Er gilt als Pionier der Uhrenindustrie. So erweckte er unter anderem die in Vergessenheit geratene Marke Blancpain wieder zum Leben, verhalf Omega zu Kultstatus und hat es geschafft, den Umsatz der Nischenmarke Hublot innerhalb von nur vier Jahren zu verzehnfachen. Bis heute ist er Geschäftsführer der mittlerweile zu LVMH gehörenden Luxus-Uhrenmanufaktur und hält sie weiter auf Erfolgskurs. Wie er das macht, verriet uns Jean-Claude Biver bei einem Treffen in der Klassikstadt Frankfurt. Text: Natalie Rosini, Foto: Michael Hohmann

Jean-Claude Biver, Hublot
Jean-Claude Biver, Hublot
(© Top Magazin Frankfurt)

Bereits sein erster Satz macht deutlich, dass Jean-Claude Biver ein unkonventioneller Typ ist. Impulsiv und gnadenlos ehrlich. „Kein Mensch braucht heutzutage noch eine Uhr.“ Wenn das alle denken würden, hätte der gebürtige Luxemburger es sicher nicht unter die erfolgreichsten Manager der Schweiz geschafft. „Warum nicht?“, entgegnet er, und erklärt uns in kurzen Worten, worum es in seinem Business eigentlich geht: „Wir verkaufen Emotionen. Welchen plausiblen Grund sollte es sonst dafür geben, dass Menschen ein Vermögen für eine Uhr oder ein Auto ausgeben? Die Zeit kann ich auch auf einer Swatch oder meinem iPhone ablesen. Und mit einem Nissan komme ich genauso von A nach B wie mit einem Porsche.“

Die Uhr ist ein Pinocchio

„Eine Uhr hat eine Seele. In ihr stecken neben Technik und Handwerkskunst auch Emotionen. Wie in der Marionette, die zum Leben erwacht. Die Liebe von Meister Gepetto ist es, die Pinocchio zum kleinen Jungen werden lässt.“ Und um den kleinen Jungen im Mann, so Jean-Claude Biver, ginge es letztlich auch bei Luxusuhren. „Wenn man erwachsen wird, muss man sein Spielzeug zurücklassen. Ich zum Beispiel hatte als Kind eine Dampfmaschine, die mich faszinierte. Heute faszinieren mich Chronographen und Autos. Sie setzen die kindliche Neugier auf Technik und Funktion fort. Und die Liebe für Geschichten.“

Mit dem Urknall zum Erfolg

So erzählt auch die Marke Hublot Geschichten: Der Name bedeutet, angelehnt an die eigenwillige Form der Luxusuhren, Bullauge. Und das Erfolgsmodell „Big Bang“, auf das Biver bei seinem Einstieg in das Unternehmen setzte, verkörpert den Mut des Managers, neue Wege zu beschreiten. So löste die Kombination von Materialien wie Wolfram mit Karbon oder Kautschuk mit Gold im wahrsten Sinne des Wortes einen „Urknall“ in der Uhrenindustrie aus. Die Message: „Fusion power“ und Modernität statt Tradition. Auch vor einer Sonderedition ganz in Schwarz schreckte der Uhren- Guru nicht zurück. Schließlich, das hat er ja bereits zu Anfang unseres Gesprächs betont, trägt keiner eine Uhr, um die Zeit abzulesen. Er selbst trägt auch die „All Black“ und demonstriert uns eindrucksvoll, wie stabil der Chronograph ist, indem er das teure Stück mehrfach auf die Tischplatte knallt. Überhaupt ist er ein sehr temperamentvoller Zeitgenosse: Seine hellblauen Augen ruhen kaum an einer Stelle, und als würde seine laute sonore Stimme den Äußerungen nicht schon genug Nachdruck verleihen, dokumentiert er jeden Satz mit großen Gesten und einem wilden Mienenspiel. Die Leidenschaft, mit der Monsieur Biver von dem erzählt, was er tut, zeugt davon, dass er es wohl tatsächlich geschafft hat, sich ein Stück Kindheit zu bewahren. Vor allem die Begeisterungsfähigkeit. Und die gilt nicht nur der Uhrmacherkunst…

Zeit spielt keine Rolle

„Ich lasse mir von keiner Uhr der Welt meinen Tagesablauf diktieren. Ich bin doch keine Maschine!“, poltert Jean-Claude Biver und streckt uns sein Handgelenk entgegen, um uns zu zeigen, dass seine Uhr tatsächlich nicht richtig geht. Viel lieber verlässt er sich auf seine innere Uhr, und die ist nicht gerade gnädig: Spätestens um fünf steht er auf, manchmal auch schon um drei, um mit Vorsprung in den Tag zu starten. Typisch für einen Workaholic. „Vielleicht. Aber in meinem Fall ist es tatsächlich so, dass ich von allein wach werde und ich mich nicht zum Aufstehen und Arbeiten zwingen muss. Das ist wohl mein Naturell. Das Naturell eines Uhrmachers und Bauers.“ Denn Jean-Claude Biver ist nicht bloß ein Uhrenprofi, er macht auch hervorragenden Käse: Bei seinem Haus am Genfer See, wo er mit seiner zweiten Frau und seinem Sohn lebt, betreibt er den Bauernhof La Poneyre. Seine 86 Kühe liefern die Milch für den exquisiten Alpkäse, mit dem er in Gourmet-Kreisen ebenso erfolgreich ist wie auf dem Luxusuhren-Markt. „Alles, was man mit Liebe und Respekt zur Tradition betreibt, wird letztlich ein Erfolg“, so Jean-Claude Biver. „Doch Erfolg im Business – ob als Landwirt, Unternehmer oder Manager – ist nicht alles. Erfolg bedeutet für mich, meine Familie und Freunde zu haben, mein wunderschönes Zuhause. Erfolgreich ist der, den der Erfolg nicht verändert. Man sollte stets mit beiden Beinen auf der Erde bleiben. Ich habe das Glück, dass ich inmitten dieser atemberaubenden Natur quasi in der Erde stehe. Dafür bin ich täglich dankbar.“

http://www.hublot.com/

(nr)