Die Mafia übt auf viele eine makabre Faszination aus. In Büchern, Filmen und Serien wird sie nahezu „romantisiert“, meint Claudio Michele Mancini. Auch er schreibt über die „Ehrenwerte Gesellschaft“. Allerdings zeigt er dabei „ihr wahres hässliches Gesicht“. Und das in packenden Erzählungen von beeindruckender atmosphärischer Intensität und mit faszinierend lebendigen Charakteren.

Wir sprachen mit ihm über das organisierte Verbrechen, das Schreiben, seine deutsch-italienische Seele und natürlich über seinen neuesten Roman „La Nera“. 

Claudio Michele Mancini sitzt auf der Terrasse des Kronberger Schlosshotels. Es ist ein sonniger Tag. Ein zufriedenes Lächeln legt sich auf das markante Gesicht des Autors, das sich halb im Schatten seines Borsalino verbirgt. „Ich liebe die Natur“, sagt er mit warmer, sonorer Stimme, blickt über die sattgrünen Park- und Golfanlagen, nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette und streichelt seinem Begleiter zärtlich über den Kopf: Nanouk, sein großer weißer Wolfs- Husky, hat es sich neben ihm bequem gemacht.

Filmische Recherche

Claudio Michele Mancini
Claudio Michele Mancini

Wir können nicht umhin festzustellen, dass Claudio Michele Mancini selbst eine der Figuren aus seinen Romanen sein könnte. „Un italiano vero“, ein echter Italiener von schmaler Gestalt mit sonnengegerbtem Gesicht, wachem Blick und noch wacheren, lebhaften Händen.

Die Bemerkung bringt ihn zum Lachen. „Das ist nicht ganz unbeabsichtigt“, gibt er zu und erklärt, dass er für seine Recherchen die Handlungsorte seiner Romane nachfährt, um Landschaften und Atmosphäre realistisch darzustellen. So wie in der Anfangsszene seines neuen Romans „La Nera“, in der er intensiv das familiäre Umfeld der Protagonistin beschreibt, ihr einfaches ländliches Zuhause, die große Küche mit dem Steinboden, in der sich das Leben abspielt. „Das ist nicht immer ganz ohne. Die Mafia ist ja keine Utopie. Sie existiert. Sie ist ein fester Bestandteil der Gesellschaft in den Städten und Dörfern Siziliens, die ich bereise. In Prizzi beispielweise gibt es wahrscheinlich mehr Abhörmikrofone als Einwohner. Die Menschen sind misstrauisch. Da ist es nicht schlecht, wenn man ein gewisses Auftreten und einen Lupo, einen Wolf, dabei hat.“

Die Reisen unternimmt Claudio Michele Mancini gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Susann Grünefeldt, die die Eindrücke mit der Kamera festhält. Auch sie ist beim Interview dabei, und wir wollen natürlich wissen, ob es nicht auch Momente gibt, in denen man Angst bekommt, den falschen Leuten zu begegnen. „Für mich überwiegt meist die Schönheit der Orte, die wir besuchen. Die Liebe, die ich für Sizilien entwickelt habe. Auch die Liebe zu den Menschen, die warm und herzlich sind. Claudio und ich wollen uns in ein paar Jahren in Agrigento niederlassen.“

Reality Crime

„Natürlich sind gewisse Gefahren nicht zu unterschätzen“, ergänzt der Autor. „Man muss schon wissen, mit welchen Menschen man besser nicht in zu engen Kontakt tritt. Die wichtigste Regel: Von einem Mitglied der Mafia sollte man niemals einen Gefallen annehmen. Das fängt bei so etwas selbstverständlichem und ‚typisch italienischem‘ wie einer Einladung nach Hause an. Aber im Grunde können wir gelassen sein: Ich habe nicht vor, in die Fußstapfen von Roberto Saviano zu treten, der ohne Polizeischutz das Haus nicht verlassen kann. Ich betreibe keinen investigativen Journalismus. Ich will die Leser unterhalten. Und meine Bücher werden bewusst nicht ins Italienische übersetzt.“

Dann ist also alles Fiktion? „Ja und nein. Meine Ideen sammle ich in den Medien. Zudem habe ich gute Kontakte zu Polizisten, Staatsanwälten und Ermittlern vor Ort. Die Protagonistin meines aktuellen Romans orientiert sich stark an der legendären Mafia-Patin Giuseppina Sansone aus Palermo. Sie war eine schillernde Society-Lady in Designer-Kleidern und zugleich eine eiskalte Killerin, die über 30 Morde in Auftrag gab. Die Frauen haben in Mafiakreisen längst das Zepter übernommen, da viele der männlichen Paten hinter Gittern sitzen. Dabei gehen sie oftmals noch brutaler vor als die Männer, weil sie sich in diesem archaischen Umfeld noch stärker beweisen müssen.“

Die Psychologie des Verbrechens

Sophia, „La Nera“, wird zur skrupellosen Mafia-Patin. Dabei zeichnet Mancini diesen Charakter so präzise, dass der Leser ihre Entwicklung förmlich mitmacht. Wie kommt dieses Verständnis für eine Frau, deren gnadenloses Vorgehen immer wieder durchzogen wird von den Rissen in ihrer traumatisierten Seele? „Beim Kreieren der Charaktere hilft mir sicherlich auch meine berufliche Erfahrung jenseits der Schriftstellerei“, sagt der studierte Psychologe und ergänzt mit einem Schmunzeln in Richtung seiner Partnerin: „Aber natürlich bekomme ich in Frauendingen auch gute Ratschläge aus erster Hand.“

Mafia 3.0

Just einige Tage vor unserem Treffen mit dem in Kronberg lebenden Autor sorgte der Skandal um Spenderorgane an deutschen Kliniken für Schlagzeilen. Auch in Mancinis Buch geht es um Organhandel. „Das Thema ist von trauriger Brisanz. Längst sind es nicht mehr nur Waffen- oder Drogenhandel, mit denen die Mafia ihr Geld macht. Schutzgelder werden schon lange nicht mehr wie im Film von Gamaschen tragenden Ganoven eingetrieben, das Ganze läuft ganz geschäftlich ab, sogar mit Rechnungen. Die Mafia ist kein Gangsterverein, der sich auf Süditalien und illegale Geschäfte beschränkt. Sie unterminiert alle wichtigen Bereiche der Wirtschaft. Und natürlich der Politik. Und das weltweit. Allein in Deutschland setzt sie jährlich geschätzte drei Milliarden mit Schutzgeldern um.“

Das klingt in der Tat nicht nach der „Ehrenwerten“ Gesellschaft, wie sie beispielsweise Mario Puzo im Paten beschreibt. Eher nach Mafia 3.0. „Das einzige, das geblieben ist, sind die streng hierarchischen Strukturen, die oftmals als ‚familiär‘ verherrlicht werden. Doch das ‚Business‘ weitet sich immer weiter aus.“ Genug Stoff also für weitere Romane? „So ist es“, schließt Claudio Michele Mancini, lehnt sich in seinem Sessel zurück, steckt sich noch eine Zigarette an und verrät, welches „Business“Thema seines nächsten Buchs sein wird: „Müll.“


Claudio Michele Mancini

wurde kurz nach Kriegsende als Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters geboren und wuchs in der Provinz Verbania am Lago Maggiore auf.

1964 machte er auf einer Klosterschule sein Abitur, studierte in München Psychologie und arbeitete danach als Dozent und Unternehmensberater in Frankreich, Italien, Deutschland und den USA. 2006 erschien „Infamità“, sein erster Mafia-Roman. 2009 folgte „Mala Vita“.

Literatur von und über Claudio Michele Mancini im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek