Zugegeben, im „Datterich“, jener Darmstädter Lokalposse von 1841, geht’s um Suff und Schulden. Auch zur deutschen Politik fand Autor Ernst Elias Niebergall saftige Statements. Gestern bekam das Bühnenstück bei seiner Neu-Inszenierung am Staatstheater Darmstadt ungeplanten Revoluzzer-Besuch, Demonstranten zwangen zur Unterbrechung der Gala-Aufführung. Dabei hatte sich Springer-Chef Mathias Döpfner, der in seiner Gast-Rolle als Bennelbächer brillierte, die Premiere ganz anders vorgestellt. Wir trafen ihn nämlich backstage kurz vor der Premiere.

Vorspiel

Dr. Mathias Döpfner als Bennelbächer
Dr. Mathias Döpfner als Bennelbächer

Der Backenbart steht ihm gut. Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner verwandelte sich am Mittwoch für die Gala-Vorstellung der biedermeierlichen Lokalposse „Datterich“ in den Spieler und cholerischen Familienvater Bennelbächer. Und das erstaunlich professionell. Eine Paraderolle für den Zweimeter-Mann aus Potsdam, der in Offenbach aufwuchs und noch gut die hessische Mundart beherrscht. Kurz bevor der Premierenvorhang im ausverkauften Saal aufging, trafen wir ihn in der Maske, wo man den Medienunternehmer binnen Minuten in einen Biedermann verwandelte. Gehrock und der hohe Zylinderhut kamen aus dem Theaterfundus, nur Frackhemd und Hose hatte Döpfner lieber aus dem eigenen Kleiderschrank geholt. Mit dem heißen Lockenstab ging es an den Feinschliff. „Ich habe großes Lampenfieber“, gestand Döpfner. Er konnte nur wenige Male proben und wünschte sich ein Toi-Toi-Toi über die Schulter gespuckt. Im Publikum wusste er seine Frau, „meine Kinder haben leider keine Zeit.“

Sichtlich nervös auch die anderen prominenten Darsteller, die sich backstage drängten. Unten ihnen der Focus-Herausgeber Helmut Markwort, der mit dem nach Weltnachrichten süchtigen Dummbach seine Glanzrolle gefunden hat. Er war es auch, der Döpfners Bühnentalent bei einer Jubiläums-Revue des Springer-Verlags „entdeckte“ und ihn für den Auftritt in Darmstadt gewinnen konnte. Dass Prominente aus Kultur, Politik und Sport beim „Datterich“ mitspielen, hat Tradition in der Heinerstadt.

Hauptakt

Bei Laiendarstellern darf es auch mal kräftig holpern, das Publikum verzeiht. Nur mit dem früheren Wirtschaftsweisen Bert Rürup und Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch hatte die Souffleuse keine Arbeit, ihre Rollen – zwei Polizeidiener – sind praktisch stumm. Im zweiten Teil des Stücks drangen plötzlich Demonstranten ins Große Haus ein und zwangen die Darsteller lautstark zum Abbruch. Oh Backe! Ein kurzer Schockmoment. Bei den Demonstranten handelte es sich nach Auskunft des „Darmstädter Echo“ um Darsteller des „Schulden“-Theaterprojekts, das vom Staatstheater derzeit im Zelt vor der Centralstation aufgeführt wird. Auch Ensemblemitglieder des Staatstheaters sollen unter den Eindringlichen gewesen sein. Ihr Ziel? Nicht ganz klar. „Gläubiger hätten nicht das Recht, Schuldner zu spielen“, riefen die Demonstranten unter anderem. Eliten kokettierten hier mit der Armut in Gestalt des Säufers Datterich, lautete der Vorwurf. Einige trugen – um auf die Griechenland-Krise hinzuweisen – antikisierende Gewänder und goldene Lorbeerkränze. Im Fokus ihres Protestes: Mathias Döpfner. Geplant war das alles freilich nicht.

Epilog

„Das war nicht von Niebergall“, kommentierte Helmut Markwort den Zwischenfall. Der Medienmann hatte die Liebhaberaufführung zum Datterich-Festival organisiert. Recht hat er, aber Niebergall hielt mit seiner Meinung ebenfalls nicht hinterm Berg, wenn auch zurückhaltender als sein Gießener Revoluzzer-Studienkollege Georg Büchner, auch dieser ein Darmstädter Bub. Nach etwa zehn Minuten ging die Vorstellung weiter, die Protestler ließen sich rausbitten. Ob es jetzt Abmahnungen für sie hagelt, ist noch offen.

Für die Promis, die souverän weiterspielten, war es ein einmaliger Auftritt. Sie geben nun das Staffelholz an Profis. Deren Vorstellungen am Staatstheater Darmstadt sind schon bis Oktober ausverkauft. Kein Wunder, der Geniestreich „Datterich“ ist Darmstadts Heiligtum, viele Alt-Heiner können sogar den Text mitsprechen.