HomePanoramaSaxofonist Tony Lakatos über die Leichtigkeit des Jazz

Saxofonist Tony Lakatos über die Leichtigkeit des Jazz

Ende September erhielt der Saxofonist Tony Lakatos in Dr. Hochs Konservatorium in einer coronabedingt kleinen Feier den Hessischen Jazzpreis 2020. „Es war meine allererste persönliche Auszeichnung“, verrät der Star ohne Allüren dem Top Magazin beim Treffen im Hessischen Rundfunk. „Es hat lange gedauert. Der Preis bedeutet mir sehr viel. Das Bundesland, in dem ich seit Jahrzehnten lebe, zeigt mir seine Anerkennung.“

Eigentlich verwunderlich, dass eine solche Ehrung so spät erfolgte. Schon lange gehört Lakatos zu den bekanntesten Jazzsaxofonisten Europas. Er gilt als Gralshüter der amerikanischen Jazztradition. Mit einmaligem Einfühlungsvermögen kann er sein Spiel mühelos US-Ikonen wie John Coltrane, Sonny Rollins oder Michael Brecker anverwandeln. Kultstatus genießt zum Beispiel das vor drei Jahren aufgenommene Album „Standard Time“ mit dem Chefdirigenten der hr-Bigband Jim McNeely am Piano, Adam Nussbaum an den Drums, Jay Anderson am Kontrabass und ihm selbst am Tenorsaxo­fon. Das intuitive Verständnis, das die Musiker bei der Session füreinander entwickelten, berührt Herz, Kopf und Bauch.

Perfektion ist nicht das Ziel

Es müsse gar nicht alles passen, sagt der Wahlhesse, der seit 1993 zur hr-Bigband gehört. „Perfektion ist nicht mein Ziel.“ Jazz sei wie eine Sprache. Gerade in kleineren Formationen – Quintetts, Quartetts, Trios – komme es auf die Intensität der Kommunikation an. „Ich stehe auf Musik mit Fehlern.“ Natürlich sei der Raum für Improvisationen in einem großen Orchester geringer. „Da müssen die Abläufe schon genau aufeinander abgestimmt sein.“

Ende September erhielt der Saxofonist Tony Lakatos in Dr. Hochs Konservatorium in einer coronabedingt kleinen Feier den Hessischen Jazzpreis 2020
Ende September erhielt der Saxofonist Tony Lakatos in Dr. Hochs Konservatorium in einer coronabedingt kleinen Feier den Hessischen Jazzpreis 2020

Das Bekenntnis zum Versuch, bei dem auch mal Irrtümer zu neuen klanglichen Lösungen beitragen, dürfte einige überraschen. Lakatos wird schon mal vorgeworfen, fast zu brillant zu sein. Vielleicht sollten solche Kritiker einmal hineinhören, wenn er zusammen mit zwei oder drei jungen Musikern auftritt, wie vor einigen Monaten bei einem Livestream im Frankfurter Jazzkeller. „Jazz ist universal. Wenn es gut läuft, kann man durch die Instru­mente wunderbar miteinander reden, auch wenn ein internationales Ensemble nach dem Auftritt manchmal Mühe hat, das Gespräch flüssig mündlich fortzusetzen“, meint er.

Tony Lakatos hat schon viele Bühnen dieser Welt kennengelernt. Nicht nur in Europa oder in den Vereinigten Staaten, dem Heimatland des Jazz. Vor allem in Asien wächst seine Popularität. „Allein in Japan bin ich schon zwanzigmal aufgetreten“, sagt er. Das Interesse steige auch in Thailand, Vietnam, Malaysia oder China.

Ausbruch aus der Tradition

In Peking erlebte er eine Szene, die ihn an seine Jugend im kommunistischen Ungarn erinnerte. „Nach dem Konzert war es einen Moment ganz ruhig“, erzählt er. „Alle warteten auf den KP-Funktionär in der ersten Reihe. Als er dann laut zu klatschen anfing, brach ein Sturm der Begeisterung los.“

Tony Lakatos mit seinem Saxofon
Tony Lakatos mit seinem Saxofon

Lakatos lächelt listig. Die Zeit hinter dem eisernen Vorhang war auch für ihn nicht ganz leicht. Das lag weniger am ungarischen Regime, das damals als das liberalste im Ostblock galt. Es hat viel eher mit seiner Familie zu tun, die jahrhundertelang immer wieder bekannte Violinvirtuosen hervorbrachte.

Roma aus alter Familie

Lakatos ist Roma. Sein Vorfahr Janos Bihari unterhielt schon 1814 auf dem Wiener Kongress die Staatsmänner und gekrönten Häupter mit „Zigeunermusik“. Natürlich musste auch Tony, als er sechs Jahre alt war, Geige lernen. „Ich habe es gehasst.“ Der Papa leitete eine damals in Ungarn sehr angesehene Band. Mit sechzehn teilte Tony, der damals noch Antal genannt wurde, dem entsetzen Vater mit, dass er die traditionellen Pfade verlassen und auf das Saxofon umsteigen wolle. Die große Plattensammlung mit Jazz, die seine Eltern besaßen, hatte den Jungen auf den Geschmack gebracht.

Er besuchte das Bartók-Konservatorium in Budapest und machte sich sehr bald als Saxofonist einen Namen – in Ungarn wie im Ausland. Bald wurden der Gitarrist Toto Blanke und sein Ensemble „Electric Circus“ auf ihn aufmerksam. Er zog nach Paderborn, wo Blanke lebte. „Das waren schöne Jahre mit der Band.“ Dann ging er von Ostwestfalen nach München, in den 80er-Jahren das Show- und Künstler­dorado Deutschlands. Er spielte mit unterschiedlichen Bands, unter anderem mit Chris Beier und Milan Svoboda. Er war jung und lernte auch heute noch sehr bekannte Promis aus der Münchner Schickeria kennen.

„Jazz ist keine bierernste Angelegenheit. Es fehlt bei uns manchmal ein bisschen Freiheit und Leichtigkeit.“ – Tony Lakatos

Wechsel an den Main

Irgendwann hatte er genug. Es zog ihn zur hr-Bigband nach Frankfurt, wo er „ganz ohne Probespiel“ angenommen wurde. Seit 27 Jahren kann er dort mit einer Vielzahl hochprofessioneller Musiker zusammenarbeiten. Lakatos ist dankbar, dass er die Möglichkeit besitzt, auch eigene Vorhaben umzusetzen. 2005 produzierte er das Album „Gypsy Colours“ und besann sich auf seine Wurzeln. Heute sieht er die Familientradition in einem ganz anderen Licht als in seiner Jugend. „Ich spüre die Seele, die in der Musik mitschwingt. Das gefällt mir.“ Die politische Situation in seinem Herkunftsland bedrückt ihn. Vor allem Minderheiten wie Roma und Juden würden offen benachteiligt.

Die Alben, die der gebürtige Budapester mit der hr-Bigband und anderen Formationen herausbrachte, sind kaum mehr zu zählen. Die Phase des Lockdown war eine neue Erfahrung. Plötzlich wurde Musik per Livestream zum Lebenselixier für die wochenlang zu Hause eingeschlossenen Menschen. In der Reihe „Stage@Seven“ machte die hr-Bigband zusammen mit dem hr-Sinfonieorchester Mut. Die insgesamt 59 Konzerte zwischen April und Juni wurden 1,2 Millionen mal im Netz abgerufen. „Trotzdem fehlte mir das Publikum, das uns gerade bei den Soli antreibt.“ Er habe die Zeit genutzt und zu Hause in Neu-Isenburg „komponiert und komponiert“. Inzwischen sei genug Material für eine neue CD beisammen.

Er mache sich gleichwohl Sorgen. Viele freie Musiker in Deutschland und überall sonst auf der Welt hätten zu kämpfen. Nicht wenige gäben ihren Beruf auf. Hinzu komme, dass der Jazz um seine Anerkennung in der Gesellschaft kämpfen müsse. „Junge Leute zu erreichen ist komplizierter geworden. Viele brauchen keine akustische Musik mehr.“ Corona habe die Situation verschärft, besonders in den USA. „Die Clubs dort sind geschlossen, und die Plattenfirmen machen mit Jazz kaum noch Gewinne.“

Erneuerung durch Europa

Jazz ist universal - Tony Lakatos
Jazz ist universal – Tony Lakatos

In Deutschland stehe der Jazz immer noch gut da, stellt Tony Lakatos fest. Fast jede Großstadt verfüge über eigene Jazz-Schulen. Das sei allerdings nicht nur von Vorteil. „Es fehlt bei uns manchmal ein bisschen Freiheit und Leichtigkeit.“ Jazz sei keine bierernste Angelegenheit.

Dennoch glaubt er, dass aus Deutschland und Europa ein starker Impuls für die Revitalisierung des Jazz kommen wird. Die Szene mische und verjünge sich. Auch in Frankfurt, ob nun im Jazzkeller mit der neuen Cocktailbar, im Lola Montez oder im Yachtklub.

Der 62 Jahre alte Tony Lakatos hat noch viel vor, zumal Livekonzerte wieder möglich geworden sind. Mit den 10.000 Euro vom Hessischen Jazzpreis möchte er die legendäre Produktion von „Standard Time“ mit einem „Volume 2“ in derselben Besetzung fortführen. Außerdem schwebt ihm vor, seine „Kompositionen aus der Quarantänezeit“ mit einem Quintett ausgesuchter Musiker – nach Möglichkeit in New York – aufzunehmen. Vielleicht könne man ja irgendwann wieder normal reisen. „Früher fehlte das Geld, im Augenblick die Bewegungsfreiheit.“


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