Frankfurt/Rhein-Main gilt vor allem als Zentrum der Banken und Finanzwirtschaft. Dass es auch ein bedeutender Standort für die Pharma- und Life-Science-Industrie ist und hier die Zukunft der Gesundheit weltweit mitgestaltet wird, ist dagegen weniger bekannt. Dabei sitzen in der Region Global Player wie Merck, Fresenius, Sanofi – und nicht nur diese.
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Frankfurt/Rhein-Main gilt vor allem als Zentrum der Banken und Finanzwirtschaft. Dass es auch ein bedeutender Standort für die Pharma- und Life-Science-Industrie ist und hier die Zukunft der Gesundheit weltweit mitgestaltet wird, ist dagegen weniger bekannt. Dabei sitzen in der Region Global Player wie Merck, Fresenius, Sanofi – und nicht nur diese.
Der Name Efor ist vielen vermutlich kein Begriff. Die Efor Group ist ein international führendes Beratungsunternehmen für Ingenieursdienstleistungen und begleitet Kunden aus den Bereichen Pharma, Biotechnologie und Medizintechnik. Sie verfügt über Niederlassungen in 14 Ländern auf drei Kontinenten.
Derzeit eröffnet sie in Frankfurt ihre erste deutsche Niederlassung und plant, bis Ende 2025 ein Team von 50 Mitarbeitenden vor Ort aufzubauen. Die Gruppe hat sich auf den Schwerpunkt Life Science spezialisiert und will sich nach eigenen Angaben an einem der dynamischsten Standorte in diesem Bereich ansiedeln. Und das ist für das im französischen Lyon gegründete Unternehmen die Mainmetropole mit ihrem Umland.
Die Entscheidung für Frankfurt als Standort basiere auf der wachsenden Nachfrage von Industriekunden, die Efor bereits in anderen Regionen begleitet. Etliche dieser Unternehmen haben Standorte in Deutschland und wünschen sich eine Betreuung vor Ort. „Frankfurt verbindet die industrielle Stärke Deutschlands im Life Science-Bereich mit einem erstklassigen akademischen Umfeld. Für Efor ist diese Expansion eine durchdachte und sinnvolle Entscheidung“, erläutert Javier Muller, Standortleiter der Frankfurter Niederlassung.
Wirtschaftsstandort Frankfurt überzeugt internationale Unternehmen
Auch Oberbürgermeister Mike Josef betont: „Frankfurt/Rhein-Main bietet ideale Voraussetzungen für Unternehmen, die im Bereich Life Science tätig sind.“ Er sieht die Tatsache, dass die Efor Group ihre erste deutsche Niederlassung in Frankfurt eröffnet, als Beleg dafür, „dass wir auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten internationale Unternehmen von den Stärken des Wirtschaftsstandortes Frankfurt/Rhein-Main überzeugen können.“
Die Region ist eben nicht nur Sitz vieler Banken, sondern auch ein Zentrum der Pharma- und Life-Science-Industrie mit zahlreichen Weltmarktführern wie BioNTech oder Fresenius, die anwendungsbezogen forschen, denn ihre Arbeit soll nicht nur den Menschen weltweit helfen, sie muss auch Gewinn bringen.
Globale Champions: Bedeutende Pharmaunternehmen in der Region Frankfurt
Der Pharmakonzern Sanofi hat Wurzeln in Frankfurt. Die frühere Hoechst AG ist darin aufgegangen. Heute hat die französische Gruppe ihren deutschen Hauptsitz im Industriepark Höchst und sich gerade zum Standort bekannt. Aktuell will sie dort eine moderne Insulinproduktion bauen und dafür 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro investieren.
Derzeit gehen bereits jährlich 450 Millionen Sanofi-Insulinpens von Frankfurt aus in die Welt. „Die Produktion in Höchst ist der größte integrierte Produktions- und Fertigungsstandort innerhalb von Sanofi weltweit und an der Wertschöpfungskette vieler Arzneimittel beteiligt“, betont das Unternehmen. Dazu gehören Insulin, Multiple-Sklerose-Medikamente und Antihistaminika.
Etwa 6.500 Beschäftigte sind in der Mainmetropole auf einer Art Campus in Forschung, Entwicklung, Produktion, Fertigung und Verwaltung tätig. Frankfurt sei ein wichtiger Teil des europäischen Forschungsnetzes mit etwa 900 Mitarbeitenden. Der Schwerpunkt liegt dabei in der Immunoscience, die sich mit der Rolle des Immunsystems beschäftigt.

Vom Weltkonzern bis zum Traditionsunternehmen
Erst kürzlich hat der Konzern zudem seinen Hauptanteil an der Sparte für rezeptfreie Apotheken-Produkte verkauft. Sie firmiert jetzt unter Opella und hat ihren Standort mit rund 300 Beschäftigten in den Aqua Tower des Hochhausensembles FOUR in der Frankfurter Innenstadt verlegt.
In dieser Sparte gibt es in der Mainmetropole noch einen weiteren Big Player: die in Frankfurt gegründete Traditionsfirma Merz. Sie setzt, wie das noch junge Unternehmen Rhein-Pharma, auf nicht apothekenpflichtige Produkte, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetika.
Wenige Kilometer jenseits der Stadtgrenze, in Darmstadt, ist der Hauptsitz der Merck KGaA, ein führendes Wissenschafts- und Technologieunternehmen mit weltweit mehr als 62.000 Mitarbeitenden in 65 Ländern und einem Umsatz von 21,2 Milliarden Euro. Rund 11.000 Beschäftigte sitzen in Darmstadt, die hochwertige Medikamente, innovative Produkte für die Biotech- und Pharmaindustrie und für die akademische Forschung sowie Spezialchemikalien entwickeln und produzieren.
Merck hat sich unter anderem auf Medikamente gegen Krebserkrankungen spezialisiert und forscht zu Therapien, die zielgerichtet auf Krebszellen wirken, ohne gesunde Zellen zu schädigen. Das Unternehmen entwickelt und vermarktet zudem Impfstoffe, Diagnostika, stellt Labor- und Biotech-Werkzeuge sowie Lösungen zur Anwendung in Forschung, Wissenschaft und Industrie bereit.

Führende Anbieter für Dialyse und Diabetes
Der Fresenius Konzern mit Sitz in Bad Homburg ist mit mehr als 176.000 Beschäftigten in 80 Ländern und einem Jahresumsatz von 21,5 Milliarden Euro ebenfalls eines der bedeutenden Unternehmen der Branche. Er ist nicht nur der führende private Klinikbetreiber in Europa – etwa durch die Helios Kliniken –, die Tochter Fresenius Kabi produziert Medikamente und Technologien für Infusionen, Transfusionen und Medizintechnik und ist dabei Weltmarktführer bei intravenös verabreichten Arzneimitteln und klinischer Ernährung. Die Fresenius Medical Care AG ist weltweit führender Anbieter von Dialyseprodukten und -dienstleistungen für Patienten mit Nierenerkrankungen.

Ebenfalls in Bad Homburg sitzt die Lilly Deutschland GmbH, eine Tochter des internationalen Pharmakonzerns Eli Lilly and Company. Sie wurde 1960 in Frankfurt gegründet und elf Jahre später dorthin verlegt, wo heute rund 1.100 Beschäftigte tätig sind. Am deutschen Hauptsitz in der Kurstadt werden vor allem Therapien auf den Gebieten Diabetes, Adipositas, sowie zur Immunologie, Okologie und zu Neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer entwickelt und vermarktet.
Die Pharmaindustrie Rhein-Main als Innovationsmotor
Geht der Blick weiter Richtung Rhein, ist mit Boehringer Ingelheim ein weiteres Traditionsunternehmen zu nennen, das mit einem Jahresumsatz in 2024 von 26,8 Milliarden Euro eines der größten der Branche in Deutschland und bis heute in Familienbesitz ist. In Ingelheim werden Arzneimittel und Wirkstoffe für den gesamten weltweiten Unternehmensverband produziert, dabei entwickelt Boehringer Ingelheim Therapien und Medikamente für Menschen, aber auch für Tiere.
In Mainz sind weitere große Namen wie BioNTech zu finden, bekannt durch die Covid-Impfstoffentwicklung und Weltmarktführer innerhalb der Immuntherapien zur Behandlung von Krebs und anderen schweren Erkrankungen. Die mRNA-basierten Therapien des 2008 gegründeten Unternehmens sind wegweisend.
Bereits seit 1958 befindet sich der deutsche Sitz der dänischen Novo Nordisk Pharma GmbH in Mainz, eines der weltweit führenden Insulinherstellers. Jenseits des Rheins, in seiner deutschen Hauptniederlassung Wiesbaden, bietet der US-amerikanische Pharmakonzern Abbott Klinikprodukte, Diagnostiksysteme und Arzneimittel, wie etwa Geräte zur Glukoseüberwachung oder innovative Herzschrittmacher an. In den Bereichen Pharma und medizinische Ernährung wird dort auch geforscht.
Die Grifols Deutschland GmbH, eine Tochter des gleichnamigen Pharmaunternehmens mit Sitz in Barcelona, wurde 1997 in Frankfurt gegründet. Das global tätige Unternehmen vertreibt hauptsächlich Derivate aus Blutplasma, mit denen Medikamente für zum Teil seltene chronische Krankheiten hergestellt werden. Es liefert zudem biologische Materialien, einschließlich Plasma, für die Life-Science-Forschung und -Produktion. Vom Standort in Niederrad aus wird der Vertrieb in Deutschland und den deutschsprachigen Nachbarn abgewickelt.
Historische Wurzeln und tiefe regionale Verankerung

Die Konzentration der Unternehmen in der Region ist kein Zufall, sondern auch das Ergebnis historischer Entwicklung. Jahrhundertealte Familienunternehmen wie Merck und Fresenius sind hier tief verwurzelt.
Die Merck KGaA ist das älteste Pharma- und Chemieunternehmen der Welt. 1668 legte Friedrich Jacob Merck den Grundstein mit dem Kauf der Engel-Apotheke. 1816 wandelte einer seiner Nachfahren diese in ein forschungsbasiertes Industrieunternehmen um. Seine akribische Forschung an Morphin legte den Grundstein für die moderne pharmazeutische Produktion. Die Gründerfamilie ist bis heute Mehrheitseigentümerin des börsennotierten Konzerns.
Im Industriepark Höchst wird seit mehr als 100 Jahren Insulin produziert. Seit 2004 gehört das Produktionswerk zum französischen Pharmariesen Sanofi, welcher damit das größte Einzelunternehmen im Industriepark ist.
Die Ursprünge von Fresenius liegen ebenfalls in Frankfurt. Schon 1912 gründete der Apotheker Dr. Eduard Fresenius die pharmazeutische Firma. 1933 zogen die Produktionsstätten schließlich nach Bad Homburg. In den späten 1950er-Jahren expandierte das Unternehmen und produzierte neben Infusionslösungen oder klinischer Ernährung erstmals Dialysegeräte und setzte 1983 mit der Entwicklung von Polysulfon-Membranen bis heute Qualitätsstandards für Dialysatoren. Damit beeinflusste es die Entwicklung in der Nierenheilkunde entscheidend mit.
Das auf ästhetische Medizin und nicht apothekenpflichtige Produkte spezialisierte weltweite Pharmaunternehmen Merz hat ebenfalls seine Wurzeln in Frankfurt. Es hat seinen Hauptsitz an der Eckenheimer Landstraße und ist vor allem für seine Marke „tetesept“ bekannt. Der Apotheker und Chemiker Friedrich Merz gründete die Firma 1908. Bis heute ist sie in Familienbesitz. Seit den 1950er-Jahren produziert sie Kosmetik-Produkte und Nahrungsergänzungsmittel, wie die bekannten Merz Spezial Dragees, aber 2002 auch den weltweit ersten Wirkstoff zur Behandlung von Alzheimer-Demenz.
Starkes Ökosystem aus Forschung, Netzwerken und Talenten
Die so vielfältige Branche profitiert in der Region zudem von einer engen Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und führenden Forschungsinstitutionen. Akademische und nicht-universitäre Einrichtunge wie das Fraunhofer Institut für Translationale Medizin und Pharmakologie (ITMP) in Frankfurt oder das Institut für Pharmazeutische Technologie der Goethe-Universität sind aktive Partner in der Forschung und Entwicklung.
Der akademische Bereich mit mehreren Hochschulen bietet zugleich eine Quelle für neue Talente: Mehr als 5.500 Studierende der Chemie und Pharmazie sind an hessischen Universitäten eingeschrieben. Dies sichert eine kontinuierliche Versorgung mit qualifizierten Fachkräften.
„Die Region bietet neben einer hervorragenden Infrastruktur und der Nähe zu international anerkannten Forschungseinrichtungen auch eine lebendige Start-up-Szene“, nennt Oberbürgermeister Mike Josef einen weiteren Aspekt für deren Anziehungskraft für die Pharmaindustrie.
Zudem fördert das Rhein-Main-Gebiet mit Initiativen und Netzwerken wie dem 2002 gegründeten „FIZ Frankfurt Biotechnology Innovation Center“ und dem „FIZ Life Sciences Forum“, dem auf einer Initiative des Landes, der Universitäten und der Gesundheitswirtschaft beruhenden House of Pharma & Healthcare, sowie der „Future Factory“ der Universitäten Frankfurt, Mainz, Darmstadt und der Frankfurt School of Finance & Management aktiv die Zusammenarbeit zwischen ihr und der Wissenschaft.
Größter Industriezweig mit strategischer Bedeutung für Hessen
Davon profitiert nicht nur die Region. Denn die Pharmaindustrie ist ein wichtiger Pfeiler der Wirtschaft des Landes. Das sehen auch Deutschlands Nachbarn. So betont Javier Muller von der Efor Group: „Deutschland ist nicht nur der größte Pharmamarkt Europas, sondern auch weltweit die Nummer vier hinter den USA, China und Japan. Das Land verfügt über ein starkes Ökosystem im Bereich Life Science mit mehr als 700 registrierten Pharmaunternehmen, hat in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen getätigt und plant weitere für die kommenden Jahre.“
Die regionale Wirtschaft profitiert entsprechend. Tausende Mitarbeitende forschen, entwickeln und vertreiben in Frankfurt und Umgebung Produkte der pharmazeutischen und industriellen Biotechnologie. Die Branche bildet den größten Industriezweig der Metropolenregion.
Der Sektor ist zugleich der wichtigste Industriezweig in Hessen. Im Jahr 2023 erwirtschaftete die pharmazeutische und chemische Industrie im Bundesland einen Jahresumsatz von 32 Milliarden Euro und beschäftigte 58.212 Mitarbeiter in mehr als 180 Unternehmen. Insgesamt trägt er mit einer Belegschaft von über 95.000 Menschen und einer Bruttowertschöpfung von 10,5 Milliarden Euro maßgeblich zu dessen Wirtschaftskraft bei.
Deshalb haben nicht nur der Bund, sondern auch Hessen und die Stadt Frankfurt ein großes Interesse daran, dass etwa Sanofi in den Standort Höchst investiert und im Industriepark die „modernste Insulinproduktion der Welt“ errichtet, wie Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori es ausdrückte.
Zudem bekommt die heimische Produktion in Zeiten, in denen ein Großteil aller wichtigen Medikamente und Wirkstoffe aus China und Indien kommt, eine immer größere Bedeutung, wie die Coronakrise deutlich vor Augen geführt hat, als es plötzlich Lieferengpässe gab und Medikamente nicht mehr verfügbar waren. Es habe sich gezeigt „wie verwundbar wir sind, wenn unsere Bevölkerung nicht mit bestimmten Medikamenten versorgt werden kann“, betonte Kaweh Mansoori unlängst gegenüber dem Hessischen Rundfunk.
Für den Bau des Sanofi-Insulinwerks mitten in Hessen haben Stadt, Land und Bund bereits Fördermittel in dreistelliger Millionenhöhe zugesagt. Allerdings muss die EU-Kommission das Projekt prüfen. Auf das Ergebnis wartet Sanofi seit dem vergangenen Jahr. Doch auch wenn Brüssel nicht zustimmt, gäbe es keine Pläne, aus Frankfurt abzuwandern, bestätigte der Sanofi-Arbeitsdirektor Oliver Coenenberg dem Hessischen Rundfunk. Sanofi wolle dort „weiterhin erfolgreich produzieren, forschen, wirtschaften und hoffentlich auch wachsen“.
