HomePanoramaFabian Freytag: „Ich mag keine Regeln!“

Fabian Freytag: „Ich mag keine Regeln!“

Er gilt als einer der besten Interior Designer des Landes und einer der wichtigsten kreativen Köpfe der Innenarchitektur: Fabian Freytag, der neben seinem Architekturstudium an der Universität der Künste Berlin Filmkulissen gestaltet hat. Anfang des Jahres hat der Shootingstar sein erstes Projekt in Frankfurt realisiert und lässt sich dabei vom Einrichtungstrend Cluttercore inspirieren. Von Robin Müller

Im 11. Stock des HPQ Living, dem architektonischen Meisterwerk von Hadi Teherani im Hafenpark-Quartier, hat der Wahl-Berliner ein Show-Apartment gestaltet, das Luxus, Kunst und Funktionalität auf 120 Quadratmetern vereint und das einen atemberaubenden Blick auf die Frankfurter Skyline bietet. Diese Skyline war es, die den gefeierten Innenarchitekten bei den Ideen für das Interior maßgeblich inspiriert hat: „Ich seh‘ so was ja nicht jeden Tag, und es flasht mich immer wieder aufs Neue“, sagte er mit bewunderndem Blick auf Downtown Frankfurt, im Vordergrund ragt majestätisch die EZB in den Himmel: „Warum schafft es keine andere Stadt in Deutschland, Hochhäuser zu bauen? Hochhäuser sind absolut zeitgemäß, so müsste Bauen eigentlich sein“, seufzte er anerkennend.

Diesem fantastischen, ungewohnten Ausblick habe er mit seinem Designkonzept etwas „Gewohntes“ entgegensetzen wollen. Entstanden ist ein luxuriöses Zusammenspiel von Vintagestücken, Kunstwerken und Einbau-Elementen. Nur selten greift Fabian Freytag auf namhafte Designer zurück, sondern durchstöbert Online-Plattformen wie 1stDibs oder eBay-Kleinanzeigen nach alten Vintage-Schätzen.

„Alles, was in diesem Apartment an Möbeln steht, haben wir online Vintage gekauft. Hier ist nichts von der Stange.“ – Fabian Freytag

Eine Kellerbar im 11. Stock

Die stilvolle „Bar Fourage“ aus Nussbaumholz etwa, an der man einen Drink mit Skyline-Blick genießen kann, ist ein Kellerfund aus Spandau. Er hat sie als eigene Edition nachbauen lassen, die auf der Mailänder Möbelmesse Salone del Mobile letztes Jahr preisgekrönt wurde. „Alles, was in diesem Apartment an Möbeln steht, haben wir online Vintage gekauft. Hier ist nichts von der Stange“, erklärt er nicht ohne Stolz. Kaum zu glauben: Den dekorativen Keramik-Tukan auf der verschnörkelten Holzsäule im Wohnzimmer hat Freytag über eBay-Kleinanzeigen aus einem Offenbacher Altenheim gerettet.

Bar mit Weitblick: Der Blick auf die Frankfurter Skyline macht mit und ohne Drink große Freunde (Foto: Top Magazin Frankfurt)
Bar mit Weitblick: Der Blick auf die Frankfurter Skyline macht mit und ohne Drink große Freunde (Foto: Top Magazin Frankfurt)

Wie alle seine Wohnideen ist auch dieses Show-Apartment ein Unikat und stark vom Einrichtungstrend Cluttercore inspiriert. Der Trend setzt bewusst auf charmante Überladenheit, persönliche Note und kunstvolles Arrangieren von Gegenständen. Freytags Vorliebe für Kontraste bemerkt man sofort beim Eintreten: Der sonnengelben, offenen Küche mitten im großzügigen Wohnzimmer setzt er eine schwarze Küchenzeile mit einer Insel aus „Cherry Red“-Marmor entgegen. Bei der Wahl der Farben habe er sich vom Ausblick inspirieren lassen: Gelb-Gold für die Sonne, die sich in den Wolkenkratzern spiegelt. Blau für den Main, Grün für die Wälder des Taunus.

Schon der Eingangsbereich strahlt, wie jede Ecke dieses Wohntraums, eine einzigartige Grandezza aus: Schwarze Wände changieren mit weißen Mustern und goldenem Metall, die raumhohen Einbauschränke könnten glatt als Kunstinstallation durchgehen. Die beiden Badezimmer wirken mit ihren glasierten Fliesen in Blau-Weiß und Armaturen und Möbeln in Gold-Optik wie elegante, private Badehäuser.

Restaurantrechnungen als Kunst

Unikate sind auch die sogenannten Megabills an den Wänden: Restaurantrechnungen in XXL, die dem Wohnzimmer ein modernes Dolce Vita einhauchen. Für diese überdimensionalen Kunstwerke fotografiert er nach einem geselligen Abend mit Freunden oder Geschäftspartnern die Belege, vergrößert sie und steckt sie in stilvolle Rahmen: So wird aus ganz persönlichen Erinnerungen eine einmalige Wanddekoration. Wer einen Fabian Freytag Megabill haben möchte, müsse ihn nur zum Essen einladen, lächelt er: „Wir müssen aber extravagante und coole Gerichte auswählen, damit die Rechnung am Ende auch kultig aussieht.“

„Ich finde, man muss die Regeln erst mal vernachlässigen, wenn etwas Neues entstehen soll. Also ruhig auch mal aus dem Bauch heraus entscheiden.“ – Fabian Freytag

Das Designtalent wurde Fabian Freytag in die Wiege gelegt – seine Eltern betrieben in Hamburg ein Architekturbüro. Bereits im Grundschulalter half er im Büro und besuchte mit seinem Vater Baustellen. Zu Hause in Hamburg richtete er sich auf dem Dachboden ein kleines Atelier ein, wo er Holzskulpturen, Acrylbilder und erste Materialexperimente kreierte. Nach der Schulzeit zog es ihn zum Architekturstudium nach Berlin. Zu den Lehrplänen hat er ein eher ambivalentes Verhältnis: „Studierende werden an den Unis auch verkorkst, weil immer gesagt wird: Du musst dich an Regeln halten“, ereifert er sich. „Ich finde, man muss die Regeln erst mal vernachlässigen, wenn etwas Neues entstehen soll. Also ruhig auch mal aus dem Bauch heraus entscheiden.“

Die lose Möblierung ist Vintage und größtenteils von Händlern aus der Region. Ein Liebslingsstück ist der Esstisch aus Granit. Über dem postmodernen Sideboard hängen zwei gerahmte Megabills von Fabian Freytag aus der Mailand-Edition. (Foto: Kozy Studio)
Die lose Möblierung ist Vintage und größtenteils von Händlern aus der Region. Ein Liebslingsstück ist der Esstisch aus Granit. Über dem postmodernen Sideboard hängen zwei gerahmte Megabills von Fabian Freytag aus der Mailand-Edition. (Foto: Kozy Studio)

Die Realisierung seiner Einrichtungs-Visionen ist das beste Beispiel dafür, dass gerade mit dem Bruch von Regeln Großartiges entstehen kann. Lachend fügt er hinzu: „Ich bin ein Kaiserschnitt-Kind und war im Waldorf-Kindergarten – ich mag keine Regeln.“

Fabian Freytag überzeugte sogar Anna Wintour

Dass Fabian Freytag gerne Regeln bricht, sorgte letztes Jahr auch in der amerikanischen Architektur-Szene für Aufregung. Als er ein Cover für das renommierte Fachmagazin Architectural Digest (AD) entwerfen sollte, tat er das mithilfe des KI-Tools Midjourney. Freytag hatte für den Titel seinen imaginären „Portofino Pavillon“ kreiert: Einen messingfarben bedampften Glaskubus, der an einem steilen Felsen übers Meer ragt. Kein reelles Foto, sondern ein mit Absicht künstlich generiertes – die Verlagsleitung war not amused.

Stil-Ikone Anna Wintour, Vogue-Chefin und Chief Content Officer beim AD-Verlag Condé Nast, meldete sich zu Wort: „Sie meinte, es sei noch niemals etwas Artifizielles auf einem Cover gewesen, und man wolle doch bitteschön erst gar nicht damit anfangen“, erinnert er sich.

Den Portofino Pavillon hat Fabian Freytag mit dem Programm Midjourney entworfen (Foto: Kozy Studio)
Den Portofino Pavillon hat Fabian Freytag mit dem Programm Midjourney entworfen (Foto: Kozy Studio)

Letztendlich überzeugte jedoch die künstlerische Ästhetik des Entwurfs auch die schärfste Stilkritikerin der Welt. Das ungewöhnliche Cover wurde gedruckt – und ein Mega-Erfolg für Fabian Freytag.

KI als Elefant

Anders als viele Skeptiker ist Freytag von den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz begeistert: „Als es mit KI losging, war bei mir Rambazamba. Ich hatte absolut Schmetterlinge im Bauch. Die neu entstandene Ästhetik und den Dialog mit dem Programm finde ich unfassbar interessant.“

„Wir werden neue Berufe erfinden müssen, die unweigerlich durch die neue Technik entstehen werden.“ – Fabian Freytag

Auf die Frage, ob die KI mehr Segen als Fluch sei, antwortet er mit einem anschaulichen Vergleich: „Der Elefant ist jetzt im Raum. Wir müssen ihn begrüßen und sagen, mach dies und das, setz dich aber bitte nicht aufs Sofa, das ist nicht für Elefanten gemacht.“ In Zukunft werde es darum gehen, dass bestimmte Tätigkeiten, die bisher vom Menschen gemacht wurden, in Teilen abgelöst werden. „Wir werden neue Berufe erfinden müssen, die unweigerlich durch die neue Technik entstehen werden.“

Auch für seine eigene Zukunft hat der Interior Designer konkrete Pläne: „Ich habe mir immer gewünscht, mal ein Hotelprojekt zu machen. Das ist eine ganz besondere Herausforderung, der ich mich gerne stellen würde.“

Die Chancen dafür stehen gut, dass es bald so weit ist: An Angeboten, Hotel-Interiors zu kreieren, mangelt es Fabian Freytag nicht, doch er lässt sich noch etwas Zeit: „Für mich sind Hotels die Königsdisziplin. Man muss sich vorstellen, dass alle Veränderungen im privaten Wohnen immer aus der Hotellerie kommen. In einem Hotel muss alles von der Lobby bis zum Zimmer stimmig sein, alles muss irgendwie zusammenwachsen, exakt durchdacht sein. Jeder noch so kleine Fehler wird entdeckt – das reizt mich ungemein.“ So ganz ohne Regeln geht es dann auch bei Fabian Freytag nicht.

Einrichtungstipps und Wohninspirationen von Fabian Freytag

Das Wohnzimmer mit roher Betondecke lebt von den Kontrasten. Beton und Farbe, Muster und Texturen. Vor allem hat der Raum durch den Einbauschrank gewonnen, der wie gestapelte Geschenkkartons Schuhe, Jacken und den Fernseher beherbergt. (Foto: Kozy Studio)
Das Wohnzimmer mit roher Betondecke lebt von den Kontrasten. Beton und Farbe, Muster und Texturen. Vor allem hat der Raum durch den Einbauschrank gewonnen, der wie gestapelte Geschenkkartons Schuhe, Jacken und den Fernseher beherbergt. (Foto: Kozy Studio)
  1. Möbel aussortieren, die keine Emotion auslösen. Nur praktisch ist langweilig.

2. Vorhandene Parameter ernst nehmen und in das Farb- und Materialkonzept integrieren.

3. Technische Elemente hinter Fronten oder Vorhängen verschwinden lassen.

Die Küche des Büros von 26HOMES ist ein Ort für das gute Gespräch und das prickelnde Glas Champagner (Foto: Kozy Studio)
Die Küche des Büros von 26HOMES ist ein Ort für das gute Gespräch und das prickelnde Glas Champagner (Foto: Kozy Studio)

4. Wände und Decke einfarbig streichen und mit Strukturen versehen.

5. Mut macht’s! Dem Konzept bis ins Letzte folgen.

Über dem maßangefertigtem Waschtisch tanzen die Formen als Zitat der 1920er-Jahre. Rund trifft auf zackig, es entsteht eine eklektische Harmonie. Der Spiegel ist gleichzeigtig Stauraum. (Foto: Kozy Studio)
Über dem maßangefertigtem Waschtisch tanzen die Formen als Zitat der 1920er-Jahre. Rund trifft auf zackig, es entsteht eine eklektische Harmonie. Der Spiegel ist gleichzeigtig Stauraum. (Foto: Kozy Studio)

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Print-Ausgabe. Sie wollen schneller informiert sein? Hier können Sie ein Abonnement abschließen.

Wie nützlich war dieser Beitrag?

Durchschnitt 4.6 von insgesamt 1280 Bewertungen

Es tut uns leid, dass dieser Beitrag nicht nützlich für Sie war...

Sagen Sie uns, was wir verbessern können!

MEHR LESEN

Stay Connected

13,867FansGefällt mir
32,689FollowerFolgen
7,554FollowerFolgen