Das Städel, Deutschlands ältestes von einem Bürger gestiftetes Museum, wird in diesem Jahr 200 Jahre alt. Seinem Direktor Max Hollein ist es gelungen, dem Haus nicht nur für viele Millionen einen Erweiterungsbau zu verschaffen, sondern auch den europaweit guten Ruf des Städel zu zementieren. Uns erklärte er, warum ausgerechnet die traditionelle Bürgerstiftung die Museumsform der Zukunft ist. Von Sabine Börchers

Es war am 15. März 1815, als der Frankfurter Bankier und Gewürzhändler Johann Friedrich Städel den Füllfederhalter ansetzte und die dritte Fassung seines Testaments unterzeichnete. Darin vermachte er sein gesamtes Vermögen von damals 1,3 Millionen Gulden und seine Kunstsammlung der Stiftung „Städelsches Kunstinstitut“ und widmete sie den Bürgern der Stadt. Mit seinen mehr als 450 Gemälden, rund 4.600 Zeichnungen und knapp 10.000 Druckgrafiken sowie wertvollen Büchern entstand somit das älteste öffentliche Kunstmuseum im deutschsprachigen Raum, das auf einer privaten Stiftung beruht. „Es war damals eine visionäre Idee, die bis heute unverändert weiterexistiert“, betont Nikolaus Schweickart, Vorsitzender der Städel-Administration.

Heute hat sich das Erbe Johann Friedrich Städels zu einem Kunstmuseum von europäischem Rang entwickelt, mit eigenem Grundstück, eigenem Haus und einer Sammlung aus sieben Jahrhunderten, mit Werken von van Eyck, Vermeer, Rembrandt, Dürer, aber auch van Gogh, Beckmann, Monet und Kirchner sowie Baselitz, Rauch und Immendorff. Kurz, eine Sammlung, die sich sehen lassen kann. Aufbauend auf die hauseigenen Werke sind immer wieder hochkarätige Ausstellungen mit Leihgaben aus den renommiertesten Museen weltweit in Frankfurt zu sehen. 423.000 Besucher kamen im vergangenen Jahr ins Städel, nach dem Rekord mit fast 450.000 Besuchern in 2013, in dem der Neubau eröffnet wurde, war das das zweiterfolgreichste Jahr in der Geschichte des Hauses, wie sein Direktor Max Hollein kürzlich betonte.

Das Museumswunder

Die klassizistische Fassade des Städel Museums
Die klassizistische Fassade des Städel Museums

Wie aber gelingt dieses Museumswunder, wie die „Zeit“ es vor einigen Jahren betitelte? Wie schaffen es Max Hollein und sein Team, eine solche Erfolgsgeschichte zu schreiben, während andere Häuser in Bochum, Hagen oder Hamburg über Geldnot klagen und sich große, teure Ausstellungen kaum leisten können? Der Kunsthistoriker Hollein, der zugleich Betriebswirt ist und der seine Laufbahn im Guggenheim-Museum in New York begann, setzt als Chef der privaten Stiftung auf viele unterschiedliche Unterstützer, vom kleinen Spender bis zum großen Mäzen. Eine Haltung, die er in seiner Zeit in den Vereinigten Staaten ausgiebig kennengelernt haben dürfte. Die angloamerikanische Kulturszene ist von starkem Mäzenatentum geprägt, weil angesehene kulturelle Einrichtungen größtenteils nicht vom Staat getragen werden. Dort vererbte etwa kürzlich der Unternehmer David Rockefeller bereits zu Lebzeiten dem New Yorker Museum of Modern Art eine Summe von 100 Millionen Dollar.

Hierzulande ist die Kultur des Mäzenatentums weniger ausgeprägt. Hollein muss es dennoch gelingen, dass die unterschiedlichsten Menschen in Frankfurt und darüber hinaus ihr Portemonnaie für das Haus öffnen. Dabei ist die Werbung um Unterstützer und Förderer breit angelegt. Das Museum bittet um Spenden und Schenkungen ebenso wie um Partnerschaften mit Unternehmen und Sponsoring. Holleins gewinnende Art, die fernab jedes Elfenbeinturmes ist, trägt offensichtlich dazu bei, dass die Banken sich ebenso überzeugen lassen wie die Bürger, die 50 Euro geben und dafür auch schon mal einen handgeschriebenen Dankesbrief erhalten.

Große Geburtstagsgeschenke

Guido Reni (1575–1642), Himmelfahrt Mariens, ca. 15961597 © Städel Museum
Guido Reni (1575–1642), Himmelfahrt Mariens, ca. 1596-1597

Max Hollein kann aber auch auf zahlreiche Mäzene zählen, die das Museum mit Kunstwerken oder großen Geldsummen unterstützen. Beim Städel hat das seit der Gründung Tradition. Etwa ein Drittel der Werke im Bestand seien Schenkungen, berichtet der Direktor. „Das Städel Museum lebt seit seiner Geburtsstunde von der Großzügigkeit zahlreicher Menschen, die in den vergangenen 200 Jahren Kunst geschenkt oder Geld gestiftet haben – stets mit dem Ziel, die Kunst dem Publikum zuzuführen.“ Erst kürzlich schenkte die langjährige Förderin Dagmar Westberg dem Museum anlässlich ihres 100. Geburtstages ein kostbares Gemälde für seine Altmeister-Sammlung. Dafür wurde die Mäzenin an ihrem Ehrentag dort mit einem Empfang gefeiert. Aber auch der Städelsche Museumsverein, heute mit der Bankiersfrau Sylvia von Metzler an der Spitze, unterstützt seit 1899 das Haus, mittlerweile mit mehr als 7.000 Mitgliedern. Zum Jubiläum überreichte von Metzler bereits vor der eigentlichen Feier am 15. März zwei große Geburtstagsgeschenke. Das eine ist ein um 1597 entstandenes Gemälde von Guido Reni mit dem Titel „Himmelfahrt Mariens“, ein Schlüsselwerk des Barock. Auspacken durfte das Städel außerdem eine Aktzeichnung des Französischen Künstlers Edgar Degas, deren Ankauf durch die Spende einer einzelnen Mäzenin des Museumsvereins möglich wurde.

Unorthodoxe Werbung

Darüber hinaus gewinnt Max Hollein auch Unternehmen, die wie die Deutsche Bank und die DZ Bank dem Städel etliche hundert Werke als Dauerleihgabe zur Verfügung stellten. Oder andere, die als Partner oder Sponsoren auftreten. Dabei kann er aus seiner Position des Chefs einer Bürgerstiftung heraus sicher eher an deren Verantwortung für das Gemeinwohl appellieren, denn das gängige Argument, die öffentliche Hand solle sich doch um das Museum kümmern, greift in seinem Fall nicht. Beim Umgang mit den Unternehmen zeigt sich jedenfalls die Kreativität der Städel-Mannschaft, wenn es darum geht, diese in ganz unterschiedlichen Formen einzubinden. Mal erinnerte das Unternehmen Nestlé an die Verbindung des Firmengründers zu seiner Heimatstadt, indem es seinen 200. Geburtstag im Städel feierte und den Besuchern dazu einen Tag lang freien Eintritt bescherte. Mal nutzt das Museum, das als private Stiftung ein eher geringes Werbebudget hat, Unternehmen als Plattform, um potentielle Besucher zu erreichen und geht dabei auch gerne ungewöhnliche Wege. „Die Idee, mit Plakaten für eine Ausstellung zu werben, ist nun mal antiquiert. Wenn eine Bank auf den Kontoauszügen ihrer Kunden auf unsere nächste Ausstellung hinweist, ist das doch eine intelligente Möglichkeit, möglichst viele Menschen zu erreichen“, stellt Hollein fest. Um für die Monet-Schau zu werben, können Kunden einer Bio-Supermarktkette demnächst Ausstellungspublikationen gewinnen, verrät der Museumschef. Natürlich gebe es auch beim Sponsoring Grenzen, räumt er zugleich ein. „Ich bin dafür, unorthodoxe Wege zu gehen, aber nur, wenn sie nicht der Idee der Ausstellung widersprechen.“

Digitales Museum

Max Hollein vor Warhols Goethe
Max Hollein vor Warhols Goethe

Um gerade die Menschen zu erreichen, die noch keinen Bezug zum Städel haben, lässt sich das Haus noch mehr einfallen. Zur Finanzierung des 2013 eingeweihten Erweiterungsbaus wurden auch Gummistiefel verkauft oder die Schulen der Nachbarschaft eingebunden. „Die innere Verbindung der Bürgerschaft Frankfurts und des Rhein-Main-Gebiets zum Städel ist das Erfolgsrezept des Hauses“, glaubt auch Nikolaus Schweickart. Wie wichtig es ist, an dieser Verbindung zu arbeiten, zeigen die Zahlen. 60 bis 65 Prozent der Besucher kämen aus der Region, sagt Hollein. „Dieses Publikum an das Haus zu binden, eine fortwährende Beziehung zu ihm aufzubauen und zu führen, ist eine wesentliche Aufgabe für uns.“

Dafür bedarf es nicht nur attraktiver Bilderschauen, sondern auch einer Kommunikation, die die unterschiedlichsten Zielgruppen anspricht. Dazu zählen in der modernen Welt immer häufiger digitale Angebote, deren Ausbau zum Jubiläumsjahr massiv vorangetrieben wurde. „Es ist eines der innovativsten Projekte, die wir im Museumsbereich derzeit sehen können“, sagt Hollein. Dabei geht es ihm nicht um eine digitale Nachbildung des Museums, sondern eben um die Vermittlung von Kunst und Kultur an neue große Zielgruppen.

Städel-App zu Monet

Die Angebote beinhalten etwa, dass Museumsbesucher sich mit so genannten Digitorials auf der Internetseite des Städel vor dem Besuch auf eine Ausstellung vorbereiten können. Zu den „Fantastischen Welten“ etwa gab es bereits Ausstellungsinhalte zum Nachlesen. Für Monet sollen diese aufwendig produziert werden und durch innovatives Storytelling noch mehr wissenswerte Hintergründe und kunsthistorische Kontexte liefern. Kostenloses WLAN im gesamten Museum klingt da schon fast wie eine Selbstverständlichkeit. Eigens entwickelte Spiele für Kinder vermitteln zudem kunstpädagogische Inhalte. Eine Städel-App, die ebenfalls zur Monet-Ausstellung eingeführt wird, bietet Hintergrundinformationen und gegen Gebühr den gesamten Audioguide zur jeweiligen Schau. Auch bei diesen elektronischen Erklärungen, die den Besucher durch die Ausstellung führen, wird seit längerem aufs Detail geachtet. Die Audioguide-Texte werden von bekannten Schauspielern wie Veronica Ferres oder jetzt zur Monet-Ausstellung sogar vom Hollywood-Star Diane Kruger auf Deutsch und Französisch gesprochen.

Menschen gewinnen

2012 wurde der neue unterirdische Erweiterungsbau für Gegenwartskunst eröffnet.
2012 wurde der neue unterirdische Erweiterungsbau für Gegenwartskunst eröffnet.

Die digitalen Möglichkeiten sollen, so betont Hollein, jedoch kein Ersatz für eine persönliche Führung durchs Museum sein. Die Kunstvermittler des Hauses müssten sich keine Sorgen machen. Auch beim Personal bietet nach seinen Ausführungen das Modell der privaten Stiftung viele Vorteile, obwohl es gleichzeitig bedeute, dass nur 25 Prozent des operativen Budgets aus öffentlichen Kassen stammen und der Rest selbst erwirtschaftet werden müsse. „Wir haben dafür keine Stellenpläne, wir können beim Personal rasch auf Notwendigkeiten reagieren.“ Mit 140 Mitarbeitern liege das Haus im Vergleich zu anderen ähnlich großen Museen eher im unteren Bereich. Ihre Aufgabe ist es, die Menschen zu gewinnen. Ein Museum könne nur so stark sein wie die Bürger, die es tragen. „Viele Kollegen in staatlichen Museen wünschen sich eine solche Konstruktion mit einem großen Gestaltungs- und Freiheitsgrad“, betont auch Nikolaus Schweikart.
In Frankfurt will sich das Städel zum 200. Geburtstag unter dem Motto „Ein Geschenk für alle“ ein ganzes Jahr lang bei seinen Unterstützern bedanken: am Tag, an dem sich die Testamentsunterzeichnung durch Johann Friedrich Städel jährt, dem 15. März, mit einem großen Bürgerfest. Im Laufe des Jahres wird es weitere hochkarätige Ausstellungen geben, darunter einen Dialog der Meisterwerke mit Bildern aus dem Städel, die mit Werken anderer renommierter Museen der Welt zusammengebracht werden wie Jan van Eycks „Verkündigung“ aus Washington, die auf dessen Lucca-Madonna aus dem Städel treffen wird.

Die Erfolgsgeschichte Städel soll aber auch nach dem Jubiläumsjahr weitergeschrieben werden. Selbst wenn Max Hollein immer wieder Angebote von anderen Häusern und aus der Kunstbranche erhält. Frankfurt biete ihm eine Reihe hochinteressanter Möglichkeiten und viel Unterstützung in dieser sich ändernden Museumslandschaft, sagt er. Das reize ihn auch weiterhin.