Frankfurt hat alles, was eine Marke braucht. Nur weiß das außerhalb kaum jemand. Bei der Automechanika stellte sich Frankfurts neuer Wirtschaftsdezernent der Frage, warum das so ist – und setzte sich selbst eine Frist.
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Auf der LED-Wand hinter der Bühne bricht ein weißer Sportwagen aus einer roten Rauchwolke. Daneben leuchtet die Skyline bei Nacht, darüber steht ein Wort in fetten Versalien: AMBITION.
Ein Wort. Genau das ist der Punkt.
Violettes Licht, tiefe Sessel, rund hundert Gäste in der Festhalle, hinten stellen Kellner die Gläser bereit. Fünf Tage lang setzt Frankfurt eine Weltbranche in Szene, makellos ausgeleuchtet. Für sich selbst fehlt der Stadt jeder treffende Satz.
Der Abend gehört zu „AMBITION4Frankfurt“, mit dem Messe und Marketing Club die Automechanika für die Region öffnen; es ist der dritte einer Reihe über die „Marke Frankfurt“. Auf dem Podium sitzen Bürgermeister und Wirtschaftsdezernent Dr. Nils Kößler, AvD-Präsident Lutz Leif Linden, Pirelli-Deutschlandchef Wolfgang Meier, Ex-Formel-1-Pilot Christian Danner und Club-Beirätin Patricia Borna. Zu klären ist nur eine Kleinigkeit: Wofür steht diese Stadt?

Was der Stadt fehlt, lässt sich in Geld ausdrücken. Borna rechnet vor, dass Studien zufolge bis zu 60 Prozent des Unternehmenswerts in der Marke stecken, einem Posten also, den man nicht anfassen kann. Wer Markenbildung für bloße Kosmetik hält, hat das Prinzip nicht verstanden.
Für Städte gelte dasselbe, sagt Borna. Doch hier erzähle jeder seine eigene Geschichte – und blicke zu kurz. „Niemand spricht international über den Odenwald, niemand über Offenbach.“ Ihr Appell klingt leicht genervt: aufhören, sich gegenseitig die Unternehmen abzujagen, das gemeinsame Wir voranstellen. Und bloß keine unendlichen Diskussionsschleifen. Eine Abkürzung gebe es nicht. „Eine Marke kann ich zu Hause am Computer malen“, sagt sie. „Gut wird sie davon nicht.“
An Substanz mangelt es nicht. Messechef Detlef Braun eröffnete den Abend mit einer Ermahnung: „Wir werden in Deutschland momentan nicht mit guten Nachrichten überhäuft. Aber es gibt sie. Und wenn es sie gibt, sollte man sie auch kommunizieren.“ Sein Beleg folgt auf dem Fuß: Von Frankfurt aus werde mit der Automechanika die größte und wertvollste B2B-Messemarke der Welt geführt, über sämtliche Industrien hinweg. Fünf Prozent Wachstum, während in Europa fast niemand wächst.
Linden listet die bekannten Stärken auf: Finanzplatz, Flughafen, Rechenzentren. „Wir sind hier der Internetknoten der Welt. Der ist nicht in Palo Alto.“ Dann nennt er, was kaum jemand auf dem Zettel hat: über 20 Automobilmarken in der Region, dazu Zulieferer, Reifenhersteller und die Ingenieure, die für sie entwickeln. „So etwas wie ein Automotive Valley. Ich glaube, das ist etwas, was viele Leute vergessen.“ Und Meier kommt aus genau dem Odenwald, über den laut Borna niemand spricht. Für sich hat er das Problem längst gelöst: „Ich habe nie gesagt, ich komme aus dem Odenwald. Ich habe immer gesagt: Ich habe eine Fabrik vor den Toren von Frankfurt. Da weiß jeder, wo das ist.“
Der Mann, der die Marke Frankfurt politisch verantworten soll, sitzt daneben. Kößler ist seit zwei Wochen im Amt, die Runde hier einer seiner ersten öffentlichen Auftritte. Er ordnet ein: „Neben dem Finanzplatz, der für Frankfurt prägend ist und uns zur Nummer eins in Deutschland macht, freue ich mich, wenn auch andere Industriezweige zu einem Markenzeichen unserer Stadt werden.“
Genug Stoff für eine Geschichte. Nur erzählt sie noch niemand am Stück.
Was eine Marke beschädigt
Den ungemütlichen Teil eröffnet ausgerechnet der Politiker. Eine Marke, sagt er, habe positive Komponenten. Und negative. „Das Bahnhofsviertel ist kein Sympathieträger.“ Und es präge das Bild im Ausland. Ob dieses Bild der Realität standhalte, sei zweitrangig. Es setze sich fest. Sicherheit, Sauberkeit, Verkehrschaos, schleppender Schul- und Wohnungsbau – eine Hausaufgaben-Liste, die er aus der Kommunalwahl mitbekommen hat. „Ist der Ruf erst ruiniert, dauert es ziemlich lange, bis man ihn repariert hat. Selbst dann, wenn er längst nicht mehr berechtigt ist.“
Dazu kommt die wirtschaftliche Trägheit. Wie der Standort Frankfurt/Deutschland im globalen Wettbewerb dasteht, hatte Linden zuvor an einem Beispiel gezeigt: „Sie bauen in China in 18 Monaten ein Werk mit einem Output von 300.000 Fahrzeugen. Da habe ich hier vielleicht gerade die Bauvoranfrage durch.“
Am Ende ergreift ein Frankfurter Immobilienentwickler aus dem Publikum das Wort und spricht Kößler direkt an. Früher habe Frankfurt selbstbewusst als „kleinste Metropole der Welt“ geworben. In den letzten zehn Jahren fehle es an einer politischen Führung, die die Stadt mutig positioniere. „Das ist nach Petra Roth, ich will nicht sagen provinziell geworden. Aber auf dem Weg dorthin.“
Widerspruch gegen diese Aussage regt sich nicht.
„Wir werden jetzt“
Kößler hat seine Antwort zu diesem Zeitpunkt allerdings längst gegeben. Auf die Frage nach Frankfurts größtem Vorzug nennt er weder Flughafen noch Skyline, sondern die Dichte an Kapital, Spitzenforschung und Industrie, die sich auf engstem Raum begegnen. Die Stadt der kurzen Wege. Im internationalen Vergleich sei das Frankfurts echtes Alleinstellungsmerkmal. „Ich wünsche mir, dass dieses Element auch Teil unserer Marke wird, die wir bauen.“

Verbrieft ist das Vorhaben inzwischen. Der Markenbildungsprozess findet sich im Frankfurter Koalitionsvertrag, Kapitel Wirtschaft und Digitalisierung: dezernatsübergreifend, mit externer Unterstützung, für mehr Sichtbarkeit und Wiedererkennungswert. Eine übergeordnete Stadtidentität. Kößler betont, es sei eine Veränderung gegenüber der Vergangenheit, Wirtschaft und Innovation an die Rolle des Bürgermeisters anzubinden. „Uns ist das Thema in der politischen Agenda so wichtig, dass wir es nach oben setzen.“ Zuletzt lag das Ressort bei einem der kleinen Koalitionspartner.
„Ich bin zuversichtlich, dass wir in drei Monaten Ergebnisse haben.“ – Wirtschaftsdezernent Dr. Nils Kößler
Papier ist geduldig. Abseits der Bühne, nach der Diskussion, wird Kößler deutlicher. Was es praktisch bedeute, dass das Thema bei ihm und Oberbürgermeister Mike Josef ganz oben steht, beantwortet er ohne Zögern. Er wisse aus seiner Oppositionszeit, wie Initiativen im Sande verlaufen. „Ich kenne das. Immer nur: Wir müssen mal, wir müssen mal.“ Dann setzt er nach: „Wir werden jetzt.“
Sein Zeitplan steht: „Ich bin zuversichtlich, dass wir in drei Monaten Ergebnisse haben.“ In einem Jahr will er etwas Handfestes vorlegen. Als Vorbilder hatte er auf dem Podium andere deutsche Städte genannt, die ihre Identität auf eine griffige Formel brachten. Oder auf ein einziges Wort.
Ein Wort also. Nur ist das Wort das Ergebnis, nicht die Aufgabe. Die Aufgabe heißt: sich darauf einigen, was diese Stadt eigentlich ist. Bis Dezember.
