Die Underground Economy im Darknet erwirtschaftet Milliardensummen. Cyberkriminelle unterminieren immer stärker das Leben der Gesellschaft. Sie attackieren und erpressen rund um die Uhr Unternehmen, Behörden oder kritische Infrastruktur. Auf den Schattenmarktplätzen wird gedealt mit allem, was verboten ist. Top Magazin sprach im Hilton Frankfurt City Centre mit Jana Ringwald, Deutschlands vielleicht bekanntester Strafverfolgerin von Cybercrime. Die heute 43-jährige arbeitet bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt in der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT). Die Oberstaatsanwältin leitet eine kleine schlagkräftige Gruppe, die auch staatenübergreifend gegen Cyberstraftaten vorgeht.
Inhalt
Frau Ringwald, die Fallzahlen bei Cyberkriminalität explodieren. Ist das nicht zum Verzweifeln?
Nein. Unser Auftrag ist es, Sand ins Getriebe der Täter zu streuen und Straftaten zur Anklage zu bringen. Und das gelingt uns immer wieder. Der Anstieg der Cyberkriminalität spiegelt unser Leben, das sich immer stärker digitalisiert. Wie hoch der Schaden Jahr für Jahr in Deutschland ist, lässt sich nur schwer schätzen. Konservativen Schätzungen zufolge liegt er für Privatpersonen und Unternehmen mindestens im einstelligen Milliardenbereich.
Viele Straftaten werden gar nicht bekannt, weil die Opfer den Schritt an die Öffentlichkeit scheuen. Unternehmen fürchten, dass aufgedeckte Sicherheitslücken die Reputation beschädigen könnten. Sie sind gut beraten, sich auf den Ernstfall vorzubereiten, sodass der Schaden minimiert werden kann. Noch immer gehen wir viel zu leichtfertig mit unseren Daten um. Betroffene sollten auf jeden Fall mit Polizei und Justiz zusammenarbeiten. Noch schreckt das zu viele ab.
Wie erklärt sich der starke Anstieg der Fallzahlen?
Der Cyberraum macht es sehr leicht. Man braucht als Täter nur einen PC mit vernünftiger Datenverbindung. Alles Weitere findet man im Netz – Anleitungen für Phishing Mails, nicht mit dem Staat kooperierende Internetdienstleister, Programmierer ohne Skrupel und Foren, auf denen man Cyberkriminelle um Rat fragen kann.

Keine Milieutäter
Besitzen die Täter kein Unrechtsbewusstsein?
Viele nicht, weil sie sich nicht in ein klassisches Verbrechermilieu hineinbegeben müssen. Sie sitzen vor ihrer Tastatur und sind seit weit weg von den Geschädigten.
Nehmen die Cyber-Straftäter den Staat nicht mehr ernst?
Sie sollten gewarnt sein. Etliche illegale Marktplätze, wo mit Schadstoffsoftware, illegalen Betäubungsmitteln oder Waffen gehandelt wurde, hat die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt zusammen mit den Bundes- und Landeskriminalämtern vom Netz nehmen können. Auch Erpressern, die Betriebe, Verwaltungen oder Krankenhäuser lahmlegen, konnten wir auf die Schliche gekommen. Insgesamt haben wir bereits hohe Millionenbeträge sichergestellt. Das ist selbst dann ein großer Erfolg, wenn wir die Drahtzieher nicht fassen und anklagen können. Bis wieder eine funktionierende kriminelle Infrastruktur steht, braucht es jedenfalls Zeit und Aufwand. Wir wollen es den Tätern schwer machen.
Jana Ringwald über Anonymität im Netz
Warum können viele nicht vor Gericht gestellt werden?
Im Darknet, das jeder mit einem Tor-Browser legal betreten kann, verkehren alle mit Decknamen und anonymisierter Kommunikation. Und auch im sog. „Clearweb“ kann man die eigenen Datenspuren gut verwischen. Das erschwert die personelle Zuordnung von kriminellen Taten, die erst einmal von mittlerweile hochprofessionellen Ermittlern der Polizei aufgespürt und hinreichend belegt werden müssen.

Wie gehen Polizei und ZIT vor?
Wer sich im Cyberraum bewegt, hinter-lässt Spuren. Cyberkriminelle machen –
wie alle Menschen – Fehler. Die Polizei erhält auch schon mal Hinweise. Beim Verfahren gegen Wall Street Market, den zeitweise größten Darknet-Marktpatz für Drogen, konnten wir drei deutsche Betreiber anklagen. Zwischen Oktober 2016 und April 2019 wurden dort umgerechnet rund 36 Millionen Euro Umsatz erzielt. Davon erhielten die Angeklagten Provisionen zwischen zwei und sechs Prozent. Ich habe die Anklage verfasst. Die drei Haupttäter wurden zu hohen Haftstrafen zwischen fünf und sieben Jahren verurteilt.
Menschliche Tragödien
Waren die jungen Täter von der Festnahme überrascht?
Und wie. Sie hatten selbst keinen Kontakt zu Drogen. Der junge Mann, der den Darknet-Marktplatz programmiert hatte, saß Tag für Tag stundenlang am Computer, um das System wegen der steigenden Nutzerzahlen anzupassen. Eines Tages drang ein polizeiliches Spezialkommando in die Wohnung ein, riss ihn weg vom Bildschirm und warf ihn zu Boden. Ein böses Erwachen. Vor Gericht erklärte er, wie er sich vor seinen Eltern geschämt habe. Erst beim Lesen des Haftbefehls sei ihm bewusst geworden, in welchem Ausmaß er den Drogenverkauf unterstützt habe.
Er hätte doch mit seinen Fähigkeiten einen sehr gut bezahlten Job ausüben können?
Absolut. In der Hauptverhandlung erläuterte er glaubhaft, dass er zur Steuerung der Aktivitäten eine wahnsinnig komplizierte Formel entwickelt habe. Er hatte auch ein ausgeklügeltes Treuhandsystem eingerichtet, über das Kaufgelder in Kryptowährungen flossen. Als er einstieg, war er gerade 21 Jahre alt. Die Ermittler hatten für seine technische Leistung hohen Respekt.
„Kriminalität verändert sich fundamental. Man kann ein Drogenimperium mit zwei Partnern führen, die man in seinem Leben noch nie gesehen hat. Der Schlüsselbegriff ist „remote“. Die Aktionen lassen sich digital aus der Ferne lenken.“ – Jana Ringwald
Illegale Dienstleister
Was passiert da gerade?
Ich rate allen Müttern und Vätern, genau hinzuschauen, was ihre Kinder vor dem Computer so treiben. Vom Schreibtisch im Elternhaus zu einem der weltweit erfolgreichsten Drogenhändler zu werden, ohne dafür aufstehen zu müssen, ist bezeichnend für das, was sich gerade abspielt. Kriminalität verändert sich fundamental. Man kann ein Drogenimperium mit zwei Partnern führen, die man in seinem Leben noch nie gesehen hat. Der Schlüsselbegriff ist „remote“. Die Aktionen lassen sich digital aus der Ferne lenken.
Erst im Januar war die ZIT wieder beteiligt, als die Internetseiten „cracked“ und „nulled“ mit insgesamt zehn Millionen Usern abgeschaltet wurden. Laut Bundeskriminalamt soll es sich um die beiden zur Zeit größten Cybercrime-Foren gehandelt haben. Wie lief der Zugriff?
Das BKA und unsere Generalstaatsanwaltschaft haben sehr gut mit Strafverfolgungsbehörden in den USA, Australien, Spanien, Griechenland, Rumänien, Italien und Frankreich bei der Operation „Talent“ zusammengearbeitet. 67 Geräte, darunter 17 Server, zwölf Accounts und zwölf kriminell genutzte Internet-Domains wurden in zehn Staaten beschlagnahmt. Auch ein Zahlungsdienstleister und ein Hostingdienst wurden vom Netz genommen.
Globale Geschäfte
Gab es Festnahmen?
Ja. Acht Personen werden verdächtigt, unmittelbar am Betrieb der illegalen Handelsplattform mitgewirkt zu haben, darunter zwei Deutsche im Alter von 29 und 32 Jahren. Wir werfen den beiden den gewerbsmäßigen Betrieb von diesen Marktplätzen vor, auf dem man ungesetzliche Dienstleistungen anbot beziehungsweise dazu Beihilfe leistete. Für den Betrieb einer kriminellen Handelsplattform im Internet droht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.
Früher brachte man Verbrechen im großen Stil mit organisiertem Verbrechen in Verbindung. Ist das inzwischen veraltet?
OK gibt es natürlich noch heute, doch ist sie für Cybercrime nicht typisch. Die illegale Dienstleistung, zum Beispiel die digital vereinbarte Lieferung von Kokain oder die Bereitstellung von Malware wird sehr geräuschlos geregelt und in Kryptowährung bezahlt. Die Beteiligten kennen ihre Geschäftspartner meist gar nicht persönlich.
Brutale Bewertungsportale
Und wenn das Geld nicht transferiert wird?
Dann wirst du dem Administrator der Plattform gemeldet. Er kann dich ausschließen. Es gibt für illegale Marktplätze in der Regel knallharte Bewertungsportale. Der Betreiber achtet schon aus Eigeninteresse auf Zuverlässigkeit. Wer andere Kriminelle betrügt, geht ein hohes Risiko ein.
In ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „Digital. Kriminell. Menschlich.“ schreiben Sie, Polizei und Justiz ständen an der Schwelle zur gewaltigsten Transformation, die sie je durchlaufen mussten. Was meinen Sie damit?
Wir arbeiten noch immer zum Teil mit Papierakten und lokalen Zuständigkeiten. Wir benötigen aber eine datengetriebene und von Datenverständnis geprägte Arbeit am Fall. Das Tatortprinzip hat sich vor allem bei Cybercrime überholt. Auf europäischer Ebene haben sich Europol und Eurojust bewährt, die Ermittlungen und Strafverfolgung über Grenzen hinweg koordinieren. Die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft mit der ZIT ist einer der ersten Ansprechpartner bei ungeklärter Zuständigkeit in Deutschland und bei Massenverfahren gegen eine Vielzahl von Verdächtigen. Dadurch kann doppelte Arbeit vermieden werden.
Digital. Kriminell, Menschlich – Eine Cyberstaatsanwältin ermittelt

Der Beruf von Jana Ringwald spielt sich im Verborgenen ab. Das Darknet ist ihr Ermittlungsumfeld. Es hat sie zu Deutschlands profiliertester Cyberstaatsanwältin gemacht. Ihr Job dreht sich um Daten, Kryptowährungen und Cyberattacken – eine hochkomplexe, für viele unbekannte Welt. In ihrem Buch gibt sie persönliche Einblicke in die dunkle Seite des Internets.
Kryptowährung und Geldwäsche
Frau Ringwald, Sie leiten auch die Zentralstelle zur Verwertung virtueller Währungen der hessischen Justiz. Wie führen Sie beschlagnahmte Kryptowährung wieder in den legalen Geldkreislauf zurück?
Es ist jedenfalls komplizierter, als es klingt. Wir dürfen illegales Kryptogeld einziehen und der Staatskasse zuführen. Wenn es Geschädigte gibt, betreiben wir für sie Rückgewinnungshilfe, wenn möglich. Um Kryptowährungen verwerten zu können, müssen sie erst dem Markt als „nicht mehr kriminell“ angezeigt werden. Man darf sich das so vorstellen, dass diese Werte von einer roten Liste gestrichen werden müssen. Das leisten wir in Zusammenarbeit mit einem Frankfurter Bankhaus, denn wir selbst sind selbstverständlich keine Kryptohändler.
In diesem Jahr wird die Antigeldwäschebehörde der EU, die Anti-Money Laundering Authority (AMLA), ihre Arbeit in Frankfurt aufnehmen. Stärkt das Ihren Kampf gegen Cybercrime?
Es stärkt auf jeden Fall den Finanzstandort Frankfurt. Direkte Auswirkungen für meine Arbeit hat das nicht. Aber was der Geldwäsche schadet, nutzt uns natürlich. Die Überwachung von Bestimmungen ist für die Kriminalitätsprävention wichtig.
AMLA – EU-Behörde gegen Geldwäsche
Die Europäische Kommission hat im Herbst 2023 alle Mitgliedstaaten aufgefordert, sich für den Sitz der neuen Anti-Geldwäschebehörde zu bewerben. Neun Staaten meldeten sich – Belgien (Brüssel), Irland (Dublin), Spanien (Madrid), Frankreich (Paris), Italien (Rom), Lettland (Riga), Litauen (Vilnius), Österreich (Wien) und Deutschland mit Frankfurt, das im Frühjahr 2024 den Zuschlag von Rat und EU-Parlament erhielt. Die Nähe zur EZB und die führende Rolle bei Innovation und Cybersicherheit überzeugten. Außerdem besitzt Frankfurt die größten Daten- und Serverkapazitäten in der Europäischen Union.
Hessens Finanzminister Albert Lorz freut sich, dass dadurch „der Kampf gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung in der EU auf ein neues Level“ gehoben werde. Ein Kernelement der AMLA ist die Aufsicht über Kreditinstitute, die in mindestens sechs Mitgliedstaaten tätig sind und über ein erhöhtes Risikoprofil verfügen. Das risikoreichste Institut jedes Mitgliedsstaats unterliegt der direkten Kontrolle durch die AMLA. Gemeinsam mit den nationalen Behörden soll die EU-Behörde eine einheitliche Anwendung der Rechtsvorschriften sicherstellen und zudem regulatorische Standards und Leitlinien vorgeben.
Etwa 430 EU-Bedienstete werden in der Stadt erwartet. „Die kulturellen wie infrastrukturellen Voraussetzungen sind hier ideal“, meint Oberbürgermeister Mike Josef. Die AMLA hat ihren Sitz im Frankfurter Messeturm.
Dolmetscherfähigkeiten
Cybersecurity klingt für manche wie ein Buch mit sieben Siegeln. Verlangt das viel Übersetzungsarbeit, um eine Anklage und Verurteilung zu erwirken?
Ich selbst verfüge gegenüber einem IT-Spezialisten nur über gehobenes Laienwissen. Das kann durchaus ein Vorteil sein. Juristen sind Allrounder. Wir als Staatsanwälte haben die Aufgabe, die technischen Zusammenhänge ins Rechtliche zu übersetzen, um zum Beispiel gegenüber dem Ermittlungsrichter oder in der Hauptverhandlung den Fall verständlich machen zu können. Die Spezialisten sitzen bei BKA und LKA. Sie müssen uns die verdächtigen Prozesse im Cyberraum erst einmal so aufbereiten, dass wir sie rechtlich einordnen können. Wir tragen unser Wissen aber auch an die Öffentlichkeit, um auf Gefahren aufmerksam zu machen.
„Das Generieren krimineller Methoden wird noch einfacher, schneller und extremer werden. Die Grundstruktur von Kriminalität wird dadurch nicht auf den Kopf gestellt. KI ist aber ein Skalierungsinstrument. Die Masse an Angriffen erhöht sich. Phishing-Mails werden besser. Mit einem Klick kann man mit der KI mehr erreichen als je zuvor.“ – Jana Ringwald
Rechnen Sie nach dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz mit einem noch rascheren Emporschnellen der Fallzahlen im Bereich Cybercrime?
Die KI hat zwei Seiten. Polizei und Justiz können sie unter anderem bei der Automatisierung von Prozessen und der Datenauswertung verwenden. Aber natürlich haben die Cyberkriminellen dieses Tool auch längst entdeckt. Das Generieren krimineller Methoden wird noch einfacher, schneller und extremer werden. Die Grundstruktur von Kriminalität wird dadurch nicht auf den Kopf gestellt. KI ist aber ein Skalierungsinstrument. Die Masse an Angriffen erhöht sich. Phishing-Mails werden besser. Mit einem Klick kann man mit der KI mehr erreichen als je zuvor.
Oberstaatsanwälting Jana Ringwald: Yoga zur Entspannung
In Kriminalfilmen bewegen sich Staatsanwälte auch mal zu einem Tatort oder schauen sich eine Pistole in der Asservatenkammer an. Vermissen Sie manchmal das Handfeste?
Eigentlich nicht. Wer sich aber in einem abstrakten Feld nicht wohl fühlt, ist bei uns schlecht aufgehoben.
Sind Sie gelegentlich von der komplexen Materie gestresst?
Was sollten denn dann die Kollegen sagen, die mit Gewalt und Missbrauch zu tun haben? Davor habe ich viel mehr Respekt. Ich empfinde meinen Job nicht als übermäßig anstrengend, weil er so interessant ist. Ich arbeite mit tollen Leuten zusammen. Je besser unsere Teamleistung bei Polizei und Justiz, desto höher die Aufklärungsquote. Das treibt uns alle an.
Können Sie gut abschalten?
Ja. Meine Familie, Yoga und möglichst viel Zeit in der Natur helfen mir dabei.
Frau Ringwald, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führte Thomas Zorn.
Über Jana Ringwald
Die gebürtige Rheinland-Pfälzerin Jana Ringwald studierte neben Jura auch das Fach Geschichte. Parallel Informatik zu belegen, wäre ihr damals nicht in den Sinn gekommen. Nach dem Studium in Mainz, Genua und Hamburg fing sie als Wirtschaftsstaatsanwältin an. Nach den Stationen Koblenz und Darmstadt wechselte die heute 43jährige 2018 an die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Es reizt die Oberstaatsanwältin, juristisches Neuland zu betreten und die digitale Transformation zu begleiten. Sie leitet bei der ZIT eine kleine schlagkräftige Gruppe aus drei Staatsanwälten, die gegen Cyberstraftaten weltweit mit großem Erfolg vorgeht.
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