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Hoffnung, zur Miete

Kommentar

Frankfurt hat sein Millionen-Kunstwerk eingeweiht. Über den Preis, das Verfahren und die Verträge schweigt die Stadt bis heute.

Um 21.09 Uhr betritt Mike Josef die Bühne. Das Netz glüht in langsamen Farbverläufen, dazu spielt die Musik des Frankfurter Komponisten Parviz Mir-Ali, das Publikum sitzt auf Bänken, Sitzsäcken und Liegestühlen. Die hat die Stadt für den Abend gemietet. So wie das Kunstwerk.

„Ab heute verändert sich der Himmel über der Konstablerwache“, sagt der Oberbürgermeister. Der Satz stimmt. Er verschweigt nur, wie lange und zu welchem Preis.

2,3 Millionen Euro kostet „A Sky Full of Hope“. Drei Jahre soll die Skulptur über dem Platz schweben – von November bis Februar allerdings nicht. Dann nimmt die Stadt sie ab, damit kein Eis auf den Markt fällt. Bleiben 24 sichtbare Monate – macht rund 96.000 Euro pro Monat. Danach gehört ihr das Werk nicht. Sie hat es gemietet und hält ein Vorkaufsrecht. Die vier Stahlpylonen bleiben stehen und lassen sich weiternutzen. Ob in der Summe auch das neue Pflaster und die verkehrssichernde Beleuchtung stecken, auf die Kulturdezernentin Ina Hartwig am Dienstag verwies, sagt niemand. Dass sich diese Frage nicht beantworten lässt, ist bereits eine Antwort.

Wer darin einen Angriff auf Kunst im öffentlichen Raum liest, liest falsch. Frankfurt braucht Kunst auf seinen Plätzen, und die Konstablerwache braucht sie dringender als jeder andere Platz der Stadt. Die Frage lautet nicht, ob. Sie lautet: wie. Und die Antwort ernüchtert: Frankfurt hat sich ein Kunstwerk geleistet und das Verfahren dazu gespart.

Ein Verfahren gab es nicht. Keine Ausschreibung, kein Wettbewerb, keine Debatte. Das Kulturdezernat beruft sich auf die Einzigartigkeit des Werks: Nur Janet Echelman sei infrage gekommen, und Echelman habe auf der ausführenden Agentur bestanden. Diese Einzigartigkeit hat die Stadt selbst hergestellt. Wer eine einzige Künstlerin fragt, erhält genau ein Angebot. Alternativlos ist dann das Ergebnis, nicht die Ausgangslage.

Juristisch klingt das so: Der Frankfurter Vergaberechtler Jonas Kollewe hält die Direktvergabe für nicht gedeckt. Auch für Kunst gelte das Vergaberecht, ab 216.000 Euro, spätestens ab 750.000 Euro europaweit. Die Ausnahme für einzigartige Werke sei eng auszulegen. Einen Platz kunstvoll zu beleuchten, beherrschten viele.

Wer eine einzige Künstlerin fragt, erhält genau ein Angebot.

Wie viel von den 2,3 Millionen als Miete zur Künstlerin fließt und wie viel an die Frankfurter Agentur „Atelier Markgraph“, verrät die Stadt nicht: Geschäftsgeheimnis. Bei privatem Geld überzeugt dieses Argument. Bei Steuergeld wiegt es leicht. Hamburg wollte den Vertrag nach einem Rolling-Stones-Konzert auch nicht zeigen – und veröffentlichte ihn am Ende doch.

Bleibt das Wort, mit dem die Stadt die Ausgabe rechtfertigt: übrig. Kulturdezernentin Hartwig sagt, das Geld sei im Stadtmarketing übrig gewesen, gespart werde deshalb nirgends. Am Dienstag legte sie nach: Die Mittel wären sonst verfallen und hätten nicht für anderes ausgegeben werden können. Das Finanzdezernat hatte zuvor das Gegenteil erklärt. Nicht verbrauchte Mittel verschwinden nicht, sie werden neu verplant. Zwei Auskünfte aus einem Rathaus, binnen weniger Tage, und nur eine kann stimmen. Einen Beschluss des Stadtparlaments über diese Skulptur gibt es ohnehin nicht. Nur eine Zeile im Nachtragshaushalt 2025: „Innenstadtilluminierung anlässlich World Design Capital 2026″. Ohne Erläuterung, ohne Aussprache. 2,3 Millionen Euro passen in eine Zeile.

Kulturdezernentin Ina Hartwig und Künstlerin Janet Echelman stehen nebeneinander im Freien und blicken in die Kamera
Kulturdezernentin Ina Hartwig (links) und die Künstlerin Janet Echelman bei der Pressekonferenz zur Eröffnung. (Foto: Stadt Frankfurt am Main / Holger Menzel)

Dann die Versprechen. Das Netz soll den Platz aufwerten, beleben, befrieden, Frankfurt international strahlen lassen und die Botschaft „Design for Democracy“ sichtbar machen. Das ist zu viel verlangt für ein Netz. Kein Platz wird dadurch sicher, dass etwas Schönes über ihm hängt. Eine Anwohnerin sagte es am Eröffnungsabend nüchterner als jedes Gutachten: Sie hoffe, die Banditen verschwänden, bislang lachten die Dealer nur darüber. Der Stadthistoriker Christian Setzepfandt formuliert es vorsichtiger: Einen Strukturwandel schaffe ein Kunstwerk nicht, dafür brauche es Städtebau und Ordnungspolitik. Je größer das Versprechen, desto härter die Prüfung. Immerhin: Die Frankfurt UAS untersucht in einem zweijährigen Lehrforschungsprojekt, was das Werk mit dem Platz macht. Dann sollte die Stadt die Ergebnisse auch veröffentlichen, wenn sie ihr nicht gefallen.

Hartwig sagt, die Heftigkeit der Kritik habe sie überrascht. Josef nennt sie „strukturelles Schlechtreden“ und unterstellt einigen Kritikern ein Geschäftsmodell. Beides verkennt den Anlass. Wer Millionen ohne Wettbewerb vergibt, die Aufteilung verschweigt und das Stadtparlament übergeht, erzeugt genau die Empörung, über die er sich hinterher wundert. Der Unmut gilt weniger dem Netz als der Reihenfolge. Eine Demokratie streitet vor der Entscheidung, nicht danach. Wer die Bürger vor vollendete Tatsachen stellt, bekommt keinen Diskurs mehr, sondern nur noch ein Urteil. Und in einer Stadt, in der Menschen um bezahlbare Mieten und sanierte Schulen kämpfen, fällt dieses Urteil härter aus – nicht weil Kunst unwichtig wäre, sondern weil Vertrauen keine Position im Nachtragshaushalt ist.

Eine Demokratie streitet vor der Entscheidung, nicht danach.

Josef hat auf der Bühne selbst gesagt, Kritik gehöre zur Demokratie und mache die Stadt besser. Wer das ernst meint, holt sie sich vorher. Bezeichnend war, wofür es an diesem Abend den lautesten Jubel gab: nicht für das Kunstwerk, sondern für den Landwirt Thomas Wolff vom Erzeugermarkt. Wenn alle Baustellen der Stadt so pünktlich fertig würden wie diese, sagte er, dann habe er einen Himmel voller Hoffnungen.

Zwei Dinge sind jetzt fällig. Die Stadt legt die Verträge offen, freiwillig und vollständig. Und beim nächsten Werk fragt sie zuerst, dann baut sie. Hartwig nennt das Ganze inzwischen ein „Experiment mit offenem Ausgang“. Ein Experiment für 2,3 Millionen Euro, dessen Vertrag niemand sehen darf.

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