Als erste Frau übernimmt Birgitta Wolff im neuen Jahr die Präsidentschaft der Goethe-Universität Frankfurt und hat schon viele Pläne, an welchen Stellen sie sich besonders engagieren möchte. Zunächst einmal sucht die Wirtschaftswissenschaftlerin und frühere Wissenschaftsministerin von Sachsen-Anhalt aber in Frankfurt eine Wohnung und einen Stall für ihre beiden Pferde. Von Sabine Börchers

Ihr erster Arbeitstag ist offiziell der 5. Januar. Doch wer mit Birgitta Wolff spricht, merkt schnell, dass sie sich schon seit längerer Zeit nicht nur gedanklich in Frankfurt engagiert. Eine Woche pro Monat verbringt die Wirtschaftswissenschaftlerin bereits seit ihrer Wahl im vergangenen Juli am Main und hat ihre Professoren-Tätigkeit in Magdeburg um die Hälfte reduziert. In Frankfurt führt sie Hintergrundgespräche, schaut sich alles an und entwickelt bereits Ideen, bevor sie als neue Universitäts-Präsidentin ihr Amt aufnimmt. „Im Moment bin ich der Präsidenten-Azubi. Ich nutze die Gelegenheit, Institute zu besuchen und Fragen zu stellen, ohne dass ich mich schon positionieren muss“, sagt sie.

Auf Wohnungssuche

Im persönlichen Gespräch ist schnell ihre offene und unprätentiöse Art zu spüren. Bevor sie über sich spricht, will sie zunächst von ihrem Gegenüber wissen, wie es sich in Frankfurt lebt, und wo am besten. Denn noch ist Birgitta Wolff auch auf Wohnungssuche. Das ist nicht ganz einfach, weil sie nicht nur eine Bleibe für sich, sondern auch einen Unterstand für ihre beiden Pferde benötigt. Ohne sie ist die Frau mit den langen blonden Haaren, die mit drei Geschwistern im Münsterland im Kreis Warendorf, Deutschlands bekanntester Pferderegion, aufwuchs, nicht an den Main zu bekommen. Sie sind ihr Garant für Entspannung, wenn es beruflich hoch hergeht.

Schon als Kind besaß Birgitta Wolff eigene Ponys. Vor mehr als 20 Jahren bekam sie dann eine der beiden Westfalen-Mix-Stuten geschenkt, um die sie sich bis heute kümmert. „Die zweite war ein Stallunfall, weil ein Nachbar seinen Hengst nicht weggesperrt hatte“, erzählt sie. Das Fohlen wegzugeben, brachte sie damals nicht übers Herz. Und so zieht die Professorin nun mit Mutter- und Tochter-Stute von Magdeburg an den Main. Sie wünscht sich eine Wohnung entweder in der Nähe ihrer Tiere oder in direkter Nachbarschaft zum Universitäts-Campus – den beiden Polen, zwischen denen ihr Frankfurter Leben künftig stattfinden wird.

Verlust des Ministeramtes

Auch in Magdeburg war das lange Zeit so. Mehr als 14 Jahre lang blieb die Professorin der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt treu, mit kleinen Unterbrechungen. Selbst Angebote von renommierten Universitäten wie Münster oder Aachen lehnte sie ab. „Die Magdeburger haben es mir schmackhaft gemacht“, begründet sie diese Entscheidung. Sie konnte dort den Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und Internationales Management übernehmen und war Dekanin ihrer Fakultät. Nach vielen Umzügen zuvor, als sie an den Universitäten in Witten/Herdecke, Melbourne und Paris studiert, in Harvard geforscht, sich in München habilitiert und an der Universität in Washington, D. C. unterrichtet hatte, war sie in Magdeburg sesshaft geworden. 2010 bekam sie sogar die Chance, zunächst als Kultus-, dann als Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin in die Landespolitik Sachsen-Anhalts zu gehen. Doch ihr politischer Gestaltungsanspruch wurde im April 2013 jäh gestoppt. Sie habe einiges bewegen können, „bis ich rausgeflogen bin“, sagt sie ohne Umschweife. Weil sie die Sparpolitik der schwarz-roten Koalition, die auch die Hochschulen betreffen sollte, öffentlich kritisiert hatte, erhielt sie einen Anruf von ihrem CDU-Kollegen und Ministerpräsidenten Reiner Haseloff. Er teilte ihr mit, dass er eine Stunde später öffentlich ihre Entlassung bekannt geben werde. „Manche denken, ich hätte am Boden zerstört sein müssen, aber ich empfinde das Ganze im Rückblick nicht als negative Erfahrung“, stellt sie fest. Sie habe zugleich Erleichterung gespürt, weil die Politik sie menschlich belastet habe. Zudem konnte sie sich an der Universität in Magdeburg, von der sie während ihrer Ministerzeit beurlaubt war, wieder der Forschung widmen.

Universität und Stadt

Der Ruf aus Frankfurt gab ihr die Möglichkeit, weiter nach vorne zu blicken. Stadt und Universität waren ihr bereits ein Begriff, weil ihr Bruder einst am Main studiert hat. Erst kürzlich unternahmen beide eine gemeinsame Nostalgiereise zu seinen Lieblingsorten wie dem Café Karin, wie sie erzählt. Die Präsidentenstelle sei zudem eine berufliche Herausforderung, die sie reize. „Ich werde nächstes Jahr 50, da ist es ein schöner Gedanke, noch einmal einen Wechsel in Angriff zu nehmen.“

Einige Ideen, was sie in Frankfurt künftig bewegen möchte, hat sie bereits entwickelt. Vor allem an der Schnittstelle zwischen der Universität und ihrem Umfeld, also der Stadt, ihren Bürgern und Unternehmen, sieht sie Potential. Die Stiftungsuniversität könne einiges umsetzen, was nicht zu Lasten des Landeshaushaltes gehen müsse, betont sie und zeigt, dass sie sich aus ihrer Zeit als Ministerin das Bewusstsein für politische Gestaltungsmöglichkeiten und Sachzwänge erhalten hat.

Ergebnisoffen diskutieren

Auch die Studienbedingungen in Frankfurt und die Fortführung der baulichen Entwicklung der Uni sind Themen, die sie bereits jetzt umtreiben. „Die Uni-Bibliothek ist zum Beispiel eine noch ungelöste Aufgabe. Darüber habe ich schon mit den Freunden und Förderern der Goethe-Uni gesprochen, damit wir gemeinsam Visionen entwickeln.“ Visionen entwickeln, Unterstützer gewinnen, diese Vokabeln verwendet sie oft. In den Vorgesprächen als „Präsidenten-Azubi“ präsentiert sich Birgitta Wolff als Teamplayerin. Sie schätze es sehr, ergebnisoffen in Gremien hineinzugehen, betont sie. „Das habe ich auch als Ministerin so gemacht, zum Erstaunen vieler.“ Ihre Begründung dafür ist einleuchtend: Probleme seien oft viel zu komplex, als dass einer alleine eine Antwort darauf finden könne. Sie setze daher auf den gemeinschaftlichen kreativen Prozess.

Das sei an der Frankfurter Universität zuvor offenbar nicht immer so gehandhabt worden, hat sie erfahren. „Dadurch wurden manche Runden unnötig konfrontativ. Das würde ich gerne anders machen.“ Als weibliche Handschrift will sie diese Vorgehensweise aber nicht unbedingt verstanden wissen, auch wenn sie die erste Frau ist, die den Posten der Universitätspräsidentin übernimmt. Es mache ihr einfach Spaß, etwas gemeinsam zu entwickeln. Kontakte knüpfen gehört in einer Netzwerk- Metropole wie Frankfurt dazu, auch das hat Birgitta Wolff längst erkannt. „Ich bin zwar nicht der Typ für Repräsentationsaufgaben, aber dort, wo man in lockerer Runde reden und Visionen entwickeln kann, da fühle ich mich wohl.“ Frankfurt als geschäftige und effizient arbeitende Stadt mit kosmopolitischem Stil und großer Liberalität komme ihr da sehr entgegen. „Wir brauchen den Austausch mit der Stadt, ich freue mich darauf, viele gemeinsame Ideen zu entwickeln.“