Wer die Rembrandt-Schau im Städel besucht, macht sich keine Gedanken, wie viel Vorbereitung eine solche Ausstellung braucht. Ist aber auch nicht nötig. Dafür gibt es ja Menschen wie Prof. Dr. Jochen Sander und Katja Hilbig.
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Bisher sind es sechzehn dicke Aktenordner mit der Aufschrift „Rembrandt“. Katja Hilbig schätzt, dass am Ende der Ausstellung Ende Januar 2022 mindestens noch drei hinzugekommen sein werden. Neunzehn Mal also Leihverträge, Versicherungsabschlüsse, Vereinbarungen über den Transport und die Zustandsberichte über die entliehenen Gemälde des Meisters und seiner Weggefährten.
Kajtja Hilbig, 49, verheiratet, zwei Töchter, ist eine jener Personen im Hintergrund, von denen ein Besucher der Rembrandt-Schau im Städel nichts weiß. Aber ohne die er nicht in den Genuss dieser spektakulären Ausstellung käme. Die sympathische Frau mit der Kurzhaarfrisur, die trotz ihres nervenaufreibenden Berufs nur selten laut wird, fungiert im Museum als Leiterin des siebenköpfigen Ausstellungsdienstes. Ihr Job hört auf, wenn die ersten Besucher den Peichl-Bau des Städel betreten. Ihre Arbeit am Rembrandt-Projekt begann vor gut drei Jahren.
Rembrandt im Städel: Kunst-Koryphäen am Telefon
Noch ein paar Monate länger ist Prof. Dr. Jochen Sander mit der Sache befasst. Sander, 63, verheiratet, verbindet stupendes kunsthistorisches Wissen mit unprätentiöser Freundlichkeit. Seit 2007 ist er stellvertretender Direktor des Städelmuseums und dort Sammlungsleiter der deutschen, holländischen und flämischen Malerei vor 1800. Alles begann mit einem Anruf: „Ich befand mich gerade in Danzig vor der Marienkirche, als Stephanie Dickey am anderen Ende der Leitung war.“ Die Amerikanerin Prof. Dr. Stephanie Dickey arbeitet als freie Kuratorin und gilt als eine der Koryphäen in der Erforschung der alten Niederländer.
„Ich befand mich gerade in Danzig vor der Marienkirche, als Stephanie Dickey am anderen Ende der Leitung war.“ – Prof. Dr. Jochen Sander
Am Telefon entwickelte sie damals ihre Idee im Schnellsuchlauf: Gemeinsam mit der National Gallery of Canada in Ottawa solle das Frankfurter Museum Rembrandts große Jahre in Amsterdam in den Mittelpunkt einer Schau stellen. Und dann fiel ein Wort, auf das Jochen Sander sofort reagierte: „Konstellationen“. Es würde also nicht darauf ankommen, einfach möglichst viele hochwertige Rembrandt-Werke zu zeigen, aus eigenen Beständen der beiden Museen und als Leihgaben aus aller Welt. Im Zentrum sollten vielmehr Gruppierungen eng verwandter Gemälde stehen, die Rembrandts Rolle und die seiner Zeitgenossen, Konkurrenten und Schüler in dieser Blütezeit der niederländischen Malerei in der Welthandelsstadt Amsterdam illustrierten.
Solchen Zusammenhängen, also inhaltlichen, menschlichen und ökonomischen Bedingungen des Entstehens von Kunst, hatte Sander bereits in den von ihm kuratierten Ausstellungen über Dürer und Rubens nachgespürt. Insofern erzählt also auch die Rembrandt-Schau im Städel mit ihren 140 Werken eine spannende Geschichte. Sie ist zeitlich klar umrissen, behandelt die Jahre zwischen 1630 bis 1655 und handelt von dem Sohn eines Müllers aus Leiden, der seine südholländische Vaterstadt verlässt, um ganz gezielt in der Metropole Amsterdam sein Glück zu machen.

In der reichen Kaufmannsstadt blüht die Malerei, die Nachfrage nach Bildern ist enorm. Aber auch das Angebot: Mitte des 17. Jahrhunderts kommt in Amsterdam ein Maler auf 650 Einwohner. Selbstbewusstes Bürgertum rückt an die Stelle des Erbadels, übernimmt aber dessen Gewohnheiten, etwa das Bestellen von Porträts. Neben seiner Könnerschaft und seiner Fähigkeit als früher Netzwerker hilft ihm sein seltener Vorname „Rembrandt“. Hätte er Jan geheißen oder Pieter, wäre sein Alleinstellungsmerkmal nicht zu einem Markenzeichen geworden. So aber macht sich der junge Mann in das blühende Amsterdam auf und wird unter dem Namen „Rembrandt“ bekannt, berühmt und auch materiell erfolgreich. Folgerichtig heißt der Titel der Städel-Ausstellung „Nennt mich Rembrandt – Kreativität und Wettbewerb in Amsterdam um 1630 bis 1655“.
Rembrandt im Städel: Exponate aus aller Welt
Damit diese Geschichte in einer Schau nacherzählt werden kann, braucht man viele Exponate. Die Direktoren der National Gallery und des Städel verfassten einen Brief an ihre Kollegen aus den Museen unter anderen in Dresden, Madrid, Amsterdam, Berlin, Paris, London, Washington, Sankt Petersburg. In einer ausführlichen Leihbegründung steht dann detailliert, warum gerade das Werk gebraucht wird, um das man sich bewirbt. Mit welchen anderen Arbeiten es gezeigt werden soll, um einen bestimmten Zusammenhang zu verdeutlichen. Jede dieser Anfragen wird schriftlich gestellt: Je plausibler und kunsthistorisch valider, desto größer die Chance. Das letzte Wort haben bei der Bewilligung übrigens oft die Restauratoren, von deren Urteil es abhängt, ob ein Gemälde (abermals) transportfähig ist. Und natürlich verbietet es sich von selbst, so vermessen zu sein, nach Rembrandts zentralem Werk „Nachtwache“ zu fragen – auch das Städelmuseum hat ja den Tischbein-Goethe erst zwei Mal ausgeliehen; das Bild ist zwar längst nicht so bedeutend, aber doch prägend für den ikonographischen Lokalpatriotismus.

Rembrandt im Städel: Versicherung und Transport
Ist nach langer Vorarbeit der Kooperationsvertrag zwischen Ottawa und Frankfurt abgeschlossen und hat ein Museum irgendwann ein Bild zugesagt, beginnt Katja Hilbigs Arbeit. Nun geht es darum, die Bedingungen auszuhandeln für Versicherung, Transport und Präsentation in der Ausstellung. Das geht ins Detail, und bei jedem Ortswechsel eines Werks muss eine neue Zustandsbeschreibung geschrieben werden. Hier ein kleiner Riss, dort ein Pigmentfleck, vielleicht ist auch der Rahmen ein wenig beschädigt, kein Alter Meister ist perfekt, manche Bilder haben immerhin 400 Jahre auf dem Buckel.
Dann geht das Werk auf Reisen, abermals wird ein Protokoll angefertigt: Befindet sich das Werk genau in dem Zustand, in dem es den Leihgeber verlassen hat? Dann hängt das Bild in der Ausstellung. Bevor es auf die Rückreise geht, wird wiederum geprüft, ob es vielleicht Schaden genommen hat.
Rembrandt im Städel: Starke Katalogverträge
Doch ehe es überhaupt so weit ist, wird für jedes Werk ein Vertrag abgeschlossen, immerhin zwischen sechs und neun Seiten lang. Hier werden alle Modalitäten festgelegt, unter anderem die Transportbedingungen, die Beleuchtung, das Handling, die Präsentation unter Glas, die klimatischen Bedingungen, vielleicht auch die Alarmsicherung. Katja Hilbig: „Der Vertrag regelt zum Beispiel die Helligkeit, sie wird in Lux gemessen. Arbeiten auf Papier fangen, wenn die wirklich nur minimal beleuchtet werden können, bei 40 Lux an, die Regel sind 50, ganz selten mal 70. Gemälde liegen in der Lux-Zahl höher. In dem Fall kommt es aber auch darauf an, ob es ein Ölgemälde ist oder nicht. Die Beleuchtung legen der jeweilige Restaurator und Kurator des leihenden Hauses fest, und wir verpflichten uns, das einzuhalten.“
Der Vertrag definiert also die Spielregeln. Je enger sich ein Museum wie das Städel an diese Vorgaben hält, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass eine künftige Anfrage positiv beschieden wird. Auch solche Usancen, von denen die Besucher nichts ahnen, bestimmen
also langfristig die Qualität der großen Sonderausstellungen. Auch dass die Kataloge auf Deutsch und auf Englisch erscheinen, hat seinen Grund: Die Kollegen in den internationalen Museen, vor allem in Amerika, England und Frankreich, sollen stets wissen, was am Frankfurter Schaumainkai passiert, also in einem Haus, das sich zunächst unter der Leitung Max Holleins und dann Philipp Demandts international positioniert hat.

Doch ehe der 383 Seiten starke Katalog in den Druck ging, musste die Ausstellungsarchitektur geplant werden. Jochen Sander erinnert sich noch daran, wie sie früher Modelle von Kojen aus Styropor mit den maßstabsgetreuen Kopien der Bilder hin- und hergeschoben haben – heute geschieht das mühelos digital. Und dann kommen ja auch noch die Ausstellungsarchitekten ins Spiel. Hierbei arbeitet Katja Hilbigs Abteilung mit dem Darmstädter Architekturbüro Bach Dolder zusammen. Als Hintergrundfarben dienen diesmal Blau und Grün, Dispersion auf Holzwänden. Kaum war die Planung abgeschlossen, kam Corona, aus hygienischen Gründen musste der Besucherfluss geändert werden.
Es sieht nur eine Einbahnstraßenführung vor, außerdem ist der Zustrom pro Stunde begrenzt – möglich macht die Überwachung ein gottlob schon früh installiertes Zählsystem, das die Bewegungen der Menschen registriert. Corona verzögerte natürlich das gesamte
Projekt – die Kanadier wollten eigentlich im Mai 2021 starten, tatsächlich musste die Eröffnung bis Mitte Juli warten, Frankfurt musste ebenfalls verschieben, zwei ursprünglich vorgesehene Werke standen dann nicht mehr zur Verfügung.

Rembrandt im Städel: Der größte Glücksmoment
Natürlich greift in der Vorbereitung einer so großen Sonderausstellung im Städel ein Rädchen in das andere. Als Stiftung ist dieses Museum flinker und geschmeidiger als die meisten staatlichen Häuser. Längst vor der Eröffnung ist der Budgetplan aufgestellt, sind die Sponsorengespräche geführt worden. Das Besuchermanagement ist auf Zeitfenster eingestellt. Natürlich sind Digitorial und Begleitheft fertig, ebenso die Audioführungen, die Saaltexte (nicht zu ausführlich, sonst bilden sich Menschentrauben) und die Briefings der Damen und Herren, die durch die Schau führen werden.
Und was werden Katja Hilbig und Jochen Sander am Tag der Eröffnung empfinden? „Der größte Glücksmoment ist, wenn das Publikum kommt und wenn man merkt, dass alles, was man sich vorher überlegt hat, funktioniert“, sagt Hilbig. Auch für Prof. Sander geht nichts über das Erlebnis jenes Augenblicks, in dem die Besucherinnen und Besucher da sind: „Das ist schon ein Adrenalinstoß und eine Riesenfreude.“
Infos zur Rembrandt-Schau im Städel
NENNT MICH REMBRANDT! – Durchbruch in Amsterdam
6.10.2021–30.1.2022
Die Ausstellung wird organisiert vom Städel Museum, Frankfurt am Main, und von der National Gallery of Canada, Ottawa.
STÄDEL MUSEUM
Schaumainkai 63, Frankfurt Sachsenhausen
Kurator: Prof. Dr. Jochen Sander (Stellvertretender Direktor und Sammlungsleiter Holländische, Flämische und Deutsche Malerei vor 1800, Städel Museum)
Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Friederike Schütt (Abteilung Holländische, Flämische und Deutsche Malerei vor 1800, Städel Museum)
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