Nach nur 17 Monaten kündigt der Hauptgeschäftsführer der IHK Frankfurt. Ein Ziel nennt er nicht. Was bleibt: ein Vereinsvorsitz, den er nie aufgab, eine Vollversammlung, die ihm misstraute, und eine Kammer, die bis April einen Nachfolger finden muss.
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Umstrittene Personalien folgen in Frankfurt einer vertrauten Choreografie: Erst kommt die Mitteilung, die nichts sagt. Dann das Lob, das verdächtig warm ausfällt. Schließlich das Schweigen.
Am 3. September teilte die IHK Frankfurt mit, dass Dr. Clemens Christmann geht. Zum 31. März 2027, um „neue berufliche Aufgaben zu übernehmen“. Es folgt das Pflichtprogramm: Dank an den Präsidenten, Dank an 3.500 Ehrenamtliche, Dank an 270 Mitarbeiter. Präsident Ulrich Caspar bedauert ausdrücklich „die Kündigung von Herrn Dr. Christmann“ und attestiert ihm einen „Modernisierungsschub an wichtigen Stellen“. Christmann selbst nennt die Zusammenarbeit mit Caspar „eine große Freude und Ehre“.
Nirgends steht, wohin die Reise geht. Wer ein Spitzenamt aufgibt, weil ein besseres lockt, nennt das Ziel. Christmann nennt keines. Auch nicht im Abschiedsbrief an die Belegschaft. Dort heißt es lediglich, er wolle mit 53 Jahren noch einmal neue Wege einschlagen.
Auf unsere Nachfrage, welche Aufgabe ihn erwarte und ob es Gespräche über seinen Verbleib gegeben habe, antwortete nicht Christmann, sondern die Kammer: Über die Pressemitteilung hinaus mache man keine Angaben.
Zweiter Vorsitz
Wer wissen will, warum es so weit kam, beginnt am besten dort, wo Christmanns Amtszeit schon einmal beinahe geendet hätte: bevor sie überhaupt begann.
Seit der Gründung 2013 führt Christmann den Hayek-Club Frankfurt am Main e. V. als Vorsitzender. Genau dieses Ehrenamt hätte seine Wahl im Dezember 2024 fast gekippt. Mitglieder der Vollversammlung bohrten damals nach der Nähe des Clubs zur Hayek-Gesellschaft; ihr gehöre unter anderem die AfD-Politikerin Beatrix von Storch an, und ihre Abgrenzung nach rechts außen sei nicht eindeutig. Christmann verwies auf die formale Trennung beider Organisationen und auf einen Beschluss, wonach eine AfD-Mitgliedschaft mit der Clubzugehörigkeit unvereinbar sei. Das Argument verfing. Knapp: 79 Prozent, 46 Ja-Stimmen, zwölf Gegenstimmen, sechs Enthaltungen. Der frühere Vizepräsident Joachim Stoll sagte, bei solchen Wahlen seien Werte über 95 Prozent die Regel.
Wer nach einem solchen Dämpfer antritt, hat zwei Optionen: Er beseitigt den Anlass. Oder er behält ihn. Christmann behielt ihn. Die Vorstandsliste des Clubs führt ihn bis heute als Vorsitzenden; auf seinem LinkedIn-Profil stehen beide Titel gleichrangig nebeneinander: Kammer und Club. Rechtlich ist das unangreifbar. Meinungsfreiheit gilt auch für Hauptgeschäftsführer. Die IHK sieht darin keinen grundsätzlichen Zielkonflikt; das Engagement in einem privaten Verein sei bei Christmanns Bestellung bekannt gewesen und in der Vollversammlung besprochen worden.
Doch die IHK ist kein Verein. Anders als beim Club ist die Mitgliedschaft in der Kammer Pflicht. Niemand sucht sie sich aus: 109.000 Unternehmen, vom Kiosk im Gallus bis zum DAX-Konzern. Wer eine solche Körperschaft führt, verwaltet ihr kostbarstes Gut: das Vertrauen in ihre politische Unabhängigkeit. Christmann hat davon reichlich verbraucht.
Vierzig Unterschriften
Der Vorgang, der am meisten über seine Amtszeit verrät, hat mit Parteipolitik allerdings wenig zu tun. In der Kammer sollte ein Frauennetzwerk entstehen. Rund 40 Menschen hatten die Initiative unterzeichnet. Christmann habe das Vorhaben zunächst bekämpft und seine Umsetzung verhindert, später sei die Gründung als sein Verdienst dargestellt worden. So berichtet es die Frankfurter Neue Presse unter Berufung auf mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen. Eine Beteiligte, die ungenannt bleiben will, bestätigt den Ablauf gegenüber dieser Redaktion.
Die IHK schildert es anders. Schon vor Christmanns Amtsantritt habe sich das Präsidium mehrfach mit der Frage befasst, ohne zu einem Beschluss zu kommen. Christmann habe in Kennenlerngesprächen mit den Mitgliedern der Vollversammlung die damalige Position des Präsidiums vertreten und zugleich die auseinandergehenden Vorstellungen zusammengeführt; im Herbst 2025 habe das Präsidium die Gründung beschlossen. Den Initiatorinnen seien Präsidium und Hauptgeschäftsführer für ihr Engagement dankbar. Als Verdienst des Hauptgeschäftsführers sei die Gründung nie dargestellt worden.
Zwei Lesarten desselben Vorgangs. In beiden hat Christmann das Netzwerk zunächst nicht gewollt. Sie unterscheiden sich darin, wessen Position er dabei vertrat. Für die Wirkung im Haus macht das kaum einen Unterschied. Vierzig Unterschriften unter einer Initiative sind ein Loyalitätsangebot. Wer es abweist, verliert vierzig Mitstreiter – gleich, in wessen Namen er es tut.
Kurzschluss auf LinkedIn
Beim Frauennetzwerk steht Darstellung gegen Darstellung. An anderer Stelle braucht es das nicht. Da formuliert Christmann selbst. Im September 2025 schaltete er sich auf LinkedIn und X in die Debatte um die Regenbogenflagge am Bundestag ein. Parlamente, Gerichte, Behörden und Polizei müssten das Neutralitätsgebot wahren und dürften keine Gruppen bevorzugen, schrieb er – „auch nicht mit Symbolen“. Er lobte die Standhaftigkeit von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Dass auch eine IHK als Körperschaft des öffentlichen Rechts an diese Maßstäbe gebunden ist, entging in Frankfurt niemandem.
Aus dem Umfeld der Kammer folgte prompter Widerspruch: Neutralität bedeute keine Gleichgültigkeit gegenüber Menschenrechten, Vielfalt und Chancengleichheit. Heute antwortet die Kammer, auf diesen Vorgang angesprochen, bemerkenswert deutlich. Sie sei parteipolitisch neutral, teilt sie mit, „aber nicht wertneutral“; sie stehe auf dem Boden des Grundgesetzes und bekenne sich zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Auf ihrer Karriereseite wirbt die IHK überdies mit einem ausführlichen Bekenntnis zu Vielfalt und Chancengleichheit, ausdrücklich auch mit Blick auf geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung. Eine klare Antwort, die allerdings anders ausfällt als der Beitrag ihres Hauptgeschäftsführers ein Jahr zuvor.
Für ein Wirtschaftsparlament, das von grün bis konservativ die gesamte Bandbreite vereint, war Christmanns Beitrag ein Affront. Wer an der Spitze einer Pflichtkammer steht, darf eine Meinung haben. Er darf sie nur nicht gegen die eigenen Mitglieder richten.
Blick auf die Zahlen
Mehrere voneinander unabhängige Stimmen aus dem Kammerumfeld sprechen uns gegenüber von einem „toxischen Führungsstil“; von auffallend hoher Fluktuation ist die Rede. Die IHK weist beides zurück: Pauschale und anonyme Bewertungen seien nicht nachvollziehbar, Christmann genieße bei Mitarbeitern und Ehrenamt hohes Ansehen.
Die Fluktuation lässt sich nachrechnen. Auf unsere Nachfrage legt die IHK Zahlen vor. 2024, im Jahr vor seinem Amtsantritt, verließen dreizehn Mitarbeiter die Kammer aus anderen Gründen als dem Renteneintritt. In den siebzehn Monaten seit April 2025 waren es acht. Dreizehn in zwölf Monaten. Acht in siebzehn.
Auch der Personalbestand blieb nahezu unverändert: Ende 2024 zählte die Kammer 240 Mitarbeiter, heute 244. Die 270 aus der Pressemitteilung stammen aus einer weiter gefassten Rechnung, die Auszubildende, Elternzeiten und Sondereinrichtungen einschließt; dort lautet der Vergleich 263 zu 271.
Diese Zahlen entlasten Christmann bei der Belegschaft. Über die Ebene, auf die es ankommt, sagen sie allerdings nichts. Denn dort ist Bewegung. Ende März dieses Jahres ging Sebastian Trippen, Geschäftsführer für Wirtschaftspolitik und Metropolenentwicklung. Zuvor, im Januar, war Patricia Borna auf dem Börsenparkett verabschiedet worden, ein halbes Jahr vor Ende ihres Vertrags – ohne Blumen, ohne Pathos und ohne dass ihr Name in der Rede des Hauptgeschäftsführers auch nur fiel.
Physik des Abschieds
Sieben Monate hat die Kammer noch mit ihm. Genauer: sieben Monate ohne ihn. Die verbleibende Frist ist schlichtes Vertragsrecht: sechs Monate zum Quartalsende. Christmann bleibt bis zum 31. März 2027 auf seinem Posten. Und der gesamte Apparat weiß seit dem 3. September, dass er geht.
Ein scheidender Hauptgeschäftsführer gestaltet nicht mehr. Er besetzt keine Schlüsselpositionen, die ihn überdauern. Er prägt keinen Haushalt, den ein Nachfolger verantworten muss. Er bindet kein Personal, weil seiner Unterschrift die Zukunft fehlt. Das gilt für jeden Amtsinhaber mit Ablaufdatum. Und es trifft die Kammer in einer Phase, in der sie ohnehin um ihre Relevanz ringt.
Zeitnot bei der Nachfolge
Die IHK kündigt an, die Position „in Kürze“ auszuschreiben. Ein Blick auf den Kalender ernüchtert. Beim letzten Wechsel arbeitete die Kammer mit langem Vorlauf: Headhunter, öffentliche Ausschreibung, eine Findungskommission des Präsidiums. Diesmal beginnt sie bei null. Ausschreibung, Bewerbungsfrist, Sichtung, Gespräche, Präsidiumsvotum und schließlich die geheime Wahl in einer Vollversammlung, die nicht wöchentlich tagt. Hinzu kommen die Kündigungsfristen potenzieller Nachfolger in deren bisherigen Positionen.

Bis zum 1. April 2027 ist dieses Verfahren kaum seriös abzuschließen. Die Folge wird eine Übergangslösung sein: intern rekrutiert, kommissarisch geführt und vermutlich als weitsichtiger Schachzug verkauft. Die wenigen plausiblen Namen werden in Wirtschaftskreisen der Stadt bereits gehandelt.
Und Caspar?
Christmann war der Kandidat des Präsidiums, das ihn einstimmig vorschlug. Dem Präsidenten daraus einen Strick zu drehen, wäre zu einfach. Kommissionen prüfen Zeugnisse. Den Charakter zeigt erst das Amt. Caspar hat in seiner Amtszeit mehr bewegt als diese eine Personalie.
Dennoch steht er nun vor einer Aufgabe, die sich nicht einfach mit einer Pressemitteilung lösen lässt. Er muss binnen Monaten eine Führung finden, die versöhnt, was in Christmanns Amtszeit auseinandergefallen ist. Ausgerechnet jetzt, während sich die Stadt nach der Kommunalwahl gerade erst neu sortiert. Frankfurts Wirtschaft bräuchte eine Kammer mit starker, unüberhörbarer Stimme. Sie bekommt eine, die mit sich selbst beschäftigt ist.
Am 21. September tagt der Hayek-Club in der Villa Bonn. Im Januar folgt der Jahresempfang der IHK, nach Vertragslage Christmanns letzter großer Auftritt. Ob sein Name noch auf der Einladung steht, erfährt Frankfurt im Dezember.
Auf dieser Bühne ist schon einmal ein Name nicht gefallen.
