HomeGourmetOliver Maria Schmitt am Herd: Zwischen Titanic-Satire und Pizzoccheri

Oliver Maria Schmitt am Herd: Zwischen Titanic-Satire und Pizzoccheri

Bekannt wurde Oliver Maria Schmitt als Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ und 2012 als Kandidat für das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters. Nachdem er sogar von Papst Benedikt XVI. verklagt wurde, ist es etwas ruhiger um ihn geworden. Fürs Top Magazin verbrennt sich der Autor und Reisejournalist die Finger am Herd.

Da können seine schwäbischen Wurzeln noch so ausgeprägt sein, an Butter wird nicht gespart. Käse und Butter machen den Geschmack, betont der gebürtige Heilbronner Oliver Maria Schmitt, dem auch nach fast 30 Jahren in Frankfurt der weiche, etwas nasale Klang seiner Heimat anzuhören ist. Für die Soße seines Nudelgerichts gibt er ein stattliches Stück Butter in die Pfanne, um den Knoblauch darin anzuschwitzen und sie nussig braun werden zu lassen. Daraus könnten jetzt ein paar leckere Kässpätzle werden. Doch ein Rezept aus der guten schwäbischen Küche, das wäre zu vorhersehbar.

Pizzoccheri aus dem Veltlin: Buchweizen-Pasta und Alpkäse

Schmitts neuer Roman spielt am Comer See, wo er gerne Zeit verbringt. Für „Prominente am Herd“ musste es daher ein italienisches Rezept sein, eines aus der Lombardei, versteht sich, das auch in seinem Buch vorkommt. Es trägt den wohlklingenden Namen „Pizzoccheri“ und bietet die seltene Kombination aus Pasta und Kartoffeln – allein deshalb verbucht es Schmitt schon als Entdeckung. Doch auch die herzhaften Bandnudeln aus Buchweizen und der schmelzende Valtellina-Alpkäse, oder in seinem Fall ein Fontina-Käse, machen es geschmacklich zu etwas Besonderem. Allerdings heben sie zugleich den Kaloriengehalt erheblich. „Die Küche des Veltlin ist eine, die satt macht. Sie ist für die Leut’ vom Berg gedacht“, erzählt er. Früher hätten vor allem die ärmeren Leute den dort angebauten Buchweizen gegessen, weil er als minderwertig gegolten habe.

Zutaten für traditionelle Veltliner Pizzoccheri mit Buchweizennudeln, Wirsing, Kartoffeln, Alpkäse und Rotwein auf einer Küchenarbeitsplatte.
Kräftige Bergküche: Buchweizenpasta, Wirsing, Kartoffeln und Alpkäse bilden die Basis der Veltliner Spezialität.

Was Schmitt noch gefällt an den Pizzoccheri: „Es ist ein Eintopf-Gericht, man braucht nur einen Topf und eine Auflaufschale“. Wenn schon nicht bei der Buttermenge, so schlägt die schwäbische Sparsamkeit bei ihm zumindest beim Arbeitsaufwand durch: „Ich koche gerne, stehe aber ungern drei Stunden in der Küche.“ Alle Zutaten aus dem Rezept kommen nach und nach ins gleiche kochende Wasser. Wobei Schmitt die Liste, auf der er sie mit den Mengenangaben verzeichnet hat, gar nicht aus der Tasche holt. „Ich habe das Rezept nicht gelesen, ich koche aus der Lamäng“, stellt er fest. Und beweist damit nicht nur, dass er mindestens so gerne mit Sprache spielt, wie er am Herd steht.

Der Ausdruck, der aus dem Französischen „à la main“, also „aus der Hand“ kommt, weist ihn auch als Kosmopoliten aus. Schon sein Studium der Rhetorik und Kunstgeschichte absolvierte er in Tübingen und dem englischen Leeds. Heute ist Schmitt als Reisejournalist weltweit unterwegs, berichtet mal für die F.A.Z., die Zeit oder mal für die taz mit seinem humoristischen Blick von der Klappradweltmeisterschaft in den englischen Cotswolds, vom Weintasting in Bordeaux oder aktuell vom ältesten Käse der Welt aus der Lombardei.

Sommerroman „Komasee“ und der Mythos George Clooney

Die Gegend in Norditalien besucht er regelmäßig. Die Ferienwohnung in einem kleinen Bergdörflein am Westufer des Comer Sees machte er jetzt sogar zum Schauplatz seines Sommerromans „Komasee“, in dem eine Paparazza auf der Jagd nach einem Skandalfoto von George Clooney ist. Der Hollywoodschauspieler residiert nämlich auf der glamourösen östlichen Seite des Sees, genau gegenüber von Schmitts Ferienwohnung und inspirierte ihn zu seiner Geschichte. „Er wohnt 1,1 Kilometer Luftlinie entfernt, man erkennt, wenn dort Partys gefeiert werden. Ich habe ihn aber noch nie gesehen. Er ist der geheimnisvolle Magnet der Region, das Loch-Ness-Monster des Comer Sees.“

Autor Oliver Maria Schmitt gestikuliert im Gespräch mit Top-Magazin-Redakteurin Sabine Börchers.
Anekdoten zwischen Herd und Comer See: Oliver Maria Schmitt im Gespräch mit Redakteurin Sabine Börchers.

Mit viel Lokalkolorit beschreibt Schmitt im Roman die Jagd auf das eine lukrative Foto und schöpft dabei aus eigenem Erfahrungsschatz. „Die apokalyptische Szene auf dem Wasser habe ich selbst erlebt. Wir kamen in ein Horrorwetter mit meterhohen Wellen. Ich habe hinterher den Boden geküsst“, erzählt er, während er den Wirsing in schmale Streifen schneidet und ihn nach den kleingeschnittenen Kartoffeln in den Topf mit kochendem Wasser gibt. Damit dieses auch salzig genug ist, schmeckt er es mit dem Löffel ab. Kaum hat der Kohl etwas gezogen, steht er gedanklich in der Küche seiner Kindheit. „Wirsing war damals der Horrorgeruch. Meine Mutter hat immer Eintöpfe mit zähen Fleischbatzen gemacht, die wir dann essen mussten.“ Er habe erst viel später gelernt, dass man aus Wirsing auch Wohlschmeckendes kochen könne.

„George Clooney wohnt 1,1 Kilometer Luftlinie entfernt, man erkennt, wenn dort Partys gefeiert werden. Ich habe ihn aber noch nie gesehen. Er ist der geheimnisvolle Magnet der Region, das Loch-Ness-Monster des Comer Sees.“
— Oliver Maria Schmitt

Die Küche als belebter Ort, in der sowohl Mutter als auch Vater am Herd standen, mochte er trotzdem und ließ sich von den beiden anstecken. Sein damaliges Lieblingsessen „Toast Hawaii“ inspirierte ihn zu Testreihen mit unterschiedlichen Brotsorten, wie er erzählt. Seine Pizza-Verrücktheit ließ ihn Hefeteigversuchsreihen im heimischen Ofen starten, die aber „debakulös“ endeten. „Mit 220 Grad Celsius und dem falschen Mehl klappt es nicht. Man wusste ja damals nichts und musste sich alles selbst zusammenreimen. Der Pizza-Bäcker um die Ecke wollte mir nicht einmal verraten, was er für einen Käse verwendet.“

Die italienische Küche mit ihrer magischen Mischung aus Tomate und Käse konnten ihm diese Erfahrungen aber nicht verleiden, einfach, weil sie „die erfolgreichste Küche der Welt ist: Es gibt sogar eine Pizzeria in Nordkorea.“ Heute isst er aber ebenso gerne an der Frittenbude wie im Sternerestaurant.

Mittlerweile hat Schmitt die kurzen Bandnudeln zum Kohl ins kochende Wasser geschüttet. Sie kamen aus einer Pappschachtel mit italienischer Beschriftung, die er aus dem Valtellina mitgebracht hat – es gebe sie aber auch im hiesigen italienischen Supermarkt, etwa auf der Hanauer Landstraße, empfiehlt er. „Ich hasse es einfach, Pasta selbst zu machen in meiner kleinen Küche und ich verstehe auch den Mehrwert nicht.“ Geschmacklich sei das kein großer Unterschied.

Nach etwa zehn Minuten schöpft er mit der Schaumkelle Gemüse und Nudeln in die vorgewärmte Auflaufform und schichtet sie abwechselnd mit dem Käse übereinander. Die Buttersoße kommt darüber, dazu großzügig Parmesan. Dann schiebt er alles in den Ofen, bis es goldbraun ist, und nippt nebenbei beglückt am Pinot Nero aus Südtirol.

Satirelegende Titanic: Chefredaktion und die Boygroup

Vom bissigen Satiriker der „Titanic“ ist in der Küche wenig zu spüren. Nicht einmal der Wirsing-Kohl reizt ihn zu einer politischen Anspielung auf den Kanzler seiner Anfangszeit beim „Traummagazin“. 1992 begann er bei dem Frankfurter Heft eine dreimonatige Hospitanz. Gerade mal zwei Jahre später wurde er Chefredakteur, „weil kein anderer es machen wollte“. Für ihn und das Magazin sei es besser gewesen, es nur temporär zu führen. Fünf Jahre später ließ er daher einen etwas älteren Kollegen ran: Martin Sonneborn, der mittlerweile für die von ihm gegründete Gruppe „Die Partei“ als Abgeordneter im EU-Parlament sitzt. Auf ihn wiederum folgte der noch etwas ältere Satiriker Thomas Gsella. Heute wurden die drei längst von einer jüngeren Truppe abgelöst und lassen als „Titanic-Boygroup“ auf deutschen Bühnen die alten Zeiten gemeinsam aufleben.

Zugleich sind Schmitt und Sonneborn Mitherausgeber und müssen, statt nur den aktuellen Entwicklungen mit Hohn und Spott zu begegnen, sich um das Überleben des Magazins kümmern. „Man kommt über die Runden, aber die Zeiten waren schon besser, trotz der hohen Abonnentenzahlen“, gibt Oliver Maria Schmitt zu. Zudem sei das reale Leben derzeit mit ausgedachter Satire kaum noch zu überbieten.

Kohl, Buchweizennudeln und Kartoffeln werden mit einer Schaumkelle in eine Auflaufform geschichtet.
Schicht für Schicht: Nudeln, Wirsing und Kartoffeln wandern mit reichlich Käse und Buttersoße in den Ofen.

Papst-Klage und der Hamburger Prozess

2012 war das noch anders. Damals gelangte er zu den wohl höchsten satirischen Weihen. Gegen sein Titelblatt „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“ ging Papst Benedikt XVI. persönlich mit einer einstweiligen Verfügung vor, weil er darauf mit einer an markanter Stelle beschmutzten Soutane abgebildet war. Die „Titanic“ legte Widerspruch ein. „Der Papst hat leider im letzten Moment zurückgezogen. Wir standen schon vorm Gericht in Hamburg, Leo Fischer in einem roten Kardinalsgewand, und hatten auf einen Prozess gehofft.“ Am Ende war es ein großer PR-Erfolg für das Magazin. „Kohl war vielleicht 80-mal auf unseren Titelblättern, er hat kein einziges Mal geklagt. Das ist die einzige Form, wie man Satire cool begegnen kann“, findet Schmitt noch heute.

Frankfurter Oberbürgermeister-Wahlkampf und Ausblick

Seine eigenen politischen Ambitionen hat er dagegen aufgegeben, auch wenn er als Frankfurter Oberbürgermeister-Kandidat für „Die Partei“ 2012 mit 1,8 Prozent der Wählerstimmen das bis dahin beste Ergebnis in einer Großstadt erzielte. „Mein damaliger Gegenkandidat Boris Rhein hat bis vor zwei Jahren auch nie eine Wahl gewonnen“, stellt er lächelnd fest. „Er hat sich hochgeschlafen.“

„Wir sollten Offenbach eingemeinden. Das Kennzeichen OF bedeutet dann einfach Ost-Frankfurt.“
— Oliver Maria Schmitt

Schmitt selbst würde nur bei den Kommunalwahlen im März 2026 antreten, wenn man ihm von vornherein ein Amt zusichere, sagt er. Von seinen „neuneinhalb Thesen für Frankfurt“, mit denen er 2012 im Wahlkampf antrat, hält er eine zumindest heute noch für leicht durchsetzbar: „Wir sollten Offenbach eingemeinden. Das Kennzeichen OF bedeutet dann einfach Ost-Frankfurt.“ Nur die Offenbacher Kickers als Frankfurter Kickers zu bezeichnen, kann er sich nicht wirklich vorstellen.

Lieber greift Oliver Maria Schmitt zum Geschirrtuch und verbrennt sich beim Herausholen der Auflaufform die Finger. Beim Verteilen der würzig und ein wenig erdig duftenden Masse erzählt er von seinen Plänen für einen neuen Roman, der im Pfälzerwald spielen soll. „Es wird eine Wandergroteske über eine Gruppe, die in einem der größten Waldgebiete Deutschlands verloren geht“, verrät er. Auch dazu würde sein Pizzoccheri bestens passen. Nach dem gemeinsamen Probieren kramt Schmitt in seiner Tasche. Statt des Wahlitalieners kommt kurzfristig doch nochmal der Schwabe durch: Für die Reste hat er zwei Plastiktöpfe mitgebracht und nimmt sie gefüllt mit nach Hause.

Rezept: Pizzoccheri „aus der Lamäng“

Diese Köstlichkeit mit kurzen Bandnudeln aus Buchweizenmehl gehört zur Valposchiavo wie die italienische Sprache. Das große Geheimnis ist die fein abgestimmte Käsemischung.

Fertig angerichteter Teller traditioneller Veltliner Pizzoccheri mit Buchweizennudeln, Wirsing, Kartoffeln, geschmolzenem Alpkäse und Rotwein im Hintergrund.
Klassiker aus der Lombardei: Pizzoccheri mit Buchweizenpasta, geschmolzenem Alpkäse und brauner Butter.

Zutaten für 4 Personen

  • 300 g Buchweizenmehl
  • 200 g Weizenmehl
  • ½ TL Salz
  • ca. 1–2 Tassen Wasser (alternativ: fertige Pizzoccheri aus dem Feinkostladen)
  • 3 l Wasser & 1 TL Salz (für den Kochtopf)
  • je 150 g Karotten, Kartoffeln, Wirsing und Blattspinat
  • Optional saisonales Gemüse: Mangold, Erbsen oder Bohnen
  • 250 g Valtellina-Alpkäse oder schmelziger Fontina-Käse, zu Spänen gerieben
  • 50 g Grottino oder Parmesan, frisch gerieben
  • 50 g Butter
  • 1 Knoblauchzehe, in feine Scheiben geschnitten
  • 3–4 Salbeiblätter (nach Geschmack)

Zubereitung

  1. Nudelteig herstellen: Buchweizen- und Weizenmehl mit dem Salz mischen. Mit dem Wasser ca. 5 Minuten zu einem glatten Teig kneten. Auf einer bemehlten Arbeitsfläche ca. 2–3 mm dünn ausrollen und in 7–8 cm breite Streifen schneiden. Großzügig bemehlen, aufeinanderlegen und in ca. 5 mm breite Bandnudeln schneiden.
  2. Gemüse & Pasta kochen: 3 Liter Salzwasser in einem großen Topf aufkochen. Gemüse putzen und in gleichmäßige Stücke schneiden. Nach Garzeit gestaffelt ins kochende Wasser geben: Karotten, Wirsing, Bohnen und Erbsen (ca. 20 Min.); Kartoffeln und Mangold (ca. 15 Min.); Spinat (ca. 10 Min.). Die Pizzoccheri ca. 10 Minuten vor Ende der Gesamtkochzeit direkt ins kochende Gemüsesud-Wasser geben.
  3. Schichten: Nudeln und Gemüse zusammen mit einer Schaumkelle abschöpfen. Sofort schichtweise abwechselnd mit den geriebenen Käsesorten in eine vorgewärmte Auflaufform geben.
  4. Vollenden & Servieren: Butter in einer Pfanne zerlassen, Knoblauch und Salbei darin sanft nussig anbräunen. Die heiße Würzbutter gleichmäßig über das Gericht gießen. Mit frisch gemahlenem schwarzem Pfeffer abschmecken und ohne vorheriges Durchrühren dampfend servieren.

Weinempfehlung – Restaurant Masi

Der perfekte Begleiter zu Pizzoccheri ist ein trockener, schlanker Rotwein aus dem Veltlin – vorzugsweise ein Valtellina Superiore aus der Nebbiolo-Traube. Eine hervorragende Alternative ist ein leichter, eleganter und mineralischer Pinot Nero aus Südtirol wie der „Ludwig“ von Elena Walch.

DANKE AN

Gruppenfoto mit Oliver Maria Schmitt, Redakteurin Sabine Börchers sowie Sabine und Gerhard Grohs im Küchenatelier Grohs.
Ein wohlverdienter Tropfen nach getaner Arbeit: Sabine Börchers, Oliver Maria Schmitt sowie Gerhard und Sabine Grohs.

Sabine und Gerhard Grohs für die Location und Gastfreundschaft im Küchen Atelier Grohs in Eschborn. Familie Masi von Alla Vita Buona in der Kleinmarkthalle für die Zutaten und das Restaurant Masi für die Weinempfehlung.

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