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Lizz Wright ist eine Ausnahmesängerin, eine der ganz großen afroamerikanischen Stimmen. Wenn sie Songs schreibt, entsteht eine seelenvolle Mischung aus Jazz, Blues und Gospel. Wir trafen die schöne Amerikanerin beim Women Of The World-Festival über den Dächern von Frankfurt und erlagen ihrer tiefen und herzlichen Natürlichkeit. Von Dr. Jutta Failing

Das rote Kleid steht ihr ausgezeichnet, dazu trägt Lizz Wright eine lässige Jeansjacke. Sie lächelt entspannt, die Sonne taucht die Mainstadt in ein zärtliches Frühsommerlicht. Von einer Diva, wie oft über die Sängerin und Songwriterin zu lesen ist, keine Spur. Tags zuvor habe sie mit dem Schlagzeuger ihrer Band Frankfurt erkundet, mit Fahrrädern ging es entlang des Ufers und an Sehenswürdigkeiten vorbei. Zum Star verwandelt sie sich auf der Bühne, wenn sie das Publikum mit ihrer samtig-zärtlichen Altstimme in den Süden ihrer Heimat holt. Am Abend wird die 35-Jährige in der Alten Oper auftreten und im Rahmen des „Women of the World“-Festivals Lust auf ihr neues Soloalbum machen. Ihr fünftes nach fünf Jahren Kreativpause, im September soll „Freedom and Surrender“ erscheinen. Eine so lange Pause hat die Sängerin, seit sie 2003 mit „Salt“ debütierte, noch nie zwischen zwei Alben eingelegt. Sie steht bei einer neuen Plattenfirma unter Vertrag, manche Dinge ändern sich eben.

Hit the ground

Lizz Wright
Lizz Wright

„Mein neues Album ist auch der Grund, weshalb ich in den vergangenen zwölf Monaten so wenig aufgetreten bin, ich schrieb Songs und stand in Los Angeles im Studio“, erzählt sie und schwärmt von der Zusammenarbeit mit Songwriting-Partnern wie Larry Klein, Toshi Reagon und Jesse Harris. „Auch Maia Sharp, die für die Dixie Chicks schreibt, ist dabei. Neben neuen Songs wird das Album wunderbare Coverversionen enthalten.“ Auf die Gunst ihrer deutschen Fans darf sie hoffen, wir erinnern uns, ihr Album „The Orchard“, das 2008 erschien, erreichte hierzulande acht Wochen lang Platz 19 der Charts und platzierte sich auch in den USA in den Top 100. Gern komme sie nach Deutschland, und nicht nur, um auf Tour zu gehen. „Zwei meiner Cousins leben in Köln, auch ein Onkel. Aber ich muss gestehen, deutsche Songs kenne ich nicht.“ Überhaupt, die Familie. In Hahira, Georgia, kam sie zur Welt, ihr Vater ein Prediger der Pfingstbewegung. „Glücklich im klassischen Sinn würde ich meine Kindheit nicht nennen, sie war mehr eine Herausforderung. Wir fanden Freude an einfachen Dingen“, sagt sie ohne Sentimentalität oder gar Groll. Sie sang im Gospelchor, studierte später Gesang und wurde bei einem Wettbewerb zum Gedenken an Billie Holiday entdeckt. Waren ihre Eltern lange besorgt, sind sie heute stolz auf die Tochter, die mit ihrer Stimme berührt. „Mein Vater liebt den Song ‚Hit the ground‘ über alles, da dieser viel mit unseren Wurzeln zu tun habe, wie er sagt. Sie müssen wissen, meine Vorfahren waren noch Sklaven.“ Mit Rassismus hat auch sie Erfahrungen gemacht. „Ich weiß, wie es sich anfühlt in einen Raum zu kommen und jeder hat eine bestimmte Vorstellung von dir, nur weil du schwarz bist. Sie sehen nicht dich. Ich vergesse nicht, aber ich vergebe.“

Morning Glory

Bei der Rückschau fällt ihr der zärtliche Kosename wieder ein. „Meine Mutter nannte mich ‚Morning Glory‘ (Prachtwinde, Anm. d. Red.) nach der Blume mit den herzförmigen Blättern. Die kobaltblauen Blüten schließen sich am Abend, dieses stille Geheimnis faszinierte mich als Kind sehr. In meinem Song ‚Blue Rose‘ kommt diese Blume als Metapher vor.“ Die Liebe zur ländlichen Scholle blieb tief verwurzelt, die Sängerin will nicht ohne Gartenarbeit sein. „Kein Balkon, ich muss in einen Garten hineingehen können, flanieren und riechen. Vor allem aber mag ich den Umgang mit Erde und meinem Essen beim Wachsen zuzusehen. Meine Familie hatte schon immer eine spezielle Verbindung zur Natur, ihren Früchten, und teilte diese Geschenke mit anderen.“ Wenn sie sich mit einem schönen Tier vergleichen müsse? Lizz Wright lacht, weiß aber spontan: „Natürlich, der Great Blue Heron (Blau-Reiher, Anm. d. Red.)! Dieser Wasservogel jagt allein, die Tiere treffen sich zur Fortpflanzung, sorgen aber gemeinsam für die Brut. Seine Eleganz ist wirklich einzigartig. Allerdings sehe ich ihn als Lieblingstier und nicht als Pendant, denn der einzige Ort, wo ich allein jage, ist der Supermarkt.“

When Love Comes To Town

Wir sprechen über den Tod von B. B. King. Die Blues-Legende, die Generationen von Musikern beeinflusste, starb im Mai mit fast 90 Jahren. Auch er begann wie Lizz Wright als Kind und Jugendlicher mit Gospelmusik. Unvergessen sein gemeinsamer Song mit der Band U2, „When Love Comes to Town“, den er 1988 einspielte. „Ich kenne sein Werk natürlich sehr gut, habe ihn aber leider nie persönlich getroffen“, bedauert die Sängerin und macht ihm ein schönes Kompliment, „was ich immer an ihm bewundert habe, war seine unausgesprochene Liebe für das Publikum, das spürte man einfach.“ Und noch eines wird ihr in Erinnerung bleiben: „Er hat sich seinem Publikum nie angebiedert, er wurde einfach geliebt.“ Für einen Moment kommt eine traurige Stimmung auf, getragen und ruhig wie ein schleppender 6/8-Southern-Soul-Gospel-Takt in der Mittagshitze. Anders als B. B. King und ihre weiblichen Vorbilder Nina Simone und Abbey Lincoln musste Lizz Wright mit ihrer Musik nicht mehr den schweren Weg gehen, der durch weißen Rassismus geprägt war. Ihre Lieder sind keine Protestgesten, sie erzählt darin vielmehr universelle Geschichten von Liebe, Scheitern und Hoffnung.

Billie forever

„Ich hörte alle ihre Lieder, damals jobbte ich noch in New Jersey in einem Café. Ich studierte sie, was nicht einfach war, denn man spürt ihre Traurigkeit so stark.“ Lizz Wright spricht von Billie Holiday. Im April hätte die Sängerin aus dem Olymp des Jazz ihren 100. Geburtstag gefeiert. Musik müsse nicht autobiografisch sein, sagt die Jüngere: „Kein Tagebuch, die Balance ist wichtig. Dennoch erlebe ich meine Gefühle wie eine Mine, woraus ich für meine Songs schöpfen kann. Ich fühle mich gesegnet, Musik machen zu dürfen.“ Mit Blick auf die Skyline verrät sie noch ihr Entspannungsritual. „Kurz vor dem Auftritt höre ich moderne Gospels, mit schönen Botschaften, aber nichts Hochemotionales wie ‚Amazing Grace‘ – sonst müsste ich weinen.“