Tanja Raab-Rhein hat ihren Mann Boris Rhein ermutigt, Ministerpräsident zu werden. Er fragt die Vorsitzende Richterin häufig um Rat. Die beiden diskutieren viel, langweilig wird es nie. Ein Porträt der First Lady, die keine sein will. Von Peter Lückemeier und Helmut Fricke (Fotos)
Inhalt
Tanja Raab-Rhein wird sich von ihren Vorgängerinnen unterscheiden. Anders als Anke Koch und Ursula Bouffier träg sie einen Doppelnamen. Und dann ist die Frau des neuen Ministerpräsidenten Boris Rhein auch berufstätig. Sie ist Vorsitzende Richterin am Landgericht Frankfurt, Spezialkammer für Bau- und Insolvenzrecht. Als First Lady betrachtet sie sich nicht. Sie strebt überhaupt nicht in den Mittelpunkt. Als sie unserem Fotografen Helmut Fricke an ihrem Arbeitsplatz Modell steht, sagt sie: „Ich weiß gar nicht, wie ich gucken soll.“
Tanja Raab-Rhein: Liebe auf den zweiten Blick
Geboren ist Tanja Raab am 2. Januar 1972. Genau auf Jahr und Tag ist das auch der Geburtstag ihres Mannes. Mit dieser ungewöhnlichen Übereinstimmung war das Maß an Gemeinsamkeiten aber anfangs schon fast erfüllt. Als sich die beiden Jurastudenten 1993 im Repetitorium kennenlernten, fand die eher grün angehauchte Tanja den jungen Boris „erst mal total doof“. Geradezu rückständig in gesellschaftlichen Positionen – etwa, was berufstätige Frauen betraf. Damals, sagt sie heute, habe das konservative Image der CDU auch die kritische Wahrnehmung ihres späteren Mannes noch verstärkt.
„Ich finde viele CDU-Politiker absolut weltoffen, zugänglich und bemüht.“ – Tanja Raab-Rhein
Erst 1995 wurde aus den beiden ein Paar. Voran ging ein Prozess der gegenseitigen Annäherung. Die junge Frau, die sich eher den Grünen nahe fühlte, ohne Mitglied zu sein, und der junge Mann von der Jungen Union führten viele strittige Gespräche. Nicht ergebnislos, denn Boris Rhein nahm zum Beispiel Abstand von der reinen christdemokratischen Lehre der achtziger Jahre gegen die Ganztagsschule. Er lernte, auch in der Diskussion mit seiner Freundin, dass es Lebensmodelle gibt, die zur Unterstützung einer arbeitenden Frau auf die Ganztagsschule angewiesen sind. Boris Rhein sagt heute: „Der kritische Umgang mit meinen damaligen Positionen durch meine Frau führte dazu, dass ich meine Haltung überdachte. Wäre ich mit einer konservativen Partnerin zusammen gewesen, hätte ich vielleicht meine Einstellungen nicht hinterfragt.

Heimat – das ist für die Familie Rhein mit ihren Söhnen Bruno und Oskar der 1972 eingemeindete nördliche Stadtteil Nieder-Eschbach – idyllisch samt U-Bahn und Autobahnanschluss. Die Rheins bewohnen ein Häuschen mit Garten, der Hausherr ist immer ausgesprochen gern daheim, hat die familiäre Nähe vor allem in jenen Tagen genossen, als er 2012 bei der Oberbürgermeisterwahl Peter Feldmann unterlag. Wie dicht zugewandte Aufmerksamkeit und Nichtbeachtung beieinanderliegen können, hat damals auch Tanja Raab-Rhein gespürt: Menschen, die vor der Wahl ihre Nähe suchten, waren danach nicht mehr zu sehen: „Aber die muss man sich merken, und das mache ich auch.“
Tanja Raab-Rhein: Selbst ist die Frau
Eigenständigkeit auf Augenhöhe scheint für Tanja Raab-Rhein die Grundlage für eine gelingende Partnerschaft zu sein. Ihr Selbstbewusstsein bezieht die Frau, die gern lacht und die beiläufig fallen lässt, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sei, auch aus einer Karriere aus eigenem Recht. Nach guten Examina begann die Juristin in einer Kanzlei für Arbeitsrecht, machte ihren Fachanwalt. Arbeitsrecht faszinierte sie, weil es so viel mit Menschen zu tun hat. Güteverhandlungen findet sie spannend wie ein Pokerspiel, noch heute hält sie arbeitsrechtliche Vorträge für die Rechtsanwaltskammer.
Als ihr 2003 geborener erster Sohn klein war, nahm sie ihn oft mit in die Kanzlei, was den Schwiegereltern nicht unbedingt gefallen musste. Sie wechselte in den Staatsdienst. Da sie so gut wie jeden Frankfurter Arbeitgeber verklagt hatte, kam das Arbeitsgericht nicht in Frage. Es wurde zunächst das Landgericht Wiesbaden. Dann wechselt sie ins Innenministerium, um Tarifverträge für den öffentlichen Dienst auszuhandeln. In diesem Ministerium konnte sie aber nicht bleiben, als ihr Mann dort unter Volker Bouffier Staatssekretär wurde. Sie wechselte zum Landgericht Frankfurt, wo sie sich bis heute wohlfühlt. 2010 kam ihr Jüngster zur Welt, sie machte ein Jahr Pause und bekleidet jetzt als Vorsitzende Richterin eine Dreiviertelstelle.
„Ich erlebe es im Bekannten- oder Familienkreis doch immer wieder, dass die Laien sehr schnell, sehr hart und unreflektiert urteilen.“ – Tanja Raab-Rhein
In der Regel klagt hier der Insolvenzverwalter, der Zahlungen der Insolvenzschuldnerin anficht. Natürlich hat sie aus der Ferne auch den Fall Boris Becker mit Interesse verfolgt, wäre aber nicht dafür, auch in Deutschland eine Laienjury einzusetzen. „Ich erlebe es im Bekannten- oder Familienkreis doch immer wieder, dass die Laien sehr schnell, sehr hart und unreflektiert urteilen.“ Unreflektiertes Urteilen freilich kann sich eine Vorsitzende Richterin nicht erlauben. Ihre Sache ist das Analysieren, auch das Sezieren oft hochkomplexer Zusammenhänge.
Neue Herausforderungen für Tanja Raab-Rhein
Dabei weiß die Juristin, dass der Wind in der Politik eisig wehen kann. Sie hat deshalb Respekt vor dem Echo der Öffentlichkeit: „Ich bin mir bewusst, dass irgendwann auch düstere politische Wolken aufziehen. Aber man liest nicht gerne Negatives über seinen Partner. Das tut einfach immer ein bisschen weh. Ich bin nicht Profi genug, um zu sagen: Das trifft mich nicht.“ Vor allem hofft Tanja Raab-Rhein, „dass meine Kinder rausgehalten werden.“ Bruno, der Ältere, macht bald Abitur und will dann – wen wundert es bei den Eltern – Jura studieren. Aber Oskar ist erst 11, „da kriegt er sicher mal ’nen Spruch in der Schule ab“.
Die Frau, die von sich sagt „ich habe wenige Freunde, aber dafür gute“, drängt sich nicht nach der Bühne, nicht nach dem öffentlichen Auftritt. „Ich habe auch, ehrlich gesagt, so ein bisschen Respekt vor dem, was kommt. Und wenn mich jetzt viele Leute ansprechen, ist es nicht so, dass ich stolz oder erfreut bin. Habe eher ein bisschen Magendrücken vor dem, was da kommen mag.“ Aber dennoch, sie hat ihrem Mann empfohlen, sich der Herausforderung zu stellen. Eines Tages im Februar kam Volker Bouffier zu Besuch nach Nieder-Eschbach. Er war sehr freundlich, blieb lange, trank viel Kaffee und ließ dem Paar einen Tag Bedenkzeit. Tanja Raab-Rhein riet ihrem Mann, sich der Aufgabe zu stellen. „Aber nicht wegen mir. Sondern, weil ich dachte, es ist richtig für ihn.
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