Bitcoin ist in aller Munde und jeder minimal digital-affine Mensch wird sich bereits mit der Cyberwährung beschäftigt haben. Erst kürzlich stieg der Wert innerhalb weniger Tage um fast das doppelte. Doch handelt es sich hierbei tatsächlich um das Zahlungsmittel der Zukunft?
Von Dr. Jutta Failing

Wohl nicht zufällig ist der Erfinder des Konzepts „Bitcoin“ Satoshi Nakamoto nie öffentlich aufgetreten. Viele glauben sogar, er sei Fiktion. Ein Phantom, hinter dem sich vielleicht eine Gruppe von Hackern versteckt.

Der digitalen Währung Bitcoin haftet etwas Mysteriöses an, doch sie verspricht, unkompliziert und ein revolutionäres Statement für Freiheit und Fairness zu sein.

Anders als bei Euro und Co gibt es keine Ausgabestelle wie etwa die Zentralbanken. Staaten und Banken bleiben so ohne Einfluss auf die Währung. Grundidee ist, Bitcoins (BTC), das heißt, virtuelle Einheiten, zur Bezahlung beim Handel von Gütern und der Erbringung von Dienstleistungen zu verwenden. „Satoshi“ ist die kleinste Zahlungseinheit – der Name ist eine Hommage an den vermeintlichen Entwickler.

„Es befinden sich etwa 16 Millionen Bitcoins im Umlauf, das sind rund 71 Milliarden US-Dollar.“ – Oliver Flaskämper

Ein Bitcoin besteht aus einhundert Millionen Satoshi. Bitcoins können auf Online-Handelsplattformen in „echtes“ Geld jeder Währung gewechselt werden – auch der umgekehrte Wechsel ist möglich.

Das Logo ist echt, die Münzen nicht. Denn Bitcoins existieren nur virtuell.
Das Logo ist echt, die Münzen nicht. Denn Bitcoins existieren nur virtuell.
Bei 21 Millionen Bitcoins ist übrigens Schluss. Genau wie Edelmetalle sind auch Bitcoins limitiert. „Diese Menge wird voraussichtlich im Jahr 2144 erreicht. Bis zum Jahr 2032 werden aber schon 95 Prozent der Bitcoins generiert sein“, schätzt Oliver Flaskämper (41), Gründer und Chef der einzigen deutschen Handelsplattform für Bitcoins.

Mit der Limitierung sollen die Bitcoins vor einer Entwertung durch eine künstliche Ausweitung der Geldmenge geschützt werden. „Insgesamt befinden sich derzeit etwa 16 Millionen Bitcoins im Umlauf, was einem Wert von rund 71 Milliarden US-Dollar entspricht“, so Flaskämper.

Bezahlen mit Bitcoin

Der Berliner erzählt vom „Bitcoin-Kiez“, mitten im Stadtteil Kreuzberg. „Über 20 Geschäfte nehmen dort bereits Bitcoins an, vom Café bis zum Plattenladen. Seit neuestem kann man Wikipedia Bitcoins spenden, und auch beim Berliner Bund für Umwelt und Naturschutz funktioniert das inzwischen.

Dazu kommen Online-Dienste, weltweit sind es schon mehr als 60.000 Akzeptanzstellen, Tendenz stark steigend.“ 0,005 Bitcoins hat Flaskämper kürzlich für einen Kneipenabend mit Burger und Bier bezahlt, das entspricht etwa 20 Euro. „Der Bitcoin liegt aktuell bei über 3800 Euro“, erläutert Flaskämper den Kurs.

Wie funktioniert’s? „Der Wirt kommt mit dem Smartphone oder Tablet an den Tisch und über eine Bezahl-App gibt er den Euro-Betrag ein. Dieser wird nach aktuellem Kurs umgerechnet, der Betrag erscheint in Bitcoin und die Bitcoin-Adresse des Kunden wird über einen QR-Code angezeigt. Der Kunde fotografiert den QR-Code mit seinem Smartphone, klickt in seiner Bitcoin-App auf „Senden“ – und hat damit bezahlt!“

„Wir sind dabei, die Schwelle zu einer zweiten digitalen Revolution zu überschreiten.“ – Dominik Weil

In Zeiten von Staatspleiten und Angst vor Inflation scheint es kein Wunder, dass Bitcoins boomen. Nicht wenige Superlative geistern durch die sozialen Medien. Ein Beispiel aus Twitter: „Im Mai 2010 wurde eine Pizza im Wert von 25 US-Dollar mit 10.000 Bitcoins bezahlt, heute hätten 10.000 Bitcoins einen Wert von 44,5 Millionen US-Dollar.“ Die virtuelle Währung sorgt für Goldgräberstimmung.

Dominik Weil - Mitbegründer der Frankfurter Bitcoin Community
Dominik Weil – Mitbegründer der Frankfurter Bitcoin Community

Welche Vorteile Bitcoin bietet, weiß auch Dominik Weil (32), Mitbegründer der Frankfurter Bitcoin Community. „Für die Bezahlung eines Konferenztickets in China hätte mich der traditionelle Banktransfer umgerechnet rund 50 Euro gekostet und die Abwicklung hätte mehrere Tage gedauert. Mit Bitcoin kostete mich die Transaktion einige Cent – und das Geld war sofort beim Empfänger.

Hierzulande sei die Bitcoin-Landschaft etwas in Stagnation geraten, erläutert Weil, „war Deutschland vor vier bis fünf Jahren noch eine der führenden Nationen hinsichtlich der Bitcoin-Adaption in Europa, ziehen andere Länder derzeit mit großen Schritten an Deutschland vorbei, das wird wirtschaftliche Folgen haben.“

Weil ist sich sicher: „Wir sind gerade erst dabei, die Schwelle zu einer zweiten digitalen Revolution zu überschreiten und können noch gar nicht abschätzen, wie groß dieser Raum an neuen Möglichkeiten ist, welcher sich dort eröffnet.“

Frankfurt ist zurückhaltend

In der Bankenstadt Frankfurt ist das Vertrauen zu Bitcoin nicht gerade hoch, keine zehn Akzeptanzstellen gibt es. Ein gutsortierter Kiosk in der Leipziger Straße sprang gerade ab, zu gering sei das Interesse bei den Kunden gewesen, ließ die Inhaberin wissen. Bitcoins gegen Tageszeitung und Zigaretten scheint noch nicht zu funktionieren.

„Noch ist Bitcoin ein junges Phänomen mit dem Ruf, eine Währung für Nerds zu sein.“ – Rechtsanwalt Lutz auffenberg

In der Rechtsanwaltskanzlei Winheller im neuen Europaviertel macht man dagegen sehr gute Erfahrungen mit der virtuellen Währung. Seit vier Jahr akzeptiert die Sozietät, die sich auf die Beratung von Non-Profit-Organisationen und Start-up-Unternehmen spezialisiert hat, die Bitcoins ihrer Mandanten.

Rechtsanwalt Lutz Auffenberg
Rechtsanwalt Lutz Auffenberg

Winheller-Anwalt Lutz Auffenberg (35), Experte für Bank- und Kapitalmarktrecht, hat Verständnis für die Zurückhaltung: „Noch ist Bitcoin ein junges Phänomen und steht im Ruf, eine Währung von und für Nerds oder Computerfreaks zu sein, zudem stellt es de facto ein Zahlungsmittel dar, das nicht staatlich reguliert ist. So bestehen mehr Risiken als das bei klassischen Währungen der Fall ist.“

„Wenn man Vorsichtsmaßnahmen trifft, verlässliche Passwörter beispielsweise oder seine Bitcoins nicht auf Online-Börsen oder bei fremden Anbietern liegen lässt, sondern auf ein eigenes ‚Wallet‘ legt, kann man diese Risiken tatsächlich minimieren.“

Mandanten aus dem Ausland zahlen bei der Kanzlei Winheller gern mit Bitcoin. Anreiz sind insbesondere die niedrigen Gebühren, die bei Transaktionen anfallen. Diese sind standortunabhängig, egal, aus welchem Land sie transferiert werden, die Gebühren sind immer gleich niedrig.

„Es wundert mich nicht, dass die meisten Banken sich nicht äußern.“ – Carsten Sommerfeld

Auffenberg sieht in Bitcoin so etwas wie einen Startschuss: „Bitcoin oder ganz allgemein kryptografische Währungen haben ganz sicher einige Eigenschaften, die revolutionär sind und die adaptiert werden. In Ecuador wird derzeit überlegt, eine kryptografische Währung einzuführen.

Die Vorteile wird sich die Finanzwirtschaft auf jeden Fall zunutze machen. Ob sich am Ende wirklich der Bitcoin oder eine andere virtuelle Währung durchsetzt, ist derzeit meiner Meinung nach nicht vorherzusehen. Möglich, dass Bitcoin nur den Vorreiter für etwas langfristig noch Revolutionäreres darstellt. Egal, was sich durchsetzt, es wird den Finanzmarkt verändern.“

Carsten Sommerfeld (Tradegate)
Carsten Sommerfeld (Tradegate)

Wir haben bei der Deutschen Bank in Frankfurt nachgefragt. Ein Statement zum Phänomen Bitcoin wollte man nicht geben. Immerhin – auch das ist ein Statement.

„Es wundert mich nicht, dass die meisten Banken sich dazu nicht äußern möchten“, sagt Carsten Sommerfeld (49), Chefhändler bei der Wertpapierhandelsbank Tradegate in Frankfurt.

„Denn die theoretische Chance besteht, dass Bitcoin sich doch irgendwann etabliert, und welche Bank will sich dann sagen lassen, sie habe das Potential nicht erkannt. Wer hätte beispielsweise anfangs gedacht, dass Google, Facebook und Amazon so einen erfolgreichen Weg machen?“

Sommerfeld wird deutlich: „Bitcoin ist sehr intransparent. Im Frühjahr 2014 ging die weltgrößte Bitcoin-Börse pleite und Bitcoins waren einfach verschwunden. Das führte zu einem negativen Image. Persönlich würde ich nicht in Bitcoin investieren. Die Handelsspanne ist zu breit und die Kursausschläge zu groß.“

Ähnlich kritisch äußert sich die junge Frankfurter Ökonomin Ester Faia, die als Professorin für Geld- und Finanzpolitik an der Goethe-Universität über Kryptowährungen forscht. Sie sagt: „Der Vorteil von Bitcoin sind in erster Linie die geringen Transaktionsgebühren.

Doch die Transparenz ist sehr begrenzt, da es schwierig ist, zu beurteilen, wie vertrauenswürdig die Handelspartner sind. Unnötig zu sagen, dass mangelnde Transparenz auch die Verwendung dieser Währung für kriminelle Aktivitäten fördern kann. Das Überleben dieser Währung ist abhängig von den Erwartungen der Teilnehmer an das Netzwerk über den zukünftigen Wert.“

Jeder darf mitschürfen

Wie kommt man nun an Bitcoins? Ganz einfach. Bitcoins kaufen ist die schnellste und einfachste Möglichkeit. Das funktioniert bei Online-Direktanbietern sogar ohne Anmeldung. Günstiger ist es, da Gebühren entfallen, Bitcoins von einer anderen Privatperson zu kaufen. Beispielswiese von jemandem, der „Bitcoin-Mining“ (Schürfen) betreibt. Schürfen kann im Prinzip jeder. Wobei wir bei der zweiten Möglichkeit wären, an Bitcoins zu kommen.

Beim Mining werden einzelne Bitcoins durch das Lösen komplexer mathematischer Aufgaben – in Form kryptografischer Schlüssel – erzeugt. Dies geschieht in sogenannten „Peer-to-Peer-Netzwerken“ (P2P), das heißt, in einer „Kommunikation unter Gleichen“. Damit jeder auf dem eigenen Computer Bitcoins generieren.

Passende Programme sind frei erhältlich. Bitcoins verhalten sich ähnlich normalem Geld. Statt in einer Geldbörse verwahrt man seine virtuellen Münzen auf einem Speichermedium, also wie jede andere Datei auch auf der Festplatte oder USB-Sticks.

Digitales Gold

Bitcoin hat Imageprobleme, und das nicht erst seit der spektakulären Pleite der japanischen Bitcoin-Handelsplattform Mt. Gox im Februar 2014, bei der Bitcoins im sechsstelligen Bereich verloren gingen. Ein Schock für Anleger und Fans der alternativen Währung. Zu besten Zeiten liefen rund 80 Prozent des Bitcoin-Handels über Mt. Gox. Die Insolvenz legte die Schwachstellen der Idee des „freien Geldes“ ohne zentrale Aufsicht und Regulierung schonungslos offen.

Der Bitcoin-Kurs stürzte von mehr als 1100 auf etwa 400 US-Dollar ab. Wasser auf die Mühlen der Notenbanken, die noch lauter vor Bitcoin warnen. Banker führen Risiken an wie extreme Kursschwankungen, keine Einlagensicherung, technische Pannen und Cyber-Diebstahl. Inzwischen hat der Bitcoin-Kurs aber wieder deutlich angezogen. Oliver Flaskämper ist optimistisch: „Global gesehen ist Bitcoin den Kinderschuhen entwachsen, die Pleiten, Pech und Pannen mit sich brachten.

„Bitcoin wird immer eine Parallelwährung bleiben.“ – Oliver Flaskämper

Beim iPhone-Riesen Apple sind Bitcoin-Apps nun erlaubt. Das Online-Reisebüro Expedia ermöglicht auf seiner internationalen Plattform die Buchung mit Bitcoins, und auch der Computerhersteller Dell akzeptiert seit neuestem Bitcoins. Ebay und Paypal denken darüber nach, vermutlich werden diese Dienste in den nächsten Monaten nachziehen.“

Der Weg in den Mainstream bahnt sich also trotz aller Rückschläge an. Für Flaskämper liegt die große Zukunft der Bitcoins auf der Hand: „Bitcoin wird immer eine Parallelwährung bleiben, ähnlich wie Gold auch eine Parallelwährung darstellt, die auf der ganzen Welt akzeptiert wird. Bitcoin wird das digitale Pendant sein. Kurz: digitales Gold mit Bezahloption.“


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