Sein Name ist derzeit in aller Munde. Gerade hat Alon Meyer als Vereinspräsident den neuen Makkabi-Campus gegenüber der Deutschen Bundesbank eröffnet. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein überreichte ihm zudem das Bundesverdienstkreuz. Und die Bundesfamilienministerin Karin Prien ließ sich kürzlich das neue Gelände und sein Programm gegen Antisemitismus zeigen. Doch die große öffentliche Wahrnehmung hat für den Präsidenten von Makkabi Deutschland immer zwei Seiten.
Inhalt
Wenn Alon Meyer über den neuen Makkabi-Campus läuft, kommt er kaum voran. Hier wird ihm die Hand gedrückt, dort fällt ihm jemand um den Hals. Mal feuert er die Kinder des Feriencamps an, mal dreht er schnell ein Video für seinen WhatsApp-Status. Oder er hebt ein Stück Papier auf, das auf dem Boden liegt, und wirft es in den Mülleimer.
Die Anlage ist sein Baby. Er kennt jeden Winkel, hat zu jedem Sportfeld eine Geschichte. Stolz zeigt er die große Turnhalle, die Kunstrasenplätze und die Fußballkäfige. Viel Herzblut steckt in der neuen Ausstattung und nur dank seiner Hartnäckigkeit konnte der Campus nach zehn Jahren endlich eröffnet werden. Doch so beeindruckend die Anlage ist, ohne die Menschen, die Meyer dort zusammenbringt, wäre sie nicht dieselbe.

TuS Makkabi Frankfurt ist ein Turn- und Sportverein, der jüdischen Menschen in der Stadt eine sportliche Heimat bieten möchte. Und er ist viel mehr. Seine Mitglieder sind heute zu 90 Prozent nichtjüdisch. Auf der Anlage trainieren mehr muslimische als jüdische Sportler. „5.500 Mitglieder, 87 Nationen, 12 Religionen, eine Familie“, lautet das etwas verkürzte und vom Wachstum schon überholte Vereinsmotto, das für eines der wohl wichtigsten Integrationsprojekte der Stadt steht.
„Im Fußball ist es unerheblich, ob die Flanke von jemandem mit weißer, schwarzer Haut oder mit nur einem Auge kommt. Jeder ist nur so gut wie sein Team.“
Alon Meyer und Makkabi: Im Verein aufgewachsen
Wie es in einer Familie üblich ist, vermittelt Meyer den Sportlern Werte wie Fairness, Respekt und Toleranz. Mehr noch, er lebt ihnen seine Begeisterung vor, die auch aus seiner Geschichte stammt. Denn er ist im Verein aufgewachsen. Seit frühester Jugend spielte er dort Fußball. Damals noch auf dem Platz am Dachsberg, der in den 1980er Jahren wegen des Baus der Autobahn A661 enteignet wurde. „Ich war nur zwei Jahre weg vom Verein und habe in der D-Jugend für die Eintracht gespielt“, erzählt er. Den Aufstieg in die C-Jugend habe er aber sportlich nicht geschafft. „Daher bin ich mit 12 Jahren zurückgekehrt, was nicht einfach war.“ Doch Makkabi war für ihn mehr als ein Verein, es war sein Zuhause.
Sein Vater Wolfgang war 1963 einer der Mitbegründer von Makkabi Deutschland und stellte zwei Jahre später auch den Frankfurter Verein mit auf die Beine. „Er war 1934 über Nacht aus Deutschland nach Tel Aviv geflohen. Einer seiner drei Brüder folgte ihm, die anderen haben den Holocaust nicht überlebt“, erzählt Meyer. Der Vater studierte Pharmazie, er konnte in Tel Aviv aber keinen Abschluss machen. So kehrte er 1956 zurück nach Frankfurt, war für die Hoechst AG tätig, widmete sich dem Fußball und schuf diesen besonderen Ort für jüdische Sportler.
„Die Idee, einen Safe Space zu errichten, stammt von ihm. Aber ich dachte, man kann noch viel mehr machen, indem man ihn öffnet“, erzählt Alon Meyer. Gerade der Sport sei eine gute Möglichkeit, Vorurteile abzubauen. „Im Fußball ist es unerheblich, ob die Flanke von jemandem mit weißer, schwarzer Haut oder mit nur einem Auge kommt. Jeder ist nur so gut wie sein Team.“
Leben in zwei Welten: Vom Trainer zum Verbandschef
Alon Meyer hat als Kind noch zwei getrennte Welten erlebt. Er ging zunächst auf die jüdische Grundschule in Frankfurt. Ab der dritten Klasse änderte sich das. Von da an pendelte er zwischen dem jüdischen Elternhaus mit seinem strengen Glauben und dem nichtjüdischen Leben außerhalb.
Im Verein konnte er schließlich beide Welten zusammenbringen. Schon mit 17 Jahren wurde er Trainer. Als 21-Jähriger bekam er erstmals einen Posten im Vorstand, seit 2007 ist der heute 52-Jährige Vereinspräsident. Darüber hinaus ist er Chef des Dachverbandes Makkabi Deutschland und Mitglied der Exekutive von Maccabi World Union. 2015 richtete er erstmalig in Deutschland das größte jüdische Sportfest Europas, die European Maccabi Games, in Berlin aus.
Zusammen1: Gegen Antisemitismus im Sport
Er engagiert sich außerdem als Gemeinderatsmitglied in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und macht sich weit über den Sport hinaus gegen Antisemitismus, Diskriminierung und für demokratische Werte stark. 2020 rief er gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland das vom Bundesfamilienministerium geförderte Programm „Zusammen1“ ins Leben. Es ist ein Präventionsprogramm, das in den Sportvereinen Antisemitismus sichtbar machen und bekämpfen will. Sie hätten damit schon nachhaltige Verbesserungen erreicht, sagt er stolz.
Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für Alon Meyer

„Ich hatte viel Glück im Leben, konnte studieren, habe Familie“, stellt Alon Meyer fest, der beruflich im Immobilienbereich selbstständig tätig ist. Sein Vater habe ihm vorgelebt, dass man die Pflicht habe, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, begründet er sein vielfältiges Engagement. Dafür erhielt er im Juni das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein lobte ihn bei der Überreichung als unermüdlichen Kämpfer für Toleranz und Zusammenhalt und für eine starke Demokratie.

Die Auszeichnung sei für ihn ein Motivationsschub, bestätigt Meyer, nutzt sie aber auch sofort als Mahnung: Eine starke Demokratie lebt nach seiner Ansicht davon, dass Menschen in der Gesellschaft zumindest für eine gewisse Zeit mehr geben, als sie vom Staat nehmen. „Viele denken heute, sie ist eine Selbstverständlichkeit, doch das ist ein Irrglaube.“
„Das Verdienstkreuz wird mir nicht helfen, wenn die Falschen an die Macht kommen.“
Mut und Angst nach dem 7. Oktober
Mit der Auszeichnung würdigt die Bundesrepublik gleichzeitig seinen Mut. Denn im Gegensatz zu vielen anderen ist er bereit, für seine Überzeugungen in der Öffentlichkeit zu stehen, auch noch nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. „Es gibt ganz viele, die Angst haben. Ich habe für mich beschlossen, diese Angst zu überwinden“, stellt er fest, räumt aber auch ein, dass das bei seiner Familie nicht so sei. „Meine Frau hat nach dem 7. Oktober unser Klingelschild abgeschraubt.“ Auch er laufe in manchen Stadtteilen nicht mit der Kippa herum. Dass er aber nur noch mit Sicherheitsleuten unterwegs wäre, kommt für ihn nicht infrage. „Wenn ich die brauche, höre ich sofort auf.“

Ganz spurlos geht der wachsende Antisemitismus in unserer Gesellschaft dennoch an ihm nicht vorbei. „Ich baue mir eine Exitstrategie“, gibt er zu, auch wenn es für ihn niederschmetternd sei. Er habe sich nach langem Überlegen eine Wohnung in Israel gekauft. Ausschlaggebend war auch das Schicksal seiner beiden Onkel, Träger des Eisernen Kreuzes aus dem Ersten Weltkrieg, die die Gefährlichkeit des NS-Regimes damals nicht wahrhaben wollten und mit ihrem Leben bezahlten. Seine bittere Erkenntnis daraus: „Das Verdienstkreuz wird mir nicht helfen, wenn die Falschen an die Macht kommen.“
Teamplayer mit Zielen: Makkabi Frankfurt wächst weiter
Doch schnell findet er im Gespräch zu seinem Optimismus zurück. Es ist ihm wichtig, aus Frankfurt positive jüdische Signale in die Welt zu senden und so viel wie möglich gegen Antisemitismus zu bewirken. So soll das Projekt „Zusammen1“ weiter wachsen. Mit dem TuS Makkabi Frankfurt hat er ebenfalls noch viel vor. „Wir sind jetzt 6.000 Mitglieder. Die 10.000 haben wir in drei Jahren erreicht“, sagt er und läuft weiter über den Campus. Das alles sei ohne sein tolles Team aus mehr als 20 hauptamtlichen Mitarbeitern und vielen Ehrenamtlichen nicht machbar, ergänzt er und weist mit einer ausladenden Armbewegung auf die neue Anlage.
Ab und zu hilft er dort sogar noch selbst als Fußballer bei der 2. Mannschaft aus und hat natürlich auch beim Eröffnungsspiel auf dem Platz gestanden. Die begeisterten Kinder auf dem Fußballfeld, die Eltern, die Trainer sind es, die ihn anspornen. „Wir motivieren uns gegenseitig, jeden Tag weiterzumachen.“
