250 Gäste, ein Bundesminister a. D. in Plauderlaune und eine Auktion, bei der eine Ehefrau eingreifen musste: Beim Jahresempfang der Kinderhilfestiftung ging es um großzügige Spender, gute Geschichten und um die Frage, warum private Hilfe dort einspringen muss, wo öffentliche Strukturen zu langsam sind.
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Am Ende waren nur noch zwei Bieter im Rennen. Bei 60.000 Euro nahm eine Ehefrau ihrem Mann kurzerhand die Bieterkarte aus der Hand. Burkhard Wagner bot daraufhin noch zweimal per Handzeichen nach. Für das Cabriolet reichte es trotzdem nicht – für die Kinderhilfestiftung schon: Mehr als 60.000 Euro brachte die Versteigerung ein.
Michael Henning stand am Pult und erzählte die Anekdote mit Namen und ohne Umschweife. Der unterlegene Bieter saß mitten unter den rund 250 Gästen im Ballsaal des Meliá; der Saal lachte. Versteigert hatte Mercedes-Benz das dunkelblaue 220 Cabriolet A, Baujahr 1952, aus eigenem Bestand, zum 140. Geburtstag des Automobils. Marc Boderke, Chef des Niederlassungsverbunds Rhein-Main-Neckar und Kuratoriumsmitglied, war ein Jahr zuvor mit einer Frage auf Henning zugekommen: „Was können wir tun?“ Die Antwort war einfach: Anlässe schaffen, bei denen Menschen gern geben.
Der 26. Charity Golf Cup brachte 24.000 Euro. Beim Rudern für den guten Zweck legten sich 36 Teams in die Riemen, BMW spendete 28.000 Euro, die DVAG weitere 10.000. Das Porsche Zentrum richtete zum zweiten Mal seinen Weihnachtsmarkt zugunsten der Stiftung aus und übergab 7.500 Euro. In der BMW Niederlassung Frankfurt pflückten Kunden blaue Zettel vom Weihnachtsbaum. Es waren Wunschzettel von Kindern aus dem Frankfurter Inobhutnahmeheim. Aufgestellt hatte den Baum der Leiter des Niederlassungsverbund Hessen, Matthias Betz. Den Weihnachtsmann bei der Bescherung gab Henning persönlich: „Sieht man mal, wie weiß der Bart geworden ist.“
Dazu kommen Jubilare, die auf Geschenke verzichten, eine Silent Auction, private Gartenpartys mit Spendenaufruf. Burkhard Wagner, dem das Cabriolet entgangen war, hatte anschließend Geld übrig: Er gab eine Party und spendete. Die Kinderhilfestiftung macht aus dem Helfen ein gesellschaftliches Ereignis, und das funktioniert auch deshalb, weil sich in ihrem Kuratorium ein beachtliches Stück Frankfurter Gesellschaft versammelt: Klinikdirektoren und Unternehmer, Banker und Notare, dazu ein guter Teil der Frankfurter Pädiatrie. Wer hier gibt, gibt vor Menschen, deren Urteil zählt.
Vor dem Festprogramm wurde es still. Bruno Seibert, Ehrenvorsitzender und langjähriger Vorgänger Hennings, ist im Juni verstorben. Er kam 1984 zur Stiftung, zwei Jahre nach der Gründung, und übernahm 2009 den Vorsitz, als das vorgesehene Nachfolgeteam kurz vor der Wahl absagte. Rund 800 geförderte Projekte und mehr als 60 Millionen Euro Fördervolumen stehen in seiner 35-jährigen Bilanz. Der Saal erhob sich zur Schweigeminute.
Was 20.000 Euro bewegen
Dann rechnete Henning vor, was aus dem Geld wird, und rückte den festlichen Abend für kurze Zeit weg vom Gala-Parkett. 20.000 Euro kostet ein Treppenlift für ein schwer behindertes Kind. Der Leistungsträger gibt einmalig 4.000 Euro dazu, den Rest trägt die Stiftung. Bei Gianluca (14) finanzierte sie den Lift vor acht Jahren und in diesem Jahr die Reparatur. Kinder wachsen, das Treppenhaus bleibt eng, darin liegt die ganze Logik dieser Hilfe. Für die zehnjährige Mia, die an spinaler Muskelatrophie leidet, kostete der rollstuhlgerechte Umbau des Familienwagens 14.000 Euro; solche Umbauten, sagt Henning, seien fast schon Kernkompetenz. Ein behindertengerechtes Karussell für den Spielplatz in Maintal kostete 21.000 Euro, getrieben von strengen Sicherheitsanforderungen. Und Klara, 13, Glasknochenkrankheit, erhielt einen maßgefertigten Sportrollstuhl, damit sie bei den Black Knights in Dreieich Rollhockey spielen kann.
Gemessen an den Etats des Gesundheitssystems sind das Nachkommastellen. Für die betroffenen Familien entscheiden sie über den Alltag. Die Stiftung finanziert dort, wo Geld fehlt, obwohl die Not offensichtlich ist. Vieles davon ist als Anschub gedacht, und mancher Anschub dauert. Bei der Kinderschutzambulanz am Universitätsklinikum, die Bruno Seibert 2009 initiierte, vergingen 14 Jahre, bis das Land Hessen die Finanzierung übernahm.
Wie lang dieser Atem sein muss, zeigt auch eines der Leuchtturmprojekte: Seit 2021 betreibt die Stiftung gemeinsam mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums die Psychologische Soforthilfe, Schirmherr ist Ministerpräsident Boris Rhein. Kinder, bei denen erstmals psychische Auffälligkeiten bemerkt werden, erhalten dort binnen 14 Tagen einen Termin. Anderswo warten Familien ein halbes Jahr und länger. 700.000 Euro hat die Stiftung investiert. 2.052 Anmeldungen gingen seither ein, fast 400 pro Jahr.
Wie schmal der Ausschnitt ist, den diese Zahl abbildet, sagte Henning gleich dazu: nur Frankfurt, nicht einmal Rhein-Main. Nur Kinder, die noch nirgends einen Termin haben. Und nur deutschsprachige Patienten, weil man sonst weder buchen noch behandeln kann. Im selben Jahr schloss in Frankfurt eine kinderpsychologische Praxis ohne Nachfolge. Die gesetzliche Krankenversicherung, sagte er, halte die Stadt für überversorgt. „Man braucht im Gesundheitswesen einen langen Atem.“
Der Fallschirm des Ministers
Peter Altmaier, Bundesminister a. D., hatte anschließend eine andere Aufgabe: Er musste den Saal wieder zum Lachen bringen. Das gelang schnell. Einen Teil des Publikums kenne er ja aus dem Fernsehen, sagte er. Die hätten auf der einen Seite gesessen und gerufen: „Maria, komm schnell, der Dicke ist wieder da!“ Er selbst sei auf der anderen Seite gewesen und habe geschaut, ob das Wohnzimmer aufgeräumt sei.
Selbst auf sein Jüngstes Gericht kam er zu sprechen. Sollte Gott ihn eines Tages zurück auf die Erde schicken, weil er nicht gut genug auf Angela Merkel und die heutige GroKo aufgepasst habe, und sollte er dabei das Los eines schwer kranken Kindes ziehen, dann werde er Petrus mit letzter Kraft um eines bitten: „Wirf mich mit dem Fallschirm oder mit dem Storch dort ab, wo die Kinderhilfestiftung in Frankfurt etwas zu sagen hat.“

Später erzählte er von Elon Musk, der ihm humanoide Roboter erklärt hatte. Bei Pflegerobotern seien heute die Japaner vorn, bei Industrierobotern die Chinesen. Daraus wurde ein Standardwitz für seine Reden: Wenn er alt sei und einen Pflegeroboter habe, werde er ihn um ein Bier bitten. Das Gerät, programmiert auf Vitalwerte, werde ablehnen: „Nein, Sie waren wieder bei der Kinderhilfestiftung und haben fünf Bier zu viel.“ Worauf er dem Roboter antworte: „Wenn ich nicht gewesen wäre, wärst du heute ein Gastarbeiter aus China oder Japan. Ab in die Küche und hol das Bier!“ Der Saal lachte. Altmaier registrierte es: „Haben immer alle gelacht.“
An den Tischen war die Wahl in Sachsen-Anhalt vom Vorabend das zweite Thema des Abends. Altmaier ließ sie nicht aus. Vier Jahre lang, sagte er, habe er sich aus der Politik herausgehalten, keinen Mucks gesagt, den Garten bewässert und deutsche Nationaldenkmäler besichtigt. Im Frühjahr habe er zum ersten Mal wieder gewarnt: Wenn man nicht aufpasse, „dampfen wir mit voller Kraft voraus in eine Staatskrise, wie wir sie in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht hatten“.
Einen Grund dafür sieht er auch in den eigenen Reihen. Von Angela Merkel habe er gelernt, wie man ein Wahlprogramm rechnet: erst die Finanzbeamten fragen, wie viel Geld in vier Jahren zusätzlich zur Verfügung steht, wenn die Wirtschaft nur mittelmäßig läuft. Und dann genau so viel versprechen. Auf seine Frage, ob man nicht ein wenig mehr in Aussicht stellen könne, habe sie geantwortet: „Ja, und dann, wenn du es nicht umsetzen kannst?“ Solche Programme seien nicht sexy gewesen, aber man habe sie halten können. Vor der jüngsten Bundestagswahl sei das anders gelaufen, und die eigene Partei nahm Altmaier dabei nicht aus: „Egal welche von diesen Parteien die absolute Mehrheit erobert hätte, sie hätten selbst dann ihre Wahlversprechen nicht umsetzen können.“ Zu viele Steuersenkungen, zu viele Mehrausgaben. Wer heute nach der versprochenen Stromsteuersenkung frage, höre, so einfach sei das nicht, und antworte: „Hättet ihr euch vorher überlegen können.“
„Der Staat kann nicht alles aus eigener Kraft lösen. Und es ist auch gut, wenn er es nicht lösen kann.“ – Bundesminister a. D. Peter Altmaier
Am Ende fand Altmaier zum Anlass zurück: Der Staat, sagte er, könne nicht jede Not aus eigener Kraft lösen, und es sei auch gut, dass er es nicht könne: „Wo sich Bürger ehrenamtlich engagieren, fließen Menschlichkeit und Wärme ein.“ Von der Bühne aus klang das wie ein Kompliment. An den Tischen der Ärzte und Helfer, an denen zuvor von 14 Jahren Wartezeit die Rede war, klang es zusätzlich nach einer Arbeitsbeschreibung.
Beim anschließenden Menü mischten sich die Gäste: Nach Couscous mit Salzzitrone wählten sie am Buffet rosa gegartes Roastbeef unter Pinienkernkruste oder knusprig gebratenen Wolfsbarsch, begleitet von Weinen des Pfälzer Weinguts Kesselring. Der Service des Meliá blieb aufmerksam, ohne sich aufzudrängen. Auf den Tischen: Mitgliedsanträge.
Zum Schluss hatte Michael Henning noch einen Rat für alle, die im Dezember Geschenke suchen: eine Jahresmitgliedschaft in der Kinderhilfestiftung verschenken. Die Beschenkten werden im nächsten Jahr eingeladen.
Das Cabriolet ist längst in fester Hand. Die Arbeit der Stiftung fängt mit jedem neuen Schicksal von vorne an.
Die Kinderhilfestiftung e. V. wurde 1982 in Frankfurt gegründet und hat seither über 800 Projekte für chronisch kranke, behinderte, misshandelte und benachteiligte Kinder in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet gefördert. Vorstand und Beirat arbeiten ehrenamtlich, jeder Spenden-Euro fließt zu 100 Prozent in die Projektarbeit. kinderhilfestiftung.org
