Jakob Schwerdtfeger versucht in seinen 30ern etwas, was der Quadratur des Kreises gleichkommt. Er möchte Kunst und Comedy vereinen. Und das in Deutschland, wo zwischen E und U in der Kunst unterschieden wird. Außerdem ist das auch so eine Sache mit den Deutschen und dem Humor. Alles Quatsch, findet der Wahlfrankfurter, der aus Hannover stammt. Er schuf sich sein eigenes Genre: die Kunstcomedy. Top Magazin traf ihn im Städel, wo er zehn Jahre als Kunstvermittler gearbeitet hat.
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Herr Schwerdtfeger, Sie heißen mit Zweitnamen Ekkehard…
Ja. Ich hab’s nicht leicht.
Das kann man so sagen. Und Sie kommen aus einer Künstlerfamilie.
Ja, mein Urgroßvater war Bauhausschüler in Dessau. Mein Großvater war Architekt und bildender Künstler. Mein Opa hat mich oft mit ins Atelier genommen und zu Ausstellungen. Und auch meine Eltern lieben Kunst, waren oft mit mir im Museum. Da gibt es schon eine intensive familiäre Prägung, keine Frage.
Das kann auch nach hinten losgehen. Bei Ihnen nicht?
Ich habe viel rumprobiert, habe angefangen, zu malen und bin kläglich gescheitert. Ich dachte, ich hätte diese eine Idee, die die Kunstgeschichte umkrempelt. Als ich dann meinem Stiefvater von ihr erzählte, zeigte er mir, dass es die schon gab. Ich habe also früh gemerkt, dass selbst Kunst zu machen, nichts für mich ist.
Stattdessen haben Sie sich für Hip-Hop interessiert.
Ich fand auch Graffiti ganz toll. Aber erst mit 15 habe ich einen eigenen Zugang zur Kunst gefunden.
Wie das?
Ich war im Van Gogh Museum – und zwar in einer Phase als Jugendlicher, in der ich mich möglichst erwachsen fühlen wollte. Deshalb bin ich überhaupt erst ins Museum gegangen, um richtig tiefgründig zu sein. Da hing dann Van Goghs „Blick auf Auvers“ und da hat’s klick gemacht.
Warum?
Weil Van Gogh die Landschaft nicht so gemalt hat, wie sie ist, sondern dass er seine Wucht und Dynamik mit hineingebracht hat. Das war ein Schlüsselmoment. Es war wie ein Tor. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass hinter Kunst noch so viel mehr steckt.

Da haben Sie angefangen, sich für Kunst zu begeistern und haben, als Sie es konnten, Kunst in der Schule abgewählt.
Ja. Kunst in der Schule hat mich nicht so gepackt, das hab ich mir lieber selbst beigebracht. Nach dem Abitur bin ich durch Deutschland gefahren und habe viele Museen gesehen und alle möglichen Bücher über Kunst gekauft. Mir war auch relativ früh klar, dass ich Kunstgeschichte studieren wollte. Ich wusste damals schon, dass das mein Lebenstraum ist.
Und jetzt, 20 Jahre später?
Ist es das immer noch. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich so früh gespürt habe: Kunst ist mein Lebensthema. Das macht mich immer noch unfassbar glücklich.
Und nun malen Sie trotzdem – nicht mit dem Pinsel, sondern mit Worten.
Es war schon ein langer Weg von meinen furchtbaren Versuchen, zu dichten, über den Rap bis hin zum Poetry-Slam. Sprache ist auf jeden Fall mein Medium. Vor Kurzem ist mein Buch „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst“ erschienen, das ziemlich gut läuft – es hat es sogar bis in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft.
Nicht nur das, Sie machen auch Comedy. Was hat Sie denn da angetrieben?
Ich habe Schauspieler auf der Bühne oder Künstler im Atelier gesehen und habe mich ständig gefragt, warum ich das nicht mache. Warum sitze ich in langweiligen Kunstgeschichtsseminaren? Das hat mich gestresst.
Nun wirken Sie tiefenentspannt.
Weil ich mein Medium gefunden habe – ich kann jetzt jedem alles gönnen.
Sie stehen nun seit zwölf Jahren auf der Bühne…
Anfangs habe ich nicht gedacht, dass jemand davon leben könnte. Aber im Laufe der Jahre lernte ich Backstage immer mehr Leute kennen, die das taten – da lernst du sowieso interessantere Menschen kennen als im Alltag. Das machte mich neugierig.
Also haben Sie alles hingeschmissen – Sie haben ja hier im Städel zehn Jahre als Kunstvermittler gearbeitet, während und nach dem Studium, und alles auf eine Karte gesetzt.
Nein. Ich habe die Stelle erst reduziert, um das Touren auszuprobieren.
Es hat Ihnen gefallen.
Ja.
Dann haben Sie gekündigt.
Stimmt. Doch vorher kam noch der Schritt weg vom Poetry-Slam, was ich sieben Jahre lang gemacht habe, hin zu Comedy.
Das ist natürlich gewagt. Da ist die Konkurrenz nicht gerade klein.
Das ist richtig, und deshalb suchte ich nach einem Alleinstellungsmerkmal, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht nur Witze um des Witzes willen machen möchte. Es ist cooler, etwas zu sagen zu haben, eine Mission zu haben. Und da kam die Kunst wieder ins Spiel.
Haben Sie Ihre Mission gefunden?
Kunst und Comedy zu vereinen und damit einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen, vor allem denjenigen, die nicht ins Museum gehen würden.
Kunst, Deutschland und Humor. Sie vereinen drei unvereinbare Dinge.
Das ist völliger Quatsch, wenn gesagt wird, dass die Deutschen keinen Humor haben. Wir haben Humor. Das ist so wie mit vielen Vorurteilen: Sie stimmen nicht. Außerdem ist deutsche Comedy viel besser geworden. Es geht darum, witzig zu sein, nicht albern.
Wer hat Sie bei Ihrer Art, Comedy zu machen inspiriert?
Die amerikanischen Comedians, die einfach einen Barhocker, ein Mikro und eine Wasserflasche haben.
Ihr Soloprogramm heißt „Ein Bild für die Götter“ – aber Sie zeigen keine Bilder.
Nein, die entstehen dann im Kopf. Doch ich habe gemerkt, dass es Grenzen gibt.
Ihr nächstes Programm, das hat Bilder?
Mein Programm „Meisterwerk“ feiert im September Premiere und wird komplett mit Bildern sein. Genau wie meine Leseshow.
Schon fertig?
Ich sitze zu Hause und schreibe und finde das alles total witzig. Teste Teile während der aktuellen Show. Und manchmal lacht das Publikum nicht. Dann wird’s geändert. Außerdem gibt’s da noch die Videoanalyse. Ich filme fast jeden Auftritt, schaue ihn mir mehrmals an. Das hilft auch dabei, Bühnenticks abzutrainieren.
Werfen Sie wirklich jeden Gag raus, der nicht funktioniert?
Nein. Manche lasse ich drin. Da gibt es in meinem aktuellen Programm zwei, über die nie jemand lacht, die ich aber mega witzig finde. Letztens hat sogar doch jemand gelacht: Und da habe ich gedacht: Geil, für dich habe ich sie geschrieben. Du musst ja geil finden, was du machst.

Muss man sich selbst auch geil finden?
Nein. Das glaube ich nicht. Natürlich hat das bei mir etwas mit Narzissmus zu tun. Aber es gibt viele, die im echten Leben ganz anders sind. Sehr introvertiert. Ein gutes Selbstwertgefühl ist von Vorteil. Aber auch da gibt’s Beispiele von Menschen, die auf der Bühne zum Schmetterling werden. Auf der Bühne musst du überzeugen, die Leute müssen mir abnehmen, dass ich für Kunst brenne.
Sind Sie ein fröhlicher Mensch?
Ja. Ich wache morgens auf und habe gute Laune. Privat bin ich der Entertainer. Und früher war ich immer der Klassenclown.
Das muss wohl so sein bei dem Beruf, den Sie gewählt haben.
Nein. Erst dachte ich das auch. Aber: Ich kenne so viele in unserer Branche, die depressiv sind. Das ist verbreiteter als das Publikum ahnt.
Sehen Sie sich als einen Intellektuellen?
Nein. Die Schuhe sind mir zu groß.
Herr Schwerdtfeger, vielen Dank für das Gespräch.
Jakob Schwerdtfeger und die Klassiker der Kunst
Nach dem Interview haben wir Jakob Schwerdtfeger darum gebeten einige Klassiker der Kunstgeschichte und eine Stilrichtung auf seine humorvolle und beliebte Art zu interpretieren.
Leonardo Da Vincis Mona Lisa

„Alle reden immer von ihrem „unergründlichen Lächeln“. Ich finde, sie guckt einfach so entspannt, als stünde sie in einem Pool und ließe gerade einfach laufen.“
Johann Tischbeins Goethe in der Campagna

„Das eine Bein von Goethe ist zu lang. Schon lustig, dass das einem Maler passiert, der Tischbein heißt.“
Franz Marcs blaue Pferde

„So stelle ich mir den Reitstall der Schlümpfe vor.“
Die abstrakte Kunst
„Viele Leute regen sich gerne über abstrakte Kunst auf. Dabei sind wir im Alltag ständig von Abstraktion umgeben. Zum Beispiel: Fischstäbchen! Fische sind so krasse Tiere, die schillern bunt, schießen durchs Wasser. Und dann dachte sich der Mensch: „Nice, und daraus mach ich einen Quader.“ Das ist Abstraktion.“
Die Fragen stellte Enrico Sauda
Mehr Informationen über Jakob Schwerdtfeger unter: www.jakob-schwerdtfeger.com
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