Frank Klaas, Pia Kramer und Dr. Ralph Strenger
Frank Klaas, Pia Kramer und Dr. Ralph Strenger

Seit einem Jahr unterhält Geely, der zweitgrößte und wachstumsstärkste chinesische Automobilkonzern, ein Forschungs- und Entwicklungszentrum im Rhein-Main-Gebiet. In Raunheim arbeiten momentan 120 Spezialisten, ganz überwiegend Ingenieure, an fortschrittlicher Mobilität. Im nächsten Jahr erfolgt der Umzug in einen neuen, geräumigeren Bürokomplex. Er liegt nur einige hundert Meter vom jetzigen Hauptquartier entfernt. Die Macher haben große Pläne.

„Wir sind sehr glücklich, hier arbeiten zu können“, sagt Frank Klaas. Der Vice President of Communications Geely Europe hebt die technische „Kernkompetenz des Standortes Deutschland“ hervor. „If I can make it there, I’ll make it anywhere“, zitiert der erfahrene Automann mit einem Augenzwinkern Frank Sinatras Song. Will heißen: Wer es im Mekka der Autobauer schafft, kann überall reüssieren.

Der Neubau des zukünftigen Firmensitzes in Raunheim
Der Neubau des zukünftigen Firmensitzes in Raunheim

Ingenieure gesucht

Noch wird qualifiziertes Personal gesucht. Kurzfristig sind 50 bis 60 Positionen zu besetzen. In naher Zukunft soll Geely Auto Technical Deutschland (GATD) auf 300 bis 350 Mitarbeiter aufgestockt werden. HR-Managerin Pia Kramer und Dr. Ralph Stenger, einer der leitenden Ingenieure, schwärmen von den „sehr attraktiven Konditionen und den anspruchsvollen Projekten“.

Geely ist eine Größe, mit der weltweit zu rechnen ist. Das ist nicht nur an den sehr hohen Wachstumsraten abzulesen, die durch die Corona-Krise nur kurzfristig eine Unterbrechung erfuhren. Das Unternehmen hat sich strategisch geschickt aufgestellt. Gründer Li Shufu bedient längst nicht nur den heimischen chinesischen Markt. Mit dem Kauf von Volvo vor zehn Jahren bewies er, wie man etwas altbacken gewordene Modelle mit frischen Ideen wieder auf die Erfolgsspur führt. Auf Sicherheit wird jedoch nach wie vor großen Wert gelegt. Das beweist die aktuelle Ankündigung, die Geschwindigkeit der Volvos künftig bei 180 Stundenkilometer abzuriegeln. So können Unfälle vermieden werden.

Geely kauft Edelmarken

Inzwischen wurden weitere Marken erworben, die in Europa einen guten Klang besitzen. Dazu gehört die Firma, die die berühmten schwarzen Londoner Taxis – die Black Cabs – baut. Eine weitere Ikone des Vereinigten Königreichs ist Lotus. Seit 2017 verfügt Geely bei der Sport- und Rennwagen-Legende mit 51 Prozent der Aktien über die Mehrheit.

Ein Coup gelang Anfang 2018. Der Geely-Eigentümer kaufte 9,7 Prozent der Daimler-Aktien und ist damit der größte Einzelaktionär beim Stuttgarter Konzern mit dem Stern. Inzwischen haben die Chinesen aus Hangzhou und die Schwaben mehrere Projekte zusammen angeschoben. Geely und Daimler wollen gemeinsam Zukunft gestalten und Weichen stellen. Demnächst soll zum Beispiel der Smart im Reich der Mitte produziert werden.

„Wir zielen nicht nur auf Einsteigermodelle, sondern haben auch die gehobene Klasse im Blick.“ – Dr. Ralph Stenger, Chief Engineer of Vehicle Systems and Component Integration, GATD

Innovative Technik

In Raunheim entwickelt Geely im Baukastensystem eine modulare und flexible Architektur für die Anfertigung von Personenwagen. Phantasie, Know-how und handwerkliche Professionalität schaffen die Grundlagen für innovative Technik. „Wir streben ein Top-Niveau an und arbeiten mit unseren Zentren in Göteborg und Coventry sowie mit unseren Zulieferern und den Hochschulen eng zusammen“, berichtet Frank Klaas. Früher ist er selbst Rennen gefahren. Seitdem besitzt er ein gutes Gefühl dafür, was einen technisch stimmigen und spritzigen Wagen auszeichnet.

Der Fahrzeuginnenraum wie dieser vom neuen Lynk & Co werden jetzt auch in Raunheim entwickelt
Der Fahrzeuginnenraum wie dieser vom neuen Lynk & Co werden jetzt auch in Raunheim entwickelt

„Wir zielen nicht nur auf Einsteigermodelle, sondern haben auch die gehobene Klasse im Blick“, erläutert Kollege Ralph Stenger die Ausrichtung. Die Ingenieure von GATD hätten den Ehrgeiz, den Marken des Geely-Konzerns technologisch einen Vorsprung zu verschaffen. Der Schwerpunkt liege bei den Elektroantrieben.

Raunheim entwickelt E-Modell

Geely arbeitet in Raunheim unter anderem an einem neuen Modell für eine der Marken des Hauses. Bei dem Fahrzeug handele sich um einen „vollelektrischen Geländewagen“, verrät GATD-Kommunikationschef Klaas. „Das wird mehr als nur schmucke Mittelklasse“, kündigt der ehemalige Journalist des Hessischen Rundfunks an. „Sehr jung, sehr frech, sehr praktisch und auch preislich sehr attraktiv.“ Die Basis-technologie habe nicht erst erfunden werden müssen. „Sie steckt auch im Volvo.“

Spekulationen schießen bereits ins Kraut. Die Branche fragt sich, ob Geely bald auch in Deutschland produzieren werde. Klaas glaubt das nicht. „Aber vielleicht kommt ja ein Nachbarland infrage“, bemerkt er noch etwas geheimnisvoll. Insider spekulieren, dass das Modell bei Volvo in Belgien hergestellt werden könnte.

Die Elektro-Limousine Geometry A
Die Elektro-Limousine Geometry A

Autoliebhaber schauen immer neugieriger auf das, was Geely in Raunheim entwickelt. Man will auch die besten Antriebslösungen für den Batteriebetrieb herausfinden. Das sei eine große Herausforderung, sagt Senior Chief Engineer Stenger. Die Mannschaft tüftele zudem an einer optimalen „Konnektivität“. Schrittweise nähere sich Geely dem autonomen Fahren an.

Konnektivität und Motivation

Für sein Entwicklungs- und Forschungszentrum sucht „Geely Auto Technical Deutschland“ Ingenieure, die unterschiedliche Schwerpunkte abdecken. Das reicht von der Nutzererkennung über „Interface“ bis zum Einspeisen wichtiger Daten, die bei der Wahl der schnellsten Route oder bei der Beurteilung der Straßenbeschaffenheit helfen. „Bordcomputer sind uns wichtig, aber wir wollen beispielsweise auch beim Infotainment Spitze sein“, umreißt Stenger die Bandbreite der Aufgaben.

An der Vervollständigung des Teams bastelt derweil Pia Kramer unermüdlich. Mit detaillierten Jobbeschreibungen wird weltweit nach herausragenden Könnern Ausschau gehalten. Die Personalfrau spricht von einem „faszinierenden Schmelztiegel“, der schon beisammen sei. Aus Deutschland, Italien, England, Frankreich, China, Brasilien, Rumänien und anderen Ländern kämen die Experten. Sie bildeten bei aller Verschiedenheit ein hochmotiviertes Team.

Geely Deutschland sei ein großzügiger und familienfreundlicher Arbeitgeber, der sich schnell auf neue Situationen wie die Pandemie einstellen könne. „Wir waren die ersten im europäischen Geely-Verbund, die Homeoffice eingeführt haben“, berichtet Pia Kramer. Zu keinem Zeitpunkt habe es wegen Covid-19 Kurzarbeit gegeben.

Wertschätzung Deutschlands

Die ausländischen Mitarbeiter fühlten sich in Raunheim wohl. „Frankfurt, Wiesbaden oder Mainz liegen genauso vor der Haustür wie der Flughafen. Das ist bei der Rekrutierung natürlich ein großer Vorteil“, so die Personalerin. Manche stolzen deutschen Ingenieure, die von Porsche, Opel oder VW gekommen seien, hätten erst einmal ein bisschen skeptisch nach der chinesischen Unternehmenskultur gefragt. Aber als sie den Betrieb gesehen hätten, seien die Vorurteile rasch abgelegt worden.

„In China wird die deutsche Expertise im Automobilbau hoch geschätzt.“ – Frank Klaas Vice President of Communications Geely Europe

„Wir sind offen“, unterstreicht Frank Klaas. Vor Corona seien die neuen Kollegen regelmäßig nach China geschickt worden, um den Konzern in all seinen Facetten kennenzulernen. Das sei im Augenblick wegen der Quarantäne-Regelungen leider nicht möglich. „Aber wir sind zuversichtlich, dass bald alles wieder in normalen Bahnen läuft.“ Deutschland spiele für Geely eine große Rolle. „In China wird die deutsche Expertise im Automobilbau hoch geschätzt“, resümiert er.

Die Zukunft sichern

Vorstandsvorsitzender Li Shufu, gelernter Wirtschaftsingenieur und Maschinenbauer, hat seine Experten aus Raunheim schon besucht. Der Milliardär, der von einer umweltfreundlichen Mobilität träumt, kommt – anders als Tesla-Boss Elon Musk – ohne knalliges Eigenlob aus. Doch er hat eine Vision. Er träumt von einer neuen Mobilität. Sie soll faszinieren, risikoarm sein und das Klima schonen.

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