Norbert Abels ist Chefdramaturg an der Oper Frankfurt. Er sagt, man müsse ein wenig verrückt sein, um beim Theater zu arbeiten. Ob es nun ein Hauch Wahnsinn ist, dass der promovierte Musik- und Literaturwissenschaftler den Stoff von nahezu 50.000 Büchern kennt und während des Autofahrens für Mozart anhält, oder schlicht unersättliche Wissbegierde, sei einmal dahingestellt. Fest steht: In der Tätigkeit des Dramaturgen verbinden sich die großen Leidenschaften jenes Mannes, der sich mit Leib und Seele der fruchtbaren Beziehung zwischen Musik und Literatur verschrieben hat.

Herr Professor Abels, für welche Aufgabenbereiche sind Sie als Chefdramaturg an der Oper Frankfurt verantwortlich?

Zum einen bin ich für die Konzeption, also für produktionsbezogene Prozesse verantwortlich. Darunter fallen die Vorbereitung einer Produktion und die Koordinierung der beteiligten Personen wie Regisseur, Bühnenbildner, Kostümbildner und der musikalischen Leitung. Zum anderen betreue ich die Proben und prüfe in diesem zweiten Schritt, ob die praktische Umsetzung des Modells funktioniert. Außerdem ist meine Abteilung für publikatorische Aufgaben, wie die Erstellung des Opernmagazins und der Programmhefte verantwortlich.

„Das Theater ist verrückt, unberechenbar und kosmopolitisch.“

Was begeistert Sie daran?

Das Theater ist verrückt, unberechenbar und kosmopolitisch. Dort kommen wahnsinnig viele wunderbare Menschen aus allen Nationen zusammen – von Island über China bis Australien. Und so unterschiedlich sie sind – ein Merkmal haben sie fast alle gemein: Sie sind bunte Hunde. Ein kleiner Rest fahrendes Volk hat sich hier noch erhalten, umgeben von der Aura des Nonkonformen. Denn ein bisschen meschugge muss man schon sein, wenn man beim Theater arbeitet.

Die Oper Frankfurt wurde erneut mit den Prädikaten „Opernhaus des Jahres“ und „Beste Gesamtleistung“ ausgezeichnet. Worin liegt Ihr Erfolg begründet?

Das lässt sich auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurückführen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Atmosphäre und die politische Führung – unter Bernd Loebe als Intendant arbeiten zu können ist ein echter Glücksfall. Er hat eine profunde Ahnung vom Musiktheater und eine große Sensibilität für unentdeckte Talente. Mit ihm konnte die Oper Frankfurt an die große Zeit unter dem Generalmusikdirektor Michael Gielen anknüpfen.

Dennoch ist es sicher nicht leicht, immer im Windschatten von Regisseur und Intendanten zu stehen, oder?

Das ist gut formuliert, denn der Ausdruck „Windschatten“ trifft das Verhältnis auf den Punkt. Allerdings ist es der Tätigkeit des Dramaturgen inhärent, nicht selbst beklatscht zu werden und das auch dezidiert nicht zu wollen. Ein Dramaturg trägt schwarz, um auf der Bühne nicht aufzufallen. Eine weitere Rolle spielt die Zusammensetzung der beteiligten Akteure. Bernd Loebe kennt die Leute, mit denen er arbeitet, sehr genau und stellt die Teams aus Regisseur, Bühnenbildner und Dramaturg mit großem Feingefühl und Sachkenntnis zusammen.

„Das Theater birgt eine große Gefahr, den Inzest.“

Die Tätigkeit an der Oper ist nur einer von Ihren Berufen. Sie arbeiten zudem als Professor an der Folkwang-Universität, der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und am Mediacampus. Wie kommt es zu dieser Vielzahl an Tätigkeiten?

Das Theater birgt eine große Gefahr, nämlich den Inzest. Es ist eine absolute Notwendigkeit, den Blick nach außen zu richten und die Korrespondenz mit der Umwelt aufrecht zu erhalten, um die Entstehung einer ästhetisch geschlossenen Weckglasatmosphäre zu vermeiden. Oft fungiert dabei der Kontakt zu den Studierenden auch als eine Art Resonanzkörper meiner Inszenierungen, was sehr bereichernd ist.

Auch wenn ich vielen verschiedenen Tätigkeiten nachgehe, laufen die Fäden – nicht zuletzt durch die Kooperation zwischen der Hochschule für Musik und darstellende Kunst und der Oper – letztlich in der Leidenschaft für die Sache und der Begeisterung für das Multitasking zusammen. Ich trenne nicht zwischen Beruf und Privatleben – vielleicht liegt das Erfolgsgeheimnis darin begründet

Was machen Sie also, wenn Sie unverhofft einen freien Abend haben?

Es beginnt schon mit der Heimfahrt, dass ich mit den Gedanken noch bei den Inszenierungen bin. Mit dem Feierabend hört Mozart nicht auf zu spielen, erst dann fängt mein Gehirn an zu arbeiten und ich frage mich Dinge, wie „Warum geht der Solist plötzlich von E-Moll auf D-Dur? Was hat das zu bedeuten?“. Nicht selten fahre ich dann an den Seitenrand, um mir Notizen zu machen. Immerhin mache ich das nicht während der Fahrt. Auch wenn ich zu Hause angekommen bin, zieht es mich eher an den Schreibtisch, als an den Herd. Und dann lese ich gerne noch ein gutes Buch.

Apropos: Man liest, Sie seien im Besitz von über 50.000 Büchern. Haben Sie tatsächlich jedes einzelne gelesen?

Das stimmt, aber ich specke gerade ab. Möchten Sie welche haben? Ich habe aber tatsächlich fast alle Bücher gelesen, mit Ausnahme der großen Enzyklopädien. Den 25-bändigen Brockhaus habe ich noch nicht hundertprozentig durchgearbeitet, die zahlreiche Belletristik aber schon. Es gab eine Zeit, da habe ich wahnsinnig viel gelesen, vielleicht auch, um meine einstige Fernsehsucht zu bewältigen. Heute habe ich eine ökonomische Lösung gefunden.

Welches Werk liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Aktuell lese ich ein Werk, das schon vor sehr langer Zeit veröffentlich wurde und damals einen riesigen Skandal hervorgerufen hat, nämlich die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie. Dieser riesige Hype hat mich damals abgeschreckt, darum habe ich bislang einen großen Bogen um das Buch gemacht. Heute lese ich den Roman mit großem Gewinn.

Sie lesen aber nicht nur gerne, sondern sind auch selber als Autor tätig. Ihr jüngstes Werk trägt den Titel „Notenlese“ und untersucht das Verhältnis von Musik und Sprache. Womit beschäftigt sich diese Analyse genau?

Ein wichtiges Kapitel setzt sich beispielsweise mit der Frage auseinander, ob die Sprache der Musik vorausgegangen ist oder ob ursprünglich eine Einheit dieser Elemente bestand. In einem weiteren Kapitel, das den Namen „Keine Stille“ trägt, untersuche ich das Phänomen, dass überall wo Bewegung ist, auch Klang existiert. Spätestens durch den akustischen Nachweis der Gravitationswellen wurde deutlich, dass nicht einmal im Weltraum Stille herrscht.

Es gibt keine Welt ohne Klang, sie kann sich nicht von ihm befreien. Mit dem Ausspruch und gleichnamigen Essay „Alle Oper ist Orpheus“ formulierte Theodor Wiesengrund Adorno einst eine wunderbare Parabel von der Macht der Musik – bis heute steht die Oper Orpheus als emblematische Inszenierung für die Kraft der Töne. Wem das Werk im Übrigen nicht gefallen sollte, kann den 700-Seiten-Wälzer auch wunderbar als Briefbeschwerer nutzen.

Sie erwähnen Theodor W. Adorno – haben Sie die Ausläufer der Kritischen Theorie als Student der Philosophie noch miterlebt?

Ich hatte als Student das große Glück, Vorlesungen von den wichtigen Vertretern der Kritischen Theorie wie Alfred Schmidt oder Jürgen Habermas besuchen zu dürfen. Es war eine sehr aufgerührte und politisierte Zeit, wir haben gerade die Bücher von Adorno eingesogen wie die Muttermilch. Um die „Kritik der reinen Vernunft“ zu lesen, habe ich mich ein Jahr lang im Philosophischen Seminar in der Dantestraße eingeschlossen und hinsichtlich der Aneignung von Denktechniken und -strategien bis heute einen unheimlich großen Gewinn aus dieser Lektüre gezogen.

„Mallorca – Koma – Saufen – denn ich will ja auch mal leben!“

Beobachten Sie heute eine Entpolitisierung der jüngeren Generation?

Meines Erachtens ist es nicht richtig zu sagen, dass heute alles wesentlich passiver und desinteressierter hingenommen wird als damals. Meine Tochter, die in vielen politischen und sozialen Institutionen tätig ist, sowie ihr Freundeskreis, beweisen das Gegenteil. Es ist aber richtig, dass die Strukturen an den Universitäten mittlerweile wesentlich zielorientierter und zeiteffizienter ausgerichtet sind. Gerade in den geisteswissenschaftlichen Bereichen wird den jungen Menschen keine Möglichkeit mehr gegeben sich zu entwickeln, weil das Studium strengen Fristen und Abgabeterminen untergeordnet ist.

Viele der Studenten kommen ja schon durch G8 geschädigt an die Universität und entwickeln dann zwangsläufig eine merkwürdige Philosophie, die da lautet: „Arbeiten, arbeiten, arbeiten“ und dann „Mallorca – Koma – Saufen – denn ich will ja auch mal leben!“. Das kann nicht funktionieren! Die Strukturen geben diese erfolgsorientierte Denkweise vor, darum ist es eine logische Konsequenz, dass sie die Menschen entsprechend prägen. Dass die selbstdenkende Spezies darum aber dennoch nicht ausgestorben ist, kann ich als Professor, den in engem Kontakt zu den jungen Leuten steht, gut beurteilen.

Werfen wir abschließend noch einen Blick in die Zukunft: Verraten Sie mir, was Sie in den nächsten Jahren in Angriff nehmen wollen? – Sei es ein anstehendes Projekt, eine geheime Passion oder ein gestecktes Ziel.

Oh ja, da fällt mir etwas ein. Je älter ich werde, desto wichtiger werden bestimmte Bereiche für mich. Ich habe schon länger eine Leidenschaft für das Maritime, Ozeanische. Darum habe ich als junger Mann eine Fischerlehre auf Kreta gemacht, die ich zertifiziert abgeschlossen habe. Und auch heute fasziniert mich das Element Wasser noch sehr, das im Übrigen in einem sehr engen Verhältnis zur Musik steht. Darum, das verrate ich Ihnen jetzt einfach, werde ich in naher Zukunft ein Buch schreiben, das den Titel „Meermusik“ trägt.


Tag der offenen Tür in der Oper Frankfurt

Eine Chance, dem Chefdramaturgen der Oper Frankfurt persönlich über den Weg zu laufen, bekommen die Besucher des Tags der offenen Tür der Städtischen Bühnen am Sonntag den 17. September. Von 11 – 17 Uhr darf wortwörtlich ein Blick hinter die Kulissen der Institutionen geworfen – oder der Zustand des Gebäudes begutachtet werden, das ab 2021 entweder saniert oder abgerissen werden muss.

Ab 12 Uhr werden die Gäste von Mitarbeitern durch die Räume geführt und können sich ein Bild von der Arbeit der Schauspieler, Dramaturgen, Masken- und Kostümbildner machen.

Oper Frankfurt

Untermainanlage 11, Innenstadt
www.oper-frankfurt.de


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