jahr 1940 gesagt, er könne dem Volk nichts anderes versprechen außer Mühsal.
Unser politisches Personal tue dagegen so, als könne man ohne große Zumutungen die Probleme einfach wegreden. „Auch Kennedy hat es geschafft, durch seine Rede, in der er gesagt hat: ‚Wir fliegen zum Mond, nicht weil es einfach ist, sondern weil es schwierig ist‘, das Vorhaben zu einem nationalen Abenteuer zu machen. Millionen Menschen haben mitgefiebert. Da sieht man, was Politiker mit Reden bewirken können. Die Macht des Beispiels wird oft unterschätzt.“
Mit absurder Naturliebe auf die Bühne in Frankfurt
Dass Dirk Steffens zu Beginn seiner Karriere mal Politik- und Nachrichtenredakteur war, hält er heute für eine Panne. Wenn auch durchaus eine hilfreiche, weil er dadurch die Mechanismen der Politik besser versteht. „Ich bin aber mit einer absurden Tier- und Naturliebe geboren worden, ich habe schon als kleiner Junge alle Tiere mit nach Hause und zum Leidwesen meiner Mutter mit ins Bett genommen.“ Als Sechsjähriger habe er einen Film von Bernhard Grzimek gesehen, in dem dieser einem Zebra am Schwanz zog. „Das war wie ein Stromschlag, da wusste ich, das will ich auch machen.“
Seitdem hat er seine Begeisterung für die Natur und die Welt zu seinem Beruf gemacht und dafür schon viele Auszeichnungen bekommen. Auch künftig will er weiter für unterschiedliche Sender durch die Welt reisen und hat gerade eine Dokumentation für RTL gedreht. „Ich führe weiterhin das Leben eines Expeditionsreisenden.“ Stets mit im Gepäck: seine kleine Espresso-Maschine, die sich von Hand aufpumpen lässt und fast in die Hosentasche passt. „Man braucht dafür nur heißes Wasser. Wenn ich irgendwo in der Wildnis bin, kann ich mir damit einen 1a italienischen Espresso machen. Das kann einem schon den Tag retten.“
„Wenn wir die Zukunft eher als Chance und weniger als Bedrohung sehen, ist das bereits der erste Schritt in die richtige Richtung.“
In den kommenden Wochen wird er die allerdings nicht brauchen. Seit Februar tauscht er die Wildnis mit großen deutschen Bühnen. Unter dem Titel „Hoffnungslos optimistisch“ lädt er in Hallen einmal quer durch die Republik ein, wie etwa in Frankfurt in die Jahrhunderthalle, um den Menschen seine Weltsicht auf humorvolle Art live zu erzählen.
„Dass ich aus einem Thema ein abendfüllendes Entertainment-Programm mache, ist völlig neu“, sagt er und die Nervosität ist ihm ein wenig anzumerken. Immerhin ist die Tour schon fast ausverkauft. Alle Menschen seien ihm dort willkommen, die frei von Ideologie sind, sagt er. Die Diskussion mit vernagelten Besserwissern möchte er sich lieber schenken. Sein Credo lautet vielmehr: „Wenn wir die Zukunft eher als Chance und weniger als Bedrohung sehen, ist das bereits der erste Schritt in die richtige Richtung.“
